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    <journal-meta><journal-id journal-id-type="publisher">GH</journal-id><journal-title-group>
    <journal-title>Geographica Helvetica</journal-title>
    <abbrev-journal-title abbrev-type="publisher">GH</abbrev-journal-title><abbrev-journal-title abbrev-type="nlm-ta">Geogr. Helv.</abbrev-journal-title>
  </journal-title-group><issn pub-type="epub">2194-8798</issn><publisher>
    <publisher-name>Copernicus Publications</publisher-name>
    <publisher-loc>Göttingen, Germany</publisher-loc>
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      <article-id pub-id-type="doi">10.5194/gh-77-239-2022</article-id><title-group><article-title>Das tansanische Reisfeld als lebendes Labor? Eigenlogiken des
Übersetzungsprozesses<?xmltex \hack{\break}?> einer technologiezentrierten Pilotstudie<?xmltex \hack{\break}?> in ein
Agrarentwicklungsprojekt</article-title><alt-title>Das tansanische Reisfeld als lebendes Labor? </alt-title>
      </title-group><?xmltex \runningtitle{Das tansanische Reisfeld als lebendes Labor? }?><?xmltex \runningauthor{A. Matejcek}?>
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          <name><surname>Matejcek</surname><given-names>Astrid</given-names></name>
          <email>astrid.matejcek@uni-mainz.de</email>
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      <author-notes><corresp id="corr1">Astrid Matejcek (astrid.matejcek@uni-mainz.de)</corresp></author-notes><pub-date><day>20</day><month>May</month><year>2022</year></pub-date>
      
      <volume>77</volume>
      <issue>2</issue>
      <fpage>239</fpage><lpage>252</lpage>
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        <date date-type="received"><day>10</day><month>August</month><year>2021</year></date>
           <date date-type="rev-recd"><day>9</day><month>March</month><year>2022</year></date>
           <date date-type="accepted"><day>12</day><month>April</month><year>2022</year></date>
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        <copyright-statement>Copyright: © 2022 Astrid Matejcek</copyright-statement>
        <copyright-year>2022</copyright-year>
      <license license-type="open-access"><license-p>This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 International License. To view a copy of this licence, visit <ext-link ext-link-type="uri" xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</ext-link></license-p></license></permissions><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/77/239/2022/gh-77-239-2022.html">This article is available from https://gh.copernicus.org/articles/77/239/2022/gh-77-239-2022.html</self-uri><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/77/239/2022/gh-77-239-2022.pdf">The full text article is available as a PDF file from https://gh.copernicus.org/articles/77/239/2022/gh-77-239-2022.pdf</self-uri>
      <abstract><title>Kurzfassung</title>

      <p id="d1e79">Against the backdrop of food security and supposedly untapped agricultural
potential in Africa, international Non-Governmental Organisations (NGOs)
remain important intermediaries for the transfer of agricultural science and technologies. Realizing the limited transferability of Western technologies to the Global South, they increasingly shift to trial-and-error-approaches to generate adapted innovations. In this vein, the <italic>Spatio-Temporal Agribusiness Support System</italic> (STASS) was introduced to Tanzania not only to intensify agricultural production but also to further develop the technology itself. Following Tilley's approach to „Africa as a living laboratory“, and concepts of experimentation from Science and Technology Studies (STS), this article explores the different logics and (unintended) effects of merging a development project with a technological pilot. Participant observation during the deployment of the digital drone and satellite-based information technology highlighted how experimentation for technological innovations sought to reconcile a highly complex actor network which focused primarily on data generation. Yet, through technology breakdowns and an emphasis on the interests of external experts this newly generated digital knowledge appeared to be of constrained applicability and, ultimately, pointed to the limited compatibility of testing and developing.</p>
  </abstract>
    </article-meta>
  </front>
<body>
      

<sec id="Ch1.S1" sec-type="intro">
  <label>1</label><title>Einleitung</title>
      <p id="d1e94"><disp-quote>
  <p id="d1e97">Farmers are business people and every decision on a farm is a business
decision. Through drones, satellite imagery and GPS data we deliver
actionable information services for smarter decision-making. Precision
agriculture – this is where agriculture is going! (Projektleitung,
Hauptsitz <italic>Wakilimo Fund</italic>, Dar es Salaam, 27 Februar 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e104">Mit Überzeugung stellte mir die Projektleitung im Hauptsitz der
Nichtregierungsorganisation (NRO) <italic>Wakilimo Fund</italic><fn id="Ch1.Footn1"><p id="d1e109">Die Namen der Organisationen und Akteure im Text sind anonymisiert und pseudonymisiert.</p></fn> in Dar es Salaam eines der zahlreichen Projekte vor, die sie im ländlichen Tansania umsetzte. Als eine von vielen NROs, die sich die agrarökonomische „Entwicklung“<fn id="Ch1.Footn2"><p id="d1e113">Um zu verdeutlichen, dass ich die postkolonialen Kritiken am Konzept, an der Idee und am Begriff
„Entwicklung“ sowohl für diesen Text als auch für meine Arbeit im Allgemeinen ernst nehme, verwende ich sie stets in Anführungszeichen. Das liegt zum einen daran, dass ich mich von der eurozentrischen sowie teleologischen Sichtweise distanzieren möchte. Zum anderen ist mir bewusst, dass die darunterfallenden Praktiken auch dazu verflucht sein können, Machtungleichheiten und Abhängigkeiten zu verstärken, nicht zuletzt deshalb, weil sich Lösungsansätze auch als unangemessen und nicht nachhaltig erweisen, wenn sie eher an den Interessen westlicher Akteure oder lokaler Eliten orientiert sind und die eigentlichen Adressat:innen als verkannte oder exotisierte Identitäten ins Abseits geraten.</p></fn> von Kleinbäuer:innen zum Ziel gesetzt hat, steht sie in der Tradition des <italic>technological fix</italic> der Grünen Revolution in Afrika. Die umfangreiche
Modernisierung von Landwirtschaft soll das unausgeschöpfte Potenzial
ländlicher Räume im Globalen Süden freisetzen (Fejerskov, 2017:9). Darüber hinaus bezeugt die geplante Anwendung von <italic>Artificial Intelligence</italic> (AI) – in diesem
Fall eine Technologie namens <italic>Spatio-Temporal Agribusiness</italic> <italic>Support System</italic> (STASS) – eine neue Dimension, diese Ziele
durch Digitalisierung und unter dem Mantel von <italic>Information and Communications Technologies for Development</italic> (ICT4D) zu erreichen
(Brooks, 2021:8; Cherlet, 2014:787).</p>
      <p id="d1e133">Als Vermittler westlichen landwirtschaftlichen Wissens und Technologien
bestehen die herkömmlichen Praktiken von Organisationen wie dem
<italic>Wakilimo Fund</italic> in der Übermittlung von Technologie-Paketen, die in der Regel
Hybridsaatgut, Düngemittel, Pestizide, Herbizide und Unterricht in
agrarökonomischen Praktiken umfassen (Shepherd, 2006:399). Nachdem
viele dieser Investitionen ohne die gewünschten Effekte blieben, werden
Stimmen lauter, die die Grenzen der Übertragbarkeit solcher Technologien
betonen (Fejerskov, 2017:13). Als Folge ist ein Wandel hin zu neuen
technologischen Innovationen zu beobachten, die stärker auf die Probleme
des Globalen Südens zugeschnitten sein sollen (Anadon et al., 2016:2
f.). Im Zentrum steht dabei das Testen vor Ort, um einen graduellen
Aneignungsprozess der Technologien durch <italic>Trial-and-Error</italic> zu erzeugen (Fejerskov, 2017:13).
In der Praxis wird daher vermehrt in Pilotstudien eine technische
Ausstattung von Expert:innen in einer ausgewählten Umgebung errichtet,
um deren Funktion und Leistung anhand der Interaktion mit einer bestimmten
Zielgruppe messen und bewerten zu können. Statt auf bewährte
Maßnahmen zurückzugreifen, werden neue Technologien direkt im
Projektzusammenhang getestet und weiterentwickelt. Aus Sicht der Geber:innen
ergibt sich so die Möglichkeit, Fehler früh zu erkennen und damit
den Lernprozess auf Seiten der Expert:innen bereits anzustoßen,
während man den Alltag der Versuchsgruppe ändert und nicht erst im
Rahmen einer nachgeordneten Projektevaluation (Berndt und Boeckler, 2016:23). Bereits im Verlauf einer „Entwicklungsintervention“ herauszufinden, was (nicht) funktioniert, bedeutet auf der einen Seite ein höheres
Risiko, da Scheitern auch einkalkuliert wird. Auf der anderen Seite bietet
dies für die Menschen vor Ort eine Möglichkeit, aktiv und
ermächtigend das Wissen über ihre Probleme und deren Bewältigung
zu beeinflussen.</p>
      <p id="d1e142">In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Installation von STASS
für kleinbäuerlichen Reisanbau in der Region Mbeya im Süden
Tansanias von 2016 bis 2019 einordnen. Die Umstände einer klaren
zeitlichen und räumlichen Begrenzung sowie das Vorgehen, eine Zielgruppe
einer von außen induzierten, technologischen Intervention auszusetzen,
erinnert an eine Laborsituation. In diesem Sinne greife ich die
Historiographie „Africa as a living laboratory“ auf. In dieser
problematisiert Tilley (2011) den Nexus zwischen Wissenschaft und
Technologien, „Entwicklung“ und Macht im Kontext imperialer
Wissenschaften. Vor diesem Hintergrund konzeptualisiere ich für den
Kontext technologischer Pilotstudien „das lebende Labor“ weiter – auch inspiriert durch Laborstudien aus den Science and Technology Studies (STS).
Lange Zeit galt „that there is a time when innovations are in laboratories,
and another time when they are tried out in a new set of conditions which
invalidate or verify the efficacy of these innovations (<inline-formula><mml:math id="M1" display="inline"><mml:mi mathvariant="normal">…</mml:mi></mml:math></inline-formula>)“ (Latour, 1983:155). Zunehmend wird die klare Trennung zwischen der
Technologieentwicklung im Labor und ihrem Test in der realen Welt in Frage
gestellt.</p>
      <p id="d1e153">Auch im Falle des STASS-Pilotprojekts zeigt sich, wie sich die angestrebte
Entwicklung der Technologie selbst mit der „Entwicklung“ der
Landwirtschaft in der Testgemeinde verschnitt. Ziel des Projekts war es
dabei zum einen, das AI-System weiterzuentwickeln und den Algorithmus so
anzupassen, dass seine Vermarktung im Globalen Süden möglich werden
würde. Zum anderen sollte mithilfe der neuen Technologie die
landwirtschaftliche Modernisierung, ökonomische Vernetzung und damit die
„Entwicklung“ der Gemeinde an sich vorangetrieben werden. Dabei stand die
Förderung informationsbasierter, autonomer Entscheidungsfindung und
technologiegeleiteter, lokaler Problemlösung im Vordergrund. Die
Struktur des Agrarentwicklungsprojekts wurde durch die Einführung des
AI-Systems entscheidend verändert. Vor diesem Hintergrund fragt dieser
Artikel vor allem nach den Effekten, die die Übersetzung eins
technologiezentrierten Pilotprojekts in ein Entwicklungsprojekt mit sich
bringt. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den unterschiedlichen Logiken
des Entwickelns und Testens und den Versuchen, beides in einem Projekt zu
vereinen. Hierfür stelle ich zunächst den theoretischen Rahmen in
Bezug auf das „lebende Labor“ (Tilley, 2011) und Laborstudien aus dem Feld
der STS vor, um daran anschließend in aktuelle Diskussionen
experimenteller Praktiken im „Entwicklungskontext“ Afrikas
einzuführen. Nach einer detaillierten Darstellung des
STASS-Pilotprojekts folgt eine Vorstellung meines empirischen Zugangs und
der methodologischen Herangehensweise, auf der meine weiteren
Ausführungen basieren. Durch eine teilnehmende Beobachtung des Einsatzes
von STASS sowie qualitative Interviews mit den Beteiligten konnte ich
Einblicke in die unterschiedlichen Eigenlogiken und die nicht-intendierten
Effekte des Übersetzungsprozesses gewinnen. In diesen wurde deutlich,
wie neue Akteurskonstellationen, Alltagspraktiken und Prozesse der
Wissensproduktion, die mit dem Einsatz des AI-Systems einhergingen, die
unterschiedlichen „Entwicklungseffekte“ beeinflussten
beziehungsweise herausforderten und wie dadurch nicht nur neue, sondern auch
altbekannte Problematiken der „Entwicklungszusammenarbeit“ aufgeworfen wurden. Statt, wie von den Projektentwickelnden erhofft, ländliche
„Entwicklung“ durch die Einführung digitaler Technologien zur
Förderung des Reisanbaus in Tansania zu stärken, enthüllten sich
in diesem Pilotprojekt vielmehr die Grenzen der Vereinbarkeit des Testens
und Entwickelns. Dieser ethnographische Beitrag schlägt daher eine
Brücke zwischen sonst deutlich abstrakteren oder sehr anwendungsnahen
Debatten um Digitalisierung in der „Entwicklungszusammenarbeit“.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S2">
  <label>2</label><title>Afrika als Labor, damals und heute</title>
      <p id="d1e164">Einige Arbeiten haben bereits auf Tilleys (2011) Pionierarbeit und auf den
von ihr geprägten Begriff des „lebenden Labors“ verwiesen, um
experimentelle Interventionen im Bereich Wissenschaft und „Entwicklung“ in
Subsahara-Afrika und weiteren Bereichen des Globalen Südens einzubetten
(Brooks, 2021; Beisel et al., 2018; Schurr und Verne, 2017; Fejerskov, 2017;
Rottenburg, 2009). Vor dem Hintergrund von Kolonialismus und Imperialismus
entwickelt die Autorin eine historische Genealogie des „African
Research Survey (1929–1938)“, um das Verhältnis zwischen angewandter
Forschung und wissenschaftlichen Epistemologien nachzuvollziehen. Für
Forscher:innen im britischen Ostafrika stand die Frage im Zentrum, inwieweit
„moderne“ wissenschaftliche Überlegungen auf „afrikanische“ Probleme
anwendbar waren. Afrika wurde dabei als „unangetasteter Raum“ gesehen, in
dem Theorien aus Ökologie, Landwirtschaft, Epidemiologie, Anthropologie
und Psychologie zu testen seien. Die Weiterentwicklung wissenschaftlichen
Wissens wurde stets mit der „Entwicklung“ des lokalen Kontextes verbunden.
So pries der Leiter und Sprecher, Lord Hailey, die umfassenden Studien an:<disp-quote>
  <p id="d1e168">Africa presents itself as a living laboratory, in which the reward of
study may prove to be not merely the satisfaction of an intellectual
impulse, but an effective addition to the welfare of the people (Lord Hailey 1938 zitiert in Tilley, 2011:5).</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e172">In den letzten Jahrzehnten waren Interventionen der
„Entwicklungszusammenarbeit“ vor allem an scheinbar bewährten
Maßnahmen, Praktiken und Agenden angelehnt und versuchten diese
voranzutreiben. Neues Wissen zu generieren, stand weniger im Fokus.
Insbesondere im Rahmen der aktuellen Digitalisierung von „Entwicklung“
zeichnet sich die Tendenz ab, die (Weiter-)Entwicklung eingesetzter
Technologien und Wissen sowie die „Entwicklung“ der Gemeinden, in denen
die Projekte durchgeführt werden, miteinander zu kombinieren. In
Pilotprojekten, die nicht nur neue Projektideen, sondern zudem
zugrundeliegende Technologien pilotieren, finden sich somit Charakteristika
von Afrika als lebendes Labor wieder. Der vorliegende Text greift daher die
Labormetapher, wie sie von Tilley (2011) für den historischen Kontext
entwickelt wurde, auf und überträgt sie auf das aktuelle
Phänomen. Damit schließe ich insbesondere an Arbeiten aus der
Wissenschafts- und Technikforschung an, die sich zum Ziel gesetzt haben, die
Black Box des Labors zu enthüllen (Knorr-Cetina, 1981; Latour und
Woolgar, 1979).</p><?xmltex \hack{\newpage}?>
<sec id="Ch1.S2.SS1">
  <label>2.1</label><title>Das lebende Labor heute</title>
      <p id="d1e183">Als „Symbole der modernen Wissenschaften“ begründet Kohler (2002:475)
die Macht von Laboren in experimentellen Praktiken, im Technologieeinsatz
und einer generischen Ortsungebundenheit. Während „natürliche“
Orte Besonderheiten aufweisen und dort gewonnenes Wissen einzigartig bleibt,
so seien Labore hingegen als neutrale Räume und reduzierte Systeme
überall auf der Welt gleich. Wissen aus Laboren wird unter
kontrollierten Bedingungen und auf Basis kognitiver und intellektueller
Denkleistung von Forscher:innen erstellt. Es erscheint deswegen universell
gültig, replizierbar und frei von chaotischen Zusammenhängen in der
Außenwelt (Kohler, 2002:473). Die ethnographischen Studien aus den STS
zeichnen jedoch ein anderes Bild. Alltägliche Praktiken im Labor werden
als banal, kognitiv wenig herausfordernd und gar unwissenschaftlich
beschrieben (Latour, 1983:141 und 153 auch in Bezug auf Knorr-Cetina,
1981). Latour (1983)<fn id="Ch1.Footn3"><p id="d1e186">Anhand der Entdeckung von Anthrax durch die
(Labor-)Arbeit von Louis Pasteur beschreibt Latour (1983) den Austausch von
Menschen, Dingen und Ideen zwischen Labor und Echtwelt. Was er als
Verschiebung von Laboren bezeichnet, umfasste die Extraktion des
Milzbranderregers von befallenen Rindern in ihrer landwirtschaftlichen
Umgebung und deren anschließende Kultivierung und mikroskopische
Untersuchung im Labor. Die Immunisierung von Rindern mit einem
abgeschwächten Erreger wiederum demonstrierte den Viehhaltern, dass die
Krankheit auf den Bacillus anthracis zurückzuführen ist.</p></fn>
argumentiert außerdem, dass Wissen nicht in isolierten Laboren gewonnen
wird, da jedes Labor den Austausch von Dingen, Menschen und Ideen zwischen
Orten umfasst (Latour, 1983:143). Gerade letzteres stellt einen zentralen
Aspekt dar, um die Glaubwürdigkeit von Laborwissen zu kreieren und
aufrecht zu erhalten.</p>
      <p id="d1e190">Die Authentizität und Unanfechtbarkeit, die Wissen aus Laboren
zugesprochen wird, fußt auf der Annahme, dass im Labor Phänomene der
Welt isoliert und im Detail betrachtet werden können. Ein Labor ist
demnach kein klar begrenzter Container, der natürliche und komplexe
Einflussfaktoren aussperrt. Vielmehr erweckt das Labor den Eindruck der
Kontrolle von Austauschbeziehungen und Übersetzungsprozessen, die nicht
zuletzt auch die Welt vor unerprobten, wissenschaftlichen Verfahren oder
risikobehafteten Erfindungen schützen soll (Kohler, 2002:473). Um die
praktische Relevanz und Glaubwürdigkeit ihres Wissens zu erhöhen,
„renaturalisierten“ Wissenschaftler:innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Labore (Kohler, 2002:477). Angewandte Forschung stand hierbei vor der
Herausforderung, den Nexus zwischen Wissenschaft, Ort und Praxis zu
manifestieren. Während es im Labor darum geht, die Parameter des Raums
zu kontrollieren, geht es in einer Feldstudie darum, die Authentizität
des Ortsgebundenen beizubehalten (Henke, 2000:493). Dabei werden in
renaturalisierten Laboren Orte und das Leben eingebundener Menschen als
Forschungssubjekt und -objekt Teil experimenteller Praktiken sowie der
Risiken, die diese mit sich bringen (Henke, 2000; Knorr-Cetina, 1992:136).</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S2.SS2">
  <label>2.2</label><?xmltex \opttitle{Der Globale S\"{u}den als Experimentierfeld}?><title>Der Globale Süden als Experimentierfeld</title>
      <p id="d1e203">Auch wenn Experimente, Tests und Pilotstudien oft synonym verwendet werden,
schreibt Pinch (1993:29 f.) das Experimentieren mit dem Ziel, neues Wissen
zu generieren, der wissenschaftlichen Sphäre zu. Mit dem Konzept von
„experiments in three steps of translation“ betonen Callon et al. (2009:48) die interpretative Fülle und damit einhergehende Reduktionismen, die
Wissenschaftler:innen beim Übersetzen zwischen der Realität,
Laborbedingungen, Ergebnissen und der Welt erzeugen. Tests wiederum dienen
vornehmlich dem Überprüfen von Technologien hinsichtlich auf ihre
Funktionalität. Dabei steht weniger der Erkenntnisgewinn im Vordergrund,
sondern das Validieren oder Überprüfen von Bekanntem. Der Vergleich
einer vorliegenden Situation mit einem Standard ermöglicht zwar ein
vereinfachtes und systematisches Lesen von Daten, klammert dennoch
Ergebnisse und Einflussfaktoren ohne Verbindung zu standardisierten
Normgrößen aus (Beisel et al., 2018:109 in Bezug auf Rottenburg,
2009). Die Interpretation eines Ähnlichkeitsverhältnisses zwischen
Test und Standard sowie die Projektion auf reale Bedingungen umfassen
umstrittene soziale Aushandlungen (Pinch, 1993:31). Die Pilotstudie erprobt
darüber hinaus die Nutzung einer Technologie. In jene ist oft eine Art
Skript eingeschrieben, das eine bestimmte Nutzung vorsieht.
Diesbezüglich soll das Pilotieren Aufschluss über das Verhältnis
zwischen intendiertem Nutzen sowie tatsächlichem Nutzen von Technologien
geben und stellt dadurch einen sozio-materiellen Aushandlungsprozess dar
(Pinch, 1993:36). Trotz definitorischer Unterschiede zwischen
Experimentieren, Testen und Pilotieren verschwimmen diese Logiken in der
Praxis von Pilotprojekten, wie auch die folgenden Ausführungen aus der
Empirie zeigen. Ausschlaggebend für die vorliegende Analyse bleibt der
gezielte Blick auf die Praktiken, welche all diese vereint: Der Versuch der
Übersetzung zwischen Labor und Lebenswelten, die soziale Verhandlung von
Ähnlichkeitsverhältnissen zwischen Daten und Beobachtungen sowie die
sozio-materielle Aushandlung technologischer Nutzung.</p>
      <p id="d1e206">Nachdem Experimente lange an Labore und Wissenschaftler:innen gebunden
waren, erfährt das Experimentieren und Testen aktuell vermehrt eine
Befreiung aus den Händen der Wissenschaft und staatlicher Kontrolle hin
zu NROs, privaten Unternehmen, bis zu Nutzenden selbst, die sich auch im
internationalen „Entwicklungskontext“ ausdrückt. Experimentelle
Eingriffe des Westens auf dem afrikanischen Kontinent bezeugen aktuell
<italic>Randomized Controlled Trials</italic> (RCTs) (siehe z.B. Berndt und Boeckler, 2016), medizinische Tests (Beisel
et al., 2018) oder technologische Pilotstudien (Lockhart et al., 2021).
Solche Experimente als Maßnahme zur Armutsbekämpfung im Globalen
Süden, wie es der Weltentwicklungsbericht (WDR) mit dem Titel „Mind,
Society and Behavior“ anregt, werden dafür kritisiert, politisch,
gesellschaftlich und ökonomisch verflochtene Problematiken nicht als
solche zu betrachten, sondern der angeblich mangelnden Denkleistung und
fehlerhaften Entscheidungen von Individuen und insbesondere den Betroffenen
zuzuschreiben (Berndt und Boeckler, 2016:22). Digitale Technologien finden
in diesem Kontext insofern Anklang, dass sie für die Vermittlung von
spezifischen Informationen als Anreize für Verhaltensänderungen
eingesetzt werden, um den identifizierten Mustern wirtschaftlichen
Fehlverhaltens und damit auch den angeblichen Gründen für Armut
entgegenzuwirken. So stützt sich die aktuelle Experimentalität
zwischen privaten, staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur:innen auf
den Einsatz von Technologien als Werkzeuge, um die Probleme der
Versuchsgruppe zu lösen und zu deren Wohlergehen beizutragen (Anadon et
al., 2016:2 f.). Wobei das neuartige Zusammenspiel von Wissenschaft,
Technologie und Entwicklungspolitik durchaus auch Effekte jenseits
intendierter Wirkungsweisen eines jeweiligen Technologieeinsatzes aufweisen
(Schurr und Verne, 2017:131; Rottenburg, 2009; siehe auch De Laet und Mol,
2000).</p>
      <p id="d1e212">Der experimentelle Umgang mit technologischen Innovationen greift somit auf
besondere und durchaus unvorhersehbare Weise in gesellschaftliche,
kulturelle und wirtschaftliche Verhältnisse der Lebenswelt der <italic>trial communities</italic> ein und
suggeriert, dass Scheitern hier hinnehmbar sei (Fejerskov, 2017:11 f.). Mit
welchen Hoffnungen und Versprechen experimentelle Vorgehensweisen in
bestimmte Räume übersetzt werden, wie die Feldsituation auf jene
Ziele und einhergehenden Risiken zurückwirkt und welche Folgen sich
für die lokale Bevölkerung ergeben, soll im Folgenden gezeigt
werden.</p>
</sec>
</sec>
<sec id="Ch1.S3">
  <label>3</label><?xmltex \opttitle{Experimentalit\"{a}t und Technologien in der tansanischen Landwirtschaft}?><title>Experimentalität und Technologien in der tansanischen Landwirtschaft</title>
      <p id="d1e228">Testen, Experimentieren und Pilotieren müssen als praktischer Modus der
Wissensgenerierung und Rechtfertigung von Interventionen im Globalen
Süden hinterfragt werden. Variablen und Parameter in Laborexperimenten
beziehen sich gewöhnlich auf bekannte Standardgrößen und
können bei Bedarf angepasst werden. Die gesellschaftlichen
Verhältnisse und Prozesse, in denen diese Experimente erfolgen, sind den
Projektentwicklern jedoch weniger bekannt und vor allem nicht in gleicher
Weise kontrollierbar (Fejerskov, 2017:11 f.). Dass sich technologischer
Fortschritt zudem kaum unabhängig von gesellschaftlichen Einflüssen
ereignet, wurde unter anderem von Cherlet (2014) in Bezug auf epistemischen
und technologischen Determinismus in der „Entwicklungszusammenarbeit“
herausgearbeitet (Cherlet, 2014). Dies zeigen vor allem die verschiedenen
(gescheiterten) Versuche, bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen im
Globalen Süden durch einen gezielten Technologieeinsatz wie den „Tools
of Empire“ (Tilley, 2011:35), „Technical Assistance“ (Owen, 1950), „appropriate technologies“ (Schumacher, 1973), „capacity building“ oder jüngst durch ICTs zu dirigieren.</p>
      <p id="d1e231">Technologien aus der US-amerikanischen Agrarforschung werden bereits seit
den 1940ern unter dem Banner der Grünen Revolution in vielen Regionen
der Welt in unterschiedliche rhetorische sowie unternehmerische Kontexte
übertragen (Fejerskov, 2017:10). Als UN-Generalsekretär verfolgte
Kofi Anan mit der Grünen Revolution für Afrika in erster Linie eine
auf afrikanische Kleinbäuer:innen zentrierte
„Entwicklungsintervention“ von unten. In Tansania findet sich diese z.B.
in der 2006 eingeführten Agrarpolitik „kilimo kwanza“ wieder.
Angetrieben durch die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) sind
es hingegen meist unterschiedliche internationale Saatgut- und
Düngemittelfirmen, multilaterale Institutionen der
„Entwicklungszusammenarbeit“ und einige philanthropische Stiftungen
(Rockefeller und Gates Foundation), die die Einbindung von
Kleinbäuer:innen in internationale Wertschöpfungsketten
interessengeleitet fördern. Unter dem Vorwand, den Unternehmergeist von
Kleinbäuer:innen zu wecken und auf diese Weise ihre Produktion zu
steigern, scheinen diese jedoch in erster Linie zu Konsument:innen
agrarökonomischer Technologien geworden zu sein, die sie gegebenenfalls
noch vulnerabler gegenüber globaler Marktmechanismen und ihrer Umwelt
machen (siehe z.B. Brooks, 2021:7; Fejerskov, 2017:10, wie auch Khandekar
et al., 2017:677 am Beispiel des kreolischen Saatguts in Brasilien zeigt).</p>
      <p id="d1e234">Aufbauend auf diesen agrarpolitischen Trends wurde das Konzept des Southern
Agricultural Growth Corridor of Tanzania (SAGCOT) mit dem Ziel entwickelt,
die tansanische Landwirtschaft zu kommerzialisieren und dadurch die
Produktion von Nahrungsmitteln oder Treibstoffen zu verdreifachen (Milder et
al., 2013). Vornehmlich digitale Technologien versprechen hierbei einen
ermächtigenden Zugang zu Informationen sowie mehr Unabhängigkeit und
Selbstbestimmtheit für die Bewohner:innen ländlicher Gebiete (Ouma
et al., 2019:341). Als Werkzeuge für „Entwicklung“ gelten
Innovationen digitaler Technologien somit auch im landwirtschaftlichen
Bereich als Hoffnungsträger, institutionelle und infrastrukturelle
Einschränkungen von Produktivität zu umgehen oder zu
überbrücken (Ouma et al., 2019:354). Mit der jüngsten
Neuausrichtung von ICT4D hin zu <italic>Data for Development</italic> (D4D) dezentriert die Digitalisierung
zunehmend die Kleinbäuer:innen. Stattdessen wird landwirtschaftliche
„Entwicklung“ eng mit Logiken von A<italic>utomation</italic>, M<italic>achine Learning</italic> und A<italic>rtificial Intelligence</italic> sowie neuen
Sensortechnologien verknüpft (Dalberg Advisors und CTA, 2019). Neben den
Technologien als Werkzeuge für „Entwicklung“ tritt hier die
Technologieentwicklung selbst verstärkt in den Vordergrund.</p>
<sec id="Ch1.S3.SS1">
  <label>3.1</label><?xmltex \opttitle{Technologieentwicklung \textit{f\"{u}r} die Landwirtschaft: Das Pilotprojekt STASS}?><title>Technologieentwicklung <italic>für</italic> die Landwirtschaft: Das Pilotprojekt STASS</title>
      <p id="d1e261">Vor diesem Hintergrund werden Technologien im ländlichen Tansania
getestet, um die Produktion und das Einkommen in der Landwirtschaft zu
steigern. In diesem Kontext setzte der Wakilimo Fund die technologische
Pilotstudie in Mbeya um. Die Versuchsgruppe umfasste in diesem Fall alle
Reis-Kleinbäuer:innen im Bewässerungssystem des Dorfes Mbuyuni, das
als <italic>Jump-Start Area</italic> bezeichnet wurde. Die Reisbäuer:innen dieser Gegend galten als
produktiv, lernwillig und aufgeschlossen gegenüber Neuerungen (Interview
mit Projektleiter, Wakilimo Fund, Mbeya, 14 Juni 2019). Diese Einschätzung
der Bäuer:innen als motivierte Versuchsgruppe ohne akute existentielle
Probleme war einer der Gründe für die Wahl der Pilotgegend, so der
Wakilimo Fund. So könnten sich die Beteiligten auf neue Modalitäten
der Entscheidungsfindung im Rahmen ihrer landwirtschaftlichen Praktiken
einlassen.</p>
      <p id="d1e267">Das Labor des STASS-Pilotprojekts und dessen räumliche und zeitliche
Parameter waren maßgeblich von der zu testenden digitalen
Informationstechnologie bestimmt. STASS, das <italic>Spatio-Temporal Agribusiness Support System</italic>, unternahm eine
multiperspektivische Analyse der Reisfelder des Bewässerungsbaus in
Mbuyuni: Alle zehn Tage wurde ein hochauflösendes Satellitenbild
geschossen; dazu nahm eine Drohne multispektrale Bilder der Reisfelder auf,
die zuvor mit einer App kartiert wurden. Zudem ergänzten manuelle
Beschreibungen und Fotos auf einem Tablet die Parameter von Pflanzstatus und
Wassertiefe. Hinzu kamen einige Abfragen über USSD-Codes, in denen die
Bäuer:innen zu ihren Praktiken und Abläufen auf den Feldern Auskunft
geben sollten. Diese Daten wurden in eine Cloud geladen und durch einen
Algorithmus mit Normbereichen von Pflanzenverbreitung, Wachstumsraten und
Wasserverfügbarkeit abgeglichen. Diese Art der Analysen funktionierte
nur in Bewässerungssystemen, da dort Felder klar abgegrenzt und relativ
groß sind. Nur dann konnte der Algorithmus Reis von anderen Pflanzen in
der gegebenen Auflösung unterscheiden. Das Endprodukt sollte eine
Plattform sein, die alle Felder der Bäuer:innen darstellte und zeigte,
was genau auf diesen passierte, um im Falle von Abweichungen der
Normgrößen des Pflanzenwachstums, der Witterung oder der
Wasserstände auf dieser Basis Handlungsanweisungen zu erteilen. Neben
den Benachrichtigungen über SMS für die Bäuer:innen
ermöglichte die Benutzeroberfläche Zugang zu jedem einzelnen Feld
und den Daten der Bäuer:innen. So sollten nicht nur einzelne
Bäuer:innen, sondern alle Akteur:innen der Wertschöpfungskette
besser über die Felder Bescheid wissen, um auf dieser Grundlage
(ökonomisch) bessere Entscheidungen treffen zu können.</p>
      <p id="d1e273">Der Prozess selbstständiger Entscheidungsfindung der Bäuer:innen auf
Grundlage von <italic>Big Data</italic> wurde im Projekt als <italic>empowerment</italic> verstanden, im Gegensatz zur herkömmlichen <italic>top-down</italic> Vermittlung von Wissen und Praktiken. Nichtsdestotrotz
basierte auch dieses Vorhaben zumindest implizit auf der Idee „that Africans need to be connected to (mainly) Western modes of knowledge“
(Ouma et al., 2019:353). Das Plattform-Modell kombinierte eine
Bündelung landwirtschaftlicher Produkte, Informationen und
Finanzdienstleistungen mit Erinnerungs-SMS als spezifische Anstöße
für Verhaltensänderungen. Jene wurden in ihrer Umsetzung eher zu
einer Strategie, Landwirt:innen zu Entscheidungen hinzuführen, die im
Sinne einer modernisierten Landwirtschaft ohnehin schon für sie
getroffen wurden (Brooks, 2021:8). Beispielsweise drehten sich Empfehlungen
zum Düngen nicht darum, ob der:die Landwirt:in düngte, ob es im
jeweiligen Feld Bedarf an Dünger gab oder welche Arten des Düngens
es gibt. Vielmehr wurde über ein Produkt einer Firma, ein
Mengenverhältnis und meist noch einen Händler informiert.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S3.SS2">
  <label>3.2</label><?xmltex \opttitle{Technologieentwicklung \textit{in} der Landwirtschaft: Die Weiterentwicklung von STASS}?><title>Technologieentwicklung <italic>in</italic> der Landwirtschaft: Die Weiterentwicklung von STASS</title>
      <p id="d1e297">In dieser Pilotstudie im Süden Tansanias sollten die Reisbäuer:innen
in neue digitale Wege der Datenerhebung, -verarbeitung und
Informationsvermittlung eingebunden werden. Das neue <italic>Set-up</italic> der künstlichen
Intelligenz traf dennoch nicht auf ein Wissensvakuum. Schließlich
erfordern landwirtschaftliche Praktiken jeher das Lesen von und Wissen
über Umwelt. Hingegen sollte diese neue Art zu Wissen auf deutlich
genaueren Umweltparametern und einer Fülle von hochauflösenden und
digital vermittelten Daten basieren, wodurch jede kleine Feldparzelle zur
maximalen Produktion gebracht werden sollte. <italic>Precision Agriculture</italic> und <italic>Big Data</italic> schüren die
Erwartung, eine neue landwirtschaftliche Revolution anzustoßen, auch
wenn diese bisher in erster Linie in der großflächigen
Landwirtschaft im Globalen Norden eingesetzt werden und darüber hinaus
auf wenige große Betriebe innerhalb kapitalintensiver,
exportorientierter Teilsektoren des Globalen Südens limitiert sind
(Brooks, 2021:12 f.). Auch das dieser Pilotstudie zugrundeliegende
<italic>Spatio-Temporal Agribusiness Support System</italic> (STASS) ist ursprünglich in den Niederlanden für einen großen
landwirtschaftlichen Betrieb kreiert worden:<disp-quote>
  <p id="d1e313">You know, STASS in Holland is actually used by a large
agricultural company so that the farmer knows more about his fields and
potatoes in real time, can optimize his processes and intervene quickly in
case of nutrient deficiencies, drought or disease. That is what STASS is
good for. (Interview mit Programmierer, Technologieunternehmen,
Israel<fn id="Ch1.Footn4"><p id="d1e316">Das Interview wurde über Skype von Dar es Salaam aus
geführt.</p></fn>, 21 Juli 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e321">STASS nun in einer kleinbäuerlichen und kleinparzelligen Umgebung
für eine andere Kulturpflanze in Tansania zu testen und anzupassen, war
die zentrale Motivation in der Pilotstudie. Es sollten in diesem Rahmen laut
Projektbeschreibung 125 000 Bäuer:innen mit Wetterinformationen,
Unterstützung in der agrarindustriellen Inklusion und feldspezifischer
Anbauberatung versorgt werden. Darüber hinaus sollten 400 Anbieter im
landwirtschaftlichen Gewerbe mit Bäuer:innen vernetzt und die gewonnen
Daten in einer SAGCOT-Datenbank bereitgestellt werden. Die effizientere
Wertschöpfungskette und die produktiveren Bäuer:innen sollten sich
in 15 % Erntesteigerung und 45 % Einkommenssteigerung widerspiegeln.
Wofür STASS gemacht wurde und was es in diesem „Entwicklungsprojekt“ leisten sollte, schien somit deutlich zu divergieren. Neben dem Test der
Technologie sollte auch bereits ihr profitabler Einsatz gewährleistet
sein. Dieser Spagat zwischen Testen und Entwickeln zog sich durch das
alltägliche Geschehen im Projekt. Welcher Logik die Übersetzung
eines Technologiepilots in ein „Entwicklungsprojekt“ folgte, steht im
Fokus der anschließenden empirischen Auseinandersetzung. Über Fragen
von freiwilliger Partizipation hinaus muss STASS als scheinbar apolitische
und neutrale Lösung der Informationsvermittlung kritisch beleuchtet
sowie die Konnektivität auch vor dem Hintergrund historisch gewachsener
und durchaus asymmetrischer Verbindungen zwischen Menschen, Orten und
Prozessen gesehen werden (Ouma et al., 2019:354).</p>
</sec>
</sec>
<sec id="Ch1.S4">
  <label>4</label><?xmltex \opttitle{{\glqq}Inter-view{\grqq} mit einem digitalen Objekt im {\glqq}Entwicklungskontext{\grqq}}?><title>„Inter-view“ mit einem digitalen Objekt im „Entwicklungskontext“</title>
      <p id="d1e334">Um dem Aufeinandertreffen zwischen Entwicklung von Wissen (der Pilotstudie)
und dem Wissen für „Entwicklung“ (im „Entwicklungsprojekt“) auf den
Grund zu gehen, knüpft dieser Text an ein beständiges, wenn auch
kritisiertes „Entwicklungsnarrativ“ an. Bis heute hält sich die
Dialektik zwischen Moderne und Tradition sowie die Gegenüberstellung von
Strategiepapieren von „Entwicklung“ als essentialisierte,
strukturschaffende Weltbilder auf der einen Seite und chaotischen,
improvisierten „Entwicklungspraktiken“ in der Umsetzung auf der anderen
(Crewe und Harrison, 1998:47). Doch tatsächlich liegt in diesem
Spannungsfeld zwischen Gesagt und Getan, Praxis und Resultat oder auch
Ordnung und Durcheinander alles andere als Leere (Lewis und Mosse, 2006).</p>
      <p id="d1e337">Die sogenannte <italic>Implementation Gap</italic> als Feld sozialer Aushandlungen, Praktiken, Ereignissen und
Interessen, aus welchem Bedeutungszuschreibungen sowie Machtgefüge erst
hervorgehen, ergibt auch für die geographische Entwicklungsforschung ein
empirisches Feld aus öffentlichen und privaten Einrichtungen, lokalen
Gemeinschaften und allen (inter-)nationalen bis lokalen Beziehungen
dazwischen (Lewis und Mosse, 2006). Wie es Lewis und Mosse (2006)
herausgestellt haben, bietet eine ethnographische Perspektive dabei „the
unique potential to show how change is brought about, not through the logic
of official policy intentions, [<inline-formula><mml:math id="M2" display="inline"><mml:mi mathvariant="normal">…</mml:mi></mml:math></inline-formula>] but through processes of
compromise and contingent action“ (Lewis und Mosse, 2006:4). Bezüglich
diverser und widersprüchlicher Logiken, die in
„Entwicklungsinterventionen“ vereint sind, spielt hier das Testen als
formale Spezifizierung technologischer Funktionalität eine zentrale
Rolle. Auch wenn Testdaten in erster Linie Einblicke in rein technische
Wirkungsfelder geben sollen, offenbaren diese weitaus mehr über die
Logiken von Technologien, deren Einsatz und erhoffte gesellschaftliche
Wirkmacht (Pinch, 1993:25). Entsprechend sollte die Perspektive der
Entwicklungsforschung um Nicht-Menschen erweitert werden, denn „der
gezielte Blick auf das, was Wissen und Technologien im Namen von Entwicklung
eigentlich tun sollen, was sie tatsächlich tun und wo sie sich
widersetzen, ermöglicht ein tiefgreifendes Verständnis der komplexen
Übersetzungs- und Anpassungsprozesse, die Wissen und Technologie auf
ihrer globalen Reise durchlaufen“ (Schurr und Verne, 2017:137).</p>
      <p id="d1e350">Diesem Ansatz folgend, hatte ich mir während meiner teilnehmenden
Beobachtung im Projektbüro des Wakilimo Fund in Mbeya sowie am
Umsetzungsort des Pilotprojekts im Dorf Mbuyuni von April bis Juli 2019
sowie im Februar 2020 vorgenommen, STASS zu „inter-viewen“
(Adams und Thompson, 2016). Laut Adams und Thompson (2016) bedeutet das,
„to catch insightful glimpses of it in action, as it performs and mediates
the gestures and understandings of its human employer, and as it associates
with others. Such object interviews entail finding opportunities to observe
a thing in its everyday interactions and involvements with human beings or
other nonhuman entities“ (Adams und Thompson, 2016:17 f.).</p>
      <p id="d1e354">Die Drohne, die unterschiedlichen Sensoren, das Tablet und die
Nutzerplattform stellten im Pilotprojekt solche Objekte dar, die die
(Neben-)Effekte der eingesetzten Technologien und ihrer Weiterentwicklung
empirisch zugänglich machten. Doch bereits am ersten Tag im
Projektbüro erfuhr ich, dass die Drohne, die entscheidende Daten für
den Algorithmus liefern sollte, infolge eines Schadens nicht mehr
einsatzfähig war. Keiner der Informationsdienste für die
Bäuer:innen funktionierte, abgesehen von den SMS zur Übermittlung
der Wettervorhersagen, da diese nicht von der Datenanalytik durch STASS
abhängig waren. Trotzdem wurde unter viel Druck im Projekt weiter
versucht, die notwendigen Daten für den Algorithmus zu erheben, um die
gewünschten Informationsdienste zum Laufen zu bringen. Während ich
zunächst den Aktivitäten des Wakilimo Fund im Büro sowie im Dorf
folgen und in Interviews mit Mitarbeiter:innen, der Projektleitung und
Programmierer:innen deren Sichtweise auf das Projekt und die Technologie
erfahren durfte, konnte ich später alleine im Dorf mehr über den
Alltag der Bäuer:innen mit und ohne technologische Intervention
miterleben. Insgesamt habe ich 22 Interviews mit Bäuer:innen,
landwirtschaftlichen Berater:innen, NGO-Personal,
Agrarstoffhändler:innen, Programmierenden und Fördernden
geführt. In diesen sowie zahlreichen informellen Gesprächen konnte
ich von vielseitigen Perspektiven auf die Weiterentwicklung von STASS und
den erhofften sowie erlebten Entwicklungen durch die Technologie in Mbuyuni
erfahren. Die qualitative Inhaltsanalyse meiner Tagebucheinträge sowie
der transkribierten Interviews geben damit Aufschluss über die
verschiedensten Ansichten darüber, was STASS leisten konnte, sollte oder
für wen die Technologie gar irrelevant erschien. Das Nicht-Funktionieren der Technologie erlaubte zentrale Einblicke in die praktischen Anforderungen
an technologische Funktionalität sowie deren Grenzen, die wiederum als
gegeben angesehene Hintergrundbeziehungen zwischen Menschen, Technologien
und Umwelt aufdeckten (Adams und Thompson, 2016:20).</p>
      <p id="d1e357">Zu diesen Hintergrundbeziehungen gehören die Relationen menschlicher und
nicht-menschlicher Akteur:innen, die Praktiken, die sie vereinen, sowie die
Ziele und Resultate, die sie gemeinsam erwirken (wollen). In diesem Sinne
gehe ich im Folgenden auf die Veränderungen der Akteurskonstellationen
im Pilotprojekt in Mbuyuni ein, die dortigen alltäglichen
Aktivitäten zwischen Testen und Entwickeln sowie den Projekt-
beziehungsweise Testergebnissen der Anwendung von STASS.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S5">
  <label>5</label><?xmltex \opttitle{Die Erweiterung des Akteursnetzwerks -- Von der
Reiswertsch\"{o}pfungskette zum Datenweg}?><title>Die Erweiterung des Akteursnetzwerks – Von der
Reiswertschöpfungskette zum Datenweg</title>
      <p id="d1e370">Die herkömmlichen Aktivitäten des Wakilimo Fund setzten an der
regionalen Reis-Wertschöpfungskette an. Stagnierende Ernten der
Reisanbaugebiete in Mbeya, fehlender Zugang zu hochwertigen
landwirtschaftlichen Einsatzstoffen, schlechte Verarbeitungs- und
Vermarktungsinfrastruktur sowie unzulängliche Märkte waren
vorherrschende Probleme, die lokale Produktionssysteme schwächten.
Infolgedessen blieb die Wettbewerbsfähigkeit begrenzt;
Importabhängigkeit bestand und Kleinbäuer:innen lebten in Armut, so
die legitimierende Argumentation der Interventionen des Wakilimo Fund<inline-formula><mml:math id="M3" display="inline"><mml:mo>.</mml:mo></mml:math></inline-formula></p>
      <p id="d1e379">In diesem Sinne baute die NRO seit 2015 auf starke Partnerschaften mit
regionalen öffentlichen und privaten Akteur:innen in einem neuen
integrativen Geschäftsmodell: Ein sogenanntes <italic>Anchor-Business</italic>, in diesem Fall eine
große Getreide-Verarbeitungsanlage mit Mühle und
Verpackungsindustrie, nahm Reisbäuer:innen für ihre unverarbeitete
Ernte unter Vertrag (siehe die hellgrau hinterlegten Akteur:innen in
Abb. 1). Die Absicherung fester Reispreise basierte auf der
Vereinbarung eines Mindestpreises, der sich an den Produktionskosten
orientierte. Zudem gingen das Unternehmen und die NRO eine Art
Bürgschaft für die Bäuer:innen ein, um ihnen so den Zugang zu
Finanzinstitutionen und Krediten zu gewährleisten. Dies sollte
Bäuer:innen ermöglichen, Dünger, Hybridsaatgut und Maschinen zu
kaufen. Das <italic>Anchor-Business</italic> handelte wiederum selbst mit Hybridsaatgut. Für den
polierten und abgepackten Reis bestanden Beziehungen zu einigen
ausgewählten Händler:innen in Dar es Salaam, wodurch
Zwischenhändler vermieden wurden. Die Novellierung der
Akteurskonstellation wurde durch staatliche Akteur:innen ermöglicht und
unter anderem durch das Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert. Die Schirmherrschaft und
auch der Schutz der NRO ermöglichte den Zugang zu Externen wie Banken
und damit zu weiteren Ressourcen für die Bäuer:innen in Mbuyuni
(vgl. Mosse, 2014:516). Doch schloss der Getreide-Verarbeitungsbetrieb
Verträge jeweils nur für eine Saison ab, was einer langfristigen
Sicherheit entgegenstand. Darüber hinaus profitierte das
<italic>Anchor-Business</italic> dreifach: am Saatgut, dem weiter verarbeiteten Reis und den Projektgeldern.
Nichtsdestotrotz funktionierte die neue Konstellation vorübergehend und
stellte die Basis für Neuerungen durch das Testen von STASS dar.</p>
      <p id="d1e391">Die digitale Plattform, die nun in der gleichen Versuchsgemeinde Mbuyuni
erprobt und weiterentwickelt werden sollte, erlaubte eine weitere
strategische Bündelung des beschriebenen Pakets an landwirtschaftlichen
Produkten, Informations- und Finanzdienstleistungen. Mit der Intention,
weitere Synergien für die vorausgehenden Projektteilnehmenden zu
schaffen (Brooks, 2021:9), wurde die Akteurskonstellation durch Datenwege
ergänzt und damit deutlich komplexer und internationaler (siehe die
dunkelgrau hinterlegten Akteur:innen in Abb. 1). Zunächst kamen
weitere philanthropische Gelder mit ins Spiel, wobei AGRA nach der
Hälfte der Projektlaufzeit ihren restlichen Einsatz einbehielt. SAGCOT
war in erster Linie aus territorialen Gründen mit in die Gruppe der
Weichensteller aufgenommen worden, ebenso wie das Tanzanian Rice Council.
Federführend agierten dennoch die Technologiefirmen, die einerseits den
Löwenanteil der finanziellen Mittel bereitstellen und andererseits die
Testkonzeption, aber auch die Projektimplementierung und Datenanalysen
durchführten. Unter der Regie niederländischer Innovationsberater
und -manager führten vier verschiedene niederländische
Technologiefirmen und eine israelische Tochterfirma in Kooperation mit der
Universität Wageningen in Teilschritte aufgebrochene Analysen durch.
Eine dieser Firmen erarbeitete mit der Tanzanian Meteorological Agency die
Wettervorhersage. Drei weitere Firmen verarbeiteten die kartographischen
Daten, satelliten- und drohnengestützte Nutzpflanzendaten sowie die
Wasserstände. Personenbezogene Daten der Bäuer:innen wurden ebenso
hier analysiert, um letzten Endes die Ergebnisse durch den Wakilimo Fund und
ein finnisches <italic>Start-up</italic> im SMS-Format zu regelmäßigen und knappen Empfehlungen aufzuarbeiten und zu versenden.</p>

      <?xmltex \floatpos{t}?><fig id="Ch1.F1" specific-use="star"><?xmltex \currentcnt{1}?><?xmltex \def\figurename{Abb.}?><label>Abb. 1</label><caption><p id="d1e400">Akteurskonstellation einer technologiezentrierten
Pilotstudie auf Basis eines Agrarentwicklungsprojekts.</p></caption>
        <?xmltex \igopts{width=355.659449pt}?><graphic xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/77/239/2022/gh-77-239-2022-f01.png"/>

      </fig>

      <p id="d1e409">Auch wenn der Wakilimo Fund ein immer komplexer werdendes Netzwerk an
Akteur:innen und Aktivitäten zu koordinieren hatte, wurde die
inhaltliche Arbeit im Wesentlichen durch den Algorithmus der
niederländischen Technologiefirmen übernommen. In diesem Zuge fand
eine Neuausrichtung von vielschichtigen politischen Problemen wie Armut oder
globaler Ungleichheiten im Einklang mit den jeweiligen Unternehmenszielen
statt, was in diesem Fall Informationsdienste und mobile Konnektivität
als Allheilmittel darstellte. Auf diese Weise können sich die
Technologiefirmen neue Märkte schaffen, Zugang zu Daten legitimieren,
Funktion und Reichweite ihrer Technologie testen und ihr Unternehmen
bewerben. Dass es sich dabei um niederländische Firmen handelte, ist auf
die Finanzierung aus den Niederlanden zurückzuführen. Diese wiederum
war an die Auswahl nationaler Unternehmen geknüpft (vgl. Madianou,
2019). Der privatwirtschaftliche Sektor positioniert sich somit als
machtvoller Akteur im „Entwicklungskontext“ (vgl. Bayliss, 2002; Watts, 1994).</p>
      <p id="d1e412">Die Zielgruppen dieser neuen Akteurskonstellation waren hingegen in Tansania
verortet und umfassten zum Beispiel kleine tansanische
Düngemittelläden. Diese verfügten allerdings selten über
Laptops und WiFi, was eine Grundvoraussetzung dafür war, die
datenlastige Plattform STASS zu verwenden. Dem Konzept nach sollten dennoch
diese Unternehmen nach Ablauf der Pilotphase die Finanzierung der Plattform
durch regelmäßige Beitragszahlungen übernehmen. Die
Bäuer:innen, die durch dieses Geschäftsmodell nach wie vor
finanziell entlastet bleiben sollten, hatten jedoch keinen Zugang zu STASS.
Dies wies bereits auf die schwierigen Bedingungen für die Herstellung
von Konnektivität hin. Obwohl den Bäuer:innen der direkte Zugang zu
dieser Technologie verwehrt blieb, sollten sie ihre Daten dafür
bereitstellen, was ihnen als Schlüsselfaktor zur Profitsteigerung
vermittelt wurde. Nichtsdestotrotz erfolgte die Informationsvermittlung nur
zögerlich, wie es der Landwirtschaftsberater in Mbuyuni offen zugab:<disp-quote>
  <p id="d1e416">Farmers do not answer the USSD-survey about their practices in their
fields, because they are afraid that those messages are gambling and gaming
messages! (Interview mit Landwirtschaftsberater, Mbuyuni, 16 Juni 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e420">Die zentrale Datenverbindung für die Pilotstudie war damit
unzuverlässig und macht die Fragilität technologischer Experimente
im lebenden Labor deutlich, wenn es am nötigen Vertrauen in die
Technologie mangelt. Die lokalen Unternehmer verbanden mit STASS jedoch die
Hoffnung, Einblicke in die Tätigkeiten der Bäuer:innen zu erhalten.
Wie es ein Düngemittelhändler formulierte:<disp-quote>
  <p id="d1e424">We have a good relationship with our farmers. They trust us and our
products. Still, we have some challenges at times, when we provide them with loans for Yara-fertilizers. Their harvest will stay a secret, because they know, if we know, they have to pay back. With STASS we can see on our own. (Interview mit Agrarstoffhändler, Mbeya, 4 Juni 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e428">Dies veranschaulicht, wie die angestrebte Konnektivität mit neuen
Möglichkeiten und Absichten der Kontrolle und Disziplinierung einherging
– nicht nur, was die Rückzahlung von Krediten betraf, sondern auch um
zu überprüfen, ob die durch den Wakilimo Fund unterrichteten
Praktiken und Technologien zum intensivierten Reisanbau auch angewendet
wurden. Trotz vieler misstrauischer Stimmen und gewissem Widerstand hatten
sich dennoch einige der Bäuer:innen für die
Wetter-Informationsdienste und die USSD-Datenabfrage der digitalen Plattform
STASS angemeldet und waren somit in den Prozess involviert, sich selbst und
ihre landwirtschaftlichen Praktiken lesbar zu machen.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S6">
  <label>6</label><?xmltex \opttitle{Die allt\"{a}glichen Projektaufgaben -- Von \"{U}berzeugungsarbeit und dem F\"{u}ttern eines Algorithmus}?><title>Die alltäglichen Projektaufgaben – Von Überzeugungsarbeit und dem Füttern eines Algorithmus</title>
      <p id="d1e440">Da die Informationsdienste für die Bäuer:innen bisher nur die
dreitägigen Wetterinformationen und einige wenige Testläufe zu
Praktiken und Markt umfassten, bestand ein Großteil der Aktivitäten
im Projekt aus regelmäßigen Training-Sessions, um Technologie und
Praktiken gemäß „westlicher“ Wissenschaft zu vermitteln. Der
Landwirtschaftsexperte des Wakilimo Fund und der lokale landwirtschaftliche
Berater unterrichteten oft gemeinsam bestimmte Praktiken-Pakete zu
intensiviertem Reisanbau namens <italic>Good Agricultural Practices</italic> (GAP), <italic>Good Post-Harvest Handling</italic> (GPHH) und <italic>Farmer Business School</italic> in den
Gemeinschaftsräumen des Dorfes, oder auch im Sinne des <italic>Training of Trainers</italic> (ToT) direkt
beim Pflügen, Säen, Pflanzen, Jäten, Düngen oder Ernten auf
den Reisfeldern. Gerade letzteres sollte die größte
Überzeugungskraft haben und anhand von beispiellosem Erntezuwachs
gemessen in Reissäcken pro <italic>Acre</italic> demonstrieren, wie produktiv exaktes Timing,
räumliche Vermessungen und der Einsatz von Maschinen, Hybridsaatgut,
Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sind. Diese Strategie fasst Shepherd
(2006:408) auch als „Making them See“ zusammen. Geringe Ernten hingegen
führten die Lehrenden auf keinen oder falschen Technologieeinsatz sowie
individuelle Fehlentscheidungen zurück (Interview mit Agrarökonom,
Wakilimo Fund, Mbeya, 13 Juni 2019). Auch die persönliche Eigenschaft, ein
„serious farmer“ (Gespräch mit Landwirtschaftsberater, Mbuyuni,
16 Juni 2019) zu sein, oder wie Brooks (2021:8) schreibt ein
„Entrepreneur-in-the-making“, galt als das Geheimnis für
Produktivität und Profit.</p>
      <p id="d1e458">Dass Praktiken der ostafrikanischen Kleinbäuer:innen meist bereits
höchst angepasst an die variierenden Umweltbedingungen sind und
zahlreiche vorausgegangene Versuche der Produktivitätssteigerung mehr
oder weniger erfolglos blieben oder zumindest auf lange Sicht nicht tragbar
erschienen, wurde in diesem Projekt, wie auch andernorts beschrieben,
weitgehend ausgeblendet (vgl. Anadon et al., 2016:2 f.; Tilley, 2011:117 ff.). Nach wie vor argumentiert die „Entwicklungselite“ für zeitnahe
und bedarfsgerechte Unterstützung von Kleinbäuer:innen durch meist
externe Expert:innen, da traditionelle Praktiken und Technologien unter den
heutigen Bedingungen von Klimawandel, Wasserknappheit und degradierten
Böden zum Scheitern verurteilt seien (siehe u.a. USAID, 2018:3). Der
agrar-ökonomische Experte des Wakilimo Fund räumte jedoch ein, dass
seine professionellen Erfahrungen mit Reisanbau ihn kaum dazu
befähigten, Bäuer:innen in Tansania zu unterrichten:<disp-quote>
  <p id="d1e462">The rice knowledge we learned at university was too theoretical. There was no practical techniques training for all components from planting to
harvest. It was very difficult for a graduate from Sokoine to train farmers in Mbuyuni, because farmers are more knowledgeable than the graduates, also because these practices change from time to time. After learning from them, then you are able to train other farmers.  (Interview mit Agrarökonom, Wakilimo Fund, Mbeya, 13 Juni 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e466">Auch wenn es hier so klingt, als würden die Erfahrungen der
Bäuer:innen Gehör finden, zeigte die Praxis, dass der Unterricht
kaum an die lokalen Gegebenheiten anknüpfte. Nachdem ich an einigen
Projekttreffen im Dorf teilnehmen durfte, mit einigen Landwirt:innen ohne
Gegenwart von Projektmitarbeitenden sprechen konnte sowie mich immer wieder
mit dem landwirtschaftlichen Berater vor Ort austauschen konnte, wurden
weitere Schwierigkeiten im Verhältnis zwischen Projektmitarbeitenden und
Dorfbewohner:innen deutlich: Die Bäuer:innen nahmen zwar an
organisierten Treffen und Lerneinheiten teil, gaben bei der Registrierung
jedoch meist nur die Hälfte ihres tatsächlichen Landbesitzes an, um
dadurch den allgemeinen Erwartungen an benachteiligte Kleinbäuer:innen
zu entsprechen. Auch gaben sie vor, noch nie von intensiviertem Reisanbau
gehört zu haben und die Unterrichtseinheiten sehr interessant zu finden.
Von all den zeitgleichen und vorausgehenden „Entwicklungsprojekten“ in der
Region, die meist ähnliche Ziele und Methoden verfolgten, wussten die
Bäuer:innen, dass von ihnen erwartet wurde, hauptsächlich über
ihre Risiken und Probleme zu sprechen. Doch auch wenn der Lösungsweg
meist bereits durch das Projekt vorgegeben war und die Bäuer:innen
darauf kaum Einfluss hatten, nahmen sie doch gerne die kleinen Geschenke der
NROs für ihre Anwesenheit entgegen.</p>
      <p id="d1e470">Die Idee, dass durch die Verwendung von STASS die Entscheidungsfindung nun
eigenständig bei den Bäuer:innen liegen würde, fand im Verlauf
der Pilotstudie keine Anwendung. Obgleich die Daten über die Reisfelder
Verständnis für die Situation der Bäuer:innen schaffen sollten
sowie deren Bedürfnisse aufzeigen, bleibt diese Form der
Demokratisierung von „Entwicklungshilfe“ und die Korrektur von
Machtasymmetrien ein unerreichtes Ideal. Während ich bei der
ausgedehnten Laufarbeit bei Messungen in Reisfeldern oder der monotonen
Anleitung von Bäuer:innen sich für Informationsdienste zu
registrieren, teilnehmen durfte, wurde mir klar, dass im Rahmen der
Pilotstudie auch das Personal des Wakilimo Fund zu reinen Datensammelnden
geworden ist. Im „Entwicklungsprojekt“ noch als inhaltliche Expert:innen,
unterlagen sie in der technologiezentrierten Pilotstudie den praktischen
Anforderungen der neuen digitalen Komponenten von STASS. Unter anderem
taktete die Technologie ihren Arbeitsrhythmus mit der zehntägigen
Datenaufnahme über die unterschiedlichen Kanäle. Der Sinn dieser
Unternehmungen blieb ihnen leider meist vorenthalten, da weniger ihr
Verständnis, sondern die Weitergabe der Daten von Seiten der
Technologieexpert:innen gefragt war. So gab einer der NRO-Mitarbeiter, der
zu Beginn der Projektlaufzeit für den Drohnenführerschein nach
Großbritannien geflogen wurde, zu, dass er nicht einmal wusste, wozu
diese Datenaufnahmen dienten:<disp-quote>
  <p id="d1e474">The drone, yes, I flew it two or three times a month. I'm not quite sure,
but with the drone you can see something that the naked eye can't see. I've heard of infrared, but I really don't know. (Interview mit Projektleiter, Wakilimo Fund, Mbeya, 14 Juni 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e478">Auf diese Weise werden im Kontext von <italic>Precision Agriculture</italic> und D4D alte ungleiche Relationen
zwischen Expert:innen im Norden und Lai:innen im Süden verschärft.
Während der Algorithmus das Denken zu übernehmen scheint und die
Entscheidungen trifft, geht für die Bäuer:innen selbst das Warum
hinter ihren Praktiken verloren. Brooks (2021:14 f.) problematisiert diese
Tendenzen als „deskilling“. Durch den Glauben an künstliche
Intelligenz und die Tatsache, dass Programmierende zu neuen
(landwirtschaftlichen) „Entwicklungsexpert:innen“ werden, verliert
Landwirtschaft zunehmend den Charakter eines kontinuierlich dynamischen
Prozesses des sozialen und ökologischen Lernens. Gleichzeitig bleiben
die Technologien oft reine Vorzeigeobjekte, um die Fortschrittlichkeit und
Einzigartigkeit von „Entwicklungsprojekten“ zu demonstrieren ohne
anhaltende Effekte. Dies zeigte auch der Einsatz der Drohne im
STASS-Pilotprojekt:<disp-quote>
  <p id="d1e485">Yes, the drone is stuck in a tree and the other one we sent is stuck at
the National Defense Unit to check and release it. But you know, the drone is useless anyways. It was good for getting funding<inline-formula><mml:math id="M4" display="inline"><mml:mi mathvariant="normal">…</mml:mi></mml:math></inline-formula> For our algorithm, we need the satellite data. (Interview mit Projektleitung
Tech-Firma, Niederlande, 21 Juli 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e496">So reiht sich die Anwendung der Technologie in die stetige Neuerfindung von
Heilsbringern ein, die zur Finanzierung solcher Projekte nötig
erscheinen, ohne dass sich ihre Effekte hinsichtlich der gewünschten
landwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung vor Ort groß von ihren
Vorgängern unterscheiden würden. Wie die Wissensvermittlung von
<italic>best practices</italic> im klassischen „Entwicklungsprojekt“ erfahren auch die digitale
Datenanalyse im Technologiepilot und die daraus generierten
Handlungsanweisungen nicht nur Akzeptanz, sondern auch Zweifel und
Widerstand.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S7">
  <label>7</label><title>Die Testergebnisse – Wandel durch digitale Daten?</title>
      <p id="d1e510">Indem das STASS-Labor Informationslücken und fehlende digitale
Kommunikation als zentrale „Entwicklungsbarrieren“ benennt und dafür
Lösungswege präsentiert, soll das Interesse der Bäuer:innen an
der Technologie begründet werden: Wer in Zukunft ein Informations- und
Konnektivitätsproblem lösen möchte, sollte auch weiterhin das
Labor aus Technologiefirmen, Start-ups, Satelliten, Tablets und Algorithmen
nutzen (vgl. Latour, 1983:146). Vor diesem Hintergrund ging es mir darum,
mehr darüber zu erfahren, wie dieser Zusammenhang aus der Perspektive
der Bäuer:innen wahrgenommen wurde. Jenseits der Fahrten in den Ort
gemeinsam mit dem Wakilimo Fund erlaubten mir längere, von der NRO
unabhängige Aufenthalte in Mbuyuni, mich von den NRO-bestimmten
Gesprächsthemen zu lösen. So war es mir möglich, über ihre
Stellung als Bäuer:innen im Pilotprojekt, aber auch generell
darüber, was sie über unterschiedliche Wissensformen und
Konnektivität dachten, zu reden und in ihrem Alltag zu beobachten.</p>
      <p id="d1e513">Die meisten Praktiken im Projekt liefen völlig losgelöst von den
Bäuer:innen selbst ab. Von Konnektivität im Sinne einer
wechselseitigen Kommunikation konnte nicht die Rede sein. Die
Bäuer:innen erschienen aus Sicht der Pilotstudie oft eher als eine Art
Störgeräusch, das es möglichst gering zu halten galt. Im Zentrum
stand die Datenaufnahme über die Feldparameter. Der Austausch zwischen
Wissenschaftler:innen, Programmierenden und Bäuer:innen aus Mbuyuni
blieb also begrenzt. Aus Sicht der Bäuer:innen wendete dies Einblicke in
ihre Umstände vor Ort ab, die für einen anhaltenden Erfolg der
Studie entscheidend gewesen wären – wie mir ein Bauer berichtete:<disp-quote>
  <p id="d1e517">Information is good, but once I know that the water level in my field is
too high and there is no good farm road, how can I get there? So,
information is good, but infrastructure is better. Look at the old
irrigation system we have, we cannot even regulate the water level.
(Interview mit Bauer, Mbuyuni, 3 Juni 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e521">Vor demselben Hintergrund bewerteten andere Dorfbewohner:innen auch die
dreitägige Wettervorhersage-SMS als nutzlos. Zudem konsultierten manche
nach wie vor die Dorfältesten, deren Vorhersagen hilfreicher wären.
Diese könnten weiter im Voraus anhand von gewissen Pflanzen und
Blüten bestimmen, ob es eine regenreiche oder dürre Saison
würde. Was die Dorfbewohner:innen sich tatsächlich sehnlichst
wünschten, waren zuverlässige Marktinformationen, wobei deren
Generierung ohne zuverlässige Märkte eine große Herausforderung
blieben. So wurden auch unvorhersehbare staatliche Interventionen in
Märkte landwirtschaftlicher Produkte und Inputs von den Bäuer:innen
problematisiert, sowie deren schwieriger Zugang zu Finanzinstitutionen:<disp-quote>
  <p id="d1e525">I know they tell me I should put three bags of fertilizer in my plot, but
you know, in the beginning of the season money is little, so I put one or sometimes two. Last year I had a loan from CRDB through the project, but the high interest rate gave me a headache.  (Interview mit Bäuerin,
Mbuyuni, 3 Juni 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e529">In diesem Fall zeigte sich auch, dass die Bäuerin das Wissen  aus den
<italic>Best Practice Workshops</italic> und Trainings im Feld an ihre  individuelle Situation und Möglichkeiten
anpasste. Auf diese Weise fand ein Aneignungsprozess durch die Bäuer:innen statt. Gerne nahmen sie die Bezahlung und Geschenke der NROs in Trainings entgegen, aber die Anweisungen und Datenabfragen wurden ignoriert oder nach eigenem Ermessen umgestaltet. Ein Wandel
landwirtschaftlicher Praxis aufgrund der neuen Daten ließ sich in
Mbuyuni zumindest nicht beobachten. Nichtsdestotrotz findet sich im
Newsletter der NRO eine Erfolgsgeschichte mit dem Titel: „My family dream is becoming true through Wakilimo Fund project interventions“. Was hier die Sicht einer Bäuerin beschreibt, dient dazu, das <italic>business-as-usual</italic> der „Entwicklungspraxis“ aufrecht zu erhalten und folgende Interventionen zu
rechtfertigen.</p>
      <p id="d1e539">Auch der Projektleiter der Technologiefirma aus den Niederlanden gestand sich ein, dass die Effekte des Projekts für die landwirtschaftliche
„Entwicklung“ gering waren. Sichtlich mitgenommen gab er zu, dass sich vor
Ort durch den Technologieeinsatz nichts geändert hat und er wohl einer
der wenigen Profiteure des Vorhabens war, denn auf Basis dieser Pilotstudie
wurde ihm ein weiterer Antrag zum erneuten Pilotieren der Technologie
bewilligt. Die Situation vor Ort scheint aus Sicht der Pilotstudie nur eine
Komponente des Vorhabens zu sein, die für die Technologieentwicklung
eher zweitrangig erscheint. Ihnen geht es vielmehr um den Algorithmus, der
durch die neuen Daten weiterentwickelt wurde und nun überall dort
eingesetzt werden kann, wo Anbaupflanzen und Umweltbedingungen ähnlich sind. Zur Optimierung des Algorithmus werden weitere Tests nötig, da die räumliche Begrenzung der hier produzierten analytischen Kapazität zeitlich limitiert ist. Wiederholungen von Tests digitaler Technologien sindauf Grund von sich stets verschiebenden Bezügen zwischen Algorithmen undRealitäten nötig und zeugen von einer beschränkten Zeitlichkeit von Testwissen (Beisel et al., 2018:109).</p>
      <p id="d1e542">Doch während STASS nun in einem weiteren Pilotprojekt unter  dem
Stichwort <italic>Climate Smart Agriculture</italic> in einem  Reisanbaugebiet in Iringa, 300 km von Mbeya entfernt, erneut getestet werden sollte, ist in Mbuyuni digital vermitteltes Wissen wieder irrelevant. Dies entspricht früheren Beobachtungen, in denen
Laborwissen nur durch die bestehende Existenz des Labors erhalten blieb.
Denn Labore bieten nichts anderes als Lösungswege für
Problemstellungen in der Welt, deren Problemlösung stets die gleichen
Akteur:innen, Technologien und Praktiken erfordern (Latour, 1983).</p>
      <p id="d1e548">Die Tatsache, dass sich am landwirtschaftlichen Alltag in Mbuyuni kaum etwas
geändert hat, wird nicht aus jeder Perspektive als Scheitern des
Projekts verstanden. Aus Sicht technologiezentrierter Pilotprojekte, die in
der Regel höhere Risiken eingehen als klassische
„Entwicklungsprojekte“, wird Scheitern in gewisser Weise sogar erwartet
und stellt Erkenntnisgewinn dar (Fejerskov, 2017:9). Auch das Testen und
Experimentieren in der Lebenswelt von Menschen im Globalen Süden wird
nicht an sich als problematisch angesehen. Die dadurch gewonnenen Daten
sollen über die Verwendung für <italic>Precision Agriculture</italic> hinaus in aktuelle
Finanzkalkulationen einfließen, um auf entfernten Märkten bewertet
und gehandelt zu werden (Brooks, 2021:13 in Bezug auf Scott, 1998). Nicht
zuletzt deswegen gelten solche Daten als „the new oil“ (Dalberg Advisors und CTA,
2019:11) oder gerade im landwirtschaftlichen Bereich auch als „the new
soil“ (Fraser, 2018:901), auch wenn die Bäuer:innen selbst, wie in
diesem Fall, gar keinen Zugriff darauf haben.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S8" sec-type="conclusions">
  <label>8</label><title>Fazit</title>
      <p id="d1e562"><disp-quote>
  <p id="d1e565">The problem starts with calling it a pilot, because then you have 3 years, one year to set up everything, another year to deal with issues and in the last year nothing is really happening anymore apart from report writing. And nothing has really changed on the ground. It would be better to distribute technologies through private businesses <inline-formula><mml:math id="M5" display="inline"><mml:mi mathvariant="normal">…</mml:mi></mml:math></inline-formula> or it would be better to just give the farmers a tractor <inline-formula><mml:math id="M6" display="inline"><mml:mi mathvariant="normal">…</mml:mi></mml:math></inline-formula> I don't know! (Interview mit Programmierer, Israel, 21 Juli 2019)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d1e583">Traktoren waren es, die als Technical Assistance einst eine wesentliche
Rolle gespielt haben und in Bildern ausrangierter Fahrzeuge ihr Scheitern
dokumentiert haben (siehe z.B. die Auseinandersetzung mit dem Groundnut
Scheme Ende der 1940er Jahre in Tansania nach Wood, 1950 und Rizzo, 2011).
Mit den unterschiedlichen Neuausrichtungen, die die
„Entwicklungszusammenarbeit“ seitdem erfahren hat, haben sich die
entsprechenden Technologien der Maßnahmen verändert. Aktuell wird
digitalen Technologien die Fähigkeit zugeschrieben, endlich die
gewünschten „Entwicklungserfolge“ zu erzielen – was das frustrierte
Resümee des Programmierers in Israel so nicht bestätigen kann.</p>
      <p id="d1e586">Als etablierter Vermittler für Wissens- und Technologietransfer in der
tansanischen Landwirtschaft hat auch der Wakilimo Fund seine
„Entwicklungspraktiken“ um den Einsatz digitaler Technologien erweitert.
Dies umfasst zudem, wie es dieser Beitrag anschaulich zeigt, auch einen
neuartigen Experimentiermodus. Das Pilotprojekt der AI-Technologie
<italic>Spatio-Temporal Agribusiness Support System</italic> (STASS) stellt einen Versuch dar, ortsgebundene Innovation im Mbuyuni
Reisanbaugebiet zu entwickeln. Nach außen ist das Vorhaben in die
optimistische Rhetorik digitaler Innovationen für die „Entwicklung“
der afrikanischen Landwirtschaft eingebunden. Meine ethnographischen
Einblicke veranschaulichen hingegen ein komplexeres und kritischeres Bild.
So wird deutlich, dass die Entwicklung der Technologie vor Ort sich nur
schwer mit dem Ziel der „Entwicklung“ der lokalen Landwirtschaft in
Einklang bringen lässt. Die klassischen Akteur:innen der
Wertschöpfungskette wurden durch zahlreiche neue Technologiefirmen und
Finanzgeber erweitert, so dass Datengenerierung und -verarbeitung im Zentrum
der Pilotstudie standen. Während die Investitionen durch die
Akteursauswahl meist im Geberland blieben, entpuppte sich auch die
Konnektivität weniger als informativ für Menschen vor Ort, sondern
machte die Versuchsgegend vor allem nach außen lesbar. Die
Reisbäuer:innen im Dorf Mbuyuni wurden dabei zu einer Versuchsgruppe im
lebenden Labor, die bei den üblichen Projektmaßnahmen weitgehend
mitspielten. Die Problembewältigung betrieben die Bäuer:innen jedoch
weiterhin selbst mittels der Aneignung bestimmter Teilaspekte der
Interventionen. Auch wenn sich vor Ort nach Ablauf der Pilotstudie kaum
etwas verändert hat, reichten die gewonnenen Daten, um die
Fortführung der Technologie im Rahmen eines weiteren Pilotprojekts zu
sichern. Der Technologieeinsatz im „Entwicklungskontext“ schien dabei ein
Spendengarant darzustellen.</p>
      <p id="d1e592">Der Test von STASS in Mbuyuni wurde also nicht aus allen Perspektiven als
gescheitert angesehen. Aus wissenschaftlicher Sicht illustriert das Beispiel
allerdings die Schwierigkeiten, die die Verschmelzung eines technologischen
Tests mit einer „Entwicklungsintervention“ mit sich bringt. Ihr Ziel der
ermächtigenden Problemlösung vor Ort durch Konnektivität und
Informationen wird nicht erreicht. Vielmehr verstärken sich globale
Ungleichheiten, da die Mobilisierung von Innovations- und
Handlungsfähigkeit vor Ort kaum eine Rolle spielt. In der Hoffnung auf
diese spielten die Bäuer:innen bei der Projektdurchführung zwar
zunächst mit, schließlich haben sie durchaus den Wunsch nach
digitalen Technologien und Konnektivität, selbst wenn der experimentelle
Umgang mit diesen im „Entwicklungskontext“ erfolglos zu bleiben scheint.
Ebenso wenig sind AI-Systeme per se als exklusiv, nicht adaptierbar oder
unpassend im tansanischen Kontext anzusehen. Doch die inhärente Logik
der Pilotstudie und die Dynamiken des Testens wirken ihrer nachhaltigen
Nutzung vor Ort entgegen.</p>
      <p id="d1e596">Abgesehen davon, dass mit STASS auch die verwendeten Technologien
weiterziehen und vor Ort nicht mehr zur Verfügung stehen, lehnen viele
Kleinbäuer:innen die Nutzung der eingeführten Technologien ab. Was
von den experimentierenden Externen oft als ignorant, stur und töricht
angesehen wird, liegt vielmehr an einem Missverhältnis zwischen simplen
Technologiepaketen und komplexen Landwirtschaftssystemen. Letztere sind an
sich äußerst experimenteller Natur, aber eben zu den Bedingungen der
Bäuer:innen selbst (Brooks, 2021:7).</p>
</sec>

      
      </body>
    <back><notes notes-type="dataavailability"><title>Datenverfügbarkeit</title>

      <p id="d1e603">Zum Schutz der befragten und beteiligten Personen sind die qualitativen Daten dieser Studie nicht öffentlich zugänglich. Sie können jedoch in anonymisierter Form bei der entsprechenden Autorin erfragt werden.</p>
  </notes><notes notes-type="competinginterests"><title>Interessenkonflikt</title>

      <p id="d1e609">Die Autor*innen erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.</p>
  </notes><notes notes-type="disclaimer"><title>Haftungsausschluss</title>

      <p id="d1e615">Copernicus Publications bleibt in Bezug auf gerichtliche Ansprüche in veröffentlichten Karten und institutionellen Zugehörigkeiten neutral.</p>
  </notes><ack><title>Danksagung</title><p id="d1e622">Ein besonderer Dank kommt Julia Verne zu, die mich bei der Bearbeitung auch von vorherigen Versionen dieses Textes unterstützt sowie die Konferenz NKG XVII in Bonn 2020 zu „ Technocultures &amp; Technoscapes“ mitorganisiert hat, für welche die ersten Ideen des Textes entstanden sind.</p></ack><notes notes-type="reviewstatement"><title>Begutachtung</title>

      <p id="d1e627">This paper was edited by Hanna Hilbrandt and reviewed by two anonymous referees.</p>
  </notes><ref-list>
    <title>Literatur</title>

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