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<journal-title>Geographica Helvetica</journal-title>
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      <article-id pub-id-type="doi">10.5194/gh-70-315-2015</article-id><title-group><article-title>Mäzenatentum in Deutschland. Eine Chance für die Stadtentwicklung?</article-title>
      </title-group><?xmltex \runningtitle{M\"{a}zenatentum in Deutschland}?><?xmltex \runningauthor{B.~Faller and C.-C.~Wiegandt}?>
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      <author-notes><corresp id="corr1">C.-C. Wiegandt (wiegandt@uni-bonn.de)</corresp></author-notes><pub-date><day>28</day><month>October</month><year>2015</year></pub-date>
      
      <volume>70</volume>
      <issue>4</issue>
      <fpage>315</fpage><lpage>326</lpage>
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           <date date-type="accepted"><day>21</day><month>September</month><year>2015</year></date>
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<license-p>This work is licensed under a Creative Commons Attribution 3.0 Unported License. To view a copy of this license, visit <ext-link ext-link-type="uri" xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/</ext-link></license-p>
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      <abstract>
    <p>The article deals with the growing importance of
philanthropy regarding German urban development in recent years. Between the
opposing poles of financial shortage of public authorities and increasing
concentration of private assets, the financial and local engagement of
wealthy citizens open up creative leeway for urban policy. Two nationwide
surveys in 467 cities respectively 5000 foundations in 22 cities as well as
24 qualitative interviews with various decision makers from policy,
administration, economy and foundation system provide the empirical basis
for this article. Key findings of the article are two systematisations. One
systematisation categorizes German cities regarding their level of
philanthropy activity. The other systematisation outlines different project
types concerning the strategy and procedure of cooperation between
philanthropists and local authorities.</p>
  </abstract>
    </article-meta>
  </front>
<body>
      

<sec id="Ch1.S1">
  <title>Ausgangssituation und Zielsetzung</title>
      <p>Der finanzielle Handlungsrahmen deutscher Städte und Gemeinden hat sich
in den letzten Jahren verschlechtert. Politik und Verwaltung suchen deshalb
nach neuen Formen für die Finanzierung stadtentwicklungspolitischer
Aufgaben auf allen räumlichen Maßstabsebenen. So erscheint es
willkommen, wenn Projekte, die im öffentlichen Interesse liegen, durch
ein finanzielles Engagement aus der Bürgerschaft flankiert werden. Mit
den immer begrenzter werdenden finanziellen Möglichkeiten der Kommunen
hat gleichzeitig die Einkommens- und Vermögensungleichheit in
Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen.</p>
      <p>Im Jahr 2008 gibt es rund 800.000 Millionäre in Deutschland (Rickens,
2011). Für die Städte und Gemeinden können wohlhabende
Mäzene eine besondere Rolle bei der Bewältigung gesellschaftlicher
Aufgaben spielen. Mäzene stellen in einzelnen Städten zum Teil
große Summen ihres Privatkapitals zur Verfügung, ohne dafür eine
unmittelbare Gegenleistung zu erhalten. Anerkennung und Ansehen, Dankbarkeit
und Bewunderung sind in solchen Fällen schwer messbare Gegenwerte, die
als „Tauschobjekte“ für Investitionen in die gebaute
Umwelt oder auch in die Schaffung sozialer Infrastrukturen fungieren.</p>
      <p>Schenkungen dieser Art erfolgen in der gesamten Breite des kommunalen
Aufgabenspektrums. So werden soziale oder kulturelle Einrichtungen von
Mäzenen unterstützt, Veranstaltungen oder Feste subventioniert, oder
die gebaute Umwelt einer Stadt oder Gemeinde gezielt finanziert. Ebenso
vielseitig wie die thematische Bandbreite an Vorhaben sind auch die
Organisationsformen, in denen sich solche Schenkungen vollziehen. Die
Spannweite reicht von Einzelpersonen bis zu verschiedenen Formen der
Stiftungen sowie speziellen Fundraising-Organisationen, die die Mäzene
für ein größeres Einzelvorhaben zusammenbringen.</p>
      <p>In welchen Städten spielt ein solches Mäzenatentum eine Rolle in
Deutschland? Wie ist das finanzielle Engagement der Mäzene in diesen
Städten zu erklären? Welche Bedeutung und welchen Umfang hat das
lokale mäzenatische Handeln? Warum engagieren sich Mäzene für
ihre Stadt? In welchem Zusammenhang stehen die mäzenatischen Projekte zu
den städtischen Aufgaben und ihren Akteuren? Wo gibt es
Interessenkonflikte?</p>
      <p>Ziel des Beitrages ist es, mit der Beantwortung dieser Fragen den
unterschiedlichen Stellenwert des Mäzenatentums in deutschen Städten
herauszuarbeiten und strategische Interaktionen zwischen den involvierten
Akteuren zu analysieren. Zum einen sind es die unterschiedlichen Bedeutungen
des Mäzenatentums in deutschen Städten, die unser
Forschungsinteresse leiten. Zum anderen liegt unser Interesse in den
fallspezifischen Akteurskonstellationen, in denen es um Machtverhältnisse
und politische Interaktionen geht, die in den konkreten Projekten beim
Umgang mit Mäzenen zum Tragen kommen. Eine eigene Theorie zum
Mäzenatentum streben wir mit unserem Beitrag nicht an. Im Vordergrund
stehen vielmehr die gesellschaftspolitische Einordnung des Mäzenatentums
und eigene empirische Befunde, mit denen wir die Ausprägungen und Folgen
einer zunehmend als neoliberal bezeichneten Stadtpolitik aus der Perspektive
der Governance-Forschung aufzeigen wollen. Unsere Ergebnisse beruhen auf
einem gemeinsamen DFG-Projekt, das wir zwischen 2010 und 2013 bearbeitet und
das wir bereits mit dem Fokus auf unsere Fallstudien zu den Konflikten beim
Zusammenspiel von Stadtpolitik, kommunaler Verwaltung und Bürgerschaft
an anderer Stelle dargestellt haben (Faller, 2011; Faller und Wiegandt,
2010, 2015). In diesem Beitrag stehen deshalb in
Abgrenzung zu den bereits publizierten Erkenntnissen zum einen Typisierungen
der Städte hinsichtlich der Rolle von Mäzenen und zum anderen
Typisierungen der Projektkonstellationen im Vordergrund des Interesses.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S2">
  <?xmltex \opttitle{M\"{a}zene als neue Akteure der Stadtentwicklung in Zeiten des
Neoliberalismus}?><title>Mäzene als neue Akteure der Stadtentwicklung in Zeiten des
Neoliberalismus</title>
      <p>Seit den 1990er Jahren werden unter dem Schlagwort des Neoliberalismus
schleichende Veränderungen in der Gesellschaft in Deutschland
diskutiert. Kritisiert wird aus dieser Perspektive, dass eine
wohlfahrtsstaaliche Politik zugunsten der marktwirtschaftlichen
Selbststeuerung eingeschränkt wird (Heinz, 2015:10ff). Das als
neoliberal bezeichnete Gesellschaftsmodell (Berndt, 2014) ist im Gegensatz
zum vorhergehenden fordistischen Modell durch eine zunehmende
Privatisierung, Liberalisierung und staatliche Deregulierung
charakterisiert. Die wachsende soziale Ungleichheit (BMAS, 2013), die sich in
zunehmenden Disparitäten auf allen räumlichen Maßstabsebenen
niederschlägt (Wiegandt, 2015:4ff), wird ebenfalls als Folge dieser
Neuausrichtung interpretiert (Heinz, 2015:25f). Im vierten Armuts- und
Reichtumsbericht der Bundesregierung wird deutlich, dass heute knapp sieben
Prozent der deutschen Bevölkerung das Doppelte bis Dreifache des
durchschnittlichen Einkommens erzielen und deshalb als wohlhabend eingestuft
werden (BMAS, 2013). Neben der zunehmenden sozialen Ungleichheit als
Herausforderung für Politik und Gesellschaft bedeutet dies auch, dass
der zunehmende Reichtum eines kleinen Teils der Bevölkerung neues
Potenzial für ein vermehrtes Schenken und Stiften (Lauterbach et al.,
2014:10ff) bietet. Dieser Aspekt stellt somit einen ersten wesentlichen
Anknüpfungspunkt für unsere Beschäftigung mit dem Phänomen
des Mäzenatentums dar.</p>
      <p>Eine zweite wesentliche Veränderung ergibt sich in der
Aufgabenverteilung zwischen Staat, Märkten und ziviler Gesellschaft
(Selle, 2005:43; Heinz, 2015:17ff). Damit geht ein „Prozess der
Entstaatlichung“ (Selle, 2005:36) einher, der im internationalen Kontext
unter dem Begriff der Postdemokratie diskutiert wird (Crouch, 2008). Aus der
Sorge heraus, dass ein einseitig dominanter Einfluss mächtiger
ökonomischer Akteure nicht angemessen legitimiert wird, werden
Demokratiedefizite formuliert (Heinz, 2015:28; Belina et al., 2013:126). In
einer differenzierteren Betrachtung ist aber festzuhalten, dass
Stadtentwicklung – nicht erst heute – als Resultat des Handelns der Akteure
aus Staat, Markt und Zivilgesellschaft gewertet wird (Selle, 2014:77ff),
wenngleich sich in den vergangenen Jahrzehnten das Kräfteverhältnis
zwischen öffentlicher Steuerung und privaten Interessen verschoben hat
(Wiegandt, 2001:321f). Solche Verschiebungen im Gefüge der Akteure mit
Veränderungen beim Steuern und Regieren der Gesellschaft werden seit
einigen Jahren unter dem Stichwort der Gouvernementalität bzw.
Governance (Mattissek und Prossek, 2014; Einig et al., 2005; Hohn et al., 2006)
diskutiert. Die Verantwortung für gesellschaftliche Ziele verschiebt
sich zwischen den Akteuren. Der Einfluss der städtischen Politik und
Planung wird geringer, die Mitgestaltungsmöglichkeiten der privaten
Akteure aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft werden größer und die
vormals zentrale Rolle der öffentlichen Akteure bei der Entwicklung von
Städten schwindet (Selle, 2005:38). In vielen Handlungsfeldern ist der
„enabling state“ (Hohn et al., 2006:5f) nur noch ein Partner
unter anderen (Fürst, 2012:34) und nicht-staatliche Akteure werden
zunehmend in politisch-planerische Entscheidungs- und
Implementierungsprozesse eingebunden (Mattissek und Prossek, 2014:201f;
Crouch, 2011:14,203ff). Dies bildet den zweiten wesentlichen
Anknüpfungspunkt für unsere Beschäftigung mit dem
Mäzenatentum.</p>
      <p>Die beschriebenen Entwicklungen bleiben schließlich nicht ohne Folgen
für die Stadtentwicklung. Es kommt in vielen Themenfeldern zu
„Neuordnungen des Städtischen“ (Belina et al., 2013). In
besonderer Weise hat sich die kritische Stadtgeographie mit diesen
Entwicklungen auseinandergesetzt (Belina et al., 2014), aber auch andere
Disziplinen der Stadtforschung widmen sich diesen „Neuordnungen“
(Häußermann et al., 2008; Heinz, 2015). Bei einer
gleichzeitig zunehmenden Bedeutung der Städte werden öffentliche
Aufgaben vom Staat auf die kommunale Ebene übertragen (Fürst, 2012).
Im Spannungsverhältnis zwischen einer „außenorientierten Wettbewerbspolitik“
und einer „innenorientierten Versorgungspolitik“ verschieben sich in der Stadtpolitik
die Gewichte auf image- und wettbewerbsorientierte Großprojekte (Heinz,
2015:158ff) mit einer Vernachlässigung ausgleichspolitischer
Zielsetzungen (Fürst, 2012:34; Häußermann et al., 2008:251ff).</p>
      <p>In der Wahrnehmung und Einordnung der gesellschaftlichen Veränderungen
dominiert in der wissenschaftlichen Debatte eine eher kritische Haltung, die
Mäzenatentum und andere Formen der Philanthropie als eine Facette des
Abbaus sozialstaatlichen Handelns und einer schleichenden
Entdemokratisierung begreift. Im Kontrast dazu steht ein breiter
parteiübergreifender Konsens, der unterschiedliche Formen des
gesellschaftlichen Engagements fördern will. Dies drückt sich u.a.
in einer eigenen Enquete-Kommission zum bürgerschaftlichen Engagement
aus, die die Bundesregierung Anfang der 2000er Jahre eingerichtet hatte
(Deutscher Bundestag, 2002). Eine theoretische Begründung erhält ein
solches politisches Handeln vor allem durch Überlegungen zur
Zivilgesellschaft (z.B. Adloff, 2005; Crouch, 2011:203ff). Der „aktivierende Staat“ oder der „Gewährleistungsstaat“
werden zu politischen Leitvorstellungen, die für ein verändertes
Aufgabenverständnis des Staates stehen und die die
zivilgesellschaftlichen Kräfte in die gesellschaftliche Verantwortung
einbinden (Fürst, 2012:30). Auch für die Aufgaben der
Stadtentwicklung wird betont, dass sich die Bürger stärker in
Gemeinwohlaktivitäten einbringen und Verantwortung übernehmen
sollen. Moderne Gesellschaften sind so zunehmend darauf angewiesen, dass
private Akteure in ihrem Handeln nicht nur private Interessen
berücksichtigen, sondern zugleich auch Aspekte des Gemeinwohls beachten
und sich dementsprechend engagieren sollten (z.B. Quaestio Forschung und Beratung, 2015).</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S3">
  <?xmltex \opttitle{Begriffliche Kl\"{a}rungen und Entwicklung des M\"{a}zenatentums in
Deutschland}?><title>Begriffliche Klärungen und Entwicklung des Mäzenatentums in
Deutschland</title>
      <p>Nach der kurzen theoretisch-konzeptionellen Einordnung ist zunächst eine
Begriffsklärung erforderlich, da oft undifferenziert sowohl vom
Mäzen, vom Philanthropen, vom Spender, vom Stifter als auch vom Sponsor
die Rede ist. Adloff (2010:12) unterscheidet idealtypisch drei Formen des
Gebens: die Philanthropie, das Spenden und das Stiften. Der Oberbegriff der
Philanthropie stammt dabei aus dem angelsächsischen Kontext und wird in
der Regel mit dem Begriff des Mäzenatentums ins Deutsche übersetzt.</p>
      <p>Philanthropie bzw. Mäzenatentum werden also „als
Oberbegriffe für alle Formen des Gebens über den Familienkreis hinaus
verstanden“ (Adloff, 2010:12). Als Philanthropen bzw. Mäzene werden im
Weiteren zumeist wohlhabende Privatpersonen bzw. Personengruppen und die
maßgeblich von ihnen getragenen, gemeinwohlorientierten Organisationen
verstanden. Mit philanthropischem bzw. mäzenatischem Handeln sollte ein
positiver Effekt beim Empfänger des Transfers verbunden sein. Bei
gleichzeitigem Renditeverzicht des Mäzens erfolgen also keine
materiellen Gegenleistungen des Begünstigten, wobei dies andere Formen
der Gegenleistung an den Mäzen nicht ausschließen muss –
beispielsweise die persönliche Dankbarkeit des Begünstigten oder die
allgemeine gesellschaftliche Anerkennung. Eine andere Form der Gegenleistung
kann die Freude an einem als sinnvoll empfundenen Handeln („Sinnstiftung“) sein (Klein, 2010:278ff). Für mäzenatisches Handeln
ist zudem entscheidend, dass das Geben bzw. Schenken von materiellen
Ressourcen, aber auch von Zeit, Empathie und Kreativität auf
Freiwilligkeit basiert (Strachwitz, 2009:11).</p>
      <p>Spenden und Stiften sind zwei verschiedene mäzenatische Handlungsweisen:
Spenden ist zunächst nur der „Transfer“ und nicht der
„Tausch“ von Geld, Sachen und Leistungen für
gemeinwohlorientierte Zwecke (Priller und Sommerfeld, 2005:9; Adloff,
2010:12f), während das Stiften einen „Akt der
Institutionalisierung“ darstellt, bei dem ein Vermögen dauerhaft und
zweckgebunden einem Stifterwillen gewidmet wird. In Anlehnung an die Theorie
der Gabe und Reziprozität (Adloff, 2010:34ff) handelt sich also um
„organisierte Philanthropie“ (Adloff, 2010:11). Unter diesem
nicht-staatlichen Akteur der Stiftungen betrachten wir im Weiteren
überwiegend die Stiftungen, die von wohlhabenden Privatpersonen
gegründet wurden. 2006 waren dies 68 Prozent aller Stiftungen (Adloff,
2010:115). Davon zu unterscheiden sind Stiftungen, die von
Körperschaften, also Vereinen und Verbänden, Unternehmen oder
öffentlichen Körperschaften gegründet wurden. Hier gibt es eine
große Vielfalt, die von den politischen Stiftungen bis zu den
Bürgerstiftungen reicht (Bundesverband Deutscher Stiftungen, 2010:112f).</p>
      <p>Noch zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde Deutschland oftmals als
Entwicklungsland in Sachen Mäzenatentum dargestellt. Diese
Einschätzung entstand vor allem in Kontrast zu den USA, die im
Verhältnis von sozialstaatlicher und zivilgesellschaftlicher
Verantwortlichkeit anders als Westeuropa und Deutschland austariert sind
(Adloff, 2010:18f; Krimphove, 2011). Das Spenden und Stiften wird hier als
eine wichtige humanitäre Aufgabe angesehen, die weit verbreitet ist und
im Gegensatz zu Deutschland eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung
genießt (Ostrower, 1995:36ff). Das angelsächsische Stiftungsmodell
unterscheidet sich grundlegend vom traditionellen Stiftungswesen
europäischer Prägung, sodass eine unmittelbare Übertragbarkeit
nicht empfohlen wird (Müller-Jentsch, 2014:23ff; 59).</p>
      <p>In Deutschland haben das Mäzenatentum und das damit verbundene
Stiftungswesen eine lange, bis ins Mittelalter zurückreichende
Tradition. Viele Einrichtungen, die heute selbstverständlich dem
öffentlichen Sektor zugeordnet werden (Museen, Opernhäuser,
Universitäten, Bibliotheken etc.), haben ihren Ursprung im
mäzenatischen Engagement. Diese Traditionslinien wurden in Deutschland
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterbrochen (Faller,
2011:39). Während in Westdeutschland nach 1945 eine langsame
Wiederbelebung möglich war, hat das SED-Regime eine derartige
Entwicklung in der DDR nicht zugelassen.</p>
      <p>Zunächst blieb jedoch auch in der alten Bundesrepublik die Zahl der
Stiftungsgründungen gering. Nach Angaben des Bundesverbandes deutscher
Stiftungen wurden erstmals 1983 mehr als 100 Stiftungen in einem Jahr neu
errichtet. Erst in den letzten zehn bis 20 Jahren hat das Stiftungswesen in
Deutschland wieder an Bedeutung gewonnen. Im Durchschnitt der Jahre 2000 bis
2013 waren es nach der Wiedervereinigung 850 Neugründungen pro Jahr, die
auch durch die Reformen des Stiftungswesens 2000/2002 und 2007
begünstigt wurden. Wichtiger als die gesetzlichen Änderungen
dürften jedoch die langfristige wirtschaftliche und gesellschaftliche
Entwicklung und mit ihr die veränderte Rolle des Wohlfahrtsstaates
gewesen sein (vgl. Abschnitt 2).</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S4">
  <title>Zum methodischen Vorgehen</title>
      <p>Zur Beantwortung unserer Forschungsfragen haben wir vier unterschiedliche
methodische Zugänge verfolgt:
<list list-type="bullet"><list-item>
      <p>Um den Stellenwert des Mäzenatentums für die deutsche Stadtentwicklung
zu erfassen, wurde eine bundesweite Umfrage mit einem standardisierten Fragebogen
unter allen 82 deutschen Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern
durchgeführt. Ergänzt wurde diese Umfrage durch eine Befragung aller
396 Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen.</p></list-item><list-item>
      <p>Einzelne Projekte in Hamburg, Wuppertal und Potsdam wurden in Form von
qualitativen Expertengesprächen sowie einer umfangreichen Medienanalyse
untersucht. Hierfür wurde auf die Kontakte und Erkenntnisse der Städtebefragung
zurückgegriffen. Zudem wurden Interviews mit Experten geführt, die das
gesamte mäzenatische Engagement in einer Stadt überblicken. Um stadtspezifische
Unterschiede herausarbeiten zu können, wurden hierfür neben Hamburg, Wuppertal
und Potsdam die vier Städte Bielefeld, Gütersloh, Heidelberg und Münster
hinzugezogen. Insgesamt wurden 24 qualitative Experteninterviews geführt.</p></list-item><list-item>
      <p>Als ein Schwerpunkt des Forschungsinteresses stellte sich die Frage nach den
Motiven des mäzenatischen Handelns auf lokaler Ebene heraus. Dabei rückten
Stiftungen als institutionalisierte Form des Mäzenatentums in den Fokus unseres
Interesses. Mäzene handeln überwiegend in dieser institutionalisierten Form.
Um unsere Ergebnisse auf eine breite Datengrundlage zu stellen, wurden in einer
bundesweiten schriftlichen Befragung 5.080 Stiftungen in 22 deutschen Großstädten
angeschrieben. 900 Fragebögen wurden beantwortet.</p></list-item><list-item>
      <p>Die Ergebnisse dieser Umfrage waren zugleich auch die Vorbereitung auf unseren
letzten empirischen Arbeitsschritt. In 16 weiteren qualitativen Interviews wurden
gezielt Stifterpersönlichkeiten und Stiftungsverwalter angesprochen, um die
Motive der Stiftungsgründungen, die Stiftungsarbeit und vor allem das Verhältnis
der Stifter zu ihrer Stadt genauer zu hinterfragen.</p></list-item></list></p>
</sec>
<sec id="Ch1.S5">
  <?xmltex \opttitle{Ungleichgewichte im Stellenwert des M\"{a}zenatentums zwischen deutschen
St\"{a}dten}?><title>Ungleichgewichte im Stellenwert des Mäzenatentums zwischen deutschen
Städten</title>
      <p>In diesem Abschnitt wollen wir die Rolle von stadtspezifischen Gegebenheiten
und Bedingungen für das lokale Mäzenatentum klären. Wir werden
einige Gründe benennen, wieso mäzenatisches Handeln einen jeweils
unterschiedlichen Stellenwert in deutschen Städten hat und wie es
dadurch zu unterschiedlichen Verteilungsmustern des mäzenatischen
Handelns in Deutschland kommt (vgl. Abb. 1 und Bundesverband Deutscher
Stiftungen, 2010:94ff). Eine erste offensichtliche Ursache liegt in der
ungleichen räumlichen Verteilung von Wohlstand und Reichtum in
Deutschland. Allerdings dürften die räumlichen Ungleichgewichte
einer daraus resultierenden Elitephilanthropie nicht ganz so ausgeprägt
sein, wie ein heuristisch angelegter regionaler Vergleich der
Wirtschaftskraft und der wirtschaftlichen Entwicklungsdynamik vermuten
lässt. Denn im heutigen räumlichen Muster der Philanthropie spiegeln
sich auch die regionalen Muster früherer Wirtschaftszyklen und die
daraus entstandenen „alten Vermögen“.</p>

      <?xmltex \floatpos{t}?><fig id="Ch1.F1"><caption><p>Räumliche Verteilung der Stiftungen in Deutschland (im Jahr 2011).</p></caption>
        <?xmltex \igopts{width=236.157874pt}?><graphic xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/70/315/2015/gh-70-315-2015-f01.jpg"/>

      </fig>

      <p>Historisch bedingte Unterschiede wirken also bis heute nach. Sehr
offensichtlich ist dies zunächst im Vergleich von westdeutschen und
ostdeutschen Städten. In Ostdeutschland ist die Stiftungsdichte in einem
Maß geringer, das sich kaum allein durch ökonomische Unterschiede
erklären lässt. Ein bürgerschaftliches Engagement konnte sich
im DDR-Staat kaum entfalten. Dies hat auch heute noch vielerorts
Konsequenzen in der meist geringeren Vitalität des mäzenatischen
Handelns.</p>
      <p>Auch wenn die Unterschiede zwischen den westdeutschen Regionen bzw.
Städten bei weitem nicht so prägnant sind wie die Unterschiede
zwischen Ost- und Westdeutschland, verfügen die ehemaligen
„Arbeiterstädte“ des Ruhrgebietes auch heute meist noch über eine
weniger ausgeprägte Bürgerkultur als die früheren
süddeutschen „Bürgerstädte“. Mit Blick auf die
historischen Wurzeln der deutschen Städte lassen sich stark vereinfacht
folgende vier Stadttypen voneinander abgrenzen:</p>
<sec id="Ch1.S5.SS1">
  <?xmltex \opttitle{Die ehemalige Handwerker-, Handels- und B\"{u}rgerstadt}?><title>Die ehemalige Handwerker-, Handels- und Bürgerstadt</title>
      <p>Dieser erste Stadttyp repräsentiert die europäische Stadt in
besonderer Weise. In diesen früher freien Städten haben
ständische Organisationen und Honoratioren das Stadtleben wesentlich
geprägt. Dadurch konnte sich eine bürgerliche Gesinnung und
Verantwortungskultur etablieren, die bis heute als Triebfeder für
bürgerschaftliches Engagement und mäzenatisches Handeln nachwirkt.
Zumindest wird diese Argumentationslinie in den von uns näher
betrachteten Städten häufig genutzt. Demnach gibt es eine
ungeschriebene Verpflichtung für erfolgreiche Bürger, der Stadt
etwas zurückzugeben, in der sie es zu etwas gebracht haben. Dies gilt
auch für die zugezogenen Bürger, die sich mit ihren lokal wirksamen
Spenden Anerkennung in der traditionellen Stadtgesellschaft verschaffen
wollen.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S5.SS2">
  <title>Die klassische Industrie- und Arbeiterstadt</title>
      <p>Jüngere Stadtgründungen des 19. Jahrhunderts und frühen 20.
Jahrhunderts haben keine vergleichbaren Traditionen. Die Stadtwerdung ist
hier ein Ergebnis der Industrialisierung. Die politische Kultur ist in
besonderer Weise mit der Arbeiterbewegung und später mit der
sozialdemokratischen Vorstellung eines starken Staates verbunden, der weite
Teile des gesellschaftlichen Lebens regelt. Individuelle bürgerliche
Verantwortungsübernahme – so kann man vermuten – ist hier weniger
ausgeprägt.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S5.SS3">
  <?xmltex \opttitle{Die fr\"{u}he Manufaktur- und Industriestadt}?><title>Die frühe Manufaktur- und Industriestadt</title>
      <p>Sie unterscheidet sich vom vorhergehenden Stadttyp durch eine frühere
Industrialisierung, die noch stärker in der handwerklichen Tradition
verwurzelt ist. Zu denken ist z.B. an die mit der Textilmanufaktur
verbundenen Städte Krefeld oder Mönchengladbach. Auch Wuppertal ist
hier – vor einem etwas anders gelagerten industriegeschichtlichen
Hintergrund – einzuordnen. Prägend für diesen Stadttyp ist ebenso,
dass es bereits im 19. Jahrhundert zu krisenhaften Entwicklungen mit einer
hohen Arbeitslosigkeit kam, ohne dass bereits ein leistungsfähiger
Sozialstaat vorhanden war, der diese Probleme abgefedert hätte. Die
Notwendigkeit zur Armutsbekämpfung hat hier bürgerschaftliche
Tugenden und mäzenatisches Handeln gefordert und ggf. bis heute wirksame
Traditionslinien begründet.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S5.SS4">
  <?xmltex \opttitle{Die einstige F\"{u}rsten- und Verwaltungsstadt}?><title>Die einstige Fürsten- und Verwaltungsstadt</title>
      <p>Die Besonderheit dieses Stadttyps besteht in der dauerhaften
politisch-administrativen Funktion dieser Städte. In diesem Kontext wird
ein bürgerliches Mäzenatentum beschrieben, das im Wesentlichen
darauf gerichtet ist, es dem Fürsten gleich zu tun und hierüber
Zugang zum Fürstenhof zu erhalten. Zwar kann man vermuten, dass auch
dieses Mäzenatentum Traditionslinien begründet, doch werden diese
vor Ort kaum als Bezugspunkt eines aktuellen Mäzenatentums angesprochen.
Beispielstädte sind Bonn, Münster, Mannheim oder Würzburg.</p>
      <p>Die historischen Wurzeln mögen als Traditionslinien im
„kollektiven Gedächtnis“ der einzelnen Städte verankert sein, wurden
jedoch mit der Ausformung relativ einheitlicher und durchgreifender
sozialstaatlicher Strukturen zunehmend überdeckt. Wenn sich heute
Unterschiede in der Dynamik des philanthropischen Sektors zwischen den
Städten zeigen, hat dies neben den historischen Wurzeln auch mit der
jüngeren regionalen Wirtschaftsgeschichte zu tun. Zu denken ist dabei an
Bertelsmann in Gütersloh oder Oetker in Bielefeld, Otto und einige
andere Mäzene in Hamburg sowie die SAP-Gründer (Hopp, Tschira, Plattner)
in Walldorf und Heidelberg. Nicht zuletzt müssen die Unterschiede beim
mäzenatischen Handeln auch im Kontext einer kommunal aktiv
geförderten Engagement- und Anerkennungskultur gesehen werden. Unsere
Recherchen zeigen, dass in diesem Sinne aktive Städte über eine
lebendigere und gegenüber der Kommune relativ positiv eingestellte
philanthropische Szene verfügen. Dies gilt etwa für Nürnberg
oder Stuttgart.</p>
</sec>
</sec>
<sec id="Ch1.S6">
  <?xmltex \opttitle{Bedeutung und Umfang des lokalen m\"{a}zenatischen Engagements}?><title>Bedeutung und Umfang des lokalen mäzenatischen Engagements</title>
      <p>Auf der Basis unserer Stiftungsbefragung lassen sich die Strukturen und der
Umfang des lokalen Engagements des Stiftungssektors abschätzen. Die
Kurzbefragung der Kommunen liefert zudem Einschätzungen zur Bedeutung
des lokalen Mäzenatentums in den Städten.</p>
      <p>Unsere Städtebefragung hat zunächst die vorliegende Einschätzung
bestätigt, dass insbesondere die Großstädte Orte eines lokalen
philanthropischen Engagements sind. Von den 396 befragten
nordrhein-westfälischen Städten geben 40 Prozent an, dass bei ihnen
Mäzenatentum eine Rolle spielt (Rücklauf 38 % <inline-formula><mml:math display="inline"><mml:mo>=</mml:mo></mml:math></inline-formula> 151). Dabei
sieht knapp die Hälfte dieser Städte (43 %) eine historische
Kontinuität. In den bundesweit befragten Großstädten mit mehr
als 100.000 Einwohnern erkennen 87 Prozent eine Bedeutung des lokalen
Mäzenatentums (Rücklauf 57 %), wovon wiederum 80 Prozent sowohl
eine historische als auch eine aktuelle Bedeutung sehen. Immerhin 38 Prozent
der Großstädte ordnen den mit dem Mäzenatentum verbundenen
Projekten eine große Bedeutung für die Stadtentwicklung zu (41 %
eine mittlere und 21 % eine geringe Bedeutung).</p>
      <p>In unserer Stiftungsbefragung wurden rund 5.000 Stiftungen angeschrieben,
von denen 904 bzw. 17,8 Prozent teilgenommen haben. Dabei zeigt sich, dass
der Stiftungssektor in einem hohen Maße lokal ausgerichtet ist. 65
Prozent der Stiftungen geben an, sich regelmäßig und zusätzliche
12 Prozent sich gelegentlich in der Stadt des Stiftungssitzes zu engagieren.
So sind insgesamt 77 Prozent der Stiftungen vor Ort aktiv. Das
überregionale/deutschlandweite oder gar internationale Engagement
fällt demgegenüber deutlich zurück (vgl. Abb. 2).</p>

      <?xmltex \floatpos{t}?><fig id="Ch1.F2"><caption><p>Intensität und räumlicher Bezug des mäzenatischen Engagements.</p></caption>
        <?xmltex \igopts{width=236.157874pt}?><graphic xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/70/315/2015/gh-70-315-2015-f02.png"/>

      </fig>

      <p>In der öffentlichen Wahrnehmung wird die wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit des Stiftungssektors überschätzt. Eine
Ursache wird sein, dass vor allem die sehr leistungsfähigen, oft
unternehmensverbundenen Stiftungen mit ihren Projekten und vielfach auch
politisch relevanten Ergebnissen in den Medien präsent sind.
Tatsächlich wird die Stiftungslandschaft quantitativ aber von eher
kleinen, weniger leistungsfähigen Stiftungen dominiert. Dies gilt
für den Stiftungssektor insgesamt und insbesondere für die lokal
engagierten Stiftungen. Bei knapp 22 Prozent aller befragten Stiftungen
liegt das jährliche, lokal wirksame Fördervolumen unterhalb von
5.000 € (vgl. Abb. 3). Nimmt man die Stiftungen mit einem lokalen
Fördervolumen von bis zu 50.000 € hinzu, sind damit 60 Prozent
aller antwortenden Stiftungen erfasst. Immerhin bewegen sich 16 Prozent mit
ihrem Fördervolumen in einem Bereich zwischen 50.000 und 250.000 €
und weitere 6,5 Prozent noch darüber. Unsere Erhebungen zeigen
auch, dass 42 Prozent der Stiftungen ausschließlich lokal aktiv sind
bzw. ihr gesamtes Fördervolumen lokal einsetzen. Im Mittel der befragten
Stiftungen beträgt der lokale Ausgabenanteil 62 Prozent und das lokale
Fördervolumen jährlich knapp 95.000 €.</p>

      <?xmltex \floatpos{t}?><fig id="Ch1.F3"><caption><p>Lokal wirksames Fördervolumen.</p></caption>
        <?xmltex \igopts{width=236.157874pt}?><graphic xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/70/315/2015/gh-70-315-2015-f03.png"/>

      </fig>

      <p>Damit liefern unsere Ergebnisse Anhaltspunkte für eine grobe
Abschätzung der wirtschaftlichen Bedeutung des lokalen
Stiftungsengagements. Rechnet man den von uns ermittelten Anteil lokal
engagierter Stiftungen (77 %) auf den Gesamtbestand der im Verzeichnis des
Bundesverbandes deutscher Stiftungen erfassten Stiftungen hoch (knapp 20.000
zum Jahresende 2012) und unterstellt ein lokales Fördervolumen in der
von uns ermittelten Höhe, ergibt sich ein Gesamtwert des jährlichen
lokalen Engagements von über 1,5 Milliarden €.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S7">
  <?xmltex \opttitle{Motive und Hintergr\"{u}nde des lokalen m\"{a}zenatischen
Engagements}?><title>Motive und Hintergründe des lokalen mäzenatischen
Engagements</title>
      <p>Die Motive des philanthropischen Engagements sind vielfältig.
Insbesondere Timmer (2006:23ff) hat sich empirisch mit den Beweggründen
von Stiftern auseinandergesetzt, sich finanziell zu engagieren. Der
„Wunsch, etwas zu bewegen“ bzw. „ein konkretes
Problem zu bekämpfen“ ist dabei ein besonders ausgeprägtes Motiv.
Nahezu ebenso häufig wird von Stiftern eine positive Haltung
gegenüber der Gesellschaft artikuliert, die sowohl als eine
„moralische Verpflichtung“ als auch als „Dankbarkeit“
und ein damit verbundenes „Zurückgeben an die
Gesellschaft“ empfunden werden kann. Empathie drückt sich als Motiv
insbesondere in einem „Verantwortungsbewusstsein gegenüber
Mitmenschen“ und dem „Mitleid mit Notleidenden“ aus.
Schließlich spielen auch „religiöse
Überzeugungen“, das „Andenken an nahestehende Personen“,
die „Familientradition“ oder auch das „Fortführen beruflicher
Aktivitäten in einem anderen Rahmen“ eine
Rolle.</p>
      <p>Wir erwarten nicht, dass diese Motive und Beweggründe bei einem
primär lokal ausgerichteten Engagement anders gelagert sind. Wichtig ist
jedoch die Erkenntnis, dass mäzenatisches Geben weniger aus inneren
Beweggründen als aus sozialen Einbettungen heraus beflügelt wird:
„Nicht der einzelne, der einsam seine altruistischen
Entscheidungen trifft, konstituiert Philanthropie, sondern in
Gruppenprozessen des Gebens und Nehmens werden auf der Mikroebene
bürgerschaftliche Identitäten kreiert, die bis in größere
Zusammenhänge ausstrahlen können“ (Adloff, 2010:63). Diese
Gruppenprozesse und die mit ihnen verbundenen sozialen Beziehungen
können dabei mehr oder weniger im lokalen und damit im institutionellen
Umfeld der Stadt verankert sein. Die Intensität und Qualität dieser
lokalen Einbettung könnte insofern auch ein Prädiktor für
lokales mäzenatisches Engagement sein.</p>
      <p>Unsere Stiftungsbefragung lässt derartige Zusammenhänge erkennen. So
ist die Wahrscheinlichkeit für ein lokales Engagement mehr als doppelt
so hoch (70 % gegenüber 30 % bei geringer Bindung an die Stadt),
wenn die Befragten angeben, dass der Stifter eine hohe Bindung an die Stadt
hatte oder hat. Dabei ist kaum von Bedeutung, aus welchen biografischen
Abschnitten (Kindheit, Ausbildung, Berufsleben) dies resultiert. Besonders
häufig resultiert die Bindung aus der Phase des Berufslebens, da die
Stiftungsgründung überwiegend im letzten Abschnitt oder am Ende des
Berufslebens erfolgt. In unseren Gesprächen mit Mäzenen wurde aber
auch deutlich, dass die Orte von Kindheit und Ausbildung oft nicht in
Vergessenheit geraten sind und ein Teil des Engagements dorthin gelenkt
wird.</p>
      <p>Die hohe Bedeutung der sozialen Einbindung vor Ort, die sich in den
vorgenannten Ergebnissen zeigt, findet sich ebenfalls in unseren
Gesprächen mit Experten und Mäzenen wieder. Vielfach wird
beschrieben, wie das Engagement eines einzelnen Mäzens zum Ausgangspunkt
wird, weitere Mäzene einzubeziehen. Die erste Unterstützung hat eine
Initialfunktion zur Ansprache und Einwerbung weiterer Gaben. Der
stadtbekannte Großmäzen wird hier zum Kristallisationspunkt eines
Gruppenbildungsprozesses, wobei man zwei Wirkmechanismen vermuten kann. Die
Erstunterstützung kann man erstens als Auszeichnung für das Projekt
verstehen, die weiteren Mäzenen eine Beteiligung erleichtert. Zweitens
können sich nachträglich angesprochene Mäzene durch ihre
Unterstützung auch sozial in die Nähe des ersten Großspenders
rücken.</p>

      <?xmltex \floatpos{t}?><fig id="Ch1.F4" specific-use="star"><caption><p>Handlungsfelder des lokalen mäzenatischen Engagements.</p></caption>
        <?xmltex \igopts{width=341.433071pt}?><graphic xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/70/315/2015/gh-70-315-2015-f04.png"/>

      </fig>

      <p>Die philanthropische Szene in den von uns betrachteten Städten lässt
sich kaum als ein in den Alltag hineinwirkendes enges persönliches
Geflecht zwischen den Mäzenen beschreiben. Es handelt sich mehr um ein
„voneinander wissen“ und ein „Beobachten aus der
Distanz“. Enge persönliche Kontakte zwischen den Mäzenen sind zwar
nicht ausgeschlossen, nach unseren Erhebungen aber kaum konstituierend
für das philanthropische Netzwerk. Aber auch diese distanzierte
Beobachtung dürfte eine Wirkung auf die Stabilisierung und Förderung
des philanthropischen Handelns in der Stadt haben, weil sich damit auch eine
stillschweigende Verständigung auf bestimmte Werte (z.B. Haltung
gegenüber der Stadtgesellschaft) und damit verbundene Handlungsweisen
verbinden kann. Das Zusammentreffen in elitären Clubs (Lions, Rotary
usw.) unterstützt zumindest in Teilsegmenten der philanthropischen Szene
die gegenseitige Selbstbeobachtung sowie auch die Selbstvergewisserung der
Zugehörigkeit zur städtischen Elite.</p>
      <p>Durchgängig wird sowohl von den kommunalen Experten als auch von den
befragten Mäzenen die hohe Bedeutung der persönlichen Kontakte
zwischen politischer Spitze und Mäzenen beschrieben. Dabei wird
einerseits Wertschätzung und Anerkennung auch als Antriebsmoment für
das gesellschaftliche Engagement vermittelt. Gerade der im Grenzbereich zu
öffentlichen Aufgaben agierende Mäzen hat oftmals nicht nur den
persönlichen Anspruch auf ein „gleichrangiges“
Gegenüber, sondern auch ein Interesse, dass sein Projekt bei der
öffentlichen Hand zur „Chefsache“ und somit in
verlässliche und vertrauliche Kooperationsbeziehungen eingebettet wird.
Dies dient nicht nur oder primär der Eitelkeit, sondern entsteht auch
aus dem Wunsch nach kalkulierbaren Umsetzungsbedingungen.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S8">
  <?xmltex \opttitle{Die thematische Ausrichtung des lokalen m\"{a}zenatischen
Engagements}?><title>Die thematische Ausrichtung des lokalen mäzenatischen
Engagements</title>
      <p>Stiftungen engagieren sich lokal in verschiedenen Handlungsfeldern.
Insgesamt dominieren „soziale Zwecke“ sowie „Bildung und
Erziehung“ das thematische Portfolio (vgl. Abb. 4). Im Ranking
der lokalen Engagementbereiche folgen „Kunst und Kultur“ sowie
„Wissenschaft und Forschung“. Die Themen „Denkmalschutz/öffentlicher
Raum“, „Bürgerengagement/politische Teilhabe“ sowie
„Umweltschutz“ fallen demgegenüber in ihrer Bedeutung deutlich
zurück.</p>
      <p>Das Zustandekommen und die Weiterentwicklung des philanthropischen
Engagements hat viel mit der sozialen Einbindung in die Stadt zu tun.
Unabhängig davon bleibt die thematische Grundausrichtung im
Individuellen verhaftet. Unsere vertiefenden Gespräche mit Stiftern und
Stiftungen zeigen vielfältige biografische Bezüge. Persönliche
Vorlieben für bestimmte Kunstsparten, Schicksalsschläge wie
Krankheiten im familiären Umfeld oder häufiger noch die im
beruflichen Umfeld gesammelten Erfahrungen prägen die thematische
Ausrichtung des philanthropischen Engagements. Fast idealtypisch finden sich
diese unterschiedlichen biografischen Bezüge im Engagement der
Wuppertaler Jackstädt-Stiftung. Das kinderlose Ehepaar hat sich nach dem
Verkauf des in Wuppertal aufgebauten Familienunternehmens auf drei Themen
für ihr finanzielles Engagement konzentriert. Die Unternehmerbiografie
war Anlass zur Unterstützung der betriebswirtschaftlichen Forschung, die
Erblindung in Folge einer bislang nicht behandelbaren Augenerkrankung
führte zur Herausbildung eines entsprechenden ophthalmologischen
Förderschwerpunktes und schließlich hat die mit der
unternehmerischen Tätigkeit gewachsene Bindung an den Standort Wuppertal
den Ausschlag für einen lokalen Förderschwerpunkt gegeben.
Charakteristisch für das lokale Engagement der Stiftung sind dabei
weniger thematische Schwerpunkte als vielmehr der Wunsch, der ehemals
stolzen und heute wirtschaftlich und finanziell darbenden Stadt zu einigen
Glanzpunkten („i-Tüpfelchen“) zu verhelfen. So wurden z.B.
im Rahmen der Sanierung der Oper eine hochwertigere Ausstattung finanziert,
eine Starthilfe für die Reaktivierung einer stillgelegten Bahntrasse als
Rad- und Wanderweg gegeben („Nordbahntrasse“) und nicht
zuletzt auch die Realisierung der „Junior-Universität“
unterstützt.</p>
      <p>Als Gründe für die lokale Ausrichtung geben mit 46 % fast die
Hälfte der befragten Stiftungen „biografische Bezüge“
des Stifters als wichtig bzw. ausschlaggebend an. Oftmals ist es auch die
Wertschätzung einer spezifischen lokalen Einrichtung, die zu ihrer
gezielten Förderung geführt hat (34 %). Einige Stiftungen geben
an, dass sich ihre Ausrichtung im Verlauf der Stiftungsarbeit
herauskristallisiert und gefestigt hat (16 %). Hier kann man vermuten,
dass zunächst weniger eindeutige thematische Präferenzen vorgelegen
haben, die Stiftungen stattdessen stärker im Dialog mit lokalen Akteuren
stehen und sich hieraus ihre Ausrichtung entwickelt hat. Schließlich
agieren 14 Prozent der Stiftungen aus einer „Unzufriedenheit
mit der Leistungsfähigkeit des örtlichen Gemeinwesens“ heraus, was
sich überproportional häufig mit einer Fokussierung auf das Thema
„Bürgerengagement/politische Teilhabe“ verbindet.</p>
      <p>Konzeptionelle Überlegungen der Stiftungsarbeit spielen bei Förder-
und Vergabeentscheidungen eine geringere Rolle. Solche Entscheidungen
basieren mehr auf der persönlichen Wertschätzung der Partner und
Empfänger als auf einer kritischen Auseinandersetzung mit dem
geförderten Projekt. So beschreiben die Mitarbeiter einer bedeutenden
Hamburger Stiftung ihre Vergabeentscheidungen als sehr stark vom Stifter und
dessen persönlicher Einschätzung („Bauchgefühl“)
heraus gesteuert. Ein Wuppertaler Museumsleiter macht die hohe Bedeutung
der persönlichen Überzeugung folgendermaßen deutlich:
„Sie müssen dem Mäzen schon mit Schweißperlen auf
der Stirn entgegentreten, die erkennen lassen, dass Sie ihre Sache ernst
meinen.“</p>
      <p>Die stark durch persönliche Einschätzungen gesteuerten
Förderentscheidungen sind schwer oder kaum objektivierbar. Sie sind
somit zugleich Ausdruck des persönlichen Gestaltungsspielraums des
Stifters bzw. der Stiftungen bei der Verwendung der Mittel und der Steuerung
der Stiftungsarbeit. Es ist naheliegend und hat sich in unseren
Gesprächen bestätigt, dass nach diesem Muster agierende
Philanthropen und Stiftungen die Einbettung ihrer Förderaktivitäten
in öffentliche oder politische Diskurse meiden. Somit werden Projekte
und Kooperationen im Umfeld politisch relevanter Themen und Maßnahmen
gemieden. Denn die Kooperation mit Akteuren aus dem
politisch-administrativen Bereich und die Einbettung in politische Diskurse
bergen das Risiko, Relevanz- und Wirksamkeitsargumente zur Rechtfertigung
der Förderaktivitäten liefern zu müssen. Dies kann die Freiheit
in der Mittelverwendung insbesondere bei kleineren Stiftungen
beschränken, bei denen der Stifter als Person ein hohes Gewicht bei den
Vergabeentscheidungen hat.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S9">
  <?xmltex \opttitle{Vier Typen m\"{a}zenatischer Projekte aus kommunaler
Governanceperspektive}?><title>Vier Typen mäzenatischer Projekte aus kommunaler
Governanceperspektive</title>
      <p>Von besonderem Interesse ist für uns ein Mäzenatentum, das auf der
Schnittstelle zum kommunalen Handeln angesiedelt ist. Für eine
Systematisierung des Verhältnisses zwischen Kommune und Mäzen lassen
sich auf der Basis unserer Interviews idealtypisch vier Projekttypen
definieren. Die Reihenfolge der drei ersten Typen steht auch für eine
ansteigende Intensität möglicher Interessenkonflikte und damit
zugleich der erforderlichen Aushandlungsprozesse zwischen Kommune und
Mäzen.</p>
<sec id="Ch1.S9.SS1">
  <title>Typ 1 – autonome Projekte mit Genehmigungsvoraussetzungen</title>
      <p>Ein
Mäzen realisiert in einem dominant privatrechtlichen Rahmen ein Projekt
(z.B. Aufbau und Betrieb einer Sozialstation mit Leistungsangeboten für
eine bestimmte Zielgruppe oder ein bestimmtes Stadtquartier). Sofern hierzu
eine öffentliche Genehmigung für den Bau oder Betrieb einer
Einrichtung erforderlich ist, kann die öffentliche Hand dies wie einen
normalen Genehmigungsvorgang behandeln. Ein Interessenskonflikt kann
entstehen, wenn im Genehmigungsverfahren Ermessensspielräume bestehen,
die der Mäzen unter Verweis auf das besondere, im öffentlichen
Interesse stehende Engagement zu seinen Gunsten genutzt sehen möchte.</p>
      <p>Ein Beispiel ist etwa die Gründung des „Hauses der
Frauengeschichte (HDFG)“ in Bonn, das im Jahr 2012 eröffnet wurde. Eine
emeritierte Professsorin hatte ihr berufliches Engagement für die
Frauengeschichtsforschung zunächst in einen entsprechenden
Förderverein verlagert und die Gründung des HDFG vorbereitet. Die
später gegründete „Annette-Kuhn-Stiftung“ fungiert als
Trägerorganisation des HDFG. Die erforderlichen baurechtlichen
Genehmigungen und die Gründung der Stiftung sind dabei weitgehend
unproblematisch verlaufen. Allerdings bestanden auf Seiten der Stifterin
Erwartungen gegenüber dem Land und der Kommune auf eine weitergehende
finanzielle Unterstützung, die jedoch nicht erfüllt wurden.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S9.SS2">
  <title>Typ 2 – Kofinanzierungsprojekte</title>
      <p>Ein Mäzen finanziert eine
bestehende öffentliche Einrichtung (z.B. die Kofinanzierung einer von
Schließung bedrohten Stadtteilbibliothek, eines Kindergartens oder einer
Schule). Mit der Kofinanzierung können mehr oder weniger starke
Vorstellungen zur Mittelverwendung verbunden sein sowie auch unterschiedlich
intensive Versuche, die Mittelverwendung zu beeinflussen. Die Vorstellungen
der Mäzene können in Konflikt zu den öffentlichen Vorstellungen
(z.B. Betriebsrichtlinien oder Lehrplan, Präferenz zur Renovierung von
Räumlichkeiten gegenüber Präferenz zur Anschaffung von
Lernmitteln) stehen. Kofinanzierungsprojekte lösen keine
zusätzlichen komplementären öffentlichen Mittel aus. Mit Blick
auf die Gesamtkosten aus Investition und Betrieb entsteht so eine
Teilfinanzierung des jeweiligen Projekts. Die Initiative zur Realisierung
der Einrichtung sowie die programmatische Grundkonzeption für Aufbau und
Betrieb gehen von der öffentlichen Hand aus. Es handelt sich also um ein
öffentliches Projekt, das privat kofinanziert wird, wobei dies auch
durch geldwerte Leistungen (z.B. Arbeitsstunden) des Mäzens erbracht
werden kann. Kofinanzierungsprojekte können sowohl den Charakter von
Betriebskosten- als auch den Charakter von Investitionskostenzuschüssen
bis hin zur Übernahme der kompletten Investitionskosten annehmen.</p>
      <p>Die bereits erwähnte Finanzierung einer hochwertigen Ausstattung
(Bestuhlung) bei der Sanierung der Wuppertaler Oper ist ein solches
Kofinanzierungsprojekt. Probleme können entstehen, weil die privaten
Teilprojekte in das öffentliche Vorhaben integriert (inkl.
Ausschreibung) und von daher der privaten Steuerung entzogen werden. Dies
setzt ein besonderes Vertrauensverhältnis und eine grundlegende
Akzeptanz vom Mäzen gegenüber der öffentlichen Hand und den dort
üblichen Handlungsweisen voraus. Was im kleinen Rahmen in Wuppertal auf
der Basis einer vertraulichen Zusammenarbeit zwischen Mäzen und
Stadtspitze gelungen ist, hat in Hamburg bei den Großprojekten des
Ehepaars Greve zu erheblichen Kontroversen mit bundesweitem Medienecho
geführt. Das Ehepaar Greve hatte sich Mitte der 1990er Jahre an den
Regierenden Bürgermeister gewandt und ein größeres Geschenk aus
Anlass des 75jährigen Uni-Jubiläums in Aussicht gestellt. Nach
entsprechenden Vorüberlegungen mit der Universität wurde eine
Erweiterung des Universitätshauptgebäudes vorgeschlagen. Das Ehepaar
Greve hatte eingewilligt und sich schließlich in einer Allianz mit
Stadt- und Universitätsspitze und gegen den Widerstand weiter Teile der
an Architektur- und Städtebaufragen interessierten
Fachöffentlichkeit mit der Absicht durchgesetzt,
die „Flügelbauten“ mit einem eigenen Architekten und ohne ein übliches
Wettbewerbsverfahren zu realisieren (Faller und Wiegandt, 2015). Unsere
Interviews mit ausgewählten Beteiligten ließen erkennen, dass die
damit verbundenen Auseinandersetzungen nicht nur bis heute nachwirkende
persönliche Verletzungen erzeugten, sondern auch einem in Hamburg
ansonsten weniger verbreiteten Misstrauen gegenüber Mäzenen Vorschub
geleistet haben.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S9.SS3">
  <?xmltex \opttitle{Typ 3 -- Komplement\"{a}rprojekte}?><title>Typ 3 – Komplementärprojekte</title>
      <p>Beim Komplementärprojekt
liegt die Initiative entweder beim Mäzen selbst oder gleichberechtigt
beim Mäzen und der öffentlichen Hand. Die Grundkonzeption wird
dementsprechend zum Gegenstand einer Aushandlung. Durch das mäzenatische
Geschenk wird ein Impuls zur Mobilisierung komplementärer
öffentlicher Mittel ausgelöst, der bei der öffentlichen Hand zu
Überlegungen und Entscheidungen der alternativen
Verwendungsmöglichkeit führt. Ein typisches Beispiel wäre es,
wenn ein Mäzen der Stadt eine Kunstsammlung vermacht, sodass hier
Überlegungen zu deren Unterbringung und Präsentation ausgelöst
werden. Auch die Errichtung eines Festspielhauses durch einen Mäzen wird
zu einem Komplementärprojekt, wenn die öffentliche Hand für den
laufenden Betrieb und die Instandhaltung verantwortlich ist und dauerhaft
Zuschüsse erforderlich sind.</p>
      <p>Das wohl bekannteste Komplementärprojekt in Deutschland ist die
Hamburger Elbphilharmonie, auch wenn die Grundidee hier zwar nicht aus dem
mäzenatischen Bereich stammt. Vielmehr hatte ein privater Investor die
Idee der Elbphilharmonie entwickelt, um ein eigenes Immobilienprojekt in der
Nachbarschaft zu befördern bzw. eine Nutzung des Kaispeichers als
Büroimmobilie zu verhindern (Faller und Wiegandt, 2015). Nachdem die
ersten Mäzene ihre Unterstützung für die überzeugende Idee
der Elbphilharmonie zugesagt haben und Öffentlichkeit hergestellt wurde,
ist die Stadt Hamburg unter Zugzwang geraten und nachträglich in den von
privater Seite initiierten Planungsprozess eingestiegen. Unsere Interviews
in Hamburg haben dabei zu der Einschätzung geführt, dass der Zeit-
und Erwartungsdruck der Anfangsphase zu einer übereilten
fehleranfälligen Planung beigetragen hat und sich daraus ein Teil der
späteren Kostensteigerung, damit verbundene Kontroversen sowie
Verzögerungen erklären lassen.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S9.SS4">
  <?xmltex \opttitle{Typ 4 -- Projekte der \"{o}ffentlichen Meinungs- und politischen
Willensbildung}?><title>Typ 4 – Projekte der öffentlichen Meinungs- und politischen
Willensbildung</title>
      <p>Anders zu charakterisieren sind die vielfältigen
Projekte, die primär auf die öffentliche Meinungs- und politische
Willensbildung zielen. Die Finanzierung und Durchführung dieser Projekte
ist meist unabhängig von der öffentlichen Hand und wirkt indirekt,
indem die Wahrnehmung politischer Probleme beeinflusst oder konkrete
Lösungen vorgeschlagen werden. Probate Mittel sind wissenschaftliche
Studien, Kongresse und die Durchführung von Modellvorhaben zur
Entwicklung und Erprobung von politisch relevanten Problemlösungen.
Für stadtentwicklungspolitische Aufgabenstellungen sind in diesem Sinne
z.B. die Schader-Stiftung (Darmstadt), die Wüstenrotstiftung
(Ludwigsburg) oder die Montag Stiftung Urbane Räume (Bonn) aktiv. Aber
auch die Bertelsmann Stiftung, der Generali Zukunftsfonds und viele weitere
große Stiftungen berühren mit ihren Projekten und Themen auf
vielfältige Weise stadt- und regionalentwicklungspolitische
Fragestellungen. In der Regel können diese Projekte auch als
Herausforderung an die Diskursfähigkeit der öffentlichen Hand
interpretiert werden. Die vielfach geäußerte Kritik an der
Bertelsmann Stiftung zeigt in diesem Kontext, dass insbesondere große
Stiftungen mit ihren Möglichkeiten als relativ diskursbestimmend
wahrgenommen werden.</p>
</sec>
</sec>
<sec id="Ch1.S10">
  <?xmltex \opttitle{Schlussfolgerungen: Good Governance im Kontext m\"{a}zenatischen
Engagements}?><title>Schlussfolgerungen: Good Governance im Kontext mäzenatischen
Engagements</title>
      <p>Die Kooperation von Mäzenen und Kommunen bringt besondere
Herausforderungen mit sich. Als zentrales Ergebnis unserer
Stiftungsbefragung ist festzuhalten, dass die Stiftungen, die im Verbund mit
den Kommunen agieren, größere und spezifische Risiken für ihre
Stiftungsarbeit sehen. Im Einzelnen verbindet sich dies mit folgenden
Themen:</p>
      <p>Die in einem kommunalpolitischen Umfeld agierenden Stiftungen antworten zu
36 Prozent, dass eine „negative oder verzerrte öffentliche
Wahrnehmung“ ein hohes Risiko für ihre Stiftungsarbeit darstellt
(Vergleichswert 19 % für Stiftungen, die nicht in kommunalen
Partnerschaften aktiv sind). In den Projektrecherchen wurden uns Beispiele
genannt, bei denen mäzenatisches Engagement als Ergebnis sehr
kontroverser öffentlicher Debatten mit sich artikulierendem Misstrauen
und unterstellten unlauteren Absichten aus Sorge eines einseitigen
Einflusses einzelner Akteure erlahmt ist. Da ein großer Teil der
Stiftungen Wert darauf legt, öffentlich mit den Projekten identifiziert
zu werden (55 % antworten in diesem Zusammenhang mit „sehr
wichtig“), entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung und Debatte eine
besondere Aufgabe für die Steuerung entsprechender Projekte. Kommunen,
die mäzenatisches Engagement motivieren wollen, müssen sich in
dieser Hinsicht als kompetent und zuverlässig erweisen.</p>
      <p>Das Risiko einer „mangelnden oder wegbrechenden
Unterstützung von Dritten“ wird von 44 Prozent der in einem kommunalen
Umfeld aktiven Stiftungen als hoch eingestuft. In der Praxis führt dies
zum Wunsch der Mäzene, eigene Projekte möglichst hoch in der
Verwaltungshierarchie anzusiedeln. Dies ist mit der Erwartung verbunden,
dass hier getroffene Absprachen auch auf anderen Ebenen verbindlich sind
bzw. Beachtung finden. Während dies in kleinen Städten oftmals
möglich ist, werden insbesondere Großstädte ihre mit solchen
Aufgaben betrauten Mitarbeiter mit entsprechenden Kompetenzen ausstatten
müssen, um verlässliche Partnerschaften pflegen und
philanthropisches Engagement motivieren zu können. Dabei bleibt die
Frage zu diskutieren, wie solche Verbindlichkeiten dauerhaft mit einer
demokratisch legitimierten Entscheidungsfindung etwa im Stadtrat vereinbar
sind.</p>
      <p>Zwischen den Mäzenen und den Städten und Gemeinden, in denen sie
sich finanziell engagieren, gibt es unterschiedliche Formen des
Zusammenspiels der beteiligten Akteure. Aus dem vielfältigen Alltag
solcher Partnerschaften seien nur zwei Aspekte herausgegriffen:</p>
      <p>Zum ersten haben wir Konstellationen beobachtet, in denen potentielle
Mäzene heute eine reservierte Haltung gegenüber der örtlichen
Stadtgesellschaft einnehmen. Sie haben erfahren, wie eine Stadtgesellschaft
einen Mäzen in seinem Engagement nicht ausreichend gewürdigt und ihn
durch eine schlechte Presse in eine unbefriedigende Rolle gebracht hat. Als
Beispiel kann der Streit um die Namensgebung der Kunsthalle in Bielefeld
dienen. Der Rat der Stadt hatte Ende der 1990er Jahre den zunächst
über längere Zeit verwendeten Namenszusatz „Richard-Kaselowsky-Haus“
aus der Benennung der Halle gestrichen, weil der
Stiefvater des Mäzens der Kunsthalle, Rudolf-August Oetker, eine aktive
und damit kritische Rolle im Nationalsozialismus spielte. Dies hat über
einen längeren Zeitraum zu öffentlich ausgetragenen Streitigkeiten
in Bielefeld geführt, die potentielle Mäzene abgeschreckt haben und
für ein Mäzenatentum in der Stadt nicht förderlich waren. In
anderen Fällen haben sich Mäzene allerdings auch über
vergleichbare öffentlich ausgetragene Streitigkeiten hinweggesetzt – so
das schon erwähnte Ehepaar Greve in Hamburg im Fall der Flügelbauten
der Universität. Angesichts der recht fest verankerten Tradition
mäzenatischen Handelns scheinen solche Einzelfälle die positive
Grundeinstellung der Bürgerschaft zum Mäzenatentum nicht zu
erschüttern und das mäzenatische Engagement nicht spürbar zu
beeinträchtigen.</p>
      <p>Zum zweiten gibt es Städte und Gemeinden, die sich inzwischen
systematisch mit dem Phänomen des Mäzenatentums auseinandersetzen.
Das bekannteste Beispiel ist die Stadt Hamburg, die als
„Stiftungshauptstadt“ in Deutschland gilt (Göring, 2007) und in
der es schon seit Jahren verschiedene Aktivitäten gibt, das
Stiftungswesen zu fördern. Dazu gehört etwa der lokale Stiftungstag,
der als eine Art Informationsbörse bereits seit Ende der 1990er Jahre
jährlich stattfindet (Inititativkreis Hamburger Stiftungen und Freie und
Hansestadt Hamburg, 2003). Solche Aktivitäten gibt es auch in anderen
Städten wie etwa in Gütersloh oder Bonn. In einigen Städten gibt
es zudem eine systematische Unterstützung der Stadtverwaltungen, den
Mäzenen Ansprechpartner für städtische Projekte zu vermitteln.
So wissen Mäzene meist, in welchem thematischen Bereich sie sich
engagieren wollen, wissen aber oft nicht, wie sie konkret helfen können.
Hier ist eine Übersetzungsleistung der Städte hilfreich. In
Nürnberg übernimmt dies etwa ein eigenes Amt in der kommunalen
Verwaltung. In anderen Städten wurde betont, dass hierzu auch
vertrauliche Gespräche zwischen der Stadtspitze und den Mäzenen
geführt werden, um schon im Vorfeld eines Projektes mögliche
Hindernisse bei der politischen Umsetzung auszuräumen. Mäzene sind
also darauf bedacht, mit ihrem Handeln nicht in ein schlechtes
öffentliches Licht zu geraten.</p>
      <p>Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass die Chancen des Mäzenatentums
für die Stadtentwicklung in Deutschland angesichts des zunehmenden
Reichtums einzelner Personen in einer neoliberalen Stadtgesellschaft
steigen. Entscheidend für eine erfolgreiche Kooperation erscheint ein
geregeltes Zusammenspiel von öffentlichen und privaten Akteuren mit
einer Transparenz der Entscheidungsprozesse über den Einsatz der
privaten Mittel. Dabei gibt es einige Hürden zu überwinden. Zum
einen bedarf es eines geteilten Verständnisses darüber, dass die
Kommunalpolitik heute nicht allein für das Gemeinwohl Verantwortung
tragen kann und die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements u.a. in
Form des Mäzenatentums an Bedeutung für die Stadtentwicklung
gewinnen wird. Zum anderen sind Mäzene aufgrund ihrer hybriden Stellung
zwischen Markt und Zivilgesellschaft vielfach der Kritik ausgesetzt, nicht
allein als gemeinwohlorientierte Akteure der Zivilgesellschaft aufzutreten.
Aus einer eher kapitalismuskritischen Sicht treten sie gleichzeitig auch als
Vertreter der neoliberalen Globalisierung auf, die als Privatpersonen mit
ihrem erwirtschafteten Kapital nun einerseits dem Gemeinwohl etwas
zurückgeben wollen, als private Akteure des Marktes aber durchaus
Mitverursacher eben der sozialen Ungleichheit sind, die durch den
Neoliberalismus verschärft wird. Die Erkenntnis, dass aufgrund der
spezifischen Interessen der Mäzene Entscheidungsprozesse nicht immer
transparent verlaufen und teilweise nicht den Zielsetzungen der Stadtpolitik
entsprechen, fördert dabei die Diskussion um einseitige Einflussnahme
und Demokratiedefizite. Hier zeigt sich, dass neue Formen der Aushandlung
und Entscheidungsfindung zwischen den öffentlichen und privaten Akteuren
notwendig sind, um die neuen Geschenke der Mäzene für das Gemeinwohl
einzusetzen.</p>
</sec>

      
      </body>
    <back><ack><title>Danksagung</title><p>Die Autoren danken der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für die
Förderung des Projektes „Die geschenkte Stadt –
Mäzenatentum in der deutschen Stadtentwicklung“. Des Weiteren danken
die Autoren den Gutachtern für ihre wertvollen Hinweise, die zu einer
Anreicherung und Verbesserung des Textes geführt haben.<?xmltex \hack{\newline}?><?xmltex \hack{\newline}?>
Edited by: B. Korf<?xmltex \hack{\newline}?>
Reviewed by: three anonymous referees</p></ack><ref-list>
    <title>Literatur</title>

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