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    <publisher-loc>Göttingen, Germany</publisher-loc>
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      <article-id pub-id-type="doi">10.5194/gh-73-261-2018</article-id><title-group><article-title>Einführung: Die ungeheuerliche Raumphilosophie <?xmltex \hack{\break}?> von Peter Sloterdijk</article-title><alt-title>Einführung: Die ungeheuerliche Raumphilosophie von Peter Sloterdijk</alt-title>
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          <name><surname>Runkel</surname><given-names>Simon</given-names></name>
          <email>simon.runkel@uni-heidelberg.de</email>
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      <author-notes><corresp id="corr1">Simon Runkel (simon.runkel@uni-heidelberg.de)</corresp></author-notes><pub-date><day>16</day><month>October</month><year>2018</year></pub-date>
      
      <volume>73</volume>
      <issue>4</issue>
      <fpage>261</fpage><lpage>272</lpage>
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        <date date-type="received"><day>10</day><month>July</month><year>2018</year></date>
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      <license license-type="open-access"><license-p>This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 International License. To view a copy of this licence, visit <ext-link ext-link-type="uri" xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</ext-link></license-p></license></permissions><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/73/261/2018/gh-73-261-2018.html">This article is available from https://gh.copernicus.org/articles/73/261/2018/gh-73-261-2018.html</self-uri><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/73/261/2018/gh-73-261-2018.pdf">The full text article is available as a PDF file from https://gh.copernicus.org/articles/73/261/2018/gh-73-261-2018.pdf</self-uri>
      <abstract>
    <p id="d1e92">This article serves as introduction for a themed issue on
Peter Sloterdijk's enormous philosophy of space. It invites scholars from
various disciplines to critically engage with Sloterdijk's thought and
discusses briefly the contributions made in this special issue. The paper
gives some orientation on the anthropological and social philosophy
Sloterdijk deploys within his oeuvre, and illuminates the various fields of
social and cultural research his ideas have informed so far. The editorial
identifies four possible fields of interest within human geography that
could gain by engaging with Sloterdijk's thought, namely urban and
architectural theory, new technologies, political geographies and critical
social geography. The article also discusses the necessity of a critical
distance to the philosophical premises on which Sloterdijk grounds his
philosophy as well as his role as notorious commentator on political issues
in Germany.</p>
  </abstract>
    </article-meta>
  </front>
<body>
      

<sec id="Ch1.S1" sec-type="intro">
  <title>Einleitung</title>
      <p id="d1e102">Peter Sloterdijk schreibt im ersten Band seiner Sphären-Trilogie:
„Das vorliegende Projekt ‚Sphären‘ lässt sich auch
als Versuch verstehen, das in Heideggers Frühwerk subthematisch
eingeklemmte Projekt <italic>Sein und Raum</italic> [<inline-formula><mml:math id="M1" display="inline"><mml:mi mathvariant="normal">…</mml:mi></mml:math></inline-formula>] aus seiner
Verschüttung zu bergen“ (Sloterdijk, 1998:345, Hervorhebung im
Original). Seine Schriften sind demnach von dem Unternehmen geprägt, Raum
und Zeit als mit Gesellschaft und Kultur verwobene, ja, als im menschlichen
Zusammenleben in spezifischer Weise hervorgebrachte Dimensionen zu denken.
Raum bzw. die „Republik der Räume“ (Sloterdijk, 2004:25) wird
bei ihm zu einem zentralen Element der Gesellschafts- und Kulturproduktion
sowie deren Analyse, weshalb man ihn als einen geographisch denkenden
Philosophen bezeichnen könnte. So wird Sloterdijks Raumbegriff in den
bisherigen raumwissenschaftlichen Beiträgen aus Geographie, Soziologie,
Architektur und Philosophie als besonders elaboriert angesehen (Busch, 2007;
Elden und Mendieta, 2009; Günzel, 2006; Morin, 2009; ten Bos, 2009;
Rashof, 2018). Er entwickelt ihn aus den Gedanken von Martin Heidegger, die
dieser im Buch „Sein und Zeit“ sowie im Essay „Bauen,
Wohnen, Denken“ ausarbeitet.<fn id="Ch1.Footn1"><p id="d1e115">Vgl. Sloterdijks (2016a:209ff.)
Apologetik zu Heideggers Verbindung zum Nationalsozialismus. Dessen
Antisemitismus spielt er dabei herunter (Sloterdijks, 2016a:242).</p></fn> Dabei ist
für beide Philosophen das „Wohnen“ der Ausgangspunkt der
Raumkonstitution. Wohnen verstehen sie als einen Prozess in dem sich Menschen
zusammen mit anderen Menschen und Dingen zu bestimmten Zeitpunkten auf der
Erdoberfläche einrichten (Heidegger, 1994[1954]). Der Ausdruck „ich
bin“ heißt für beide Denker (Heidegger, 1994[1954]; Sloterdijk,
2004) so viel wie sich an einem bestimmten Orte aufzuhalten. Für
Sloterdijk öffnet sich „Raum“ von Orten her, die wiederum
durch Dinge ihre Bedeutung bekommen. Es gibt somit nicht „den
Raum“, sondern vielmehr entwerfen Menschen zusammen mit der
Dinglichkeit von Orten verschiedene Räumlichkeiten (Sloterdijk, 2001a).
Menschliche Welterfahrung fasst Sloterdijk als Bewegung auf, die
Räumlichkeit entfaltet. Sein Raumbegriff ist also kein geometrisch
verfasster euklidischer Raum, sondern umfasst territoriale, symbolische,
soziale, technische, historische und ästhetische Dimensionen (Sloterdijk,
1998:84–85; Busch, 2007:116; Günzel, 2006:117). Aufgrund seiner
dimensionalen Vielfältigkeit eignet sich Sloterdijks Raumbegriff zur
empirischen Gesellschafts- und Kulturanalyse in Zeiten der Globalisierung
(Gielis und van Houtum, 2012; Boos, 2013; Brighenti und Pavoni, 2017; Runkel,
2014) genauso wie zur Ausarbeitung politischer Perspektiven, die auf die
kommenden Herausforderungen der Menschheit, wie die Ressourcenknappheit, den
Klimawandel und dem globalen Terrorismus, Bezug nehmen (Sloterdijk, 2015;
Hemelsoet, 2009; Wastl-Walter und Korf, 2016; Žižek, 2009).</p>
      <p id="d1e119">In der englischsprachigen Geographie scheint Sloterdijk als Raumphilosoph
bereits wahrgenommen worden zu sein, wie die 2009 erschienene Sonderausgabe
„The Worlds of Peter Sloterdijk“ in der Zeitschrift
Environment and Planning D zeigt. Obwohl einzelne Aspekte aus Sloterdijks
Werken wie seine Überlegungen zum „Zur-Welt-Kommen“ in
raumphänomenologischer Lesart (Hasse, 1997, 1999), der Begriff
der <italic>Oikuméne</italic> aus seiner Sphärentrilogie als Ansatz zur Mensch-Umweltforschung
(Helbrecht, 2003:178f.) oder seine kritischen Erörterungen zur
zynischen Vernunft im Kontext von Umweltschutz (Oßenbrügge, 1993:111)
und Entwicklungspraxis (Korf, 2004:223f.) schon seit den späten
1990er Jahren in der deutschsprachigen Humangeographie Erwähnung fanden,
werden Sloterdijks Arbeiten dort erst seit kurzer Zeit vertiefend besprochen
und analytisch in Wert gesetzt (Boos, 2013, 2015; Runkel, 2014, 2017;
Wastl-Walter und Korf, 2016:106ff.). Diese zögerliche Rezeption kann
mit den von Sloterdijk in der Medienöffentlichkeit ausgelösten
Kontroversen zusammenhängen oder könnte auf dessen vagen und
Metaphern-reichen Schreibstil, der in der Tradition der Philosophen
Heidegger und Nietzsche steht, beruhen (Gumbrecht, 2009; Hemelsoet, 2009:305; Weibel, 2009). Seine geringe Beachtung in der deutschsprachigen
Geographie lässt sich aber gemeinhin auch als
wissenschaftssoziologisches Phänomen in den letzten Dekaden ausmachen:
so weisen Korf und Verne (2016) darauf hin, dass deutschsprachige
Denker*innen, vor allem geisteswissenschaftlicher Herkunft, wenn
überhaupt, dann oft erst über deren angelsächsische Rezeption in
deutschsprachige, humangeographische Diskurse Eingang finden.</p>
      <p id="d1e125">Wir nutzen diese Einführung in das Themenheft als Einladung über die
Bedeutung von Sloterdijks Denken und gesellschaftspolitischen Konzepten
für die Analyse gegenwärtiger Phänomene nachzudenken. Als
Orientierungshilfe werden die anthropologische Sozialphilosophie Sloterdijks
und die bisherigen Forschungsfelder der Sozial- und Kulturwissenschaften, in
denen Sloterdijks Ideen Verwendung finden, vorgestellt. Dabei werden die
Beiträge des Themenhefts in die Diskussion der theoretischen
Ausführungen Sloterdijks und die als fruchtbar identifizierten
Forschungskontexte (Stadt und Architektur, neue Technologien sowie
politische Geographie und Gesellschaftsanalyse) eingeordnet. Im
Schlusskapitel werden Denkanstöße zum Gebrauch seiner Konzepte
gegeben, wobei in unseren Ausführungen die Frage im Vordergrund steht,
inwieweit eine kritische Reflektion von Sloterdijks Werken notwendig ist.
Welche Konzepte eignen sich zur Weiterentwicklung und welche Aspekte sind
kritisch zu betrachten? Welche Denkwürdigkeiten und Ungeheuerlichkeiten
haften seinen anthropologischen, sozialtheoretischen, philosophischen und
politischen Überlegungen an und wie kann seine metaphorische und
ungefähre Sprache in die konkreten Anliegen der Geographie
überführt werden?</p>
</sec>
<?pagebreak page262?><sec id="Ch1.S2">
  <?xmltex \opttitle{Sloterdijks anthropologische Sozialtheorie als Schaumdeutung: {\glqq}soziale{\grqq}
Immunologie, Atmosph\"{a}ren, Klima-Inseln und Gesellschaft als
Raumvielheit}?><title>Sloterdijks anthropologische Sozialtheorie als Schaumdeutung: „soziale“
Immunologie, Atmosphären, Klima-Inseln und Gesellschaft als
Raumvielheit</title>
      <p id="d1e135">Es fällt schwer Sloterdijks philosophische Arbeiten in gängigen
wissenschaftstheoretischen Kategorien zu verorten. Einige Autoren wie Narholz
(2009:315) und Safranski<fn id="Ch1.Footn2"><p id="d1e138">Der Literaturwissenschaftlicher Rüdiger
Safranski wird zuweilen mit Sloterdijk in einem Atemzug genannt. Beide
machten durch ähnliche Kommentare zur sog.
„Flüchtlingskrise“ insofern auf sich aufmerksam, indem sie
sich für eine stärkere Grenzsicherung aussprachen. Herfried
Münkler (2016) bezeichnete beide Autoren pointiert als
„Grenzschließer unter den Intellektuellen“.</p></fn> (2009:76)
situieren sein Denken im Schnittpunkt zwischen Phänomenologie und
Existentialphilosophie. Sie begründen dies damit, dass er als
Ausgangspunkt seines Verständnisses der Mensch-Weltbeziehung Heideggers
Bild des Menschen als raumbildendes Wesen nimmt und andererseits Nietzsches
Ausführungen zum Ressentiment weiterentwickelt, um die heutige
ökonomisch-politische Lage in unseren Gesellschaften zu beschreiben.
Jedoch greift die Einordnung in die Phänomenologie – hier zeigt er vor
allem Interesse an einem (neo-)phänomenologischen Explikationismus wie
ihn z.B. Hermann Schmitz<fn id="Ch1.Footn3"><p id="d1e142">Hermann Schmitz wird an manchen Stellen in
Sloterdijks Werken Anerkennung gezollt. Thiele (2013:56f.) vermutet, dass
Schmitz' Neue Phänomenologie maßgeblichen Einfluss auf Sloterdijk
hatte. Dieser behauptete hingegen auf dem Symposium der Gesellschaft für
Neue Phänomenologie im April 2016 in Rostock, ein eher flüchtiger
Rezipient des Werkes von Schmitz zu sein.</p></fn> vertritt (Sloterdijk, 2004:74–75,
208ff.) – zu kurz. Wie Ernste (2018) in diesem Heft und zuvor van Tuinen
(2006[2004], 2009:109) darlegen, gründen seine Überlegungen nicht nur
auf Heideggers Fundamentalontologie und Nietzsches Posthumanismus, sondern
beziehen sich ebenso auf die Tradition der philosophischen Anthropologie
(Gehlen, Plessner, Scheler). Ferner bezieht sich Sloterdijks Raumphilosophie
auf vielfältige Ansätze wie die Neo-Monadologie Gabriel Tardes, die
ästhetische Theorie Bazon Brocks, der Raumphänomenologie Gaston
Bachelards oder die Medientheorien von Vilém Flusser und Michel Serres.
In seinen Texten wirkt die Fülle der Referenzen zuweilen
übertrieben<fn id="Ch1.Footn4"><p id="d1e146">Sloterdijks Bücher haben neben einer Vielzahl
von Abbildungen noch weitere Eigenschaften. Er äußerte sich – etwas
selbstgefällig – in einem Interview (Sloterdijk, 2014a) dazu: „Der
Eindruck von Belesenheit ist eine Nebenwirkung der kontinuierlich besetzten
inneren Redaktion. Da gibt es immer einen freien Mitarbeiter, der für
ankommende Kuriosa zuständig ist und sie abheftet. Vielleicht<?pagebreak page263?> bin ich
auch ein bisschen der Lexikon-Mann. Materialreichtum ist eines meiner
Markenzeichen. Ich schreibe immer im Zwiegespräch mit einer Bibliothek.
Hierin bin ich mit Hans Blumenberg verwandt. Meine Frau hasst das, sie meint,
es sei ein Ausweichen ins Historische. Ich sehe das aber ganz anders. Zu
meiner Autorenethik gehört, dass ich Zitate nicht kleiner drucken lasse
als den eigenen Text. Die Germanisten-Halunken und die Soziologen-Canaille
erkennt man daran, dass sie Sätze von Goethe und Max Weber zwei Punkte
kleiner setzen lassen.“</p></fn>, vor allem dann, wenn er abwegige und
randständige Autor*innen heranzieht und einer umfangreichen Diskussion
unterzieht (z.B. Emil Cioran in Sloterdijk, 2001c, und 2009a:118ff.; oder die
Schriften des Scientologen L. Ron Hubbard in Sloterdijk, 2009a, 154ff.).</p>
      <p id="d1e150">Laut Borch (2009:373) ist der dritte Teil von Sloterdijks
Sphären-Trilogie (Sloterdijk, 2004), der „am stärksten
soziologisch ausgerichtete Band“. Hier entwickelt er seine soziologische
Sprache, die soziale Sachverhalte mittels biologischer, technischer und
klimatologischer Metaphern zu fassen sucht. Gesellschaften sind für
Sloterdijk (2004:57) als „Räume-Vielheiten“ und
„Prozess-Vielheiten“ zu verstehen, die immunologisch verfasst
sind (Sloterdijk, 2009a). Mit der Metapher des „Immunsystems“,
die er in seiner Sphären-Trilogie entwickelt und im Werk
„Du sollst dein Leben ändern“ (2009a) weiter ausbaut sowie politisch zu
deuten beginnt, erweist sich Sloterdijks „Sozialtheorie“ als
aus der menschlichen Gattungsgeschichte abgeleitete anthropologische
Sozialtheorie, die sich in seinem Theorieentwurf zweier bekannter
anthropologischen Grundannahmen bedient. Zum einen schließt er sich dem
Bild Helmuth Plessners (2016[1928]) vom „exzentrischen“
Menschen an, der sich aufgrund seiner „moralisch und
epistemologisch ekstatische[n] [<inline-formula><mml:math id="M2" display="inline"><mml:mi mathvariant="normal">…</mml:mi></mml:math></inline-formula>] Position gegenüber sich
selbst“ (Sloterdijk, 2009a:517) im Prozess der Menschwerdung selbst
erzeugt. Diese Selbsterzeugung des Menschen gründet laut Sloterdijk im
von Arnold Gehlen und Max Scheler formulierten Umstand, dass der Mensch in
hohem Maße unfertig geboren wird; unfertig, da der menschliche
Säugling im Gegensatz zum tierischen nach der Geburt noch über Jahre
zum Überleben auf Hilfe durch andere angewiesen ist. Diesem Gedanken
folgend nimmt Sloterdijk (2004, 2009a) die Unfertigkeit des Menschen als
Grund für dessen Weltoffenheit an. Die Offenheit und Formbarkeit des
Neugeborenen interpretiert Sloterdijk jedoch nicht wie Gehlen als Mangel an
Instinkt, sondern als Überschuss an Wahl- und
Entwicklungsmöglichkeiten. Die menschliche Unfertigkeit ist für ihn
die Voraussetzung der Menschwerdung, da sie dem Menschen erlaubt sich wie
kein anderes Lebewesen Techniken der Welteinrichtung anzueignen (Sloterdijk,
2001b:201).</p>
      <p id="d1e160">Mit diesen anthropologischen Überlegungen macht sich Sloterdijk daran
Heideggers Fundamentalontologie kritisch weiterzuentwickeln.<fn id="Ch1.Footn5"><p id="d1e163">Er
wirft Heidegger vor die anthropologischen Erkenntnisse seiner Zeit zu
ignorieren, womit sich dieser den entwicklungsgeschichtlichen Blick auf den
Prozess der Menschwerdung verstelle (Sloterdijk, 2001a).</p></fn> Die geburtliche
Weltoffenheit wird für Sloterdijk zu Begründung der Weltlichkeit des
Menschen und folglich formuliert er Heideggers Formel
„In-der-Welt-Sein“ in die Formel „Zur-Welt-Kommen“
um. Von Heidegger übernimmt er die Konzeption des Menschen als dasjenige
Wesen, das sich Welt begegnen lassen kann, will heißen, nur dem Menschen
ist es möglich Wahrhaftigkeiten in der Welt zu erkennen. Das Erkennen von
Welt ist dabei ein ekstatischer Prozess, der mit einer
<?xmltex \hack{\mbox\bgroup}?>“ent-fernenden”<?xmltex \hack{\egroup}?> Bewegung in eins fällt, denn die dem Menschen
begegnenden Dinge werden von ihm aus dem Zustand des Unbekannten in die
emotionale Nähe des Bekannten gerückt (Heidegger, 1986[1927]:105).
Wie für Heidegger ist für Sloterdijk der Mensch ein Wesen, das sich
in der Welt einrichtet, indem es Nähe-Felder aus Menschen und Dingen
einrichtet, wobei er diese Nähe-Felder als „Sphären“ bzw.
„Blasen“ bezeichnet (Sloterdijk, 2001a). „Welt“ wird
gedacht als Mitwelt; Dasein als Mitsein mit anderen (Dingen, Ideen und
Menschen).</p>
      <p id="d1e171">Im Gegensatz zu Heidegger lehnt Sloterdijk jedoch dessen Idee der
Geworfenheit ab und ersetzt diese, in Anlehnung an Hannah Arendt
(1981[1960]) und Thomas Macho, durch das Prinzip Geburtlichkeit (Sloterdijk,
1988; Sloterdijk 1998:298ff.; Sloterdijk und Heinrichs, 2001:174). Wo
Heidegger annimmt der Mensch vollziehe in seinem Leben eine vertikal
zeitliche Bewegung – der Mensch wird von seiner Geburt in die Welt geworfen
und fällt, zeitlich gesehen, in Richtung Tod – fokussiert sich
Sloterdijk in seinen philosophischen Analysen auf die
horizontal-räumliche Bewegung des Menschen auf der Erde. Wo Heidegger
das Sein und die Zeitlichkeit des Menschen als primäres
Untersuchungsobjekt seiner Philosophie setzt, konzentriert sich Sloterdijk
in seinen gedanklichen Untersuchungen auf den Erfahrungsraum des Menschen
auf der Erde (Sloterdijk, 2001a).</p>
      <p id="d1e175">Aufgrund seiner weltoffenen Geburtlichkeit kann Sloterdijks Mensch nicht
umstandslos in der Welt sein, sondern muss sich in
symbolisch-sozial-materiell-technischen Räumen einwohnen. Diese
Räume fügen sich zu den Bewandtnisganzheiten zusammen, die
Sloterdijk Blase oder Sphäre nennt. Innerhalb seines Lebens muss der
Mensch in immer neue Sphären ein- und umziehen und kommt dadurch
ständig unter verschiedenen Umständen neu zur Welt (Sloterdijk,
1998, 2001a; vgl. hierzu auch ten Bos, 2009).</p>
      <p id="d1e178">Diese prozesshafte Formulierung der Menschwerdung als ständige Neugeburt
ist Grundlage für seine am Humanismus formulierte Kritik (Sloterdijk,
1999b), die zugleich den Ausgangspunkt für die Entfaltung seiner
Immunologie darstellt. Für Sloterdijk könne der Humanismus die Frage
nach dem Wesen des Menschen nicht stellen, da er von einem gedanklich
erzeugten und damit von einem schon vorgefertigten Menschbild, dem
vernunftbegabten und welterkennenden Menschen, ausginge. Dies hält
Sloterdijk, Heidegger folgend, für einen Zirkel- bzw. Trugschluss, denn
man kann nicht erklären, was man bereits als gegeben voraussetzt
(Sloterdijk, 1999b). Der Mensch ist für Sloterdijk nicht plötzlich
auf der Erdoberfläche erschienen. Die Fähigkeit des Welterkennens
und die Ausbildung von Vernunft sieht er als<?pagebreak page264?> einen nie endenden und
langfristigen Prozess der Menschwerdung. Für Sloterdijk gilt es, das
Wesen des Menschen aus der Rekonstruktion der Entwicklungsgeschichte der
Menschheit freizulegen, denn, der historischen Anthropologie folgend, der er
sich hier anschließt, sei „‚der Mensch‘ von
Grund auf Produkt und kann – in den Grenzen bisherigen Wissens – nur
verstanden werden, indem man seinen Produktionsverfahren und
-verhältnissen analytisch nachgeht“ (Sloterdijk, 2001b:152). Dabei
kommt er zum Schluss, dass der Mensch sich über die Jahrtausende in der
Auseinandersetzung mit seiner materiellen und sozialen Umwelt selbst
domestiziert hat, womit er Heideggers Kritik am Humanismus auf eine
menschheitsgeschichtliche Grundlage stellt (Sloterdijk, 2001b).</p>
      <p id="d1e181">Resümierend stellt Sloterdijk fest, dass die frühen Menschen durch
ihre Weltoffenheit und damit verbunden mit dem Erkennen von den
Funktionsweisen der Erde lernten, sich den Gefahren zu widersetzen, denen sie
unentwegt ausgesetzt sind. Das grundlegende Prinzip um den Gefahren zu
begegnen, ist die Einübung erfolgreicher Überlebensstrategien und
deren Routinisierung. Die aus der Gefahrenabwehr entstehenden Systeme nennt
er Immunsysteme. Neben dem biologischen Immunsystem identifiziert er zwei
Immunsysteme, die er als kulturelle Leistungen der Menschen sieht: die
sozio-immunologischen Praktiken im Bereich des sozialen Miteinanders und die
psycho-immunologischen Praktiken im Bereich des Symbolischen. In beiden
Fällen handelt es sich um menschliche Techniken, Anthropotechniken, durch
deren Einübung sich Menschen Welt aneignen und gemeinsam in ihr
einrichten (Sloterdijk, 2009a:19–23). Als Beispiele von Anthropotechniken
nennt Sloterdijk sowohl das Benutzen von Steinwerkzeug (Sloterdijk,
2001:179–184) als auch das Schul- und Erziehungswesen (Sloterdijk,
2001b:202, 2009a:563, 679–685).</p>
      <p id="d1e184">Die aus dem Zusammenspiel der Anthropotechniken sowie deren Auswirkungen
entstehenden gemeinsamen Welteinrichtungen, die Sphären oder Blasen,
stehen zugleich im Spannungsfeld zwischen Weltoffenheit und
Abschließung. Die Innen-Außen-Spannung bzw.
Offenheits-Abschließung-Spannung verleiht den Sphären dabei ihre
Dynamik und wird in ihnen nie aufgelöst (Sloterdijk, 2004:56). Durch
die Übertragung des Außen in das Innen und das Üben von
Anthropotechniken kann eine Blase expandieren. Dabei werden eigene
Stressoren in Form von Immunreaktionsroutinen aufgebaut, die die
Eindringlinge eliminieren oder abschwächen (Sloterdijk, 2004:250–251).
Sloterdijk macht jedoch in seinen Ausführungen deutlich, dass die
Expansion nicht über ein bestimmtes Maß erfolgen kann, da sonst die
Sphäre zerfällt. Hier greift nach Sloterdijk das Prinzip
„Nachbarschaft“. Eine Gesellschaft ist keine große
Sphäre, die alle Menschen in einem bestimmten Territorium einschließt,
sondern eine Nachbarschaft von vielen Blasen, dem „Schaum“,
deren Ähnlichkeit sich z. B. durch nationale Einheitsphantasien und der
Infrastrukturausstattung herstellt. Menschen, aber auch Dinge, Ideen etc.
bevölkern mehrere Blasen und auch mehrere Schäume zugleich
(Sloterdijk, 2004:56–57).</p>
      <p id="d1e187">Die Verbreitung von Ähnlichkeiten ereignet sich nach Sloterdijk nicht
primär durch Kommunikation, sondern folgt einer mimetischen
Ausbreitungslogik, ein Gedanke den er von Tarde übernimmt. Sein
begriffliches Angebot des Schaums ist damit neo-monadologisch konzipiert
(Runkel, 2017; Sloterdijk, 2004:61). Für ihn ist Gesellschaft
„ihre Raumtemperatur, sie ist die Qualität ihrer
Atmosphäre“ (Sloterdijk, 1999a:1011) bzw. „ein Aggregat
aus Mikrosphären (Paare, Haushalte, Betriebe, Verbände)
verschiedenen Formats, die wie die einzelnen Blasen in einem Schaumberg
aneinandergrenzen und sich über- und untereinander schichten, ohne
füreinander wirklich erreichbar noch voneinander effektiv trennbar zu
sein“ (Sloterdijk, 2004:59). Er preist hierbei eine Beobachtung Tardes,
dass Gesellschaften raumfordernde Größen seien und – nur
beschränkt von der Schwerkraft – sich das „Gemeinwesen aus
Menschentrauben“ (Sloterdijk, 2004:298f.) materiell in die Luft heben
würde.</p>
      <p id="d1e190">Gesellschaft ist für Sloterdijk somit eine spezifische
Schaumkonstruktion, wobei die atmosphärisch verfasste soziale Immunologie
das generelle Ordnungsmoment sozial-kultureller Sachverhalte ist. Unter
Atmosphären, versteht er „gefühlsgetönte
Bewandtnisganzheiten“, in denen sich Mehrere zusammen aufhalten und
dabei „den Nähe-Raum füreinander tönen und
einräumen“ (Sloterdijk, 1999a:147). Als Bewandtnisganzheiten
umfassen Atmosphären die ganze Bandbreite möglicher Beziehungen
zwischen Menschen und Dingen. Sympathie, Vertrauen und Familiarität, kurz
die emotionale und affektive Verfasstheit von Bindungen sind die
Grundbegriffe seiner anthropologischen Sozialtheorie. Dies kleidet er in ein
technisch und biologisches Vokabular<fn id="Ch1.Footn6"><p id="d1e193">Zuweilen versteigt sich
Sloterdijk in relativ krude biopolitische Ansichten wie z.B. in seiner
Diskussion – inklusive Schulterschluss zu Huntingtons „Kampf der
Kulturen“ (2006) – des Bevölkerungswachstums in der arabischen und
afrikanischen Welt, wo er nicht zurückschreckt von „verwilderte[n]
Kampffortpflanzungen“ und „biologische[n] Explosiva“ zu
sprechen (Sloterdijk, 2016a:58f.).</p></fn> und schreibt von Immunsystemen,
Insulation, Atmosphären und Klimatechniken, um die Verschränktheit
von Kultur, Sozialem, Technik und „Natur“ aufzuzeigen
(Sloterdijk, 2004:59; Sloterdijk und Heinrichs, 2001:245). Ferner deuten die
Begriffe „Sphäre“ und „Atmosphäre“ darauf
hin, dass Menschen keine Schnittpunkte von Beziehungslinien sind, wie
konstellationistische Ansätze wie z.B. Netzwerktheorien suggerieren,
sondern Pole in einem multipolaren affektschwingenden Nähe-Feld
(Sloterdijk, 2004:257). Menschen bewohnen für Sloterdijk
„Klima-Inseln“, wobei Klima zunächst „eine
kommunitarische Größe und erst danach einen meteorologischen
Sachverhalt“ (Sloterdijk, 1999a:147) bezeichnet. Auch wenn die
einzelnen und zu Schaum verquirlten Zellen der Gesellschaft autopoetischen
Systemen Luhmannscher Provenienz ähnlich sind (Borch, 2009:377), grenzt
sich Sloterdijk durch seine soziale Klimatologie von der Systemtheorie
kommunikativer Prägung deutlich ab (Sloterdijk, 2004:59). Nach Sloterdijk
basieren soziale Gebilde nicht primär auf Kommunikation, sondern zugleich
auf sozialen, emotionalen und dinglichen Austauschbeziehungen.</p>
      <p id="d1e198">Aus dem immunologischen Verständnis der Menschen- und
Gesellschaftsentwicklung, das die Einrichtung des Menschen in der Welt als
Einübung von Anthropotechniken denkt, wird von Sloterdijk das in der
modernen Wissenschaft übliche Gegensatzpaar „Natur“ und
„Kultur“ als analytisch unbrauchbares Differenzsystem
überführt. Diese konzeptuell voneinander getrennten Sphären
entwickeln sich laut Sloterdijks Immunologie stets in untrennbarer
Gleichzeitigkeit (Sloterdijk, 1998:131–132, 2004:705; van Tuinen, 2009:108).
Wie Folkers und Marquardt (2018) in diesem Heft zeigen, ist die
„Umwelt“ im sphärologischen Denken kein Gegenpart des
Menschen mehr. Biologische und kulturelle Faktoren greifen in den Sphären
ineinander, wodurch Sloterdijks Immunologie durchaus das Potential hat zu
einer ökologischen Kosmopolitik ausgebaut zu werden, auch wenn hier
einige Korrekturen am Sloterdijk'schen Denkdesign notwendig scheinen. Es
ergibt sich beispielsweise die Frage ob Makrosphären ebenfalls
nachbarschaftlich, aus mehreren kleinen Blasen, aufgebaut oder
„blasenfreie“ Gebilde sind? Eine mögliche Interpretation legt
Boos (2015, 2016) vor, die die Immunisierungsmetaphorik Sloterdijks
aufgreift. Er schlägt vor, große Sphären als Generalisierungen
von Blasennachbarschaften zu konzipieren. Makrosphären breiten sich
demgemäß über Nachbarschaften von Blasen übergreifend aus.
Sie nimmt dabei zwar Teile aus diesen Blasen in sich auf, dies jedoch nur in
generalisierter Form. Die übernommenen Elemente sind in Wirklichkeit also
transformierte Elemente, die Ähnlichkeit mit den „Originalen“
aufweisen ohne mit ihnen übereinzustimmen. Die Kopplung des Innen an ein
Außen hat in diesem Sinn immunologischen Charakter, das heißt
äußere Stressoren werden in innere transformiert.</p>
      <p id="d1e201">Da Blasen aus der menschlichen Tendenz des Ent-Fernens resultieren und
Nähe-Felder darstellen, kann Sloterdijks Sozialtheorie als eine Theorie
der „starken Beziehung“ (Sloterdijk, 1998:641–642) angesehen
werden. Er entwickelt dabei keine Unterscheidung zwischen den Begriffen
„Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ (Boos, 2013:78),
was Ernste (2018) in diesem Heft zur Kritik führt, dass Sloterdijk die
befreiende Wirkung ignoriert, die aus schwachen Beziehungen von Menschen
untereinander hervorgeht. Ernste (2018) schlägt vor, die
Gesellschaftstheorie der schwachen Beziehungen, die Helmuth Plessner in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entfaltete, als Gegenpol zu
Sloterdijks Denken einzuführen. Freiräume der persönlichen
Entfaltung können ein Gegengift für allzu dichte Nationalphantasien,
die Sloterdijks Sozialtheorie implizieren könnten, bereitstellen.
Ernste (2018) drängt daher darauf, die Unterscheidung zwischen
Gesellschaft und Gemeinschaft als eine soziologisch-anthropologische
Leitunterscheidung beizubehalten.</p>
      <p id="d1e204">Trotz der berechtigten Kritik hat die Konzentration der Sphärologie auf
Atmosphären für die raumdenkenden Sozial- und Kulturwissenschaften den
Vorteil, dass nicht nur Kommunikation oder soziales Handeln im
Untersuchungsfokus stehen, sondern die Räumlichkeit der Menschen, Ideen
und Dinge. So zeigen einige sphärologische empirische Arbeiten der
letzten Jahre, dass Stimmungen, materielle Ausstattungen und architektonische
Größen sozial hoch wirksame Dimensionen sind. Blasennachbarschaften
werden dabei empirisch aus verschiedenen Perspektiven untersucht. Als
Zugangspunkte kann das soziale Feld eines gemeinsamen Lebensthemas wie
Ethnizität (Boos, 2013, 2015), Vergemeinschaftung im
außergewöhnlichen Erlebnis und Eventmanagement (Runkel, 2014) oder
Religion (Boos, 2016; Sahr, 2018, erscheint in diesem Heft),
baulich-materielle Strukturen wie Toiletten (Borch, 2009), die Organisation
öffentlicher Sicherheit (Klauser, 2010; Runkel, 2014), <italic>shopping malls</italic> (Brighenti und Kärrholm, 2018 in diesem Heft) oder <italic>smart homes</italic> (Folkers und Marquardt, 2018 in diesem Heft) sowie spezielle
Atmosphären wie dem der „Animosität“ (Brighenti und
Pavoni, 2017) dienen.</p>
</sec>
<?pagebreak page265?><sec id="Ch1.S3">
  <title>Sloterdijk und die Stadt: Architektur in der Massengesellschaft</title>
      <p id="d1e219">Wie Meziou (2018, erscheint in diesem Heft) am Beispiel von
Flüchtlingscamps und der „arabischen Stadt“, Folkers und
Marquardt (2018) am Beispiel <italic>smart homes</italic> und Brighenti und
Kärrholm (2018) am Bespiel von <italic>shopping malls</italic> (alle in diesem
Heft) verdeutlichen, sind Stimmungen und Atmosphären keine rein
menschlichen Koproduktionen, sondern werden stark von Dingen und Technologien
geprägt. Die Sphärologie Sloterdijks fußt auf einer Theorie des
Wohnens, die das Erfassen des menschlichen Zusammenlebens in Relation zu
Orten und Dingen notwendig macht. Demgemäß stehen Mensch und Dinge
sich nicht wie Sphäreninneres und Sphärenäußeres
gegenüber, sondern verschmelzen in „sphäropoetische[n]
Prozessen“ (Sloterdijk, 2004:64). Stimmungen und
Atmosphärentönungen materialisieren sich in architektonischen
Strukturen, wobei diese direkt auf jene rückwirken.
Sphärennachbarschaften teilen ähnliche Raum- und damit
Gebäude-Erzeugungsregeln (Sloterdijk, 2004:64–65, 475).</p>
      <p id="d1e228">Mit Heidegger (1994[1954]) versteht Sloterdijk unter „Wohnen“ den
generellen Prozess des sich Einwohnens in der Welt, der genuin räumlich
ist, sich jedoch nicht in seiner materiellen Form (Gebäude) erschöpft
(Sloterdijk, 1998:337–344). Der Begriff „Atmosphären“ ist
dabei als Brückenkonzept zwischen Mensch und Ort sowie Dingen zu
verstehen – es ist der Modus indem sie miteinander verschränkt sind.
Wohnungen sind für Sloterdijk Habitus-Maschinen, Orte der
Eingewöhnung in die gemeinsamen<?pagebreak page266?> Welten der schon bestehen Sphären,
die es den Bewohnern gleichzeitig erlauben eigene Stimmungen mit einzubringen
(Sloterdijk, 2004:520–534).</p>
      <p id="d1e231">Laut Sloterdijk sind die heutigen Gesellschaften davon geprägt, dass es
Menschen vermehrt vorziehen, „individuelle“ Blasen zu bilden, in
denen sie mit sich selbst wohnen und eine „Autosymbiose“ eingehen
(Sloterdijk, 2004:587). Die menschlichen Mitbewohner der Blase werden durch
symbolische und technologische Prothesen ersetzt (Morin, 2009:61). Die Folge
dieses Trends sind egoistisch geprägte Gesellschaften, die als
individualistische Schäume zu verstehen sind, deren Blasenmembranen immer
höhere institutionalisierte Selektionsleistungen vollbringen und eine
immer geringer werdende Bandbreite von Informationen zirkulieren lassen. Die
materielle Ausdrucksform dieses heutigen Einwohnens in Sphären ist dabei
für Sloterdijk das urbane Apartment (Sloterdijk, 2005:569–570), welches
als „anthropogene Insel“ (Sloterdijk, 2004:357ff.) verschiedene
lebensweltliche Dimensionen aufweist (Chirotop, Phonotop, Uterotop,
Thermotop, Erototop, Ergotop, Alethotop, Thanatotop, Nomotop) (Sloterdijk,
2004:362f.).</p>
      <p id="d1e234">Die Stadt, der Sloterdijk unter der Überschrift „Foam City“
(Sloterdijk, 2004:604–670) ein eigenes Kapitel im dritten Band seiner
Sphären-Trilogie widmet, ist durch das Versammeln des individualisierten
Schaums an einem Ort gegenzeichnet. Sloterdijk bezeichnet die Stadt daher als
„Meta-Kollekte“ (Sloterdijk, 2004:655), die zum einen durch
Einzelwohnungen und zum anderen durch das „Motiv der periodischen
Versammlung [in Stadien, Konzerthallen, Plätzen etc.] geprägt“
(Sloterdijk, 2004:652) ist. Klauser (2010) sowie Brighenti und Pavoni (2017),
zeigen wie dieses Bild der vereinzelnden Masse, das schon seit den
Anfängen der Stadtforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Autoren
wie Walter Benjamin, Georg Simmel und Louis Wirth evoziert wurde,
sphärologisch fruchtbar angewendet werden kann. Dirksmeier (2018) geht im
vorliegenden Heft ebenfalls vom Begriff der städtischen Masse als
Meta-Kollekte aus und stellt fest, dass Sloterdijks Ansatz auf einer
affektiven Basis ruht. Empirisch fruchtbar ist dieser vor allem, um die
Verfasstheit der einzelnen Blasen innerhalb des städtischen Schaums zu
untersuchen, während sich das Konfliktpotential und das Einfordern von
Rechten durch Versammlungen auf öffentlichen Plätzen oder
Demonstrationen besser mit Judith Butlers (2015) performativen Theorie der
Versammlung fassen lässt.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S4">
  <?xmltex \opttitle{Sloterdijk und die technische Sph\"{a}reneinr\"{a}umung}?><title>Sloterdijk und die technische Sphäreneinräumung</title>
      <p id="d1e244"><disp-quote>
  <p id="d1e247">Wo Lebenswelt war, muss Klimatechnik werden. (Sloterdijk, 2004:69)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e251">Dieser programmatische Satz zeigt zum einen an, dass Sloterdijk (2004) das
menschliche Dasein als eine technische Wohn-Tat sieht. Zum anderen kommt
darin seine Überzeugung zum Ausdruck, dass die Menschheit ihre vitale
Aufgabe noch nicht erkannt hat, nämlich ihre Atmosphären in denen sie
sich aufhält aktiv designen zu müssen, um zu überleben. Unter
Technik versteht Sloterdijk kein artifizielles Mittel zum Zweck, sondern eine
Einstellung zur Welt, ein Gedanke den er einmal mehr von Heidegger
übernimmt (Latour, 2009:369; van Tuinen, 2009:112). In seinem Aufsatz
„Die Technik und die Kehre“ (1962) formuliert Heidegger die Idee,
dass Technik eine bestimmte Art ist sich Welt begegnen zu lassen. Menschen
gebrauchen Technik, auch moderne Technologien, damit nicht einfach für
ihre Zwecke, sondern diese sind widerständige Medien der Welterkenntnis,
die dem Menschen eine spezifische Art und Weise des Weltentdeckens und
-verstehens aufzwingt. Techniken und Technologien haben daher zugleich
aufschließenden und einschränkenden Charakter. Für Heidegger
steckte in der modernen Technik, die auf der modernen Physik und
Ingenieurswissenschaften beruht und der eine liberale Logik der Inwertsetzung
inhärent ist, die Gefahr der Einengung der Möglichkeiten zur
Welterschließung. Wird sie nur als Mittel zum Zweck angesehen,
bestünde die Gefahr, dass die Menschen keine andere Haltung zur Welt mehr
einnehmen können, als die von der modernen Technik aufgezwungene.</p>
      <p id="d1e254">Sloterdijk nimmt sowohl die von Heidegger proklamierte Eigenlogik der Technik
in seine anthropologische Soziologie auf als auch Teile dessen Pessimismus.
Gleichzeitig geht er jedoch über Heidegger hinaus, indem er den Menschen
als Produkt seiner eingeübten Anthropotechniken begreift. Das Dasein ist
für Sloterdijk genuin ein technischer Sachverhalt. Seine anthropologische
Soziologie formuliert er deshalb in Form einer technischen Anthroposoziologie
(Sloterdijk, 2001b, 2009a). Wie Folkers und Marquardt (2018) in diesem Heft
treffend ausführen, sind die heutigen Technologien für Sloterdijk
keine entfremdenden Medien, wie es noch für Heidegger der Fall war,
sondern notwendiger Teil der eingerichteten Sphären. Neben Heideggers
Skepsis gegenüber modernen Techniken und Technologien nimmt Sloterdijk
dessen Hölderlin-Zitat aus „Die Technik und die Kehre“ auf:
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Dem folgend
sieht er in Technologien wie der Genetik (Sloterdijk, 2001b:231f.), oder,
weniger konkret, in Spekulationen über biomimetische
„Homöotechniken“<fn id="Ch1.Footn7"><p id="d1e257">„Homöotechniken“
(Sloterdijk, 2001b:225) sind für Sloterdijk solche Techniken und
Technologien, die im Einklang mit der materiellen Ausstattung der Erde stehen
und nicht-herrschaftliche Logiken des menschlichen Zusammenlebens etablieren
können. Diesen für ihn positiven belegten Techniken stellt er die
„Allotechniken“ (Sloterdijk und Heinrichs, 2001:334)
gegenüber, die der Logik der Ausbeutung von Menschen, wie es im
derzeitigen kapitalistischen System der Fall ist, sowie der
„Natur“, als scheinbar unendliche Ressource, folgen. Als
besonders verehrende Beispiele von fehlgeleiteten „Allotechniken“
führt er den verheerenden Abwurf der ersten Atombombe sowie das Klonschaf
Dolly an.</p></fn> (Sloterdijk, 2011:108f.) Potentiale das zukünftige Leben auf
der Erde zu retten. Mit einem solchen „techno-soteriologischen
Enthusiasmus“ (Runkel, 2017:70) versucht er einer allgemeinen
antitechnologischen Gesinnung zu entkommen.</p>
      <p id="d1e261">Der neue Horizont, der sich in Form des digitalen Raumes öffnet, ist
für Sloterdijk nicht von der offline Welt trennbar, sondern verschmilzt
mit dieser. Der digitale Raum ist genau wie die Offlinewelt durch die
Errichtung abgeschotteter Blasen und die Einschreibung der kapitalistischen
Inwertsetzungslogik in alle Lebensbereiche bedroht, vor allem solange die
Menschheit die neuen Technologien nicht als eigenständigen
sozial-politischen Akteur erkennt (Sloterdijk, 2004:361). Die Ansätze
Sloterdijks sind jedoch erst rudimentär formuliert und bedürfen einer
Weiterentwicklung (vgl. Rashof, 2018). Dabei können erste empirische
Untersuchungen, die Sloterdijks Gedanken aufnehmen (Boos, 2017; Evans, 2015;
Laermans, 2011), als Ausgangspunkte dienen. In diesem Heft nehmen Folkers und
Marquardt (2018) das Thema der zunehmenden Technisierung von Gebäuden auf
und legen die Vermutung nahe, dass <italic>smart</italic> <italic>homes</italic> zu einem
Mittel der „Responsibilisierung“ des Individuums unter digitalen
Vorzeichen – der Code befiehlt aus dem Verborgenen der Presets heraus –
werden. Mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Lebenswelt scheint
Sloterdijks Aufruf, in Technik mehr als ein Mittel zum Zweck zu sehen und zur
notwendigen Dekonstruktion der, der Technik inhärenten
Machtverhältnisse,
drängende politische Sachverhalt zu werden. Sloterdijks politische
Agenda entwickelt er aus dem Grundverständnis des Menschen als Wesen
heraus, das sich mittels der Aus- und Einübung von Techniken in der Welt
einwohnt. Auch hierbei kommt der Immunologie eine entscheidende Rolle zu.</p>
</sec>
<?pagebreak page267?><sec id="Ch1.S5">
  <?xmltex \opttitle{Sloterdijk als politischer Kommentator: von vergifteten Atmosph\"{a}ren und
Zornbanken hin zur politischen Immunologie}?><title>Sloterdijk als politischer Kommentator: von vergifteten Atmosphären und
Zornbanken hin zur politischen Immunologie</title>
      <p id="d1e278">Neben der Frage der technischen Verfasstheit von Gesellschaften wirft
Sloterdijks Perspektive die Fragen auf, ob es innerhalb von
Schaumgesellschaften eine gemeinsame Öffentlichkeit gibt, die in Zukunft
als politische Sphäre des Interessensausgleichs taugen kann. Sloterdijks
Antwort hierauf lautet – als Gegenrede zu Habermas – „Nein“,
denn Gesellschaften sind ko-isolierte Blasenverbände, die, wie er in
seinem Buch „Zorn und Zeit“ (2006) feststellt, nicht mehr in ein
gemeinsames politisches Projekt integrierbar sind. Die westlichen
Massengesellschaften befinden sich für Sloterdijk in einer Krise.
Während marktkonforme Waren und Symbole sowie Menschen, die dem
„Weltinnenraum des Kapitals“ (Sloterdijk, 2005) angehören,
über politische Grenzen hinweg fast frei flottieren können, werden
Menschen der Randbezirke des Kapitals in ihrer vertikalen und horizontalen
Mobilität sowie persönlichen Entfaltung blockiert. Groll und Terror
der Ausgeschlossenen werden in Banken, wie politischen Bewegungen und
Vereinigungen, gespeichert und über deren Filialen weltweit verbreitet
sowie „ausgeschüttet“. Sloterdijk stützt diese Ansichten
in seinem Werk „Zorn und Zeit“ (2006) auf historische Analysen
von politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts und dem heutigen
Kapitalismus; letzteren stellt er in seinem Buch „Im Weltinnenraum des
Kapitals“ (2005) in dessen geschichtlichen Dimension detailliert da.
Seine politische Antwort auf diese Herausforderungen, die er seit seinem Buch
„Du sollst dein Leben ändern“ (2009a) verstärkt
ausarbeitet, ist eine noch auszuformulierende Minimalverfassung eines
globalen Systems der Ko-Immunisierung, das von Weltbürgern bewohnt werden
soll.</p>
      <p id="d1e281">Als Ausgangspunkt der Analyse westlicher Massengesellschaften dient ihm die
Auseinandersetzung mit Nietzsches Begriff des Ressentiments, den Groll der
Menschen aufstauen, die meinen ihnen sei ungesühntes Unrecht geschehen.
Unter den Bewohnern der heutigen kapitalistisch geprägten Welt scheint
das Ressentiment ein geradezu allgegenwärtiger Gemütszustand zu sein.
Sloterdijk ist daher der Zukunft gegenüber pessimistisch eingestellt. Er
beschreibt den heutigen Kapitalismus als Ökonomie der Gier, die
einerseits zu einer weiteren Vereinzelung der Menschen führt und
andererseits eine Verteilung der Einkommen nach dem Prinzip Aufmerksamkeit
hervorbringt. Diese Wirtschaftsweise schafft das Leistungsprinzip ab, da nun
der am Meisten verdient, der sich am besten vermarktet. Diese Tendenzen
führen nach Sloterdijk zu den disharmonischen und verpesteten
Schaumgebilden in denen wir heute leben (Sloterdijk, 2005, 2006). In dieser
Atmosphäre des Ressentiments und der Gier sieht er den Auslöser
für eine in der jungen Vergangenheit global einsetzenden
demokratieabbauenden Tendenz. Demokratien, so stellt er fest, werden vermehrt
in neo-autoritäre und gewaltbereite Systeme umgebaut (Sloterdijk,
2006:293).</p>
      <p id="d1e284">Wie können diese Tendenzen aufgehalten und diese verpesteten Innenwelten
der Schaumberge koordiniert entgiftet werden? Seine Antwort hierauf ist die
Etablierung von Mikropolitiken, die die globale Ebene mitdenken (Morin,
2009:68–69) und eine Atmosphäre „jenseits des Ressentiments“
(so lautet der Titel des letzten Kapitels von „Zorn und Zeit“)
etabliert. Als Weg schlägt er vor, zum Leistungskapitalismus
zurückzukehren und eine „antiautoritäre Meritokratie“
(Žižek, 2009:282) zu formen, die auf den von Locke formulierten
Grundrechten „Leben, Freiheit und Eigentum“ basiert (Sloterdijk,
2006:352–356). Soziale Bewegungen anarchistischer, kommunistischer,
postkolonialer und feministischer Prägung lehnt er ab, da diese zum einen
das Recht auf Eigentum nicht respektierten und zum anderen Ressentiments
nicht auflösten, sondern schürten. Vor allem den Kommunismus sieht er
als eine gescheiterte große Zornbank an (Sloterdijk, 2006).<fn id="Ch1.Footn8"><p id="d1e287">Die
Kritik am Kommunismus, vor allem russischer Provenienz, erneuert er
umfangreich in „Du musst dein Leben ändern“ (Sloterdijk,
2009a:605–667).</p></fn> Er schafft es jedoch bisher nicht, den von ihm kritisierten
sozialen Bewegungen ein konkretes Programm der Umstimmung der Atmosphären
entgegenzusetzen und übersieht für Hemelsoet (2009:310), dass
Populismus kein genuin linkes Phänomen, sondern auch von der politischen
Rechten, ja vermehrt auch von der politischen Mitte, übernommen wird.</p>
      <p id="d1e291">Auf die kommenden politischen Herausforderungen gibt Sloterdijk denn auch nur
partielle, vorläufige und abstrakte Antworten, die er jedoch im letzten
Jahrzehnt auszuformulieren begann. Klar macht er schon von Beginn an, dass
die Atmosphären re-designt werden müssen, wie Latour (2009:369) in
Anlehnung an Sloterdijk anmerkt; das heißt, dass sie gut durchlüftet
und in harmonische Schwingungen versetzt werden müssen. Sloterdijk
schlägt hierfür in seinem Buch „Du musst dein Leben
ändern“ (2009a) eine immunologische Politik der neuen
Übungssysteme vor, die er in späteren Werken ausarbeitet. Die
einzelnen politischen Immunsysteme (Staaten und ähnliche Gebilde) sollten
nicht aufgelöst werden, um weiterhin auf die lokalen Gegebenheiten
passgenaue Antworten geben zu können. Sie sollten jedoch auf globaler
Ebene in ein Ko-Immunsystem integriert werden, deren Immunisierung auf einer
möglichst zeitnah zu verfassenden gemeinsamen Minimalkonstitution beruhen
sollte. Alle Menschen würden so zu Erdenbürgern werden, die in der
Lage wären, auf alle betreffenden Stressoren, wie den Klimawandel oder
globalen Terrorismus, gemeinsam zu reagieren (Sloterdijk, 2009a:707–714).
Die menschlichen Erdenbürger sind dazu aufgerufen anzuerkennen, dass sie
die Erde nur in Zusammenarbeit mit nicht menschlichen Erdenbürgern
gestalten können. Gleichzeitig fordert er die menschlichen
Erdenbürger dazu auf „gute“ Anthropotechniken aus- und
einzuüben (Sloterdijk, 2009a), wobei die moralische Richtschnur sowohl
die liberalen Grundrechte (Sloterdijk, 2006; 2009a) als auch die von Roosevelt
formulierte Freiheiten – Redefreiheit, Glaubensfreiheit, Freiheit von Not
und Freiheit von Furcht – sind. Eine Demokratie, die auf diesen Grundfesten
steht und aufgrund der garantierten Freiheitsgrade in ein globales
Ko-Immunsystem integrierbar ist, nennt Sloterdijk „authentische
Demokratie“ (Sloterdijk, 2017).</p>
      <p id="d1e295">Der authentischen Demokratie stellt er die „pseudonymische
Demokratie“ (Sloterdijk, 2017) entgegen, deren Machterhaltungssystem
auf vier Mechanismen beruht, die aus neuzeitlichen und mittelalterlichen
Herrschaftsstrukturen in die modernen Demokratien hineingetragen wurden: die
Oligarchie, Fiskokratie, Mobokratie und die Phobokratie. Er beschreibt die
heutigen Demokratien durchweg als Pseudonyme für die Machtausübung
einer kleinen Elite, der ungezügelten Ausweitung des Steuerstaates und
der damit einhergehenden für ihn ungerechtfertigten Besteuerung der
„kreativen Minderheit“ zugunsten der mehr oder minder
unproduktiven Mehrheit (Sloterdijk, 2017:58), der Aufhetzung von Massen durch
populistische Parteien und Kommunikationsmedien sowie der ungezügelten
Angstverbreitung vor allem durch die heutigen von Populisten vereinnahmten
und alleine dem Gesetz des höchstmöglichen Absatzes verpflichteten
Informationsmedien. Er verdächtigt alle heutigen Demokratien
pseudonymische Demokratien zu sein und stimmt die zukünftigen
Erdenbürger des globalen Ko-Immunsystems darauf ein, sich gegen diese vier
aktuellen Tendenzen zu immunisieren (Sloterdijk, 2017).</p>
      <p id="d1e298">Als Kommentator der politisch-gesellschaftlichen aktuellen Lage wird
Sloterdijk von Bordeleau (2009:185) und Žižek (2009:282) als
antifaschistisch, antiautoritär und antikommunistisch beschrieben.
Andererseits macht Sloterdijk an verschiedenen Stellen keinen Hehl aus seiner
ablehnenden Haltung gegenüber politischen progressiven Strömungen der
Sozialphilosophie; anarchistischen (Sloterdijk, 2014b:424ff.),
feministischen<fn id="Ch1.Footn9"><p id="d1e301">Eine dezidiert linkspolitische, kritische
Auseinandersetzung mit Sloterdijks Äußerungen und Vorschlägen
findet erstaunlich selten statt und zumeist Anlass-bezogen. Von
feministischer Seite wurde sein Roman „Das Schelling-Projekt“
(Sloterdijk, 2016c) kritisch diskutiert (Lohaus, 2016; Schmitter, 2016).</p></fn>
oder marxistischen Ansätzen (vgl. seine als post-marxistisch markierten
Ausführungen einer zukunftsträchtigen allgemeinen Ökonomie in
Sloterdijk, 2009b, 2016a) steht er kritisch gegenüber. Eine auf
Sloterdijk basierende kritische Geographie scheint daher ein schwieriges
Unterfangen zu sein. So wendet sich Korf in diesem Heft dem frühen
Sloterdijk zu und zeigt, durch einen Vergleich der Entwicklung einer
kynischen Vernunft bei Sloterdijk und Foucault, dass Sloterdijks Gedanken die
kritischen und linken Theoriegebäude der Geographie bereichern
könnten. Vor allem könne der vom griechischen Philosophen Diogenes
von Sinope (vermutlich 410 bis 323 v. Chr.) vorgelebte kynische Impuls,
dessen Kern der Spott und Provokation als Stilmittel der Kritik an den
herrschenden Machtverhältnisse ist, die aktuellen
geographisch-politischen Analysen schärfen, indem den vorherrschenden
akademischen Diskursanalysen ein kynisch-subversiver Blick zur Seite gestellt
wird. Jedoch entlarvt Korf den dogmatischen Wahrheitsanspruch des Kynismus
Sloterdijkscher und Foucaultscher Prägung, indem er dessen Herkunft aus
dem Gedankengebäude Heideggers nachweist. Demnach würde der auf dem
„Entbergen“ des wahren Charakters des Menschen durch Provokation
beruhenden Sloterdijksche Kynismus unweigerlich zur
„Rechthaberei“ (Korf, 2018, erscheint in diesem Heft) führen,
da der Philosoph in seinen wahrheitsentbergenden Provokationen den
Diskussionsteilnehmern den eigenen Standpunkt als normativ richtig
vorgäbe. Korf plädiert daher dafür zur Entfaltung kynischer
Perspektiven auf den relativen Vernunftbegriff Blumenbergs und Marquards
zurückzugreifen. Dieser öffnet die Möglichkeit eine skeptische
Disposition in die kritische Geographie einzuführen, ohne in einen
rechthaberischen Modus zu verfallen.</p>
</sec>
<?pagebreak page268?><sec id="Ch1.S6" sec-type="conclusions">
  <?xmltex \opttitle{Schluss: gef\"{a}hrliches Denken mit Sloterdijk?}?><title>Schluss: gefährliches Denken mit Sloterdijk?</title>
      <p id="d1e312">Zweifelsohne sind die Werke Sloterdijks als ambivalent zu bewerten.
Sloterdijk betätigt sich häufig als historisch informierter
Kommentator zu Themen mit tagespolitischer Aktualität (Gumbrecht,
2009:26) wie z.B. Steuerpolitik (Sloterdijk, 2009a), Geflüchtetenpolitik
(Sloterdijk, 2016b) oder er äußert sich zur Möglichkeit der
gentechnischen Veränderung des Menschen (Sloterdijk, 1999b). Seine
Standpunkte hierbei sind streitbar und Sloterdijk scheint die Bühne
großer Zeitungen wie der Zeit, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und
der Frankfurter Rundschau zu genießen. Er gehört anscheinend, wie
bereits dargestellt, weder der Linken noch der Rechten an, redet gegen beide
an, vertritt jedoch zugleich Thesen aus beiden Lagern. Sloterdijk (2016d)
kokettiert damit, dass er sich als
„linkskonservativ“<fn id="Ch1.Footn10"><p id="d1e315">Sloterdijk dazu (2016e):
„Linkskonservatismus, der meine Farbe ist seit Langem, rechnet unter
die Nuancen, die in Gefahr sind, im differenzenfeindlichen Klima
ausgelöscht zu werden. Aus meinen Optionen lesen diverse nuancenblinde
Kommentatoren „nationalkonservative“, um nicht zu sagen
neu-rechte Tendenzen bis hin zur Unterstützung von irrwitzigen
AfD-Positionen heraus. Doch wer „herausliest“, liest hinein. Eine
törichtere Verzerrung meiner Ansichten und deren Begründungen
lässt sich kaum vorstellen. Ich habe nie einen Zweifel daran gelassen,
dass ich, obschon von der universalistischen Linken herkommend, mit den
Jahren auch lernen wollte, bewahrenden „partikularen“ Interessen
ihr Recht zu lassen. Dies tue ich unter der Prämisse, dass das
freiheitsbewusste Partikulare bis auf Weiteres das einzig tragfähige
Vehikel des Universalen sei.“</p></fn> bezeichnet und hält Schwarz-Grün
nicht nur für restaurative Politik (Sloterdijk, 2016a:128). Somit bleibt
er mit seiner Freude an der Provokation politisch ein sich bewegendes Ziel.
Nicht nur mit der radikalen Linken (vgl. Anonym, 2006:179ff.), sondern auch
mit einer humanistisch gebildeten, intellektuellen Mitte hat er es sich,
spätestens seit seiner Elmauer Rede zum Menschenpark (Sloterdijk, 1999b),
verscherzt. Trotz seiner politisch durchaus konservativen Kommentare hält
sich Sloterdijk auf Distanz zur Rechten.<fn id="Ch1.Footn11"><p id="d1e319">Spekulationen über
seine Nähe zur politischen Rechten werden u. U. auch dadurch
genährt, dass der ehemalige Assistent von Sloterdijk, der Philosoph Marc
Jongen – den wir in diesem Artikel auch zitieren – nicht nur als
Hausphilosoph der rechten Partei Alternative für Deutschland gehandelt
wird, sondern für diese nunmehr als Abgeordneter auch im Bundestag sitzt.
Sloterdijk scheint aber weder für Jongen selbst noch für die AfD
Sympathien zu hegen (siehe Interview im Tages-Anzeiger, 15. April 2016:
<uri>https://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/merkel-ging-einen-teufelspakt-ein/story/16212849</uri>,
1. Februar 2018).</p></fn> Sloterdijk (2016a:104) vertritt in idealtypischer Hinsicht
das Diktum Hegels, dass die Philosophie ihre Zeit ist, in Gedanken gefasst
und orientiert sich bewundernd an den sogenannten „dunklen
Schriftstellern des Bürgertums“ (Horkheimer und Adorno,
2006[1969]:126). Macht dies das Denken mit Sloterdijk zu einem
gefährlichen Unterfangen?<fn id="Ch1.Footn12"><p id="d1e326">In einer seltsamen
„lexikalischen“ Einführung in Sloterdijks Arbeiten, hat
Holger von Dobeneck (2006:91f.) das gefährliche Denken nicht nur
erläutert, sondern exemplifiziert dieses ironischer- und
amüsanterweise in einer Tirade, die sicherlich über Sloterdijks
Intentionen hinausschießt: „Gefährliches Denken ist ein Motto,
das Sloterdijk von Nietzsche übernommen hat und das [sic] er
uneingeschränkt als unveräußerliches Autorenrecht reklamiert.
Dagegen richtet sich die billige political-correctness-Polemik der
Verdachtsintellektuellen aus dem linken Milieu, die sich auf den deutschen
Sonderweg zur Häme begeben haben. Schriftsteller sind nach Sloterdijk
Experimentatoren, die sich die Aufspürung gefährlicher Substanzen zur
Aufgabe gemacht haben. Autoren von Qualität sagen Neues, Unerhörtes,
Empörendes und das ist ihr gutes Recht, ja ihre Pflicht. Autoren sind
Dissidenten [<inline-formula><mml:math id="M3" display="inline"><mml:mi mathvariant="normal">…</mml:mi></mml:math></inline-formula>] Nur wenige Linke haben es jemals gewagt, sich in die
Höhlensysteme der konservativen Logik einzuarbeiten. Daher wissen im
Grunde auch nur das Geringste, was Unterströmungen des Zeitgeistes
ausmacht. Sie beschränken sich darauf, zeitgeistgefilterte Luft zu atmen
und wissen daher nicht, welche Aromen es noch in dieser Welt gibt“ und
so weiter.</p></fn> Ist sein Denken gefährlich, weil es Ideologien produziert
oder ist es gefährlich, weil es Ideologien offenlegt? Welche Orientierung
kann Sloterdijk in aufgewühlten Zeiten anbieten? Die öffentliche
Trotzthese gegen political correctness – „Man wird doch wohl noch
sagen dürfen!“ – findet bei Sloterdijk möglicherweise seine
philosophische Entsprechung dahingehend, dass das „gefährliche
Denken“ im Nietzscheanischen Sinne vor keinem politischen Abgrund
zurückschreckt. Mit anderen Worten: es lässt sich vermuten, dass
Sloterdijks Philosophie eine politisch inkorrekte Philosophie sein will.
Für eine Auseinandersetzung mit seinen Ideen empfiehlt sich entsprechend
kritische Sorgfalt, Differenzierung und zeitdiagnostisches Gespür.</p>
      <p id="d1e337">Sloterdijks Gedanken sind für die politische Gesellschaftsanalyse
zugleich inspirierend als auch verstörend. Sie sind ungeheuerlich im
Sinne von ungewöhnlich, das Denken befreiend, aber auch empörend und
angsteinflößend. Mit dem Titel unseres Themenhefts möchten wir
zum Ausdruck bringen, dass die Rezeption der Gedanken Sloterdijks dazu
einladen kann, die ungeheuerliche Verfasstheit der heutigen Welt
aufzudecken. Die Massengesellschaft hat keinen Halt mehr an der
Erdoberfläche, sondern ihre Blasen schweben und zittern erregt im
globalen Schaum. Sloterdijk schafft das passende Vokabular für eine
sphärologische Analyse der heutigen Gesellschaften, die deren
historischen Horizont miterfasst. Gelegentlich nutzt Sloterdijk ungeheure
Metaphern die Tabus ansprechen, aber auch den Bogen überspannen. Seine
Aussagen zum tagespolitischen Geschehen sind teils durch überspitzte
Metaphern und vorschnellen (Vor-)Urteilen geprägt und derart
empörend, dass sie der reflektierten Auseinandersetzung im Wege stehen.</p>
      <?pagebreak page270?><p id="d1e340">Ist Sloterdijk aber ein „gefährlicher Denker“ wie es Korf
(2014) für Heidegger sowie Wastl-Walter und Korf (2016:104ff.) für
Carl Schmitt vermerken? Ernste (2018) weist in diesem Heft darauf hin, dass
Sloterdijks Arbeiten vor allem die affektiven und emotionalen Bindungen, die
starken Beziehungen zwischen Menschen hervorheben und diese als überaus
positiv darstellt. Er verharmlose damit die ausgrenzenden und
marginalisierenden Kräfte dieser sozialen Prozesse und verwendet
zeitweilig Metaphern der Eugenik. Sicherlich ist Sloterdijk dennoch kein
„gefährlicher Denker“, wie es Heidegger oder Schmitt sind,
denn er weist durchaus auf die Probleme hin, die aus nationalistischen Ideen
resultieren. Er benennt die Grausamkeiten des Terrors, Kommunismus,
Nationalismus und Faschismus. Aufgrund ihrer kompromisslosen Formulierung und
interpretativen Offenheit können seine Metaphern jedoch leicht negativ
interpretiert und für propagandistische Zwecke aufgegriffen werden.
Sloterdijk ist ein Meister des vagen Ausdrucks. Aufgrund der vielen
Ungeheuerlichkeiten, die Sloterdijks Philosophie kennzeichnen, sind wir der
Ansicht, dass seine Ausführungen zumindest kritisch zu bewerten sind und
nicht vorbehaltlos übernommen werden sollten. Eine abschließende
Beurteilung seiner Werke streben wir nicht an, sondern wollen dazu anregen
vor allem über die politisch-moralische Dimension seiner Denkansätze
zu diskutieren.</p>
      <p id="d1e343">Die politischen Implikationen Sloterdijks werfen, ob ihrer Vagheit, besonders
viele Fragen auf. So fragen Folkers und Marquardt (2018:82) in diesem Heft zu
Recht „[<inline-formula><mml:math id="M4" display="inline"><mml:mi mathvariant="normal">…</mml:mi></mml:math></inline-formula>] wie kann Immunisierung unter
‚post-metaphysischen‘ und ökologischen Bedingungen gedacht
werden?“ Weitere Fragen, die sich aus Sloterdijks politischer
Immunologie ergeben, sind: Kann eine politische Theorie, die auf der Aus- und
Einübung von Abwehrstrategien basiert, zu inklusiven, das Fremde
einschließende, Politiken führen? Seine Aussagen in Bezug auf die
Flüchtlingspolitik Merkels (Sloterdijk, 2016b), in der er in Anschluss an
Rüdiger Safranski von der „‚Flutung‘ Deutschlands“
spricht, scheinen dies zu verneinen. Hier tritt er für eine Politik der
„starken Wände“ zwischen Nationalstaaten ein. Wie
Ernste (2018) im vorliegenden Heft andeutet, könnte das Loblied
Sloterdijks auf die starke Beziehung durchaus auch die nationalen
Einheitsphantasien heutiger national-gesinnter Politiken beflügeln, gegen
die er in seinen Schriften eine kritische Position einnimmt.</p>
      <p id="d1e354">Des Weiteren erscheint es zweifelhaft alle heute existierenden Demokratien
pauschal als pseudonymische Demokratien zu bezeichnen, wobei sich ebenfalls
die Frage stellt, inwieweit seine Ausführungen den eigenen Ansprüchen
genügen. Sloterdijk spricht sich gegen eine oligarchisch geführte
Demokratie aus, um wenig später von der Ausnutzung der „kreativen
Minderheit“ durch die mehr oder weniger unproduktiven Massen zu
sprechen. Er weist darauf hin, dass 22 % der USA-Amerikaner Analphabeten
wären und scheint diesen Menschen die Befähigung zur Wahl
abzusprechen (Sloterdijk, 2017:61). Die Massen scheint er eher als einen
irrsinnigen Mob der Mobokratie zu sehen ohne die emanzipierenden
Strömungen unserer Zeit ernst zu nehmen wie dies zum Beispiel die
Politik-Philosophinnen Judith Butler oder Chantal Mouffe tun. Vielleicht sind
die von ihm ausgemachten Trends – Oligarchie, Fiskokratie, Mobokratie,
Phobokratie – pseudonymischer Demokratien auch nicht genuin den heutigen
Demokratien anzulasten. Hinweise darauf liefert er selbst, wenn er deren
Herkunft in die Neuzeit bzw. in das antike Griechenland zurückdatiert. Er
scheint die Lösung dieser Probleme in der Einübung der
„richtigen“ Anthropotechniken zu sehen. Doch wer entscheidet, was
die „richtigen“ Übungen sind? Der belesene Oligarch? Der
elitäre Mystiker, dessen Vernunft bei Bhagwan Rajneesh in den 1970ern
eine „Osterweiterung“ (Sloterdijk, 2014a) erfahren hat? Den
Massen scheint Sloterdijk (2000) es nicht zuzutrauen. Wird er dadurch nicht
selbst wieder zum Anhänger einer oligarchisch verfassten Demokratie? Es
sind Fragen wie diese, die sich in der empirischen und normativen Anwendung
seiner Gedanken ergeben.</p>
</sec>

      
      </body>
    <back><notes notes-type="dataavailability">

      <p id="d1e361">Für diesen Artikel wurden keine Datensätze genutzt.</p>
  </notes><notes notes-type="competinginterests">

      <p id="d1e367">Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.</p>
  </notes><ack><title>Danksagung</title><p id="d1e373">Wir danken zwei anonymen Reviewer*innen sowie Benedikt Korf für ihre
konstruktive Kritik an früheren Versionen dieses Artikels. Wir danken
ebenso den Autor*innen dieses Special Issue für interessante Diskussionen
und Einblicke. Ferner haben wir sehr profitiert von Gesprächen und
Diskussionen mit Kolleg*innen aus der Geographie im Lesekreis zu
„German Theory“ in Zürich 2017 und 2018.<?xmltex \hack{\newline}?><?xmltex \hack{\newline}?> Edited by: Benedikt Korf<?xmltex \hack{\newline}?> Reviewed by: two
anonymous referees</p></ack><ref-list>
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    <!--<article-title-html>Einführung: Die ungeheuerliche Raumphilosophie  von Peter Sloterdijk</article-title-html>
<abstract-html><p>This article serves as introduction for a themed issue on
Peter Sloterdijk's enormous philosophy of space. It invites scholars from
various disciplines to critically engage with Sloterdijk's thought and
discusses briefly the contributions made in this special issue. The paper
gives some orientation on the anthropological and social philosophy
Sloterdijk deploys within his oeuvre, and illuminates the various fields of
social and cultural research his ideas have informed so far. The editorial
identifies four possible fields of interest within human geography that
could gain by engaging with Sloterdijk's thought, namely urban and
architectural theory, new technologies, political geographies and critical
social geography. The article also discusses the necessity of a critical
distance to the philosophical premises on which Sloterdijk grounds his
philosophy as well as his role as notorious commentator on political issues
in Germany.</p></abstract-html>
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