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    <journal-title>Geographica Helvetica</journal-title>
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    <publisher-name>Copernicus Publications</publisher-name>
    <publisher-loc>Göttingen, Germany</publisher-loc>
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      <article-id pub-id-type="doi">10.5194/gh-72-443-2017</article-id><title-group><article-title>Familienmigration bei Hochqualifizierten: <?xmltex \hack{\break}?>  wie intergenerationale Beziehungen
das Einleben prägen<?xmltex \hack{\vskip-0.5mm}?></article-title>
      </title-group><?xmltex \runningtitle{Familienmigration bei Hochqualifizierten}?><?xmltex \runningauthor{S. F\"{o}bker}?>
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          <name><surname>Föbker</surname><given-names>Stefanie</given-names></name>
          <email>foebker@geographie.uni-bonn.de</email>
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      <author-notes><corresp id="corr1">Stefanie Föbker (foebker@geographie.uni-bonn.de)</corresp></author-notes><pub-date><day>12</day><month>December</month><year>2017</year></pub-date>
      
      <volume>72</volume>
      <issue>4</issue>
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        <date date-type="received"><day>23</day><month>November</month><year>2016</year></date>
           <date date-type="rev-recd"><day>13</day><month>November</month><year>2017</year></date>
           <date date-type="accepted"><year>15 November 2017<?xmltex \hack{\break}?></year></date>
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      <license license-type="open-access"><license-p>This work is licensed under the Creative Commons Attribution 3.0 Unported License. To view a copy of this licence, visit <ext-link ext-link-type="uri" xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/">https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/</ext-link></license-p></license></permissions><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/72/443/2017/gh-72-443-2017.html">This article is available from https://gh.copernicus.org/articles/72/443/2017/gh-72-443-2017.html</self-uri><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/72/443/2017/gh-72-443-2017.pdf">The full text article is available as a PDF file from https://gh.copernicus.org/articles/72/443/2017/gh-72-443-2017.pdf</self-uri>
      <abstract>
    <p id="d1e76">This paper addresses family migration amongst highly-skilled professionals.
Drawing on the concept of linked lives, it analyses how the linked lives of
parents and children affect integration processes after international
migration. The article is based on qualitative interviews with
highly-skilled migrants and their accompanying partners in Germany and Great
Britain. The analysis illustrates how parents try to reestablish stability
and security in their children's lives after migration. It reveals common
concerns. However, some of the parents' strategies are location-specific.
The results indicate that the parents' efforts for their children's
integration also have an effect on their own integration. Given the
importance of children in the integration process, the paper suggests paying
more attention to the children's perspective in future migration research.</p>
  </abstract>
    </article-meta>
  </front>
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<sec id="Ch1.S1" sec-type="intro">
  <title>Einleitung</title>
      <p id="d1e86">Etwa drei Viertel der hochqualifizierten Arbeitsmigranten in Deutschland
leben in einer Partnerschaft, knapp 40 % leben in einem Haushalt mit
Kindern. Dies ergab eine aktuelle Erhebung des Bundesamtes für Migration
und Flüchtlinge unter Inhabern der Blauen Karte EU<fn id="Ch1.Footn1"><p id="d1e89">„Die Blaue Karte
EU ist ein befristeter Aufenthaltstitel
für hochqualifizierte Zuwanderer aus Drittstaaten (…). In
Deutschland wird die Blaue Karte EU an Akademiker erteilt, wenn eine
Arbeitsplatzzusage für eine hochqualifizierte Beschäftigung
vorliegt, mit der ein bestimmtes Regelmindestgehalt erzielt wird.“ (Hanganu
und Heß, 2016:5).</p></fn> (Hanganu und Heß, 2016:339ff.). Die
Erkenntnisse stehen in einem deutlichen Kontrast zu der öffentlichen
Debatte um hochqualifizierte Migranten, in der sie häufig als flexible
<italic>Individuen</italic> gedacht werden, die attraktiven Arbeitsangeboten folgen, um ihre
persönlichen Karrieren voranzutreiben. Die aktuellen Ergebnisse zeigen
aber, dass auch bei hochqualifizierten Beschäftigten Familienmigration
eine wichtige Rolle spielt.</p>
      <p id="d1e96">Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Migration von
Hochqualifizierten im Familienkontext konzentriert sich insbesondere auf
Doppelkarrierepaare (Krause-Nicolai, 2005; Gramespacher et al., 2010) sowie
die berufliche Integration begleitender Partnerinnen und (seltener) Partner
(Roos, 2013; Braseby, 2010; Purkayastha, 2005). Ebenso gibt es, insbesondere
in der Literatur zum internationalen Personalmanagement, umfangreiche
Untersuchungen zur Rolle begleitender Partnerinnen für den Erfolg oder
Misserfolg internationaler Entsendungen (Gupta et al., 2012; Kupka und
Cathro, 2007; kritisch dazu Fechter, 2012). Während der Begriff der
<italic>Begleitung</italic> auf eine passive Rolle der Partnerinnen verweist, widersprechen die
empirischen Erkenntnisse einer solchen Generalisierung und verdeutlichen
vielmehr, dass Migrationsentscheidungen innerhalb von Familien aktiv
ausgehandelt werden und gemeinsame Anpassungsstrategien im Ankunftskontext
entwickelt werden (Roos, 2013:156). Neben den Beziehungen zwischen
erwachsenen Haushaltsmitgliedern prägen auch die Bedürfnisse und
Aktivitäten von Kindern den Migrationsprozess (Bailey et al., 2004:1619).
Ihre Rolle in Haushalten hochqualifizierter Migranten ist noch
weitgehend unerforscht (vgl. aber Hatfield, 2010). Hier setzt der
vorliegende Beitrag an und untersucht, wie sich die Migration mit Kindern
auf das Einleben<fn id="Ch1.Footn2"><p id="d1e102">Integration wird als langandauernder Prozess
beschrieben (vgl. Esser, 2003). In diesem Beitrag wird zusätzlich der
Begriff des Einlebens genutzt, um auf die erste Phase der Integration
unmittelbar nach einer Migration zu verweisen.</p></fn> und die Integration ihrer
Eltern im Ankunftskontext auswirkt.</p>
      <p id="d1e106">Hierzu wird im folgenden Abschnitt das theoretische Konzept der <italic>linked lives </italic>vorgestellt, das
auf die Verknüpfung verschiedener Lebensläufe im Migrationsprozess
verweist  (Coulter et al., 2016). Daran anschließend wird der
Integrationsbegriff im Zusammenhang mit der Migration Hochqualifizierter
diskutiert. Nach der Beschreibung der empirischen Basis, drei qualitativer
Studien in Deutschland und Großbritannien, wird schließlich anhand
des empirischen Materials nachvollzogen, wie Eltern das Einleben ihrer
Kinder nach einer Migration gestalten und welche Effekte das Engagement der
Eltern für ihre Kinder auf die eigene Integration hat.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S2">
  <?xmltex \opttitle{Lebenslaufkonzept und \textit{linked lives}}?><title>Lebenslaufkonzept und <italic>linked lives</italic></title>
      <p id="d1e121">Seit etwa 20 Jahren prägt der Lebenslaufansatz Studien zu
Binnenmigration und Umzugsmobilität (Coulter et al., 2016:356).
Ursprünglich von Elder (1974) zur Untersuchung menschlicher
Entwicklungsverläufe ausgearbeitet, wurde das Konzept in der
Mobilitätsforschung aufgegriffen, da es, besser als das zuvor dominante
Modell des Lebenszyklus, in der Lage ist, die Destandardisierung und
Diversität individueller Lebensverläufe abzubilden (Coulter et al.,
2016:355). Vor dem Hintergrund, dass Menschen parallel unterschiedliche
Rollen innehaben, vertritt der Lebenslaufansatz die Idee verschiedener
miteinander verknüpfter Karrieren im Lebenslauf (z.B. Wohnkarriere,
Bildungskarriere, Berufskarriere, Familienkarriere etc.). Der Lebenslauf ist
zudem in einen raumzeitlichen Kontext eingebettet, der eine maßgebliche
Rolle für die Entwicklung dieser Karrieren spielt (Elder, 1998:4). In
der Mobilitätsforschung wird untersucht, wie Ereignisse in diesen
Karrieren mit Migrationsprozessen in Wechselwirkung stehen. So ist
beispielsweise bei hochqualifizierten Beschäftigten die Verknüpfung
von internationaler Mobilität und beruflichem Aufstieg zu einem
Imperativ geworden, etwa innerhalb multinationaler Konzerne (z.B. Millar und
Salt, 2008) und in der Wissenschaft (z.B. Bauder et al., 2016).</p>
      <p id="d1e124">Ein zentraler Gedanke des Lebenslaufansatzes ist das Prinzip der <italic>linked lives</italic>, das sich
auf die Verknüpfung der Lebensläufe verschiedener Individuen
bezieht. Dem <italic>linked lives </italic>Prinzip zu Folge haben Menschen im Verlauf ihres Lebens soziale
Beziehungen mit Verwandten, Freunden etc., die durch ihre Meinungen und
Handlungen individuelle Entscheidungen beeinflussen. Ein besonderes
Augenmerk liegt auf intergenerationalen Beziehungen. So haben die
Erfahrungen und Entscheidungen von Eltern eine große Bedeutung für
die Entwicklung ihrer Kinder, ebenso wirkt die Entwicklung der Kinder auf
die Lebensumstände der Eltern ein (Elder, 1998:3ff.).</p>
      <p id="d1e133">Entsprechend werden Mobilitätsentscheidungen im Kontext von <italic>linked lives</italic> untersucht.
Anstatt einen Umzug als Ereignis zu verstehen, das ein einzelnes Individuum
an einem bestimmten Zeitpunkt erlebt, wird er zunehmend als relationale
Praxis verstanden, als Bewegung, die Menschen über Zeit und Raum hinweg
verbindet (Findlay et al., 2015:391; Coulter et al., 2016:358). Dabei
können Relationen auf unterschiedlichen Ebenen ausgemacht werden. Zum
einen bestehen Verknüpfungen zwischen den Personen innerhalb eines
mobilen Haushaltes. Dort werden Mobilitätsentscheidungen ausgehandelt
zwischen Individuen mit unterschiedlichen Präferenzen und ungleichen
Machtpositionen (Findlay et al., 2015:395; Coulter et al., 2016:359). Zum
anderen wirken auf Mobilitätsentscheidungen auch Verknüpfungen zu
nicht mobilen Personen außerhalb des Haushaltes (z.B. Großeltern,
erwachsene Kinder und Kinder in Nachtrennungsfamilien, die im Haushalt des
anderen Elternteils leben) (vgl. Mulder, 2007; Feijten und van Ham, 2013:450).
Auch sie können Mobilität hervorrufen, ermöglichen oder
beschränken, wenn ihnen gegenüber Bindungen, Verpflichtungen oder
Unterstützungsbeziehungen bestehen (Bailey et al., 2004:1620). Soziale
Netzwerke wirken somit als Ressourcen und als Restriktionen im
Mobilitätsprozess; gleichzeitig werden soziale Beziehungen durch
Mobilität auch verändert (Coulter et al., 2016:353).</p>
      <p id="d1e139">Untersuchungen, die sich mit den Verknüpfungen von Kindern und Eltern im
Kontext internationaler Wanderungen befassen, zeigen, dass die Präsenz
von Kindern im Haushalt die Wanderungsentscheidung positiv beeinflussen
kann, wenn mit der Migration verbesserte Zukunftsperspektiven für die
Kinder, insbesondere hinsichtlich Bildung, Versorgung und Sicherheit
verbunden werden (Müller-Bachmann, 2014:116; Salazar-Parreñas,
2005). Gerade die Einbindung in das Bildungssystem ist aber auch eine
zentrale Hürde, wenn aus der Migration eine Unterbrechung der
Schullaufbahn resultiert. Soziale Netzwerke der Kinder und Netzwerke zur
Kinderbetreuung sind weitere Argumente, die gegen Migration oder für
eine Migration der Eltern <italic>ohne</italic> ihre Kinder angeführt werden (Jurt und
Roulin, 2015:135; Pusch, 2010:297). Spielen die Bedürfnisse von
Kindern als Argument in der Migrationsentscheidung sowie hinsichtlich
Zeitpunkt und Ziel (Ryan und Sales, 2013) eine wesentliche Rolle, so hat
sich ihr aktiver Einfluss im tatsächlichen Entscheidungsprozess
häufig als gering erwiesen. Kinder werden in unterschiedlichem Maße
an der Entscheidungsfindung beteiligt (Bushin, 2009:432), allerdings werden
die Migrationsentscheidungen meist von Erwachsenen getroffen (Skelton, 2009:1441).</p>
      <p id="d1e146">Sowohl bei der Bewertung von Migration als auch bei der Einbindung von
Kindern in Entscheidungsprozesse spielen gesellschaftliche Vorstellungen
über Kindheit und Elternschaft eine wichtige Rolle. Im Hinblick auf
westliche Gesellschaften dominieren dabei zwei Argumentationslinien. Zum
einen wird Kindheit als eine Zeit der Freiheit und Sorglosigkeit konzipiert,
die nicht durch Verantwortungen beeinträchtigt wird (Bushin, 2009:438).
Zum anderen werden Kinder als vulnerabel verstanden. Die Aufgabe der Familie
ist demnach, ihnen Sicherheit und Stabilität zu bieten (Hutchins, 2011:1232; NiLaoire et al., 2010:156).
Je nach dem Herkunfts- und Zielkontext
kann mit dem Wechsel des Wohnstandortes ein Gewinn an Sicherheit und
Stabilität verbunden sein oder kann Migration an sich als komplexer
Prozess verstanden werden, der mit Unsicherheiten und Instabilität
verbunden ist (Hutchins, 2011:1227, 1232; Bushin, 2009:438). In diesem
Zusammenhang verweist der <italic>linked lives </italic>Ansatz darauf, dass elterliches Handeln negative
Migrationsfolgen, wie den Verlust sozialer Netzwerke, abfedern kann (Hagan
et al., 1996:382). Die Verknüpfung von Eltern und Kindern ist somit
auch im Integrationsprozess bedeutsam.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S3">
  <title>Integration hochqualifizierter Migranten</title>
      <p id="d1e158">Integration ist ein zentrales Thema in der gesellschaftspolitischen und
wissenschaftlichen Debatte um Zuwanderung. In Deutschland ist der
Integrationsbegriff geprägt durch die Arbeiten Hartmut Essers (2003),
die kontrovers diskutiert werden (z.B. Pries, 2003). Esser untergliedert
Integration in vier Dimensionen: Kulturation (z.B. Sprachkenntnisse,
Normenkenntnis), Platzierung (z.B. Arbeitsmarktposition, Position im
Wohnungsmarkt), Interaktion (Netzwerke, Partizipation) und Identifikation
(Zugehörigkeitsgefühl). Differenziert nach diesen analytischen
Dimensionen betrachtet Esser, in welche bestehenden sozialen Systeme, z.B.
ethnische Gruppe oder Ankunftsgesellschaft, sich Migranten integrieren
(Esser, 2003:7). In der wissenschaftlichen Debatte wird unter anderem
kritisiert, dass das klassische Integrationsverständnis vor allem bei
den Migranten ansetzt und dabei die Rolle der Aufnahmegesellschaft
vernachlässigt (ARL, 2016:2). Auch ist mit Integration häufig die
Vorstellung „relativ einheitlicher sozial-kultureller
Identifikations- und geographisch-territorialer Integrationsräume“
(Pries, 2003:22) verbunden, in die sich Zuwanderer eingliedern sollen. Sie
lässt außer Acht, dass ein Aufnahmekontext weder homogen noch
statisch ist. Vor dem Hintergrund der Debatte um transnationale Migration
kritisiert Pries zudem, dass Integration zumeist ausschließlich im
Ankunftskontext betrachtet und kaum berücksichtigt wird, dass Menschen
gleichzeitig in unterschiedlichen lokalen, regionalen und nationalen
Kontexten integriert sein können (Pries, 2003:30).</p>
      <p id="d1e161">In der Debatte um Integration wurden hochqualifizierte Migranten lange Zeit
kaum thematisiert (Kolb, 2006:169). Zum einen wurde angenommen, dass sie
strukturell über den Arbeitsplatz integriert sind und aufgrund hoher
Einkommen auch keine Probleme beim Zugang zum Wohnungsmarkt bestehen. Zum
anderen spielten Fragen des Spracherwerbs, sozialer Kontakte oder gar eines
Zugehörigkeitsgefühls zu dem Land, in dem sie leben, bei
hochqualifizierten ausländischen Beschäftigten keine Rolle. Denn man
ging davon aus, dass sie sich nur für einen befristeten Zeitraum im
Ausland aufhalten und aufgrund der großen zeitlichen Beanspruchung durch
den Beruf keine Gelegenheit, aber auch keine Notwendigkeit einer über
den Arbeitsplatz hinausgehenden Integration bestehen. Die Gruppe der
hochqualifizierten Migranten erweist sich bei genauerer Betrachtung jedoch
als äußerst heterogen (Föbker et al., 2016:120f.), und es wird
deutlich, dass sich die Annahmen zu ihrer Integration am Bild eines
flexiblen <italic>Individuums</italic> orientieren. Sie berücksichtigen nicht, dass viele
Wanderungen im familiären Kontext erfolgen und in vielen Fällen die
Haushalte hochqualifizierter Migranten aus mehreren Personen bestehen, die
das Einleben gegenseitig beeinflussen.</p>
      <p id="d1e167">Der Ansatz der <italic>linked lives</italic> kann sich daher auch für die Untersuchung der
Integration von hochqualifizierten Migranten als fruchtbar erweisen. Ihre
sozialen Beziehungen stellen Ressourcen und Restriktionen für die
Integration dar. Im Folgenden sollen anhand qualitativer Interviews die
<italic>linked lives </italic>von Eltern und Kindern untersucht werden. Dabei konzentriert sich der
Beitrag auf einen Ausschnitt dieser Beziehung, nämlich darauf, was
Eltern für die Integration ihrer Kinder unternehmen und wie dieses
Handeln schließlich auf ihre eigene Integration zurückwirkt. Um die
Kritik am klassischen Integrationskonzept aufzugreifen, sollen dabei auch
die Rolle der Aufnahmegesellschaft und die Heterogenität des
Ankunftskontextes berücksichtigt werden. Das Konzept Essers ist insofern
nützlich, als die vier analytischen Dimensionen von Integration
(Kulturation, Platzierung, Interaktion und Identifikation) eine
differenzierte Betrachtung des mitunter gegenläufigen Einflusses
sozialer Beziehungen auf Integration erlauben.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S4">
  <title>Empirische Basis</title>
      <p id="d1e182">Basis der folgenden Auswertung sind drei Projekte zur Integration
hochqualifizierter ausländischer Beschäftigter<fn id="Ch1.Footn3"><p id="d1e185">Bei der
Auswahl der Arbeitsmigranten war leitend, dass sie über einen
Universitätsabschluss verfügen und ein Arbeitsangebot im Ausland
angenommen haben.</p></fn> und ihrer Familien in Deutschland und Großbritannien.
Die Projekte bauen inhaltlich aufeinander auf, waren jedoch nicht als
internationale Vergleichsstudie angelegt. In den beiden Projekten in
Deutschland (2009–2014) standen hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten
im Mittelpunkt. Ergänzend wurde eine kleine Zahl von Interviews mit
Familienmigrantinnen geführt. Darunter werden hier Personen verstanden,
die nicht einem Arbeitsangebot, sondern einem hochqualifizierten
Arbeitsmigranten/einer hochqualifizierten <?xmltex \hack{\mbox\bgroup}?>Arbeitsmigrantin<?xmltex \hack{\egroup}?> gefolgt sind.
Darauf aufbauend wurde ein Projekt entwickelt, das sich explizit
Familienmigranten und -migrantinnen widmet und 2013 in Großbritannien
durchgeführt wurde.</p>
      <p id="d1e193">Ein Vergleich der Interviews aus Deutschland und Großbritannien bietet
die Möglichkeit, allgemeine Strategien und ortsspezifische
Besonderheiten zu identifizieren und somit die Bedeutung von
unterschiedlichen räumlichen Kontexten für den Einlebensprozess zu
verstehen. Dabei ist sowohl die Makroebene der Nationalstaaten als auch die
Mesoebene des lokalen und regionalen Kontextes von Interesse. Die Studien in
Deutschland wurden in nordrhein-westfälischen Städten, die Studie in
Großbritannien in Städten in den East Midlands durchgeführt. In
beiden Regionen sind die Städte durch Zuwanderung geprägt, sie sind
jedoch keine Global Cities. Die Studien haben damit eine neue Perspektive
auf die Zuwanderung von Hochqualifizierten, die in der Vergangenheit meist
in Global Cities untersucht wurde.</p>
      <p id="d1e196">In allen Projekten wurden leitfadengestützte Interviews geführt, die
den Einlebensprozess, die Arbeitsmarktintegration und soziale Netzwerke
behandeln. Um eine Diversität bei den Gesprächspartnern zu
erreichen, wurde für ihre Auswahl ein Set von Merkmalen zugrunde gelegt,
das u.a. Geschlecht, Nationalität und Beruf/berufliche Position umfasst.
Es wird angenommen, dass diese Merkmale den Verlauf des
Eingliederungsprozesses beeinflussen. Der Kontakt zu den Interviewpartnern
wurde über den Arbeitsplatz, soziale Netzwerke, internationale Schulen
und im Schneeballverfahren hergestellt. Die Gespräche wurden in Englisch
oder Deutsch geführt, aufgezeichnet und transkribiert.</p>
      <p id="d1e199">Für den vorliegenden Aufsatz wurden aus den drei Projekten die 45 Fälle ausgewertet, in denen die Gesprächspartner mit ihren Kindern
im Ausland lebten (vgl. Tabelle 1). In Deutschland wurden 15 Hochqualifizierte, darunter sieben Frauen und acht Männer sowie acht
Familienmigrantinnen befragt. Das Sample in Großbritannien setzt sich
zusammen aus 20 Frauen und zwei Männern, die Hochqualifizierte auf ihrer
Migration begleitet haben. Die Rekrutierung männlicher begleitender
Partner erwies sich als äußerst schwierig. Es gab eine deutlich
geringere Teilnahmebereitschaft unter potenziellen männlichen
Interviewpartnern<fn id="Ch1.Footn4"><p id="d1e202">Da in den Projekten in Deutschland der
Schwerpunkt auf den Gesprächen mit Hochqualifizierten lag, wurde die
Rekrutierung männlicher Partner nicht weiter forciert. Im Projekt in
Großbritannien gab es einen weiteren begleitenden Partner, der hier
nicht berücksichtigt wird, da er kein Kind hat.</p></fn>. Die Gründe
dafür bleiben offen, da die angefragten männlichen Familienmigranten
nicht begründet haben, warum sie nicht für ein Gespräch zur
Verfügung standen. Zudem stellen Männer insgesamt eine Minderheit
unter den Familienmigranten dar (vgl. Raghuram, 2004:308; Ackers, 2004:192; Roos, 2013:148).
Die Gründe dafür sind vielfältig. So sind
gesellschaftliche Normen von Bedeutung, nach denen Männer in
Partnerschaften häufig älter und damit auch in der Karriere weiter
fortgeschritten sind (Ackers, 2004:198). Außerdem stellt Linehan (2002:808)
in einer Studie zu international mobilen Managerinnen fest, dass
mangelnde berufliche Optionen für den Partner einen wichtigen
Hinderungsgrund für die internationale berufliche Mobilität von
Frauen darstellen und sich somit gesellschaftliche Rollenerwartungen auf
Migrationsentscheidungen innerhalb von Partnerschaften auswirken.
Schließlich verweist Raghuram (2004:305) auch auf den strukturellen
Einfluss internationaler Arbeitsmärkte, in denen Berufe, die in der
Mehrzahl Frauen ausüben, keine Entlohnung bieten, die eine
internationale Migration von Familienmitgliedern erlaubt.</p>
      <p id="d1e207">Tabelle 1 zeigt weiter, dass fast alle Familienmigrantinnen und -migranten
ebenfalls über einen Hochschulabschluss verfügen. Die
Herkunftsländer verteilen sich über fast alle Erdteile, wobei jedoch
ein deutlicher Schwerpunkt auf Europa liegt. Dies entspricht dem
tatsächlichen Wanderungsgeschehen, in dem die Mehrheit der Zuwanderer
aus benachbarten Ländern stammt (Eurostat, 2016). Die Struktur des
Samples ist bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen.</p>

<?xmltex \floatpos{t}?><table-wrap id="Ch1.T1" specific-use="star"><caption><p id="d1e213">Samplestruktur.</p></caption><oasis:table frame="topbot"><oasis:tgroup cols="7">
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         <oasis:entry colname="col1"/>  
         <oasis:entry colname="col2">Arbeit</oasis:entry>  
         <oasis:entry namest="col3" nameend="col7" align="left"><italic>nicht rekrutiert</italic></oasis:entry>
       </oasis:row>
     </oasis:tbody>
   </oasis:tgroup></oasis:table><table-wrap-foot><p id="d1e216">Quelle: eigene Erhebung.</p></table-wrap-foot></table-wrap>

</sec>
<sec id="Ch1.S5">
  <title>Ergebnisse: Eltern gestalten das Einleben ihrer Kinder</title>
      <p id="d1e382">Im Folgenden wird zunächst dargestellt, wie Eltern die Einlebensphase
ihrer Kinder nach einer internationalen Migration begleiten (Abschnitt 5.1). Daran
anschließend werden zwei Aspekte der Eingliederung der Kinder
betrachtet, die von den Eltern als zentral gekennzeichnet werden: der Erwerb
der Landessprache (Abschnitt 5.2) und die Integration in das Schulsystem (Abschnitt 5.3). Es
wird jeweils beschrieben, was Eltern unternehmen, um das Einleben ihrer
Kinder möglichst reibungslos zu gestalten. Daran anschließend werden
die Effekte des Handelns der Eltern auf ihre eigene Integration untersucht.
Dabei wird die Einbettung in den jeweils spezifischen räumlichen Kontext
berücksichtigt, indem Unterschiede zwischen dem Sample aus Deutschland
und Großbritannien identifiziert werden.</p>
<sec id="Ch1.S5.SS1">
  <title>Einlebens-Arbeit statt Erwerbsarbeit</title>
      <p id="d1e390">Internationale Mobilität ist ein wichtiger Aspekt für die berufliche
Entwicklung von Hochqualifizierten. Im Hinblick auf Kinder wird Migration
hingegen häufig mit negativen Erwartungen, wie dem Verlust von Freunden
und Nachteilen für die Schullaufbahn, assoziiert (Sime und Fox, 2015).
Diese Bewertung hat Folgen für das Handeln der Eltern nach der
Migration. So berichten viele Gesprächspartner, dass ein Elternteil sich
nach der Migration zunächst dem Einleben der Kinder widmet.<disp-quote>
  <p id="d1e394">Ich habe mir selbst und [Name des Ehemannes] versprochen, dass mein Fokus in den
ersten vier, fünf Monaten die Kinder sind und es darum geht, dass sie
sich gut in der Schule einleben. (Familienmigrantin aus Dänemark, in Großbritannien*)</p>
</disp-quote>Es sind insbesondere die begleitenden Partnerinnen und Partner, die ihre
Kinder in der Einlebensphase praktisch und emotional unterstützen
(Purkayastha, 2005:183). Für die hochqualifizierten Arbeitsmigrantinnen
und -migranten stehen häufig die Anforderungen der neuen Arbeitsstelle
im Vordergrund. So erläutert Jennifer<fn id="Ch1.Footn5"><p id="d1e399">Alle Namen sind
Pseudonyme. Aus dem Englischen übersetzte Zitate sind mit *
gekennzeichnet.</p></fn>, die einen Posten im Management eines internationalen
Konzerns in Deutschland angenommen hat, wie sie zu Beginn ihrer
Tätigkeit direkt nach der Migration ein neues Team von Kollegen aufbauen
musste. Sie ist der Auffassung, dass ihre Karriere und ihre berufliche
Mobilität ohne ihren Partner nicht möglich wären.<disp-quote>
  <p id="d1e404">Als meine Tochter geboren ist (…), hat mein Mann sich
entschlossen, nicht mehr zu arbeiten (…) Er war die ganze Zeit
Vollzeitvater. Und das ermöglicht uns ins Ausland zu ziehen. (Hochqualifizierte
aus Irland, in Deutschland*)</p>
</disp-quote>Dass hier das Beispiel eines männlichen Partners angeführt wird,
soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich in der Mehrzahl –
aber eben nicht ausschließlich – um begleitende Partnerinnen handelt.
Während Jennifers Aussage eine Kontinuität der Rollen in ihrer
Partnerschaft belegt, war für Hanne die internationale Migration ein
Anlass die Rollenverteilung innerhalb der Partnerschaft zu verändern.<disp-quote>
  <p id="d1e410">Wir waren gleich in Dänemark, gleiche Bezahlung, gleiche
Arbeitszeit und gleiche Pflichten, die Kinder zur Schule zu bringen (…),
und ich habe entschieden, dass das hier nicht sein muss. (Familienmigrantin aus Dänemark,
in Großbritannien*)</p>
</disp-quote>Insbesondere bei zeitlich befristeten Auslandsaufenthalten und in der
Anfangsphase werden solche Rollenwechsel bewusst gewählt und nicht nur
als Verpflichtung, sondern auch als Möglichkeit gesehen, mehr Zeit mit
den Kindern zu verbringen (Raghuram, 2004:307). Das gilt auch für
begleitende Väter. So betont Filipe, der nach Großbritannien gezogen
ist, weil seine Frau dort eine Promotionsstelle angetreten hat und der dort
selber in Teilzeit als Techniker in einer Schule arbeitet:<disp-quote>
  <p id="d1e416">Ich würde gerne was machen, was mehr mit meinem richtigen Job zu tun
hat (…). Aber ich bin sehr froh, insbesondere weil ich mich um meine
Tochter kümmern kann, was sehr wichtig für mich ist. Das ist meine
Priorität. (Familienmigrant aus Spanien, in Großbritannien*)</p>
</disp-quote>Filipes Beispiel verweist auch auf die beruflichen Kompromisse, die viele
Partnerinnen und Partner eingehen, wenn sie sich für eine
Familienmigration entscheiden. Negativ bewertet wird die Konzentration auf
die Familie dann, wenn sie nicht freiwillig erfolgt. Dies ist auch eine
Konsequenz struktureller Rahmenbedingungen vor Ort. Da infolge der Migration
gewohnte soziale Netzwerke zur Kinderbetreuung nicht mehr zur Verfügung
stehen, gewinnen lokal verfügbare Betreuungsangebote an Bedeutung. Hier
zeigen sich deutliche internationale Unterschiede. Von den
Gesprächspartnerinnen in Deutschland werden grundsätzliche Probleme
beschrieben, einen Betreuungsplatz zu finden. Besondere Schwierigkeiten
bereiten die Betreuung von Babys unter einem Jahr und der zeitliche Umfang
der Betreuung, der es zum Teil nicht erlaubt, eine Berufstätigkeit
aufzunehmen (Föbker et al., 2014:274). In Großbritannien sind in
erster Linie die Kosten der Betreuung von kleinen, nicht schulpflichtigen
Kindern ein Hindernis,  externe Betreuungsangebote in Anspruch zu nehmen.
Betroffen sind Familien mit geringem Einkommen, zum Beispiel Familien von
Doktoranden. Hier zeigen sich auch herkunftsspezifische Unterschiede.
Insbesondere Partnerinnen aus dem globalen Süden hatten die Migration
mit dem Ziel verbunden, in Großbritannien Geld zu verdienen. Um
Kinderbetreuungskosten zu vermeiden, weichen sie häufig in
Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor aus, die eine flexible
Arbeitsgestaltung erlauben.</p>
      <p id="d1e421"><?xmltex \hack{\newpage}?>Die Beispiele belegen, dass die Anwesenheit von Kindern im Haushalt die
Integration von begleitenden Partnern und Partnerinnen in den Arbeitsmarkt
oftmals beschränkt. Zum einen wird die internationale Migration mit
Kindern als Anlass genommen, nicht oder weniger zu arbeiten. Zum anderen
wirken insbesondere kleine Kinder als Restriktion, wenn lokal keine
passenden Betreuungsangebote verfügbar sind. Auf solche externen
Betreuungsdienstleistungen sind Familien nach einer Migration besonders
angewiesen, da soziale Netzwerke im Ankunftskontext in der Regel
zunächst nicht vorhanden sind. Die <italic>linked lives</italic> von Eltern und Kindern stellen somit
eine Restriktion für die berufliche Integration eines der Elternteile
dar.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S5.SS2">
  <?xmltex \opttitle{Sprache als Schl\"{u}ssel zur Integration}?><title>Sprache als Schlüssel zur Integration</title>
      <p id="d1e435">Die besondere Herausforderung vieler internationaler Wanderungen besteht in
der Sprachbarriere. Sind Kinder auch bei Binnenmigration mit dem Verlust
sozialer Beziehungen konfrontiert und häufig auch mit dem Wechsel
zwischen Bildungssystemen, so kommt bei internationaler Migration die
Fremdsprache meist erschwerend hinzu. Sie wirkt sich negativ sowohl auf das
Knüpfen neuer Kontakte als auch den Einstieg in den Schulalltag aus.</p>
      <p id="d1e438">Der Spracherwerb ist somit eines der zentralen Anliegen der Eltern nach der
internationalen Migration. Viele Eltern erwarten zunächst Nachteile
für ihre Kinder, da sie sich in eine neue Umgebung einfügen
müssen, deren Sprache sie nicht beherrschen. Langfristig bewerten viele
Eltern die Möglichkeit, dass ihre Kinder mehrsprachig aufwachsen, als
positiven Effekt der internationalen Migration. Insbesondere die Eltern im
britischen Sample erwarten, dass ihre Kinder davon im späteren
beruflichen Leben profitieren. In erster Linie werden Schulen und
Kindertageseinrichtungen als Orte identifiziert, an denen Kinder die neue
Sprache erlernen. Die Eltern sehen ihre eigene Aufgabe darin, ihre Kinder im
Spracherwerb zu unterstützen. Dazu zählt die Entscheidung,
jüngere Kinder in Kindertagesstätten anzumelden oder Spielgruppen
mit ihnen zu besuchen. Diese Aktivitäten können sich wiederum
positiv auf die soziale Integration der Eltern auswirken. So berichtet Kate,
die aus Großbritannien nach Deutschland gezogen ist:<disp-quote>
  <p id="d1e442">Ich habe die meisten meiner Freunde hier in [Ort] und in Deutschland über
den Kindergarten kennengelernt, weil die Mütter zur gleichen Zeit kommen, um ihre
Kinder hinzubringen und abzuholen. (Familienmigrantin aus Großbritannien, in Deutschland*)</p>
</disp-quote>Kindergärten und Grundschulen sind Orte, an denen Eltern im Alltag sowie
bei besonderen Veranstaltungen andere Eltern treffen. Sie tragen zur
Entstehung neuer sozialer Netzwerke bei und fördern das lokale
Zugehörigkeitsgefühl (Collins und Coleman, 2008:290f.). Das gilt
nicht nur für Eltern mit Migrationserfahrung. Da Migration jedoch mit
dem Verlust lokaler sozialer Netzwerke einhergeht, besteht hier ein
besonderes Bedürfnis, vor Ort neue soziale Kontakte zu knüpfen
(Föbker et al., 2014).</p>
      <p id="d1e447">Zu der Unterstützung der Kinder beim Spracherwerb zählt auch die
Entscheidung der Eltern, selber an einem Sprachkurs teilzunehmen.<disp-quote>
  <p id="d1e451">Nun wird mein Sohn in den Kindergarten gehen. Und jetzt ist die größte
Herausforderung: Du kannst nicht Vater und Mutter haben, die nicht [deutsch] lesen
und schreiben können. Das ist das schlimmste. Gebildet sein und nicht lesen und
schreiben können. Deshalb machen wir jetzt einen Integrationskurs. (Hochqualifizierter aus Indien, in Deutschland*)</p>
</disp-quote>Chapal, der zum Zeitpunkt des Gespräches seit gut zwei Jahren als
Wissenschaftler in Deutschland arbeitet, hat bisher nicht Deutsch gelernt.
Durch seine starke berufliche Einbindung hat er weder Zeit dafür
aufbringen mögen, noch hat er eine Notwendigkeit gesehen, da er in einem
englischsprachigen Umfeld tätig ist. Erst mit dem Eintritt seines Kindes
in das deutsche Bildungssystem verändert sich seine Beurteilung der
Situation. Hier zeigt sich deutlich ein Effekt der <italic>linked lives</italic> verschiedener
Generationen innerhalb eines Haushaltes auf die sprachliche Integration
seiner Mitglieder.</p>
      <p id="d1e459">Der Gesprächspartner wirkt einer Situation entgegen, in der er über
geringere Sprachkenntnisse als sein Kind verfügt und es daher im Alltag
nicht mehr unterstützen kann. Eine solche dissonante Akkulturation der
Generationen einer Familie wird häufig nach der Migration beobachtet
(Portes und Rumbaut, 2001:44), wenn Kinder schneller als ihre Eltern die
neue Sprache erlernen und die Eltern die Hilfe ihrer Kinder, etwa als
Übersetzer, in Anspruch nehmen müssen (Sime und Fox, 2015:531). Ein
derartiger Rollentausch wurde im untersuchten Sample nicht beobachtet, was
nicht zuletzt auf das große kulturelle und soziale Kapital der
Gesprächspartner zurückgeführt werden kann. Sie haben entweder
selber entsprechende Sprachkenntnisse oder verfügen im beruflichen
Kontext über soziale Kontakte zu Muttersprachlern, die als Mittler
fungieren können.</p>
      <p id="d1e463">Der Fall von Chapal verdeutlicht auch einen Unterschied zwischen den beiden
Samples, der auf den Stellenwert der deutschen Sprache im Vergleich zur
globalen Lingua franca Englisch zurückzuführen ist. So verfügen
im britischen Sample alle erwachsenen Familienangehörigen zumindest
über grundlegende Sprachkenntnisse und haben darüber hinaus ein
Interesse daran, ihre Sprachkenntnisse weiter zu verbessern, da sie einen
persönlichen Nutzen davon erwarteten.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S5.SS3">
  <title>Eingliederung in das Schulsystem</title>
      <p id="d1e472">Die Schulwahl ist, unabhängig von der Migrationserfahrung, ein zentrales
Thema für Eltern. Insbesondere in Mittelschichthaushalten gelten eine
hochwertige Schulbildung und eine erfolgreiche Schullaufbahn als wichtige
Voraussetzungen für eine positive Zukunftsperspektive der Kinder
(Holloway et al., 2010:585; Collins und Coleman, 2008:293). Nach einer
internationalen Migration befürchten Eltern oftmals, dass es den Kindern
schwer fällt, sich aufgrund der Sprachbarriere und des anderen
Curriculums in das Bildungssystem zu integrieren. Die
Migrationsentscheidung, die die Eltern zugunsten der beruflichen Karriere
eines Elternteils getroffen haben, kann sich dann nachteilig auf die
Bildungskarriere und damit die Zukunft ihrer Kinder auswirken. Daher ist es
den Eltern ein besonders wichtiges Anliegen, eine geeignete Schule zu
finden, die den Kindern einen guten Einstieg in die neue Lernumgebung
ermöglicht. Diese Sorge teilen Eltern in beiden Samples. Es werden
jedoch unterschiedliche Strategien angewandt, um dieser Herausforderung zu
begegnen.</p>
      <p id="d1e475">Bei den Gesprächspartnern in Deutschland bestehen zum Teil Vorbehalte
gegenüber dem Besuch einer deutschen Schule. Der Erwerb der Fremdsprache
wird zwar grundsätzlich positiv bewertet, der Unterricht in deutscher
Sprache wird jedoch als nachteilig für den Schulerfolg wahrgenommen und
die Integration in das deutsche Schulsystem als Hindernis für
zukünftige Migration.<disp-quote>
  <p id="d1e479">Da haben wir gesagt vom niederländischen Schulsystem in das deutsche
Schulsystem und dann nach weiß ich wie viel Jahren vielleicht in ein anderes
Land umziehen, wieder ein anderes Schulsystem. Das geht nicht für die Kinder.
Also haben wir gesagt, dann gehen die hier in die Internationale Schule und dann sind
wir mobiler und dann können wir einfacher wechseln. (Familienmigrantin aus den Niederlanden, in Deutschland)</p>
</disp-quote>Ein Teil der Familien entscheidet sich für internationale oder
bilinguale Schulen, weil sie keine oder nur geringe Deutschkenntnisse
verlangen, was sowohl für die Kinder als auch die Eltern den Einstieg in
den Schulalltag erleichtert. Sind weitere internationale Umzüge geplant,
ist außerdem ein vergleichsweise reibungsloser Wechsel zwischen
internationalen Schulen möglich. Jedoch kommen internationale Schulen
aufgrund ihrer strukturellen Rahmenbedingungen nicht für alle Eltern in
Frage. Zum Ersten sind internationale oder fremdsprachige Schulen in der
Mehrzahl Privatschulen, deren Besuch mit hohen Schulgebühren verbunden
ist. Zum Zweiten besteht die Zielgruppe dieser Schulen aus Kindern
international hochmobiler Eltern und der Anteil deutscher Schüler wird
zum Teil begrenzt (Weiss et al., 2014:174). Somit ist diese Schulform
unattraktiv für Eltern, die Anschluss an die lokale deutsche
Gesellschaft suchen. Zum Dritten sind internationale Schulen vor allem in
urbanen Regionen mit einem gewissen Internationalisierungsgrad, wie im
Untersuchungsgebiet, zu finden (Weiss et al., 2014:168). In anderen
Regionen ist diese Schulform nur eingeschränkt vorhanden.</p>
      <p id="d1e484">Tatsächlich hat die Schulwahl einen großen Einfluss auf das Einleben
der Familien am neuen Wohnort. So bieten internationale Schulen den Eltern
informelle Treffpunkte, was bei weiterführenden deutschen Schulen kaum
der Fall ist. Sie vermitteln aktiv Kontakte zwischen Eltern, um das Einleben
in die neue Umgebung zu unterstützen (Weiss et al., 2014:176f.).
Gleichzeitig sind die Schulen häufig Teil einer „expatriate
bubble“ (Braseby, 2010:127), in der die internationalen Eltern
untereinander Kontakte pflegen und kaum Kontakte in die deutsche
Gesellschaft außerhalb der Schule entwickeln. Sie stärken somit
weniger das lokale Zugehörigkeitsgefühl als die Zugehörigkeit zu
einer internationalen Community.</p>
      <p id="d1e487">Eltern, deren Kinder deutsche (Grund-)Schulen besuchen, haben hingegen einen
direkten Zugang zu den Alteingesessenen. Bei weiterführenden Schulen
kommen die Eltern seltener in Kontakt miteinander, und es wird ein
geringeres Interesse gegenüber Neuzugezogenen festgestellt, da schon
viele Kontakte zu anderen Eltern bestehen. Insgesamt stellt der deutsche
Schulalltag die zugewanderten Eltern häufig vor Herausforderungen. So
berichtet eine Mutter von ihren Erfahrungen mit Vertretern des deutschen
Bildungssystems:<disp-quote>
  <p id="d1e491">Es gibt dieses Sprach-Ding. Am Anfang konnte ich null Deutsch. Und
ich (…) habe den Eindruck, dass die Leute, die in den Kindergärten und
Schulen und Institutionen arbeiten, gar nicht helfen wollen. Wir fangen an zu verstehen,
dass es durchaus möglich ist, Personen zu finden, die Englisch sprechen (…),
aber unser Gefühl ist, dass Leute gar nicht bereit sind zu helfen und zu sagen, ich spreche
Englisch. (Familienmigrantin aus Portugal, in Deutschland*)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e496">Sie bewertet die Einstellung von Lehrern und Schulleitern in Deutschland als
zusätzliche Hürde in der Kommunikation mit ausländischen Eltern.
Diese Einschätzung wurde von anderen Gesprächspartnern auch in
anderen Kontexten, z.B. Ämtern, geteilt. Die Einstellung in deutschen
Institutionen spiegelt die öffentliche Debatte um Integration wider, in
der gute Deutschkenntnisse eine zentrale Forderung an die Migranten
darstellen (Vogel und Rinke, 2008:275). Somit benötigen Eltern, die
ihre Kinder auf nationale Schulen schicken, mehr als grundlegende
Deutschkenntnisse, um allgemeine Informationen zu verstehen und um mit
Vertretern dieser Institutionen in einen Austausch zu treten und ihre
eigenen Interessen sowie die ihrer Kinder zu vertreten. Hier wird deutlich,
wie das Handeln der Ankunftsgesellschaft das Einleben der Eltern nach der
Migration prägt.</p>
      <p id="d1e499">Im britischen Sample gibt es kaum Vorbehalte gegenüber dem Einstieg in
das nationale Bildungssystem. Das liegt vor allem daran, dass der Unterricht
in englischer Sprache nicht als Nachteil, sondern als Vorteil für die
Kinder wahrgenommen wird. Als zentrale Herausforderung stellt sich in
Großbritannien die Aufnahme in eine gut bewertete Schule heraus, was
jedoch nicht spezifisch für Eltern mit Zuwanderungsgeschichte ist,
sondern alle Eltern schulpflichtiger Kinder betrifft. Informationen über
die Qualität von Schulen sind öffentlich verfügbar (vgl.
<uri>https://www.gov.uk/government/organisations/ofsted</uri>). Da die Distanz zwischen
Wohnort und Schule ein entscheidender Faktor beim Zugang zu stark
nachgefragten Schulen ist, bemühen sich Eltern schulpflichtiger Kinder
um einen Wohnstandort im Einzugsgebiet einer gut bewerteten Schule, auch
wenn die Immobilienpreise in diesen Gebieten signifikant höher liegen
(Benson et al., 2015:38). Vor dem Hintergrund der Struktur des britischen
Wohnungsmarktes, der als Eigentumsmarkt gekennzeichnet werden kann (ONS,
2013), ist der Immobilienerwerb im Einzugsgebiet guter Schulen eine
Schlüsselstrategie von Mittelschichteltern, um einen Platz in einer
solchen Schule zu ergattern (Smith, 2011:658). Viele Interviewpartner
übernehmen diese nationale Strategie, insbesondere dann, wenn sie eine
unbefristete Aufenthaltsperspektive haben oder aus Herkunftskontexten
stammen, in denen Wohneigentum dominiert.<disp-quote>
  <p id="d1e506">Es ist also sein [Sohn] zweites Jahr hier an der höheren Schule;
und so haben wir das Haus gekauft, nur wegen ihm sozusagen, dass er an diese gute
Schule kommt, ansonsten hätten wir ein billiges Haus gekauft, und er wär an ne
Privatschule gegangen. (Familienmigrantin aus Deutschland, in Großbritannien)</p>
</disp-quote>Als Alternative wird die Wahl einer Privatschule identifiziert. Eltern
stehen somit vor der Wahl, ökonomisches Kapital, sofern verfügbar,
entweder in den Wohnungsmarkt zu investieren, um Zugang zu einer guten
öffentlichen Schule zu erhalten, oder in die Gebühren für
Privatschulen (Benson et al., 2015:36). Für Familien, die sich zeitlich
befristet in Großbritannien aufhalten und dort kein Eigentum erwerben
möchten, stellt sich die Frage, ob und wie sie, ohne Eigentum zu
erwerben, einen Wohnstandort im Einzugsgebiet einer guten Schule realisieren
können. Teilweise stellen Arbeitgeber Wohnraum zur Miete zur
Verfügung, dessen Attraktivität für Familien dann wesentlich von
der Zuordnung zum Einzugsgebiet guter Schulen abhängt. Die Präsenz
von schulpflichtigen Kindern im Haushalt spielt somit in vielen Fällen
eine wichtige Rolle für die Wohnstandortwahl und damit die Frage, in
welcher räumlichen und sozialen Umgebung das Einleben in das neue Umfeld
stattfindet und zu welchen sozialen Schichten Kontaktmöglichkeiten
entstehen.</p>
      <p id="d1e511">Die Wahl der Schule kann weitreichende Konsequenzen nicht nur für die
Kinder, sondern auch für die begleitenden Partner und Partnerinnen
haben, die sich für das Einleben der Kinder engagieren. So schildert
eine Mutter, dass sie ihre Tochter auf einer Schule angemeldet hatten, die
sich, wie sie später feststellten, durch Disziplinprobleme, abweichendes
Verhalten der Schüler und ein mangelndes Vertrauen des Lehrpersonals in
die Schüler auszeichnete. Diese Situation hat sich negativ auf das
eigene Kind ausgewirkt und auch die Lebensumstände der Eltern in den
ersten zwei Jahren des Aufenthalts in Großbritannien geprägt (vgl.
Elder, 1998:3ff.). Für die Mutter folgte daraus auch eine
Verzögerung der eigenen Arbeitsmarktintegration.</p>
      <p id="d1e514">Insgesamt wird deutlich, dass sich die Sorgen der Eltern hinsichtlich des
erfolgreichen Einlebens in das Bildungssystem zwischen den beiden Samples
unterscheiden. In Deutschland sind sie eng mit der Migration und der
Unterrichtssprache Deutsch verknüpft. In Großbritannien hingegen
steht die Wahl einer „guten Schule“ im Mittelpunkt.
Entsprechend unterscheiden sich die Strategien der Eltern, eine geeignete
Schule zu finden. Jedoch spielt in beiden Fällen das ökonomische
Kapital der Eltern eine wichtige Rolle für die Umsetzung ihrer
Strategien. Die Schulwahl hat schließlich einen wichtigen Einfluss auf
den Einlebensprozess des gesamten Haushaltes. Sie beeinflusst, wie viel Zeit
der Prozess in Anspruch nimmt, welche Anforderungen er an die Eltern stellt
und zu welchen Teilen der Bevölkerung die Familie einen Zugang
erhält. Somit wird auch im Zusammenhang mit der Schulwahl ein Effekt der
<italic>linked lives</italic> von Eltern und Kindern im Integrationsprozess deutlich.</p>
</sec>
</sec>
<sec id="Ch1.S6" sec-type="conclusions">
  <title>Schlussfolgerungen</title>
      <p id="d1e527">Die Ergebnisse zeigen, wie sich Eltern nach einer internationalen Migration
für das Einleben ihrer Kinder engagieren. Insbesondere begleitende
Partnerinnen und Partner widmen ihren Kindern Zeit, um nach der Migration
wieder Stabilität und Sicherheit in deren Leben herzustellen. Die
Bemühungen der Eltern, den Spracherwerb ihrer Kinder und die Integration
in das Bildungssystem zu unterstützen, wirken sich auch auf ihre eigene
Integration aus. Jedoch unterscheiden sich die Effekte in den verschiedenen
Dimensionen der Integration.</p>
      <p id="d1e530">So kann das Zusammenleben mit schulpflichtigen Kindern die Eltern zum Erwerb
der Fremdsprache motivieren und damit zur kulturellen Integration (Esser,
2003) beitragen. Auf die berufliche Integration von Familienmigrantinnen und
-migranten hingegen wirken sich Kinder im Haushalt nachteilig aus. Das liegt
zum einen temporär an den Aufgaben der Einlebensarbeit, die von den
Familienmigrantinnen und -migranten übernommen werden. Zum anderen
können sich problematische Integrationsverläufe der Kinder in das
Bildungssystem und strukturelle Rahmenbedingungen der Kinderbetreuung
negativ auf die Arbeitsmarktintegration auswirken. Hier zeigen sich auch
räumliche Unterschiede. In Deutschland führt der Mangel an
bedarfsgerechter Kinderbetreuung zu verlängerten Einlebensphasen der
begleitenden Partnerinnen. In Großbritannien betrifft das vor allem die
Partner und Partnerinnen von Hochqualifizierten mit geringem Einkommen, da
die Betreuung dort hohe Kosten erzeugt.</p>
      <p id="d1e533">Im Hinblick auf die soziale Integration haben hochqualifizierte Migrantinnen
und Migranten mit Kindern vielfältige Zugangsmöglichkeiten zu
sozialen Netzwerken, während Hochqualifizierte ohne Kinder häufig
primär über ihren Arbeitsplatz sozial am neuen Wohnort integriert
sind (Föbker et al., 2014:276, 2016:120).
Insbesondere die Schulwahl nimmt Einfluss darauf, in welche Teile der
Gesellschaft sich der Haushalt nach der Migration integriert. Auch hier
werden räumliche Unterschiede deutlich. In Großbritannien zeigt sich
die große Bedeutung der Wohnstandortwahl im Einzugsgebiet von positiv
bewerteten Schulen, um Zugang zu begehrten Schulplätzen zu erhalten.
Daraus folgt die Integration in eine sozialspezifische Nachbarschaft. In
Deutschland werden internationale Schulen nachgefragt, die aufgrund ihrer
strukturellen Rahmenbedingungen die Integration in eine <italic>Expat Bubble</italic> mit hohem
Sozialstatus begünstigen. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass
internationale Schulen in Deutschland nicht in allen Regionen in dem
Maße zur Verfügung stehen, wie dies in der Untersuchungsregion der
Fall ist. Einlebensstrategien unterscheiden sich somit auch regional.</p>
      <p id="d1e539">Die Erkenntnis, dass Kinder für das Einleben der Eltern nach der
Migration eine wichtige Rolle spielen, unterstreicht die Bedeutung des
Ansatzes der <italic>linked lives</italic> in der Migrationsforschung. Die dargestellten Ergebnisse
beruhen auf Gesprächen mit Eltern. Sie vermitteln erste Einblicke in die
Rolle intergenerationaler Beziehungen in Integrationsprozessen
hochqualifizierter Migranten, über die bisher wenig bekannt ist. Sie
geben jedoch keine Auskunft darüber, was für die Kinder selber
zentrale Herausforderungen des Einlebens sind und wie sich das Handeln der
Eltern auf die Integration der Kinder auswirkt. So ist die Schulwahl ein
zentraler Aspekt im Handeln der Eltern für das Einleben ihrer Kinder.
Vor dem Hintergrund, dass Schulcurricula eine wichtige Bedeutung für die
Entwicklung von Identitäten und Zugehörigkeiten haben (Holloway et
al., 2010:587f.), stellt sich die Frage nach den Effekten der Schulwahl auf
die identifikative Integration von Kindern nach der Migration. Auch
berichteten die Eltern wenig über die soziale Integration ihrer Kinder.
Hier wären die Stimmen der Kinder notwendig, um zu erfahren, was sie
selber unternehmen, um neue Kontakte zu knüpfen und wie ihre Handlungen
wiederum zur sozialen Integration ihrer Eltern beitragen. So betont Jenks (2009:93f.), dass Kinder aktiv an der Konstruktion ihrer eigenen sozialen
Beziehungen und der Beziehungen der mit ihnen verflochtenen Personen
beteiligt sind. Er plädiert daher dafür, die sozialen Beziehungen
der Kinder selber zu betrachten. Um die <italic>linked lives</italic> von Eltern und Kindern bei der
Migration und Integration Hochqualifizierter umfassender zu untersuchen, ist
es sinnvoll, zukünftig die Perspektive der Kinder stärker zu
berücksichtigen. Sie sind, so die Kerngedanken der <italic>new social studies of childhood, </italic>als aktive und
kompetente Akteure zu verstehen, die eine eigene Perspektive auf die soziale
Welt haben (James und James, 2001:35). Hier kann auch an die
angelsächsischen <italic>children's geographies </italic>angeknüpft werden, denen in der deutschsprachigen
Geographie bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde (Hoinle und Calba,
2015:3).</p>
      <p id="d1e555">Aus den Ergebnissen lassen sich verschiedene Handlungsempfehlungen ableiten.
Für Eltern stellt insbesondere der Zugang ihrer Kinder zum Betreuungs-
und Bildungssystem eine zentrale Herausforderung in der Einlebensphase dar.
Hier sind Beratungsangebote notwendig, die den gesamten Haushalt
hochqualifizierter Migranten berücksichtigen und somit auch kindbezogene
Fragen aufgreifen. Solche Angebote stehen hochqualifizierten
Arbeitsmigranten in unterschiedlichem Ausmaß zur Verfügung. Sie
werden teilweise von den Arbeitgebern organisiert in Form eigener
Beratungsstellen (z.B. <uri>https://www.uni-bonn.de/einrichtungen/welcome-center</uri>)
oder als Element von <italic>Relocation Packages. </italic>Letztgenannte Angebote stehen vor allem Managern
internationaler Firmen zur Verfügung, wobei das Angebot umso
umfangreicher ausfällt, je höher die Position des Beschäftigten
ist (Föbker et al., 2016:115). Für solche Beschäftigten, die
keine Beratung durch den Arbeitgeber erhalten, gibt es in einigen
Städten kommunale Willkommensagenturen, die (hochqualifizierte)
Zuwanderer auch zu Fragen des Einlebens der Familie und der Kinder beraten
(z.B. <uri>https://welcome.dresden.de</uri>). Der weitere Ausbau solcher vom
Arbeitgeber und der beruflichen Position (weitgehend) unabhängigen
Beratungseinrichtungen wäre wünschenswert.</p>
      <p id="d1e567">Da der Besuch der gewünschten Betreuungs- und Bildungsangebote in vielen
Fällen hohe Kosten erzeugt (für Privatschulen, Eigentumserwerb
etc.), ist es darüber hinaus wichtig, den Zugang auch für weniger
einkommensstarke Haushalte zu verbessern. Ein Ansatzpunkt im britischen
Kontext ist die Bereitstellung von Gästewohnungen für mobile
Beschäftigte, die durch ihre Lage im Einzugsgebiet den Zugang zu
hochwertigen Schulen erlauben. Im deutschen Kontext könnte der Nachfrage
nach internationaler Bildung durch die Förderung von öffentlichen
Schulen mit englischer Unterrichtssprache und einem internationalerem
Curriculum entsprochen werden.</p>
      <p id="d1e570">Nicht zuletzt spielt für die Integration in das nationale Bildungssystem
auch der Umgang von Lehrern und Schulleitern mit fremdsprachigen Eltern eine
Rolle. Hier geben die Ergebnisse aus dem deutschen Kontext Anlass, die
Einstellung und den Umgang mit Nicht-Muttersprachlern in deutschen
Behörden grundsätzlich zu überdenken.</p>
</sec>

      
      </body>
    <back><notes notes-type="dataavailability">

      <p id="d1e577">Das Interviewmaterial ist nicht öffentlich zugänglich, da den
Gesprächspartnern Vertraulichkeit und Anonymität zugesichert wurde.
Dazu zählt, dass die Gesprächsinhalte vertraulich behandelt und
ausgewertet werden sowie Informationen in wissenschaftlichen Artikeln nur in
anonymisierter Form dargestellt werden.</p>
  </notes><notes notes-type="competinginterests">

      <p id="d1e583">Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt
besteht.</p>
  </notes><ack><title>Danksagung</title><p id="d1e589">Die beiden Projekte in Deutschland wurden gemeinsam mit Daniela Imani, Josef
Nipper, Marius Otto, Carmella Pfaffenbach, Günther Weiss und Claus-C.
Wiegandt bearbeitet, denen ich herzlich danken möchte. Ebenso
gebührt mein Dank Heike Jöns, der Gastgeberin meines
Forschungsaufenthaltes in Großbritannien. Danken möchte ich
schließlich auch der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die
Finanzierung der Projekte in Deutschland und dem Deutschen Akademischen
Austauschdienst, der das Projekt in Großbritannien im Rahmen eines
Postdoc Stipendiums gefördert hat.<?xmltex \hack{\newline}?><?xmltex \hack{\newline}?>
Edited by: Benedikt Korf<?xmltex \hack{\newline}?>
Reviewed by: two anonymous referees</p></ack><ref-list>
    <title>Literatur</title>

      <ref id="bib1.bib1"><label>1</label><mixed-citation>
Ackers, L.: Managing relationships in peripatetic careers: Scientific
mobility in the European Union,  Women. Stud. Int. Forum,  27, 189–201, 2004.</mixed-citation></ref>
      <ref id="bib1.bib2"><label>2</label><mixed-citation>
ARL: Migration und Raumentwicklung,  Positionspapier 105, Hannover, 2016.</mixed-citation></ref>
      <ref id="bib1.bib3"><label>3</label><mixed-citation>
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    <!--<article-title-html>Familienmigration bei Hochqualifizierten:   wie intergenerationale Beziehungen das Einleben prägen</article-title-html>
<abstract-html><p class="p">This paper addresses family migration amongst highly-skilled professionals.
Drawing on the concept of linked lives, it analyses how the linked lives of
parents and children affect integration processes after international
migration. The article is based on qualitative interviews with
highly-skilled migrants and their accompanying partners in Germany and Great
Britain. The analysis illustrates how parents try to reestablish stability
and security in their children's lives after migration. It reveals common
concerns. However, some of the parents' strategies are location-specific.
The results indicate that the parents' efforts for their children's
integration also have an effect on their own integration. Given the
importance of children in the integration process, the paper suggests paying
more attention to the children's perspective in future migration research.</p></abstract-html>
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