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    <journal-title>Geographica Helvetica</journal-title>
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    <publisher-name>Copernicus Publications</publisher-name>
    <publisher-loc>Göttingen, Germany</publisher-loc>
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      <article-id pub-id-type="doi">10.5194/gh-76-193-2021</article-id><title-group><article-title>Ländliche Gentrifizierung. Aufwertung und Verdrängung jenseits der
Großstädte – Vorschlag für ein Forschungsprogramm</article-title><alt-title>Ländliche Gentrifizierung. Aufwertung und Verdrängung jenseits der
Großstädte</alt-title>
      </title-group><?xmltex \runningtitle{L\"{a}ndliche Gentrifizierung. Aufwertung und Verdr\"{a}ngung jenseits der
Gro{\ss}st\"{a}dte}?><?xmltex \runningauthor{M. Mie{\ss}ner and M. Naumann}?>
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          <name><surname>Mießner</surname><given-names>Michael</given-names></name>
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      <author-notes><corresp id="corr1">Michael Mießner (michael.miessner@aau.at)</corresp></author-notes><pub-date><day>5</day><month>May</month><year>2021</year></pub-date>
      
      <volume>76</volume>
      <issue>2</issue>
      <fpage>193</fpage><lpage>204</lpage>
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        <copyright-statement>Copyright: © 2021 Michael Mießner</copyright-statement>
        <copyright-year>2021</copyright-year>
      <license license-type="open-access"><license-p>This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 International License. To view a copy of this licence, visit <ext-link ext-link-type="uri" xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</ext-link></license-p></license></permissions><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/76/193/2021/gh-76-193-2021.html">This article is available from https://gh.copernicus.org/articles/76/193/2021/gh-76-193-2021.html</self-uri><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/76/193/2021/gh-76-193-2021.pdf">The full text article is available as a PDF file from https://gh.copernicus.org/articles/76/193/2021/gh-76-193-2021.pdf</self-uri>
      <abstract><title>Kurzfassung</title>
    <p id="d1e84">Not only since the Covid-19 pandemic, rural areas have
received new attention as supposedly healthier and attractive places of
residence. Regions previously characterized as shrinking are experiencing a
highly selective influx of urban middle-class households and an increase in
real estate and rental prices. These influxes and housing market
developments raise the question of value increase and displacement.
English-speaking, and especially British, human geographers have been
studying the phenomenon of ”rural gentrification” for several decades. This
article therefore aims to systematize this state of the art in terms of its
conceptual framework and empirical objects. Based on this, the article
explains possible connections for German research on rural gentrification
and discusses starting points for future research.</p>
  </abstract>
    </article-meta>
  </front>
<body>
      

<sec id="Ch1.S1" sec-type="intro">
  <label>1</label><title>Einleitung</title>
      <p id="d1e96">„Das Dorf muss gentrifiziert werden“ – mit dieser Forderung
warb der Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ für eine gezielte Aufwertung
ländlicher Räume (Lembke, 2019). Aktuell zeigen zahlreiche
Medienberichte (z.B. Bätzing, 2020; Witzeck, 2020) ein wiedererwachendes
Interesse an ländlichen Regionen als Wohnstandort in Zeiten der
Covid-19-Pandemie. Der deutsche Rat der Immobilienweisen (2020) hat in
seinem jüngsten Gutachten aufgezeigt, dass die Immobilien- und
Mietpreise in allen ländlichen Regionen gestiegen sind, in demographisch
wachsenden ländlichen Kreisen lag die Steigerungsrate sogar über dem
gesamtdeutschen Durchschnitt. Studien zur Entwicklung von Immobilienpreisen
in ländlich geprägten Räumen im Umland von Großstädten
(Braunschweig, 2019), Klein- und Mittelstädten in Thüringen
(Schönig, 2020) oder zu zunehmenden Stadt-Umland-Wanderungen (BiB, 2020)
scheinen einen Trend hin zur Wiederentdeckung ländlicher Räume zu
bestätigen, der sich auch in einem Bevölkerungswachstum einer
Vielzahl ländlicher Räume ausdrückt (Thünen-Institut für
Ländliche Räume, 2020). Ähnlich wie Klingholz sieht auch die
Mecklenburger AnStiftung in Gentrifizierung eine „Chance“
(Schmidt, 2017:138) für die ländliche Regionalentwicklung.
Während Arbeiten zur Politikberatung Gentrifizierung als eine Strategie
der regionalen Entwicklung verstehen, hat sich in der
Gentrifizierungsforschung eine andere Definition etabliert, die
Gentrifizierung als immobilienwirtschaftliche Aufwertung und damit
einhergehende Verdrängung einkommensniedriger Bevölkerungsgruppen
konzeptionalisiert (Smith, 2019 [1979]; Slater, 2006). Hinsichtlich der
Ursachen dieser Prozesse gibt es unterschiedliche Einschätzungen: Den
einen gilt der Wandel von Konsumpräferenzen (Hamnett, 1991) und damit
der Zuzug von sogenannten Gentrifiern als Auslöser, die anderen betonen
die renditegetriebenen Investitionen als Treiber von Gentrifizierung (Smith,
2019 [1979]).</p>
      <p id="d1e99">Während die mediale Behandlung ländlicher Gentrifizierung im
deutschsprachigen Raum noch relativ neu ist, sich die
Gentrifizierungsforschung auf urbane Räume beschränkt und die
Forschungen zu ländlichen Räumen bisher nur einzelne, eher
explorative Arbeiten (Krüger, 1995; Pichler, 1998; Schmied, 2002; Lier,
2012; Reichert-Schick, 2017) zum Thema enthalten, gibt es in der
englischsprachigen Humangeographie bereits seit mehreren Jahrzehnten eine
rege Debatte um „rural gentrification“ (siehe für einen
Überblick die Themenhefte in „Dialogues in Human
Geography“, 2018 und in „Planning Theory &amp; Practice“, vgl.
Scott et al., 2011).</p>
      <p id="d1e102">Den Begriff ländliche Gentrifizierung nutzen wir im<?pagebreak page194?> Anschluss an
Phillips et al. (2008:55) „to refer to processes whereby middle
or service class households are moving into villages and displacing local,
working class groups, and often in the process also refurbishing, extending
and converting properties”. In der britischen Debatte ist dabei ein
romantisiertes Verständnis von „countryside“ als
Sehnsuchtsort weißer Mittelklassen zentral (Smith und Phillips,
2001:458). Da das Konzept der Gentrifzierung anhand von städtischen
Entwicklungen konzipiert wurde, stellt sich die Frage, ob eine
Übertragung des Konzeptes auf ländliche Räume sinnvoll ist.
Insbesondere, da ländliche Wohnungsmärkte deutlich stärker durch
Wohneigentum geprägt sind, kann erwartet werden, dass eines der
Kernmerkmale von Gentrifizierung – die Verdrängung – weniger verbreitet
ist. So können Mieter*innen durch Mieterhöhungen, Modernisierungen,
Klagen auf Eigenbedarf etc. leichter vertrieben werden als es bei
Hauseigentümer*innen der Fall ist. Tatsächlich wurde die Frage von
Verdrängung in der „rural gentrification“-Debatte bisher
weitgehend vernachlässigt, wie aktuell auch Phillips et al. (2021:72)
einräumen. Dennoch konnten einige Studien nachweisen, dass
einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen der Zugang zu
Mietwohnungen und -häusern aufgrund von Preissteigerungen in
ländlichen Räumen erschwert wurde (z.B. Solana-Solana, 2010). Dieser
Ausschluss vom Zugang zu Wohnraum kann im Anschluss an Marcuse (1985:206)
als „exclusionary displacement“ verstanden werden. Auch sein
Konzept des Verdrängungsdruckes (1985:207), also die Aufwertung
umliegender Gebäude und lokaler Dienstleistungen, die zukünftig zu
Preissteigerungen führen können, kam in vorliegenden Studien zu
ländlicher Gentrifizierung zur Anwendung (Smith und Higley, 2012).
Aufwertung und Verdrängung sind damit Phänomene, die auch in
ländlichen Kontexten festgestellt werden können.</p>
      <p id="d1e105">Der Beitrag möchte die mittlerweile recht umfangreiche englischsprachige
Debatte zu „rural gentrification“ mit der aktuellen
Aufmerksamkeit hinsichtlich einer möglichen Aufwertung ländlicher
Räume in der Bundesrepublik verbinden. Wir adressieren dabei eine
doppelte Leerstelle in der deutschsprachigen Debatte. Während zum einen
die Gentrifizierungsforschung im deutschsprachigen Raum auf Städte
fokussiert ist und ländliche Räume vernachlässigt hat, wird zum
anderen Gentrifizierung in der Forschung zu ländlichen Räumen bis
auf wenige Ausnahmen (Schmied, 2002; Reichert-Schick, 2017) nicht beachtet.
Daraus folgen drei Ziele des Beitrags: Erstens geben wir einen komprimierten
Überblick über die englischsprachige Forschung zu ländlicher
Gentrifizierung und deren konzeptionellen Ansätze und empirischen
Gegenstände. Zweitens zeigen wir mögliche Anschlüsse der
deutschsprachigen Gentrifizierungsforschung und der Arbeiten zu
ländlicher Entwicklung an die englischsprachigen Debatten zu
ländlicher Gentrifizierung auf. Darauf aufbauend, leiten wir drittens
erste Vorschläge für ein Forschungsprogramm zu Aufwertungs- und
Verdrängungstendenzen in ländlichen Regionen im deutschsprachigen
Raum ab. Der Beitrag schließt damit an Arbeiten an, die eine
stärkere Verknüpfung der deutschsprachigen Forschung zu
ländlicher Entwicklung mit internationalen Debatten verfolgen (Maschke
et al., 2020). Unser Vorgehen beruht auf einer Auswertung der
englischsprachigen Literatur, die Fragen von „rural
gentrification“ behandelt. Die vorliegenden Arbeiten strukturieren wir
hinsichtlich ihrer theoretischen Zugänge und ihres empirischen
Vorgehens, um thematische Schwerpunkte, aber auch Unterschiede innerhalb der
Debatte aufzuzeigen. Die in der internationalen Debatte wie auch in unserem
Beitrag verwendeten Kategorien „städtisch“ bzw.
„ländlich“ verstehen wir dabei nicht als feststehende
Abgrenzungen, sondern als immer wieder neu zu hinterfragende Bezeichnungen,
die in enger Wechselwirkung zueinander stehen (Helbrecht, 2014). Der Beitrag
schließt daran an und versteht ländliche Entwicklung nicht als
losgelöst, sondern eng verknüpft mit städtischen
Veränderungen wie auch mit anderen gesellschaftlichen Transformationen.
Wenn die Aufwertung ländlicher Räume als Wohnstandort zu einem
politischen Programm werden sollte (Schmidt, 2017; Lembke, 2019) und das
Interesse am Wohnen in ländlichen Regionen anhält, könnten
ländliche Regionen im deutschsprachigen Raum tatsächlich in naher
Zukunft mit Gentrifizierungsprozessen und den damit verbundenen Konflikten
und Verdrängungsprozessen konfrontiert sein. Auch wenn momentan die
demographische Stabilisierung ländlicher Regionen im Vordergrund
politischer Bemühungen steht, erscheint es lohnenswert, sich
frühzeitig mit Prozessen der Aufwertung und Verdrängung
auseinanderzusetzen und von den Erfahrungen aus anderen ländlichen
Kontexten zu lernen.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S2">
  <label>2</label><?xmltex \opttitle{Konzeptionelle Ans\"{a}tze zur Erkl\"{a}rung l\"{a}ndlicher
Gentrifizierung}?><title>Konzeptionelle Ansätze zur Erklärung ländlicher
Gentrifizierung</title>
      <p id="d1e117">Seit Ruth Glass' (1964) Arbeit zum Wandel Londoner
Arbeiterviertel, mit der sie den Begriff der Gentrification prägte, ist
Gentrifizierung zu einem wichtigen Untersuchungsgegenstand der
Stadtforschung geworden. Lange Zeit galt Gentrifizierung vor allem als ein
urbanes Phänomen, obwohl bereits seit den 1980er Jahren der Begriff der
ländlichen Gentrifizierung verwendet (z.B. Parsons, 1980; Little, 1987)
und ein Austausch von ortsansässiger Bevölkerung durch zuziehende
Mittelschichtshaushalte in ländlichen Räumen nachgewiesen wurde
(vgl. Robinson, 1996). Die Forschung zur ländlichen Gentrifizierung ist
durch eine Vielzahl an Fallstudien geprägt (Nelson und Nelson, 2011),
die unterschiedlichen Erklärungsansätzen für Gentrifizierung
folgen.</p>
      <p id="d1e120">Insbesondere nach Neil Smiths (2019 [1979]) früher Intervention in die
Gentrifizierungsdebatte, in der er argumentierte, dass die bestehenden
Erklärungsansätze innerstädtischer Gentrifizierung im Kern die
Konsumpräferenzen von Menschen betonen und entsprechend
nachfrageorientiert seien, gibt es eine ausgeprägte Debatte über<?pagebreak page195?> die
Gründe von Gentrifizierung. Die Erklärungen werden vor allem in
konsumorientierte Ansätze, „who stress the key role of
choice, culture, consumption and consumer demand“ und
produktionsorientierte bzw. politisch-ökonomische unterschieden,
„who stress the role of capital, class, production and supply“
(Hamnett, 1991:174). Konsumorientierte Erklärungsansätze führen
Gentrifizierung auf verändertes Konsumverhalten sowie auf veränderte
Lebensstile, kulturelle Identitäten, Bildung, Gender und Sexualität
zurück (Lees et al., 2008:89ff.). Die produktionsorientierten bzw.
politisch-ökonomischen Ansätze hingegen verstehen Gentrifizierung
als Teil der kapitalistischen Produktion gebauter Umwelt und räumlich
ungleicher Entwicklung. Die ökonomische und politische Produktion von
„rent gaps“ – verstanden als die Lücke zwischen aktuell
realisierter und potenziell erzielbarer Grundrente – bildet demnach die
Ursache für die immobilienwirtschaftliche Aufwertung von Quartieren und
damit einhergehende Verdrängung (Smith, 1996). Die Differenzierung
zwischen konsum- und produktionsorientierten Erklärungsansätzen
lässt sich auch in der Forschung zu ländlicher Gentrifizierung
nachvollziehen (Guimond und Simard, 2010), wobei „the bulk of
this literature emphasizes consumption as the motor of rural
gentrification“ (Darling, 2005:1017). Diese Unterteilung der
Erklärungsansätze ländlicher Gentrifizierung stellen wir im
folgenden Abschnitt genauer dar.</p>
<sec id="Ch1.S2.SS1">
  <label>2.1</label><?xmltex \opttitle{Konsumorientierte Erkl\"{a}rungen l\"{a}ndlicher Gentrifizierung}?><title>Konsumorientierte Erklärungen ländlicher Gentrifizierung</title>
      <p id="d1e131">Konsumorientierte Erklärungsansätze ländlicher Gentrifizierung
konzentrieren sich auf veränderte Nachfrage nach Immobilien und sich
wandelnde Bevölkerungsstrukturen. Vor dem Hintergrund einer
postindustriellen Gesellschaft entsteht eine neue Mittelschicht, die Idealen
von „Authentizität“ und individuellen Lebensstilen folgt
(Hines, 2010b).</p>
      <p id="d1e134">Ländliche Gentrifizierung geht demnach auf den Zuzug von
Mittelschichtshaushalten in ländliche Gemeinden zurück (Newby,
1979), die durch attraktive Kulturlandschaften geprägt sind und
entsprechend von Städter*innen als ländliches Idyll identifiziert
werden (Halfacree, 1996). Diese Wanderungsbewegungen wurden bereits im
Rahmen der Diskussion um Counterurbanisierung (z.B. Spencer, 1997)
untersucht. Diese Arbeiten konstatierten einen Dekonzentrationsprozess von
Bevölkerung (Berry, 1976:16), der sowohl mit Suburbanisierung als auch
mit Bevölkerungszuwächsen in weiter entfernten ländlichen
Räumen einherging. Entwicklungen von Counterurbanisierung wurden jedoch
erst in den 1990er Jahren mit ländlicher Gentrifizierung in Verbindung
gebracht (Phillips, 2010).</p>
      <p id="d1e137">Für ländliche Gentrifizierung aus konsumorientierter Perspektive ist
insbesondere der Zuzug von Gentrifiern von Bedeutung. Mit dem Zuzug von
Gentrifiern in ländlichen Räumen sind Veränderungen der
Konsummuster und -präferenzen verbunden, die auch die Siedlungsstruktur
in ländlichen Räumen ganz erheblich verändern können (Ghose,
2004). So werden neue Einfamilienhäuser gebaut (Reichert-Schick, 2017),
Hausboote genutzt (Smith, 2007) oder neue Gebäude außerhalb der
Ortskerne errichtet (Ghose, 2004). In der ländlichen
Gentrifizierungsforschung werden verschiedene Gentrifier identifiziert, die
unterschiedlich Einfluss auf ländliche Räume nehmen. Smith (2007)
findet Hinweise, auf die schon frühzeitig in der Stadtforschung
ausgemachten „marginal gentrifiers“ (Rose, 1984) – Personen,
die nicht über ein großes Einkommen verfügen, häufig
prekär beschäftigt, aber gut ausgebildet sind – in ländlichen
Orten. In anderen Studien wurden als weitere Gentrifier lesbische
Migrantinnen (Smith und Holt, 2005), Familien, die zur Sicherung einer guten
Bildung ihrer Kinder aufs Land ziehen (Smith und Higley, 2012), oder
ältere Menschen, die ihren Lebensabend auf dem Land verbringen wollen
(Gilg und Kelly, 1997), ausgemacht. Letzterer Prozess wird in der Literatur
auch als „geriatrification“ (ebd.) bezeichnet.</p>
      <p id="d1e141">Wie bereits angeführt, wird der Zuzug von Gentrifiern sehr stark durch
die kulturlandschaftliche Attraktivität ländlicher Räume
befördert. Das imaginierte ländliche Idyll (Halfacree, 1996) zieht
Mittelschichtshaushalte an, die wiederum ihre Vorstellungen von idyllischen
Verhältnissen an ihrem neuen Wohnort durchzusetzen versuchen (Smith und
Phillips, 2001). In der Debatte hat sich dafür der Begriff der
„greentrification“ durchgesetzt, womit der Zusammenhang aus
Umweltveränderungen und Gentrifizierung betont wird (Smith, 2011). Smith
und Phillips (2001) identifizieren zwei Arten von „Greentifiern“: die peripher lebenden „Greentifier“, gut
ausgebildete heterosexuelle Paare in der Familiengründungsphase, die ein
Eigenheim besitzen und das Leben in einsamen Naturräumen bevorzugen, und
die dörflichen „Greentifier“. Letztere sind Paare, die die
Familiengründungsphase bereits hinter sich haben und/oder eine
Familiengründung ablehnen, ebenfalls ein Eigenheim besitzen und das
gemeinschaftliche Leben in Dörfern schätzen. Eine andere Folge des
gestiegenen Interesses an ländlichen Idyllen sind der zunehmende
Tourismus und sich darauf ausrichtende lokale Ökonomien (Leebrick,
2015). Aufgrund der Attraktivität ländlicher Orte für den
Tourismus ziehen verstärkt Mittelschichtsangehörige in ländliche
Räume und entwickeln dort auf diesen Tourismus zugeschnittene
ökonomische und kulturelle Angebote (Hines, 2010a), wie etwa
Erlebnisbauernhöfe. Darüber hinaus sind auch die vermehrte Nutzung
von Gebäuden in ländlichen Räumen als Ferien- oder
Wochenendhäuser ein Phänomen ländlicher Gentrifizierung, das mit
der kulturlandschaftlichen Attraktivität und touristischen Nutzungen in
Verbindung gebracht wird (Visser, 2004). Die konsumorientierte Perspektive
auf ländliche Gentrifizierung thematisiert, wie das Konsumverhalten von
Gentrifiern ländliche Räume verändert.</p>
</sec>
<?pagebreak page196?><sec id="Ch1.S2.SS2">
  <label>2.2</label><?xmltex \opttitle{Politisch-\"{o}konomische Erkl\"{a}rungen l\"{a}ndlicher Gentrifizierung}?><title>Politisch-ökonomische Erklärungen ländlicher Gentrifizierung</title>
      <p id="d1e154">Politisch-ökonomische bzw. produktionsorientierte Ansätze betten
ländliche Gentrifizierungsprozesse stärker in strukturelle
ökonomische Veränderungen und räumlich ungleiche Entwicklungen
ein. Hier lassen sich vor allem zwei Ursachen von ländlicher
Gentrifizierung identifizieren: veränderte Investitionen in die gebaute
Umwelt und die post-produktivistische Transformation ländlicher
Räume<fn id="Ch1.Footn1"><p id="d1e157">Auch konsumorientierte Arbeiten führen
Post-Produktivismus an. Allerdings benennen sie diese Entwicklung für
gewöhnlich nur als einen Hintergrund ländlicher Gentrifizierung,
ohne die Zusammenhänge mit ländlichen Immobilienmärkten
herauszuarbeiten.</p></fn>.</p>
      <p id="d1e161">Politisch-ökonomische Ansätze verstehen ländliche
Gentrifizierung als Folge renditegeleiteter Investitionen in die gebaute
Umwelt. So zeigte Martin Phillips in einem <?xmltex \hack{\mbox\bgroup}?>Schlüsselaufsatz<?xmltex \hack{\egroup}?>
(1993:129f.), dass Gentrifier in ländlichen Räumen die Häuser
zwar als Eigenheim nutzen und insofern auf den ersten Blick keine
Renditeinteressen im Zentrum der Kaufentscheidung standen, sondern der
Erwerb von Wohnraum zur Selbstnutzung. Allerdings macht Phillips deutlich,
dass die Gentrifier mit einem wesentlich höheren Preis bei einem
erneuten Verkauf kalkulieren, was durchaus auf Renditekalkulationen
hinweist. Er konnte ebenso zeigen, dass die Sanierung von Gebäuden
substantielle Steigerungen der Immobilienwerte zur Folge hatte. Dies
interpretiert Phillips als Hinweis darauf, dass auch in ländlichen
Räumen eine rent gap (Smith, 2019 [1979]) von entscheidender Bedeutung
ist, die von Gentrifiern als „effective embodiments of
capital“ (Phillips, 1993:129) antizipiert und geschlossen wird. Gemeint ist
damit, dass die Gentrifier „Charaktermasken“ (Marx,
1962[1867]:99), also „Personifikationen der ökonomischen
Verhältnisse“ (ebd.), und dementsprechend „kluge
Investor*innen“ (Beauregard, 1986 zit. nach Phillips, 1993:129) sind, die
Investitionen immer auch als Wertanlage sehen und bei einem möglichen
Verkauf eine Rendite erzielen wollen.</p>
      <p id="d1e168">Phillips macht darüber hinaus anschließend an die Einteilung der
Klassen von Wright (1993 [1978]:61ff.) deutlich, dass die Gentrifier
überwiegend den „capitalist classes“ (1993:130)
angehören und bezeichnet deshalb ländliche Gentrifizierung als
„Klassenkolonisierung“. Die beiden Feststellungen, dass die
Gentrifier als Investor*innen agieren und dass sie den „capitalist classes“ angehören, deuten darauf hin, dass auch in
ländlichen Räumen die Zirkulation des Kapitals von entscheidender
Bedeutung für ländliche Gentrifizierungsprozesse ist. In diese
Richtung weist auch die Studie von Darling (2005). Sie zeigt nicht nur die
Entstehung einer ländlichen rent gap auf, sondern macht einen weiteren
bedeutenden Punkt politisch-ökonomischer Erklärungen ländlicher
Gentrifizierung deutlich: die Rolle der (lokal-)staatlichen Politik. Darling
argumentiert in ihrer Untersuchung, dass das Bau- und Planungsrecht von
entscheidender Bedeutung ist, weil es nur in sehr wenigen Orten
zusätzliches Bauland ausweist, sodass Bauflächen äußerst
knapp sind. Aus diesem Grund sind die Immobilienpreise so stark gestiegen,
dass sie weit über dem für lokale Einkommen leistbaren Niveau liegen
(ebd.:1022) und deshalb einkommensniedrigen Bevölkerungsschichten der
Zugang zum Wohnen erschwert wird. Auch wenn Darling es nicht explizit
benennt, ist hier die Parallele zu „exclusionary displacement“
(Marcuse, 1985:206) offensichtlich. Damit spielen Politik und Planung bei
der Aufwertung ländlicher Räume eine wichtige Rolle. Mark Shucksmith
bezeichnet Planer*innen auch als „Agent*innen der
Gentrifizierung“, die Interessen von einkommensstarken Eigentümer*innen
unterstützen (2011:607).</p>
      <p id="d1e172">Der Zusammenhang zwischen Prozessen der Kapitalakkumulation und
ländlicher Gentrifizierung ist auch bei der zweiten Ursache
ländlicher Gentrifizierung von großer Bedeutung: der
post-produktivistischen Transformation ländlicher Räume (Darling,
2005). War die Landwirtschaft im Globalen Norden in den 1970er Jahren noch
durch expansive Produktion gekennzeichnet, so werden seit den 1980er Jahren
Flächen und Höfe wie auch Arbeiter*innen aus der
landwirtschaftlichen Nutzung entlassen (Phillips, 2009). Dies hatte eine
kapitalistische Entwertung ländlicher Räume zur Folge (ebd.), die zu
neuen räumlichen Ungleichheiten führte. Eine Vielzahl ländlicher
Räume ist seitdem durch „a move simply from production to
consumption“ (Vergunst, 2016:286) geprägt. Dazu zählen die
Veränderungen von bislang agrarisch genutzten Landschaften für
touristische Nutzungen oder Freizeitgestaltung, wie sie sich beispielsweise
in touristischen Familienbauernhöfen oder Golfplätzen
ausdrücken. Es findet aber auch eine Diversifizierung von Hofstrukturen
statt, z.B. in Nebenerwerbslandwirtschaft, ökologischer Landbau etc.
Ehemals produktives Agrarland wurde aus politisch-ökonomischer
Perspektive im Zuge des Übergangs zum Post-Produktivismus zunächst
zu unterkapitalisiertem Land im Sinne der rent gap-Theorie (Darling, 2005),
das nun im Zuge von ländlichen Gentrifizierungsprozessen erneut in Wert
gesetzt wird (Phillips, 2004). Der Zuzug von Mittelschichtshaushalten oder
die touristische Nutzung dieser Orte ist somit als Wiederinwertsetzung
ländlicher Räume zu verstehen. Die dargestellten konzeptionellen
Zugänge zu ländlicher Gentrifizierung sind eng mit den jeweiligen
empirischen Gegenständen verknüpft. Der folgende Abschnitt gibt nun
einen Überblick über die empirischen Schwerpunkte in der
englischsprachigen Debatte zu ländlicher Gentrifizierung.</p>
</sec>
</sec>
<sec id="Ch1.S3">
  <label>3</label><?xmltex \opttitle{Empirische Arbeiten zu l\"{a}ndlicher Gentrifizierung}?><title>Empirische Arbeiten zu ländlicher Gentrifizierung</title>
      <p id="d1e185">Die englischsprachigen Arbeiten zu „rural gentrification“
behandeln ein breites Spektrum an empirischen Gegenständen, die im
Folgenden zu Schwerpunkten gruppiert und hinsichtlich der
Untersuchungsregionen dargestellt werden. Dieser Überblick hat keinen
Anspruch auf Vollständigkeit, sondern<?pagebreak page197?> die Funktion, die Debatte entlang
ihrer bisherigen Schwerpunkte zu strukturieren.</p>
<sec id="Ch1.S3.SS1">
  <label>3.1</label><?xmltex \opttitle{Empirische Gegenst\"{a}nde von {\glqq}rural gentrification{\grqq}}?><title>Empirische Gegenstände von „rural gentrification“</title>
      <p id="d1e196">Die empirischen Gegenstände der Arbeiten zu „rural
gentrification“ fassen wir im Folgenden anhand von zwei Schwerpunkten
zusammen: erstens, sozialen Wandel und Konflikte, die mit ländlicher
Gentrifizierung verbunden sind, und zweitens, Wandel von Landnutzungen und
Mensch-Umwelt-Verhältnissen als Resultat ländlicher Gentrifizierung.</p>
      <p id="d1e199">Erstens bilden die Veränderungen der bisherigen Sozialstruktur durch den
Zuzug großstädtischer Mittelklasseangehöriger den häufigsten
empirischen Gegenstand der Arbeiten zu ländlicher Gentrifizierung. So
heben Cloke und Thrift (1987) den Klassencharakter der Migration in
ländliche Räume hervor und postulieren zugespitzt, dass
„the service class has colonised more and more rural areas“
(ebd.:327). Den sozial stark selektiven Zuzug in ländliche Räume
stellen eine ganze Reihe von Autor*innen in einen Zusammenhang mit
„Amenity“ bzw. „Lifestyle Migration“ (z.B.
Ghose, 2004), d.h. Zuzug von Menschen, die in der Lage sind, ihren Wohnort
entsprechend ihrer Freizeitvorlieben bestimmen zu können. Hier zeigt
sich der enge Bezug von ländlicher Gentrifizierung zu Fragen von
Tourismus und dessen Auswirkungen (Leebrick, 2015). Hinweise auf eine
„Supergentrification“ liefern Befunde zur Entstehung eines
neuen „Landjunkertums“ in ländlichen Räumen, das sich
an traditionellen Freizeitaktivitäten orientiert (Heley, 2010), oder
auch zur Entstehung von ländlichen „gated communities“
(Mamonova und Sutherland, 2015). Dem Zuzug von neuen Bewohner*innen stehen
Prozesse der Marginalisierung und Exklusion (Smith, 2011) gegenüber. So
zeigt Little (1987) in einer Studie zu Wiltshire (Großbritannien), dass
der Zuzug von Mittelschichtshaushalten zu Lasten der einkommensniedrigen
Bevölkerungsgruppen geht und die „gap between rich and
poor“ (ebd.:197) weiter aufgeht. Die Veränderungen der Sozialstruktur
sind damit durchaus umstritten (Cloke und Thrift, 1987). Dirksmeier (2009)
zeigt beispielsweise, dass städtische Lebensstile in ländlichen
Räumen auch mit Konflikten verbunden sind. Die Linien dieser Konflikte,
z.B. „Zugezogene“ vs. „Alteingesessene“, zu
untersuchen und zu hinterfragen, bildet ein wichtiges Anliegen kritischer
Forschung zu ländlicher Gentrifizierung (Solana-Solana, 2010).</p>
      <p id="d1e202">Die Aufwertung ländlicher Räume verändert zweitens auch
gesellschaftliche Naturverhältnisse. Die vermeintliche „Idylle“ ländlicher Naturen bildet einerseits einen wichtigen Grund
für den Zuzug in ländliche Räume (siehe Abschnitt 2.1), dies
zeigt die Lage von gentrifizierten Regionen in der Nähe von Küsten,
Nationalparks oder in weiteren als attraktiv wahrgenommenen Naturräumen.
Andererseits transformieren die neuen Bewohner*innen bestehende
Naturverhältnisse, indem sie Landschaften konsumieren und weniger als
Ressourcen der Produktion verstehen (Ghose, 2004). Diese „greentification“ (Smith und Phillips, 2001) führt zu neuen
Wahrnehmungen, aber auch praktischen Aneignungen ländlicher Natur
(Richard et al., 2014). Hierzu zählen neben der Renovierung und
Neugestaltung von Gebäuden die Anlage von Gärten (ebd.:7), aber auch
neue landwirtschaftliche Nutzungen, die jedoch eher als „Hobby“ betrieben werden (Sutherland, 2012). Dieser Landnutzungswandel
lässt sich auf die Differenz zurückführen zwischen der Rendite,
die mit bisheriger landwirtschaftlicher Landnutzung und der Rendite, die mit
neuen Nutzungsformen, zum Beispiel Tourismus, generiert werden kann
(Darling, 2005:1022). Verdrängung durch ländliche Gentrifizierung
umfasst damit nicht nur bisherige Bewohner*innen, sondern auch bisherige
Landnutzungen. So ist auch der Landnutzungswandel verbunden mit Konflikten,
z.B. um die Privatisierung bislang offen zugänglicher Flächen, der
Kommodifizierung natürlicher Ressourcen oder die Vorgaben des
Naturschutzes (Ghose, 2004). Hier werden häufig neue Bewohner*innen
aktiv, die naturräumliche Vorzüge gegen weitere Zuzüge
verteidigen (Bryson und Wyckoff, 2010:72). Die enge Verknüpfung
ländlicher Gentrifizierung mit bestimmten Naturräumen steht für
die lokale Differenzierung bei der Aufwertung ländlicher Räume, die
sich auf ausgewählte Orte konzentriert. Dies zeigt sich auch bei den
Untersuchungsregionen bisheriger Arbeiten.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S3.SS2">
  <label>3.2</label><?xmltex \opttitle{Untersuchungsregionen l\"{a}ndlicher Gentrifizierungsforschung}?><title>Untersuchungsregionen ländlicher Gentrifizierungsforschung</title>
      <p id="d1e214">Bei den Untersuchungsregionen, auf die sich die englischsprachige Debatte zu
ländlicher Gentrifizierung bezieht, lässt sich eine Konzentration
auf bestimmte Regionen feststellen (siehe Phillips und Smith, 2018 für
einen Überblick von Arbeiten zu Großbritannien, Frankreich und den
USA). Die Ursprünge der Debatte in Großbritannien zeigen sich in
einer Vielzahl an Beiträgen zu England (z.B. Phillips, 2014), Schottland
(z.B. Stockdale, 2010) oder Wales (z.B. Stockdale, 2014). Der Nordwesten der
USA ist eine weitere Region, auf die sich viele Untersuchungen beziehen
(z.B. Ghose, 2004). Für verschiedene europäische Länder, wie zum
Beispiel Frankreich (z.B. Richard et al., 2014), Russland (z.B. Mamonova und
Sutherland, 2015) oder Katalonien (z.B. Solana-Solana, 2010), liegen
ebenfalls Arbeiten vor. Vor diesem Hintergrund plädiert Lopez-Morales (2018) dafür, auch den Globalen Süden in der Debatte zu
ländlicher Gentrifizierung stärker zu berücksichtigen. Hier
bieten sich Bezüge zu Arbeiten der Migrationsforschung an, die
beispielsweise touristisch attraktive Bergregionen in Lateinamerika
untersuchen (Kordel und Pohle, 2018).</p>
      <p id="d1e217">Beim räumlichen Zuschnitt der vorliegenden Arbeiten fällt zum einen
auf, dass Kleinstädte nur selten thematisiert werden, und zum anderen,
dass der räumliche Fokus von „ländlich“ unklar bleibt.
Darling (2005) spricht zum Beispiel in Abgrenzung zur ländlichen
Gentrifizierungsdebatte in Großbritannien von „wilderness
gentrification“ um darauf hinzuweisen, dass im Fall von Adirondack Park
(USA) weniger<?pagebreak page198?> die Charakterisierung als ländlicher Raum als vielmehr das
Vorhandensein eines Nationalparks und die damit verbundenen staatlichen
Regulierungen ausschlaggebend für die Gentrifizierung waren. So ist
genauer zu bestimmen, ob ganze Landkreise, Gemeinden, Dörfer, Ortsteile
oder Streusiedlungen gentrifiziert werden. Auch wäre kritisch zu
hinterfragen, ob die Prozesse ländlicher Gentrifizierung in Anlehnung an
Smith (2002) als Teil der „global urban strategy“ oder, wie es
Holm (2013) für Berlin formuliert hat, als „Gentrification
Mainstream“ bezeichnet werden können.</p>
      <p id="d1e220">Gerade weil ländliche Gentrifizierung nicht überall und lokal sehr
unterschiedlich stattfindet, bietet sie einen Zugang, die kleinräumige
Differenzierung ländlicher Räume zu verstehen. Andererseits kann
ländliche Gentrifizierung durchaus auch in Großstädten
stattfinden, etwa in historischen Dorfkernen, die sich in
Großstädten befinden. Heins spricht von der Entstehung einer
„pseudo-countryside, a residential environment with the
characteristics of the countryside but not located there” (2004:39)
aufgrund der Nachfrage nach ländlichem Wohnen. Beispiele hierfür
wären „Stadtvillen“ oder „Townhouses“ in
innerstädtischen Quartieren. Hier könnte auch ein Bezug auf die
Entstehung von Mittelschichtsenklaven in Städten, von Susanne Frank als
„innere Suburbanisierung“ (2014) beschrieben, lohnenswert
sein. Ein Blick auf historische „Künstlerkolonien“ im
Umland von Berlin wie die Kleinstädte Bad Saarow (Landkreis Oder-Spree)
und Buckow (Landkreis Märkisch Oderland) könnte Kontinuitäten
oder Brüche in der Sehnsucht nach ländlichen Idyllen herausarbeiten.
So kann ein Fokus auf Vorstellungen ländlicher Idyllen auch die
städtische Gentrifizierungsforschung voranbringen (Bernt, 2018). Die
genannten Beispiele im Berliner Umland machen deutlich, dass auch im
deutschsprachigen Raum ländliche Gentrifizierungsprozesse einsetzen
könnten. Die Anschlussmöglichkeiten für die deutschsprachige
Forschung thematisiert der folgende Abschnitt.</p>
</sec>
</sec>
<sec id="Ch1.S4">
  <label>4</label><?xmltex \opttitle{Anschl\"{u}sse f\"{u}r die deutschsprachige Forschung}?><title>Anschlüsse für die deutschsprachige Forschung</title>
      <p id="d1e233">Die Arbeiten zu ländlicher Gentrifizierung bieten vielfältige
Anknüpfungspunkte sowohl für die deutschsprachige
Gentrifizierungsforschung, die bislang vor allem städtische Räume
thematisierte als auch für die deutschsprachige Forschung zu
ländlichen Räumen, die Fragen von Aufwertung und Verdrängung
bislang nicht im Fokus hatte. Wie ländliche Gentrifizierung damit
Anknüpfungspunkte für beide Forschungsstränge bilden kann,
diskutiert der folgende Abschnitt.</p>
<sec id="Ch1.S4.SS1">
  <label>4.1</label><?xmltex \opttitle{Ankn\"{u}pfungspunkte f\"{u}r die deutschsprachige
Gentrifizierungsforschung}?><title>Anknüpfungspunkte für die deutschsprachige
Gentrifizierungsforschung</title>
      <p id="d1e244">Für die deutschsprachige Gentrifizierungsforschung mit ihrer starken
Verankerung in Städten bietet die Debatte zur ländlichen
Gentrifizierung die Möglichkeit, den empirischen wie auch
konzeptionellen Fokus auf Entwicklungen jenseits von urbanen Räumen zu
erweitern.</p>
      <p id="d1e247">Im Anschluss an konsumorientierte Erklärungsansätze in der
deutschsprachigen Gentrifizierungsforschung (z.B. Blasius, 1993; Friedrichs
und Kecskes, 1996) gibt es erste Arbeiten zu ländlicher Gentrifizierung.
Doris Schmied (2002) untersuchte ländliche Gentrifizierung im Cotswold
District in Südwestengland. Dabei konnte sie nachweisen, dass die
Hoffnung auf ein ländliches Idyll ein zentrales Zuzugsmotiv wohlhabender
Mittelschichtshaushalte darstellte, die in der Untersuchungsregion
günstige Häuser kauften. Auch sie findet Hinweise auf „marginal gentrifier“, die trotz vergleichsweise geringer Einkommen
ländliche Gentrifizierung vorantreiben, und stellt Ruhestandswanderungen
und eine Alterung fest, die jedoch auf dem Wegzug jüngerer
Bewohner*innen aus der Region beruht. Zudem könnte der Zuzug von
„Lifestyle Migrant*innen“ in ländlich periphere Regionen
(Gruber et al., 2017) ländliche Gentrifizierungsprozesse auslösen.
Die in der englischsprachigen Debatte etablierte Untersuchung möglicher
Formen von „greentification“ (Smith, 2011) könnte helfen,
den Zusammenhang zwischen der ökologischen oder touristischen
Überformung ländlicher Kulturlandschaften und dem
sozialstrukturellen Wandel in ländlichen Regionen zu verstehen.</p>
      <p id="d1e250">Die seit der Jahrtausendwende immer stärker rezipierte deutschsprachige
Gentrifizierungsforschung, die auf politisch-ökonomische
Erklärungsansätze aufbaut (z.B. Schipper, 2013; Holm, 2018),
könnte ebenfalls um Fragen des Wandels ländlicher
Immobilienmärkte erweitert werden. So sind insbesondere ländliche
Küstenorte (Rohr, 2008) oder auch ländliche Räume in den Bergen
(Job und Mayer, 2013) touristisch in Wert gesetzt worden und anschauliche
Beispiele ländlicher Gentrifizierung post-produktivistischer Regionen.
Politisch-ökonomische Ansätze betonen darüber hinaus die
Bedeutung von Investor*innen für ländliche Gentrifizierung. Hier
könnte zum einen die bisherige deutschsprachige Forschung zur
Finanzialisierung von Wohnraum (Heeg, 2013) und zur Bedeutung von lokalen
(Klein-)Investor*innen (Miessner, 2021) um Fragen ländlicher
Wohnungsmärkte erweitert werden. Schipper (2013) legt am Beispiel von
Frankfurt am Main eine überzeugende empirische Operationalisierung der
rent gap-Theorie für den deutschen Kontext vor. Es gibt bisher – nicht
nur im deutschsprachigen Raum – nur wenige systematische an der rent
gap-Theorie orientierte räumliche Untersuchungen für
Metropolregionen (z.B. Porter, 2010). Arbeiten, die über den engeren
metropolitanen Verflechtungsraum hinausgehen, fehlen unseres Wissens. Die
Arbeit von Darling (2005) zeigt aber, dass die rent gap-Theorie auch auf
ländliche Räume übertragbar ist, sodass eine systematische
räumliche Untersuchung möglich scheint. Eine solche Forschung
würde es ermöglichen, zu verstehen, wo und warum sich rent gaps
öffnen. Damit könnte die räumliche Zirkulation des Kapitals
durch die gebaute Umwelt nicht nur in Städten, sondern auch in
ländlichen Kontexten nachvollzogen werden. Die
politisch-ökonomischen Ansätze betonen darüber hinaus die Rolle
von Regional- und Planungspolitiken für<?pagebreak page199?> ländliche
Gentrifizierungsprozesse (Darling, 2005). Hieran anschließend könnte
im deutschsprachigen Kontext untersucht werden, welche sozialräumlichen
Wirkungen die Neuausrichtung staatlicher Raumplanungspolitik (Mießner,
2017) und der damit einhergehende verschärfte Wettbewerb zwischen
Regionen (Kallert und Dudek, 2019) zeitigt. Der so durchgesetzte Fokus auf
die „Innovationsleistung“ (Caprarese, 2007) im Zuge des
„New Regionalism“ folgt neoliberalen Logiken (Kröcher,
2008) und könnte den Zuzug einkommensstarker Bevölkerungsschichten
befördern.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S4.SS2">
  <label>4.2</label><?xmltex \opttitle{Anschl\"{u}sse f\"{u}r die deutschsprachige Forschung zu l\"{a}ndlichen
R\"{a}umen}?><title>Anschlüsse für die deutschsprachige Forschung zu ländlichen
Räumen</title>
      <p id="d1e262">Die vorliegenden Arbeiten der englischsprachigen Humangeographie zu
„rural gentrification“ bieten eine konzeptionelle Erweiterung
der Forschung zu ländlichen Räumen um Prozesse der Gentrifizierung
und können empirisch an Untersuchungen zu ländlicher Entwicklung im
deutschsprachigen Raum anknüpfen.</p>
      <p id="d1e265">In empirischer Hinsicht schließt die Debatte um ländliche
Gentrifizierung an aktuelle Warnungen in der deutschen Presse an, die wegen
steigender Bodenpreise von einer drohenden Vertreibung der „eigentlichen Landbevölkerung“ (Bätzing, 2020) sprechen. Zudem zeigt
eine erste Untersuchung, dass die Wohnungsfrage in kleineren Städten
weniger eine quantitative Frage als eine Frage der Passfähigkeit zu
bestimmten Bedürfnissen ist (Schönig, 2020). So ist beispielsweise
für ältere Menschen nicht immer barrierearmer Wohnraum
verfügbar. Hier bietet die englischsprachige Debatte um sozialen Wandel,
Verdrängung und damit verbundene Konflikte erste Indizien, welche
Konflikte auch in ländlichen Räumen Deutschlands zukünftig
auftreten und wie diese empirisch untersucht werden könnten. Eine erste
Untersuchung von Reichert-Schick (2017) zeigt die mit dem Zuzug aus
Luxemburg verbundenen Veränderungen in der Obermosel entlang der
Kategorien sozial-kultureller, baulicher, ökonomisch-infrastruktureller
und symbolischer Wandel. Über diese bereits von deutschen Forscher*innen
aufgegriffenen Fragen der Zuwanderung hinaus könnte ein Fokus auf den
Klassencharakter der Migrationsbewegungen (Cloke und Thrift, 1987) wichtige
Erkenntnisse über die sozialstrukturellen Veränderungen in
ländlichen Räumen hervorbringen und zu einem tieferen
Verständnis von Konflikten zwischen bisheriger Bevölkerung und
Zuziehenden beitragen. Die Aneignung ländlicher Räume durch
Angehörige der großstädtischen Mittelschicht kann auch als eine
Form des „Land Grab“ verstanden werden (Steel et al., 2017),
der eng mit städtischen und anderen gesellschaftlichen Entwicklungen
verknüpft ist. Dies empirisch herauszuarbeiten, könnte eine weitere
Aufgabe deutschsprachiger Forschungen sein.</p>
      <p id="d1e268">Weiterhin zeigen die eingangs erwähnten Bestrebungen für eine
Aufwertung ländlicher Regionen die politische Dimension ländlicher
Gentrifizierung, die es auch in der Bundesrepublik zu untersuchen gilt. Hier
wäre es lohnenswert, unterschiedliche Positionen und mögliche
Konflikte zwischen, aber auch innerhalb der Landes- und Kommunalpolitik in
den Blick zu nehmen. Das Wohnen auf dem Land ist schließlich auch ein
Teil der „Infrastrukturen für ”gleichwertige
Lebensverhältnisse“ (Simmank, 2020) in Deutschland. Darüber
hinaus lassen sich Fragen des Landnutzungswandels, die mit „rural gentrification“ verfolgten Interessen unterschiedlicher Akteure und
damit verbundene Konflikte mit aktuellen Diskussionen um die Gestaltung von
ländlichen Energielandschaften (Bosch und Schmidt, 2020) verbinden.</p>
      <p id="d1e272">Hinsichtlich der Untersuchungsregionen bietet der deutschsprachige Raum
einerseits zahlreiche Beispiele für Regionen, die aufgrund
naturräumlicher Reize als Beispiele für ländliche
Gentrifizierung in Frage kommen. Andererseits bietet vor allem
Ostdeutschland eine Gelegenheit, ländliche Räume, die eine
umfangreiche Transformation erfahren haben, auf Hinweise einer Aufwertung zu
untersuchen und damit neue Aspekte in die englischsprachige Debatte
einzubringen. Die Übertragung des im Rahmen der „Kölner
Gentrifizierungsstudien“ (Friedrichs und Blasius, 2016) entwickelten
Wohnungspanels (Friedrichs und Blasius, 2015), das die Wohnung bzw. das
Einfamilienhaus als Grundlage der Untersuchung sehr kleinräumiger
Veränderungen nutzt, in Wellen über mehrere Jahre durchgeführt
wird und so die Erforschung von Gentrifizierungsverläufen ermöglicht
(Friedrichs und Blasius, 2016), könnte zum besseren Verständnis der
unterschiedlichen Phasen ländlicher Gentrifizierungsprozesse beitragen.
Eine Herausforderung wäre dabei jedoch die geringe Fallzahl, die in ein
solches Panel in ländlichen Regionen einfließen würde. Aufbauend
auf diese konzeptionellen und empirischen Anschlüsse für eine
deutschsprachige Forschung an die Debatte zu „rural
gentrification“ sollen im folgenden Kapitel mögliche Aspekte für
ein Forschungsprogramm zu ländlicher Gentrifizierung benannt werden.</p>
</sec>
</sec>
<sec id="Ch1.S5" sec-type="conclusions">
  <label>5</label><?xmltex \opttitle{L\"{a}ndliche Gentrifizierung im deutschsprachigen Raum -- ein
Forschungsprogramm}?><title>Ländliche Gentrifizierung im deutschsprachigen Raum – ein
Forschungsprogramm</title>
      <p id="d1e286">Die vorhergehenden Ausführungen machen deutlich, dass die Forschung zu
ländlicher Gentrifizierung im deutschsprachigen Raum in konzeptioneller
und empirischer Hinsicht an die englischsprachige Debatte anschließt,
aber auch eigene Beiträge für deren Weiterentwicklung leisten
könnte. Wir schlagen hierfür die folgenden Ausgangspunkte vor, an
denen sich künftige Arbeiten zu ländlicher Gentrifizierung
orientieren könnten.</p>
      <p id="d1e289">Auf theoretisch-konzeptioneller Ebene wäre erstens zu fragen, ob die
beschriebenen Erklärungsansätze für „rural
gentrification“ den Entwicklungen ländlicher Räume in Deutschland
gerecht werden. Die englischsprachige Debatte um vergleichende Ansätze
in der Stadtforschung (Robinson und Roy, 2016) hat zu einer Ausweitung<?pagebreak page200?> der
Untersuchungskontexte in der Gentrifizierungsforschung geführt (Bernt,
2016). Die Debatte macht aber auch deutlich, dass die Übertragung
etablierter Theorieangebote auf andere Kontexte den jeweiligen Entwicklungen
nicht immer gerecht wird. Daran anschließend wäre zu klären, ob
die englischsprachigen Erklärungsansätze beispielsweise die
spezifischen Transformationen in Ostdeutschland angemessen erfassen
können. Zudem wäre kritisch zu reflektieren, ob die Übertragung
des im städtischen Kontext entwickelten Gentrifizierungsbegriffes auf
ländliche Kontexte sinnvoll ist. Schon seit einiger Zeit wird
kritisiert, dass der Begriff der Gentrifizierung zu weit gedehnt (Lees et
al., 2008) und seines ursprünglich kritischen Gehalts, dem Fokus auf die
Verdrängung einkommensschwacher Bevölkerung, beraubt wurde (Slater,
2006). Entsprechend wäre zu fragen, wer Gewinner*innen und wer
Verlierer*innen des ökonomischen, sozialen und ökologischen Wandels
ländlicher Räume sind.</p>
      <p id="d1e292">Eng verknüpft mit dieser Frage der Übertragbarkeit des
Gentrifizierungsbegriffes auf ländliche Kontexte ist zweitens die
Bedeutung von Verdrängung im ländlichen Kontext. Diese rückt
jüngst stärker in den Fokus der Forschung (z.B. Phillips et al.,
2021). Gerade weil die Wohnungsmärkte in ruralen Orten stark auf
Eigentum und Selbstnutzung basieren, stellt sich die Frage, ob und wie hier
Verdrängung beispielsweise durch Modernisierung stattfinden kann.
Während Verdrängung in städtischen Räumen ein
vergleichsweise kurzfristiger Prozess ist, konzipieren Phillips et al. (ebd.:74) Verdrängung als einen wesentlich längerfristigen Prozess
von Desinvestition und späterer Reinvestition, bei dem Teile der
Bevölkerung das Land aufgrund von Arbeitsplatzverlust etc. verlassen und
neue zahlungskräftigere Klientel – durchaus Jahrzehnte später –
zuzieht. So stellt die Konzeptionialisierung und empirische Untersuchung von
Verdrängung eine wesentliche Herausforderung ländlicher
Gentrifizierungsforschung dar.</p>
      <p id="d1e296">Drittens ist die Abgrenzung ländlicher Gentrifizierung von anderen
Formen der Gentrifizierung immer wieder neu zu bestimmen. In der Forschung
gilt es daher beispielsweise zu zeigen, welche Prozesse sich der
Suburbanisierung, welche ländlicher Gentrifizierung zuordnen lassen.
Dies betrifft auch die Unterschiede von ländlicher Gentrifizierung und
„greentrification“ bzw. „environmental
gentrification“ oder „geriatrification“. Hier könnte eine
Typisierung unterschiedlicher Formen von Gentrifizierung anschließen,
die sowohl in Städten wie auch ländlichen Räumen festzustellen
sind.</p>
      <p id="d1e299">Viertens stellen die Erfahrungen mit ländlichen
Gentrifizierungsprozessen die gängigen Vorstellungen von Gentrifier
zumindest teilweise in Frage. Zu klären wäre insofern, welche
Personengruppen in ländlichen Räumen Deutschlands als Gentrifier
auftreten, wie sich diese von städtischen Gentrifiern unterscheiden,
welche Rolle sie in der Lokalpolitik spielen und was dies für die
Konzeption des Phasenmodells der Gentrifizierung (Dangschat, 1988) bedeutet.
So könnte aus der englischsprachigen Debatte die Frage aufgegriffen
werden, ob Personen, die private Immobilien für die Selbstnutzung
erwerben, als Gentrifier verstanden werden können. Weiterhin könnten
Erkenntnisse aus der Migrationsforschung in die Untersuchung der
Motivationen für Zuwanderung in ländliche Räume einfließen.</p>
      <p id="d1e302">Fünftens könnte die ländliche Gentrifizierungsforschung auch der
deutschsprachigen kritisch-geographischen Forschung, die überwiegend auf
städtische Kontexte fokussiert ist, neue Themen eröffnen. Die
Diskussion um die Möglichkeiten und Grenzen kritischer Stadtforschung
zur Untersuchung ländlicher Kontexte stellt nicht die zunehmende
Durchlässigkeit der Kategorien von „Stadt“ und
„Land“ infrage. Eine Untersuchung ländlicher
Gentrifizierung kann dazu beitragen, zu prüfen, wie „städtisch“ ländliche Räume mittlerweile sind, wie groß die
Reichweite kritischer Stadtforschung ist und welche spezifischen Formen
politischer Interventionen notwendig sind.</p>
      <p id="d1e305">Auf empirischer Ebene wäre zunächst zu fragen, wo Gentrifizierung in
ländlichen Räumen beobachtet werden kann. Damit ist der Bedarf nach
Methoden verbunden, die diese Räume identifizieren können. Eine
Inspiration könnte hierfür die „GentriMap“ (Holm und
Schulz, 2018) für städtische Quartiere liefern. Hierfür wäre
auch der Zusammenhang zwischen der Aufwertung ländlicher Immobilien und
der Verdrängung einkommensschwacher Haushalte auf der einen Seite und
der Restrukturierung ländlicher Ökonomien auf der anderen Seite
genauer zu untersuchen. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft, deren
Beschäftigungswirkungen immer geringer werden, kann ein Ausgangspunkt
für neu entstehende rent gaps und damit für die Wiederentdeckung
ländlicher Immobilienmärkte sein. Der Bedeutungsgewinn von Tourismus
als Erwerbsmöglichkeit in ländlichen Räumen ist mit einer
Ausrichtung von Angeboten an den Interessen großstädtischer
Nachfrager*innen verbunden.</p>
      <p id="d1e308">Zweitens stellt sich das Problem der Verfügbarkeit von Daten zu
ländlichen Immobilienmärkten und Sozialstrukturen. Sind schon
Mietpreisdaten für kleinere Großstädte kaum verfügbar und
müssen nicht selten erst eigens erhoben werden (Mießner, 2021), so
stellt sich dieses Problem aufgrund geringerer Fallzahlen in
Kleinstädten und ländlichen Räumen umso mehr. Aufgrund der
häufig geringen Fallzahlen stellt sich eine solche Herausforderung auch
für die Immobilienpreise kaufpreisarmer Lagen (Dorndorf et al., 2017).
Ebenso sind sozialstatistische Daten bereits in Mittelstädten aus
Datenschutzgründen nur selten kleinräumig differenziert
verfügbar – für ländliche Regionen dürften diese
Herausforderungen noch größer sein.</p>
      <p id="d1e311">Drittens ist die städtische Situiertheit akademischer Wissensproduktion
bei der Untersuchung ländlicher Gentrifizierung kritisch zu
hinterfragen. Wissenschaftler*innen, die zu ländlicher Entwicklung
forschen, sind häufig in Großstädten sozialisiert und arbeiten
an Einrichtungen in Großstädten. Somit besteht die Gefahr,
städtische Perspektiven auf ländliche Kontexte zu übertragen und
etwaige Besonderheiten ländlicher Räume zu übersehen. Diese
Herausforderung<?pagebreak page201?> sollte bei der methodischen Konzeption der Untersuchung
berücksichtigt werden.</p>
      <p id="d1e315">Viertens müssen Wissenschaftler*innen, die zu ländlicher
Gentrifizierung in Deutschland arbeiten, mit einer Ambivalenz umgehen. So
ist die Forschung einerseits mit den Widersprüchen und Konflikten von
ländlicher Gentrifizierung konfrontiert, die etwa bei der Aufwertung
ländlicher Räume entstehen. Andererseits müssen sich
Landforscher*innen auch der Frage stellen, was ihre konkreten Alternativen
zu Abwanderung, Alterung und Peripherisierung jenseits des Zuzugs
großstädtischer Mittelschichtshaushalte sind. Damit stellt sich die
Aufgabe für eine Geographie ländlicher Räume, nach Perspektiven
ländlicher Entwicklung zu suchen, die über die Optionen Auf- oder
Abwertung hinausgehen. Hierfür kann eine deutschsprachige Forschung zu
ländlicher Gentrifizierung erste Erkenntnisse hervorbringen.</p>
</sec>

      
      </body>
    <back><notes notes-type="dataavailability"><title>Datenverfügbarkeit</title>

      <p id="d1e322">Für diesen Artikel wurden keine Datensätze genutzt.</p>
  </notes><notes notes-type="authorcontribution"><title>Autorenmitwirkung</title>

      <p id="d1e328">Der Aufsatz wurde von den Autoren gemeinsam entwickelt und verfasst.</p>
  </notes><notes notes-type="competinginterests"><title>Interessenkonflikt</title>

      <p id="d1e334">Die Autor*innen erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.</p>
  </notes><ack><title>Danksagung</title><p id="d1e340">Wir danken Jan Glatter für die Kommentierung einer früheren Version dieses Aufsatzes sowie den beiden anonymen Gutachter*innen für die hilfreichen Hinweise zu unserem Beitrag.</p></ack><notes notes-type="reviewstatement"><title>Begutachtung</title>

      <p id="d1e345">This paper was edited by Nadine Marquardt and reviewed by two anonymous referees.</p>
  </notes><ref-list>
    <title>Literatur</title>

      <ref id="bib1.bib1"><label>1</label><?label 1?><mixed-citation>
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typisches Phänomen“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 5.
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      <ref id="bib1.bib2"><label>2</label><?label 1?><mixed-citation>Bernt, M.: Very particular, or rather universal? Gentrification through the
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    <!--<article-title-html>Ländliche Gentrifizierung. Aufwertung und Verdrängung jenseits der Großstädte – Vorschlag für ein Forschungsprogramm</article-title-html>
<abstract-html><p>Not only since the Covid-19 pandemic, rural areas have
received new attention as supposedly healthier and attractive places of
residence. Regions previously characterized as shrinking are experiencing a
highly selective influx of urban middle-class households and an increase in
real estate and rental prices. These influxes and housing market
developments raise the question of value increase and displacement.
English-speaking, and especially British, human geographers have been
studying the phenomenon of ”rural gentrification” for several decades. This
article therefore aims to systematize this state of the art in terms of its
conceptual framework and empirical objects. Based on this, the article
explains possible connections for German research on rural gentrification
and discusses starting points for future research.</p></abstract-html>
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