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    <journal-title>Geographica Helvetica</journal-title>
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    <publisher-name>Copernicus Publications</publisher-name>
    <publisher-loc>Göttingen, Germany</publisher-loc>
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      <article-id pub-id-type="doi">10.5194/gh-81-407-2026</article-id><title-group><article-title>Öffentliche Büchereien als Orte von Gemeinschaft? Wie Bücherei-Etikette die Sorge für das Miteinander verteilt</article-title><alt-title>Öffentliche Büchereien als Orte von Gemeinschaft?</alt-title>
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          <name><surname>Peterson</surname><given-names>Melike</given-names></name>
          <email>peterson@uni-bremen.de</email>
        <ext-link>https://orcid.org/0000-0003-2679-2475</ext-link></contrib>
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          <name><surname>Färber</surname><given-names>Alexa</given-names></name>
          <email>alexa.faerber@univie.ac.at</email>
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          <name><surname>Hamm</surname><given-names>Marion</given-names></name>
          
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        <aff id="aff1"><label>1</label><institution>Institut für Geographie, Universität Bremen, Bremen, Germany</institution>
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        <aff id="aff2"><label>2</label><institution>Institut für Europäische Ethnologie, Universität Wien, Vienna, Austria</institution>
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      <author-notes><corresp id="corr1">Melike Peterson (peterson@uni-bremen.de) and Alexa Färber (alexa.faerber@univie.ac.at)</corresp></author-notes><pub-date><day>24</day><month>July</month><year>2026</year></pub-date>
      
      <volume>81</volume>
      <issue>3</issue>
      <fpage>407</fpage><lpage>419</lpage>
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        <date date-type="received"><day>18</day><month>December</month><year>2024</year></date>
           <date date-type="rev-recd"><day>27</day><month>May</month><year>2026</year></date>
           <date date-type="accepted"><day>22</day><month>June</month><year>2026</year></date>
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        <copyright-statement>Copyright: © 2026 Melike Peterson et al.</copyright-statement>
        <copyright-year>2026</copyright-year>
      <license license-type="open-access"><license-p>This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 International License. To view a copy of this licence, visit <ext-link ext-link-type="uri" xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</ext-link></license-p></license></permissions><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/81/407/2026/gh-81-407-2026.html">This article is available from https://gh.copernicus.org/articles/81/407/2026/gh-81-407-2026.html</self-uri><self-uri xlink:href="https://gh.copernicus.org/articles/81/407/2026/gh-81-407-2026.pdf">The full text article is available as a PDF file from https://gh.copernicus.org/articles/81/407/2026/gh-81-407-2026.pdf</self-uri>
      <abstract><title>Kurzfassung</title>

      <p id="d2e103">Public libraries in cities offer a variety of uses. They are places where people with different interests must explore and negotiate their being together. Although these encounters have the potential to be conflictual, visitors, librarians and external representations of many libraries describe these places as urban spaces characterised by low conflict and smooth interaction. They associate this public infrastructure with idealised notions of togetherness, where acceptance of different behaviours, self-control, and a sense of obligation to maintain and shape these shared urban spaces are interwoven, enabling a sense of togetherness. This paper focuses on the specific nature of this sociality. Based on two independent library research projects conducted in Bremen, Germany, and Vienna, Austria, we demonstrate how community emerges as an idea and a sense of togetherness from distributed care practices that revolve around following, transgressing and enforcing rules and thus around a „library etiquette“.</p>
  </abstract>
    </article-meta>
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<body>
      

<sec id="Ch1.S1" sec-type="intro">
  <label>1</label><title>Einleitung</title>
      <p id="d2e115">Öffentliche Büchereien<fn id="Ch1.Footn1"><p id="d2e118">In Österreich, wo die Forschung von Alexa Färber und Marion Hamm angesiedelt ist, ist der Begriff „Bibliotheken“ wissenschaftlichen Einrichtungen vorbehalten, während öffentliche Leihbibliotheken als „Büchereien“ bezeichnet werden. Um Verwechslungen zu vermeiden, folgen wir diesem Sprachgebrauch. Die übergreifende Forschung zu beiden Typen von Bibliotheken etwa in den Library and Information Studies dagegen bezeichnen wir als Bibliothekswissenschaft.</p></fn> in Städten sind Orte, an denen sehr unterschiedliche Menschen mit vielfältigen Interessen und Bedürfnissen zusammentreffen. An der Ausleihtheke, in der Zeitungsleseecke, am Computerarbeitsplatz, im Stillarbeits- oder Kindermedienbereich: Besucher:innen mit Stammplätzen treffen auf Neulinge, die sich erst orientieren müssen, auf routinierte Leser:innen, die nur schnell etwas zurückbringen und gezielt etwas Neues ausleihen; ältere Menschen diverser Herkunft begegnen jüngeren, die sich verabredet haben, um zu lernen oder „abzuhängen“, Eltern kommen mit ihren kleineren Kindern, manche lassen sich am Infopunkt beraten, andere sind hier, um sich aufzuwärmen oder einfach, um ohne zu konsumieren unter Menschen zu sein. Bibliothekar:innen heißen all diese Nutzungsformen willkommen, stehen für Fragen zur Verfügung und orientieren alle Beteiligten durch diese multifunktionalen Orte. So der erste Eindruck von Büchereien, die, im Unterschied zu anderen kommunalen Einrichtungen bzw. Infrastrukturen, wie Schwimmbädern oder Öffentlichem Nahverkehr, nur selten als konfliktreiche Orte in die Schlagzeilen geraten. Besucher:innen handeln, meist ohne großes Aufsehen zu erregen, die Möglichkeiten und Grenzen des geteilten Raums untereinander aus, und sei es, dass sie Plätze wechseln. Und auch wenn Bibliothekar:innen oder das anwesende Sicherheitspersonal manchmal einschreiten, um die Hausordnung durchzusetzen, unterscheidet sich die Qualität der Zurechtweisung von der an anderen öffentlichen Orten: Die Intervention bei Streitigkeiten um die Nutzung des Gaming-Computers, beim achtlosen Umgang mit Medien, wenn Besucher:innen aufgrund psychischer Probleme anderen auffallen oder wenn die Bücherei als Schlafplatz genutzt wird, geschieht zwar nachdrücklich aber in persönlicher Ansprache und diskret; kein Körperkontakt oder Gerangel zwischen Besucher:innen, keine Trillerpfeife, Lautsprecherdurchsage oder Drohung von Mitarbeitenden, den Betrieb einzustellen.</p>
      <p id="d2e122">Es läge nahe, öffentliche Büchereien von vornherein als Orte von Gemeinschaft(en) zu verstehen, die sich sowohl zur Aneignung durch Gemeinschaften als auch zur Produktion von Gemeinschaft eignen. So ist die Beziehung zu „Gemeinschaften“ im Sinne von „Communities“ (oft als Chiffre für marginalisierte Bevölkerungsgruppen) in den jeweils nationalen Geschichten des öffentlichen Büchereiwesens durchaus unterschiedlich, jedoch bestätigen viele Stimmen aus der internationalen Büchereienforschung ein gemeinschaftsstiftendes Potenzial von Büchereien. Besonders in der englischsprachigen Literatur ist „community“ ein vielfach verwendetes Attribut: „Community libraries“ erklären sich aus der lokalen Dimension von Teilhabe und Verwurzelung (Scott, 2011; Pyati und Kamal, 2012; Peterson, 2023a; Mattern, 2019; Engström, 2022) und „community librarians“ beziehen ihr Selbstverständnis daraus, für Büchereien als vergemeinschaftende Orte Sorge zu tragen (Black und Muddiman, 1997; van Melik und Hazeleger, 2024; Rivano Eckerdal, 2018; Rivano Eckerdal et al., 2024).</p>
      <p id="d2e125">Besonders diskursstark zeigt sich in der Büchereiforschung der US-amerikanische Kontext. Hier drückt sich die hegemonial-Weiße Gesellschaft bis in jüngste Zeit sowohl im Medienbestand öffentlicher Büchereien, ihrer Systematik, wie auch Ressourcen, in den segregierenden Hausordnungen und der Raum- und Personalpolitik aus. In Abgrenzung zu diesem strukturellen Rassismus und Klassismus haben marginalisierte soziale Gruppen, vor allem die Schwarze Bevölkerung, schon früh entweder eigene „community libraries“ gegründet oder in Ausnahmefällen einzelne Zweigstellen innerhalb städtischer Büchereinetzwerke angeeignet. Dass dies wiederum als ein Fortschreiben segregierender Praktiken verstanden werden kann, argumentiert Cheryl Knott in ihrer Geschichte der öffentlichen Büchereien in der Jim-Crow-Ära: „Yet even as they were counterpoints to prevalent racism, separate libraries were part of the institutionalization of oppressive racial policies“ (Knott, 2015:3). Shannon Mattern bezeichnet diese Community orientierten Büchereien als „fugitive libraries“ und betont damit deren relationale und provozierende Qualität:<disp-quote>
  <p id="d2e129">By choice or by necessity, many marginalized communities have established their own independent, itinerant, fugitive libraries, which respond to conditions of exclusion and oppression. Understanding the politics and practices of these fugitive libraries, and the conditions that have led to their emergence, would improve the discussions about „libraries of the future“ that are happening in the halls of power and privilege (Mattern, 2019:2).</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d2e133">Die Verweise auf die sowohl ambivalente identitätspolitische Dimension von geflüchteten/flüchtigen Büchereien als auch auf die Verweigerung, deren strukturellen Wurzeln und transformatives Potenzial zu erkennen, um Büchereien neu zu denken, ist ein erster Hinweis auf die uneindeutige Verbindung der öffentlichen Infrastruktur „Bücherei“ mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Gemeinschaft.</p>
      <p id="d2e137">In Dänemark und Schweden (mit Finnland und Norwegen ebenfalls wirkmächtige Referenzen in der Bibliotheksforschung) zeigt sich ein ambivalenter Effekt dieser Verbindung von Bücherei und Gemeinschaft. Während öffentliche Büchereien formal, in Schweden gesetzlich festgelegt, „für Alle“ da sein sollen und wollen (Rydbeck, 2024), strahlen sie soziale und kulturelle Homogenität aus, wie die Untersuchung von Zugang und Teilhabe an diesen Orten zeigt: „Thus, libraries run the risk of being uniform places formally open for all, but implicitly begging for homogeneity“ (Engström, 2022:8).</p>
      <p id="d2e140">Die Spannung zwischen vielfältigen Bedürfnissen und vereinheitlichenden Zugängen findet seit den 1990er Jahren ein Echo in der Vorstellung von Bibliothekar:innen als „community librarians“, die jene Teilhabe „für Alle“ ermöglichen sollen. Alastair Black und Dave Muddiman (1997) zeichnen für den britischen Kontext eine am neoliberalisierenden „public management“ orientierte Ausrichtung der bibliothekarischen Arbeit auf die Bedürfnisse des jeweiligen Gemeinwesens nach, die durch administrative Vorgaben, Änderungen der Ausbildungsinhalte sowie im Umgang mit Besucher:innen vor Ort realisiert werden sollen. Unter dem Vorzeichen einer sich neoliberalisierenden Gesellschaft, so Black und Muddiman, werde das in Grassroots Bewegungen verankerte Selbstverständnis von „community librarianship“ ausgehölt. Diese internationalen Perspektiven zeigen, dass die Verbindung von Bücherei und Gemeinschaft historisch und politisch umkämpft ist. Für unseren Beitrag ist dabei zentral, dass Gemeinschaft nicht vorausgesetzt werden kann, sondern in diesen historisch spezifischen Kontexten situativ hergestellt wird.</p>
      <p id="d2e143">Im deutschsprachigen Raum schließlich, in dem „Community“ z. B. in der städtischen Sozialen Arbeit durchaus geläufig ist, um gesellschaftliche Teilhabe und gruppenspezifische Bedürfnisse miteinander ins Spiel zu bringen, wird das Verständnis von Büchereien als gemeinschaftsstiftende Orte seltener adressiert. Ein Beispiel ist das internationale IFLA-UNESCO Manifest für öffentliche Büchereien von 2022. Hier steht der Begriff der Community, der in der offiziellen deutschen Übersetzung dieses Dokuments mit „Gemeinschaft“ übersetzt wird, für ein Bekenntnis zur Vermeidung von Ausschlüssen (IFLA-UNESCO Manifest für öffentliche Büchereien von 2022 zit. in Feigl et al., 2024).</p>
      <p id="d2e146">Diese feinen Unterschiede in der Verknüpfung der öffentlichen Infrastruktur „Bücherei“ mit Vorstellungen von Gemeinschaft, auf die wir während unserer jeweiligen Büchereiforschungen gestoßen sind, haben den Anstoß gegeben, in diesem Beitrag der Frage nachzugehen, ob und wenn ja, wie und warum öffentliche Büchereien in deutschen und österreichischen Städten Gemeinschaft adressieren oder etwa produzieren. Welche Vorstellungen, Haltungen und Praktiken von Besucher:innen und Bibliothekar:innen deuten darauf hin, dass öffentliche Büchereien Orte von Gemeinschaft wären? Und (wie) trägt dies zur oben beschriebenen Ortsspezifik bei? So legen unsere Beobachtungen nahe, dass sich Gemeinschaft in der Bücherei als ambivalente Form des Zusammenseins zeigt, die zwischen Koexistenz, Zugehörigkeit und punktuellen Gemeinschaftserfahrungen oszilliert. Diese besondere Form der Sozialität wird durch eine „Bücherei-Etikette“ gestaltet. Darunter verstehen wir ein Ensemble aus impliziten Verhaltensregeln, institutionellen Vorgaben und alltäglichen Aushandlungsprozessen, durch das ein temporäres, weitgehend konfliktarmes Miteinander ermöglicht wird. Diese Etikette wird nicht nur durch formale, in den jeweils kommunalen Büchereinetz ausformulierten Hausordnungen getragen, sondern wesentlich durch darüber hinaus gehende Praktiken des Sorgetragens („Care“), die sowohl von Bibliothekar:innen als auch von Besucher:innen ausgehen.</p>
      <p id="d2e149">Die raumanalytische Perspektive dieses Beitrags erlaubt uns, diese durch Bücherei-Etikette gestalteten Vorstellungen, Haltungen und Praktiken von Gemeinschaft zusätzlich als Ausdruck unterschiedlicher Raumdimensionen einzuordnen. Während die beobachtete Arbeit am temporären Zusammensein, das als harmonisch und konfliktfrei idealisiert wird, auf den „Repräsentationsraum“ verweist, beruht die Begegnungs- und Gemeinschaftskapazität sowohl auf dem „gebauten Raum“, als auch auf den im Alltag artikulierten Haltung und umgesetzten Praktiken des „gelebten Raums“ (vgl. u. a. Rolshoven, 2021; Derwanz und Färber, 2021; Peterson, 2017, 2023a). Darüber hinaus erscheinen uns das erhöhte Maß an Selbstkontrolle und Gefühl der Verpflichtung, diese gemeinsam genutzten städtischen Orte zu pflegen und mitzugestalten, als prägnant. So fragen wir auch danach, welche Vorstellungen von Zusammensein diese Bücherei-Etikette erlaubt bzw. welche Ein- und Ausschlusseffekte sie mit sich bringt.</p>
      <p id="d2e152">Diese Analyse der Bücherei-Etikette schreiben wir in zwei konzeptionelle Felder ein: Zum einen betten wir die Frage nach der kulturellen Form des repräsentierten, gebauten und gelebten Sozialen konzeptionell in nicht essentialisierende Überlegungen zur urbanen Sozialität ein. Während das Spektrum dieser Überlegungen von Gemeinschaft als Sozialität des „Miteinander“ (Neal et al., 2018) und der „Konvivialität“ (Gilroy, 2004; Hemer et al., 2020), um Koexistenz und Zugehörigkeit zusammenzuführen (Studdert und Walkerdine, 2016), bis hin zu weiteren Konzeptualisierungen reicht, konzentrieren wir uns auf das von Talja Blokland (2017) formulierte weite Verständnis von Gemeinschaft als „Kultur der urbanen Praxis“. Mit Blokland lässt sich die für unsere in Großstädten angesiedelten Forschungsfelder relevante urbane Dimension dieses Zusammenseins begreifen. Zum anderen arbeiten wir mit Konzepten von Care, die auf deren tief in neoliberalisierte Stadt-/Gesellschaften eingeschriebene gouvernementale Dimension verweisen (u. v. a. Gabauer et al., 2022).</p>
      <p id="d2e156">Im Folgenden entwickeln wir zunächst die konzeptionellen Grundlagen zu Gemeinschaft und Care im Kontext öffentlicher Büchereien und verorten diese in deren institutionellem Rahmen. Anschließend stellen wir die methodischen Zugänge beider Studien vor und zeigen dann, vom Forschungsfeld in Bremen ausgehend, wie Besucher:innen Gemeinschaft als Erfahrung und Ideal artikulieren und dabei Regeln des Zusammenseins im Sinne einer Bücherei-Etikette zum Ausdruck bringen. Anhand der Forschung in Büchereien in Wien verdeutlichen wir, wie Bibliothekar:innen durch Sorge tragende und regulierende Praktiken in ihrem Arbeitsalltag an der Produktion von Gemeinschaft mitwirken. Wie es zu dieser lokalspezifischen, durch Bücherei-Etikette gestaltete Gemeinschaft kommt, hängt schließlich auch von den mit dem repräsentierten, gebauten und gelebten Raum verhandelbaren Vorstellungen demokratischer Stadt-/Gesellschaften ab.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S2">
  <label>2</label><title>Städtische Gemeinschaft, Care und Bücherei-Etikette</title>
      <p id="d2e168">Im Zentrum unserer Analyse steht die Frage, wie sich in öffentlichen Büchereien Formen des Zusammenseins herstellen, stabilisieren und begrenzen. Dafür greifen wir auf zwei konzeptionelle Perspektiven zurück: Ansätze zu urbaner Sozialität sowie Konzepte von „Care“. Beide ermöglichen uns, die beobachteten Praktiken nicht nur als individuelles Verhalten, sondern als sozial und institutionell eingebettette Prozesse in großstädtischen Kontexten zu verstehen.</p>
      <p id="d2e171">Zunächst einmal liegt für die Diskussion von Konzepten, wie „Gemeinschaft“ oder „Care“ im Kontext von Büchereien eine bemerkenswerte Feldspezifik vor: Sowohl der Begriff „Gemeinschaft“ ist im Feld der Büchereipraxis als Konzept wirksam, als auch „Care“ dient unter Bibliothekar:innen als gängige Bezeichnung für Aspekte ihrer Arbeitspraxis. Wir werten dies als Ausdruck der großen Durchlässigkeit zwischen Forschung und Bibliothekswesen, was nicht zuletzt auf die geteilte Praxis des Lesens zurückzuführen ist. Wir greifen deshalb aus den teils langjährigen sozial-, kulturwissenschaftlichen und interdisziplinären bibliothekswissenschaftlichen Debatten um die Konzeptionalisierungen von Formen des Zusammenseins in heterogenen Kontexten wie Städten und um Sorgetragen (z. B. für jenes Zusammensein) nicht nur diejenigen Ansätze heraus, die unsere Forschungsfelder am besten erklären helfen, sondern fragen zusätzlich nach dem spezifischen, sie gestaltenden Motiv. Der Begriff „Bücherei-Etikette“ ist ein Ergebnis der auch raumanalytischen Analyse der Möglichkeiten und Grenzen dieser Konzepte in unseren komplementären Forschungsfeldern. Er bezeichnet, wie durch diese büchereispezifische regulierende Etikette eine Form von Sozialität <italic>in</italic> und <italic>durch</italic> Büchereien erwirkt und erfahrbar ist, die auf ungleich geteilter Sorgearbeit beruht und von einer Spannung zwischen Ein- und Ausschluss geprägt ist. Diesen Zusammenhang stellen wir mit diesem Beitrag nicht nur für die Forschung, sondern auch für das Bibliothekswesen zur Diskussion.  Für eine solche Tiefenbohrung zur städtischen Vergesellschaftung erscheinen uns öffentliche Büchereien besonders interessant. In unseren Fällen sind dies kommunale Einrichtungen in Städten, die gleichzeitig Bundesländer sind. Trotz vielfach knapper Budgets wird ihnen weiterhin eine zentrale Rolle als Orte der Begegnung, der sozialen Kohäsion und Teilhabe, sowie der (Bildungs-)Gerechtigkeit sowohl aus Politik und Verwaltung, als auch von Seiten der Angestellten und professionellen Verbände bis hin zu Nutzer:innen zugeschrieben (Peterson, 2017, 2023a; Thiele, 2022). Wie bei anderen im öffentlichen Haushalt verankerten Institutionen kommt es entsprechend der jeweiligen politischen Ausrichtungen vor, dass die Zuständigkeit das Verwaltungsressort wechselt (in unseren Fällen sind die Büchereien zur Zeit der Untersuchung in Bremen dem Senator für Kultur zugeordnet, während sie in Wien der Magistratsabteilung für Bildung und Jugend, MA13, unterstehen). Diese Einbindung führt auch dazu, dass die einzelnen Instanzen (Verwaltungsressort, Bibliotheksleitungen, Bibliothekar:innen und nicht zuletzt Nutzer:innen) auf tagespolitisch opportune Richtungsweisungen reagieren müssen. In den vergangenen Jahren lässt sich dabei eine deutliche Ausweitung ihres Aufgabenbereichs beobachten (Schloffel-Armstrong et al., 2021; Engström, 2022; Schad-Spindler et al., 2023; van Melik, 2023; van Melik et al., 2025). Dies äußert sich mancherorts darin, dass kommunale Beratungsangebote zu Gesundheitsversorgung oder auch Arbeitsmarkt in den Räumlichkeiten von öffentlichen Büchereien mit untergebracht werden, was ihre Bedeutung als soziale Anlaufstelle verstärkt hat. Bibliothekar:innen berichten aber auch von der sie belastenden Diversifizierung und Erweiterung ihrer Tätigkeit, die an Felder der Sozialen Arbeit angrenzt (u. a. Aptekar, 2019). Städtische Haushaltspolitik verändert so gesehen direkt die Erfahrungswelten aller Besucher:innen, orientiert die Erwartungen mancher Nutzer:innen und verändert den Arbeitsalltag des Büchereipersonals erheblich (van Melik und Merry, 2021). Vor diesem stadt-/verwaltungs- und büchereipolitischen Hintergrund verstehen wir die in unseren Fallstudien beobachteten Praktiken somit auch als Teil eines institutionellen Wandels kommunaler Einrichtungen, innerhalb dessen sich die von uns analysierten Formen von Gemeinschaft und Care und die Herausbildung einer spezifischen Bücherei-Etikette entfalten.</p>
<sec id="Ch1.S2.SS1">
  <label>2.1</label><title>Konzepte von Gemeinschaft öffnen</title>
      <p id="d2e190">Auch vor diesem aktuellen Hintergrund gehen wir dem Begriff „Gemeinschaft“ in diesem Beitrag konzeptionel und empirisch vorsichtig nach. Vorsichtig deshalb, weil wir an die kritischen Auseinandersetzungen mit essenzialisierenden Auffassungen von „Gemeinschaft“ anschließen. Das Bedeutungsfeld des Gemeinschaftsbegriffs enthält im deutschsprachigen Raum aufgrund seiner ideologischen Prominenz in der NS-Zeit, wo er den ausschließenden und rassistischen Einklang von Volksgemeinschaft und Territorium kulturell begründen sollte, bis heute antidemokratische Konnotationen.<fn id="Ch1.Footn2"><p id="d2e193">Die Europäische Ethnologie, der disziplinäre Hintergrund von Alexa Färber und Marion Hamm, hat sich in den 1960er und 70er Jahren vor dem Hintergrund der NS-Geschichte der Volkskunde kritisch mit dem Begriff „Gemeinschaft“ auseinandergesetzt. Bis heute wird der Begriff selten als analytische Kategorie eingesetzt. Einführend dazu Timo Heimerdinger (2022); zur historischen Debatte siehe Wolfgang Brückner (1971) und Hermann Bausinger (1969).</p></fn> Als homogenisierendes und essentialisierendes Konzept hat Gemeinschaft dennoch bis in die 1970er Jahre hinein in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung Anwendung gefunden, die Grundlagen von Zusammensein auf Eigenschaften wie „Ethnie“, Sprache, Traditionen oder Religion zurückzuführen. Neben der kritischen Ethnizitätsforschung der 1990er Jahre (siehe u. a. Hall, 1992; Brubaker, 2007; Brubaker et al., 2006) und intersektionalen Perspektiven hat auch die praxistheoretische Emotions- und Raumforschung (u. a. Scheer, 2019, 2022; Rolshoven, 2021) dazu beigetragen Vergemeinschaftungsprozesse und alltägliche verräumlichte Wir-Gefühle für die empirisch kulturwissenschaftliche Forschung greifbar zu machen.</p>
      <p id="d2e197">In unserer Forschung in Deutschland und Österreich orientieren wir uns deshalb an analytischen Konzepten, die das Prozesshafte und die Vielfalt gesellschaftlicher Zugehörigkeiten, sowie deren orts- und zeitspezifische Ausdrucksweisen fassen. Diese sind für die Analyse urbaner Situationen umso angebrachter. Denn für urbane Koexistenz ist eine homogene Gemeinschaft weder Voraussetzung, noch geht sie zwingend daraus hervor (Amin und Thrift, 2002). So gesehen verweisen urbane Formen des Zusammenseins auf die affektive Wirkung von Atmosphären (Peterson, 2023b), räumliche und zeitliche Punktualität (Studdert und Walkerdine, 2016). Sie lassen sich als „Szenen“ (Blum, 2003), als Sozialitäten des „Miteinanders“ (Neal et al., 2018) und der „Konvivialität“ (Gilroy, 2004; Hemer et al., 2020) begreifen.</p>
      <p id="d2e200">Hier lässt sich auch der für unsere Analyse produktive Vorschlag von Talja Blokland (2017) von Gemeinschaft als „Kultur der urbanen Praxis“ einordnen. Unter den Formen von Zusammensein/Sozialität, die sie im Abgleich mit den klassischen Studien der Stadtforschung von Georg Simmel über Ulf Hannerz und Jane Jacobs bis zu Richard Sennett voneinander unterscheidet, scheint uns die „vertraute Öffentlichkeit“<fn id="Ch1.Footn3"><p id="d2e203">Diese Bezeichnung entlehnt Blokland der Studie „Dwell among friends“ von Claude S. Fischer (1982).</p></fn> der von uns beobachteten Sozialität in und durch Büchereien am nächsten zu kommen: „Wiederholte flüchtige Begegnungen und dauerhafte Engagements schaffen auch einen Kontext, in dem Symbole produziert und verstanden werden können“ (Blokland, 2017:150). Die Voraussetzung dafür, den Durchblick zu haben und sich zuhause zu fühlen (vgl. Blokland, 2017:150–152) ist an jenen explizit städtischen Orten durch Routinen und Teilnahme angesammeltes Erfahrungswissen. Auf dieser Grundlage kann ein „Gemeinschaftsgefühl“ entstehen (ebd.). Zugehörigkeit ist hier nicht mit sozialer Identifikation, wohl aber mit einer Art Wohlfühlen verbunden: „Sich-Wohlfühlen wird mit Ungezwungenheit assoziiert, mit der Abwesenheit jeglicher Notwendigkeit, uns anzustrengen oder irgendetwas aktiv anzugehen“ (Blokland, 2017:114). Blokland betont zudem die relationale Vieldeutigkeit eines auf „Vertrautheitserfahrungen“ (Blokland, 2017:155) zurückgehenden Gemeinschaftsgefühls. Daran anschließend fragen wir, wie Besucher:innen und Bibliothekar:innen, ihren Rollen entsprechend, ein spezifisches Miteinander in der Bücherei realisieren: Welche Vorstellungen, Haltungen und Praktiken bringen das temporäre Zusammensein an diesem Ort hervor und finden sich darin Spuren idealisierter Vorstellungen von Gemeinschaft (als Öffentlichkeit), Sich-Wohlfühlen oder auch Vertrautheitserfahrungen?</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S2.SS2">
  <label>2.2</label><title>Gemeinschaftsfördernde Care-Praktiken</title>
      <p id="d2e217">Um Konzepte von Gemeinschaft als urbaner Praxis zusätzlich kritisch zu beleuchten, arbeiten wir mit Konzepten zu „Care“. Die Analyse von Praktiken des Sorgetragens eröffnet zum einen eine Reihe sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektiven, denn „care encapsulates what people <italic>do</italic> (spatial praxis) when they care, how they mutually <italic>interact</italic> (social relations) when caring, and how and why they tend to <italic>reflect </italic>on these doings and interactions in a morally informed way (care ethics)“ (Gabauer et al., 2022:5). Zum anderen zählt zur Feldspezifik unserer Forschung, dass Bibliothekar:innen ein ausgeprägtes Selbstverständnis davon haben, dass ihre Tätigkeit mit Care-Praktiken verbunden ist. Die Vertrautheit mit dem Begriff „Care“ beruht sowohl auf Lektüre als auch auf praktischem Wissen darüber, dass ihre Aufgabenfelder z. B. aufgrund der oben genannten neoliberalisierenden Stadtpolitiken über die gängigen Bibliotheksaufgaben des Leihens, Beratens, und Sorgetragens für den Bestand hinaus in andere soziale Bereiche von Care-Praktiken ausgreifen: Sich-Kümmern, dass Informationen auch begriffen werden, und dem Sorgetragen für eine sozial verträgliche Atmosphäre vor Ort, über den Selbst-/Anspruch Zuzuhören und allen Menschen Teilhabe zu ermöglichen, bis hin zum Wunsch, selbst an der Gestaltung der Bücherei teilzuhaben, und Anerkennung für die geleistete soziale Arbeit zu erhalten.</p>
      <p id="d2e229">Die meist feministische Care-Forschung hat sich seit den 1980er Jahren diesen ambivalenten Motivationen und Effekten gewidmet, auch wenn jenes Sorgetragen etwa bei Berenice Fisher und Joan Tronto zunächst als Ausdruck menschlicher Solidarität definiert wird, d. h. als</p>
      <p id="d2e232"><disp-quote>
  <p id="d2e235">a species activity that includes everything that we do to maintain, continue, and repair our “world” so that we can live in as well as possible. That world includes our bodies, ourselves, and our environment, all of which we seek to interweave in a complex life-sustaining web. (Fisher und Tronto, 1990:40)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d2e240">Gleichzeitig kritisiert Tronto (2013:12) in ihrem Plädoyer für eine „caring democracy“, dass Care-Arbeit innerhalb neoliberaler Ideologie und Gesellschaftsformen als „marketable commodity“ gehandhabt werde (vgl. u. v. a. Lawson, 2007; Knigge, 2009; Staeheli und Brown, 2003). Sie erkennt die Zweischneidigkeit konkurrierender Care-Begriffe und fordert von demokratischen Gesellschaften, dass diese ihre Werte neu ausrichten sollten: „away from support for the ‚market‘ und hin zu „support for the means for people to live human lives“ (Tronto, 2013:45). Diese existentielle Dimension und potenzielle Wirkung von Care als Praxis hat das Forschungsinteresse vieler sozial- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen geweckt und auf die damit verbundenen komplexen globalen und ortsspezifischen Ungleichverhältnisse entlang von <italic>race</italic>, <italic>class</italic> und <italic>gender</italic> gelenkt. Care als Forschungsperspektive legt deshalb eine politische Haltung des Sorgetragens, oder der Für_Sorge nahe:<disp-quote>
  <p id="d2e253">Der Begriff umschließt auch Care/Für_Sorge selbst als Politik, als eine dynamische und wechselseitige Beziehung zu unterschiedlichen Akteur*innen und Umwelten, die sich mit dem ethisch-moralischen Anspruch positioniert, einen Kontrapunkt zu Logiken des Konsums und der Wahl, der Vernachlässigung, des Im-Stich-Lassens und der Selbst- und Fremdaufgabe zu bilden. (Binder und Hess, 2019:12)</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d2e257">Wie schlägt sich diese Spannung nun in weiterhin öffentlich betriebenen Büchereien nieder? Unter dem Vorzeichen demokratischer Teilhabe stehend wirkt die historisch gewachsene gouvernementale Prägung von Bücherei disziplinierend und damit auch ausschließend, gerade <italic>indem</italic> die alltäglichen sorgetragenden Praktiken die Teilhabe Aller organisieren. Besonders das Arbeitsethos von Bibliothekar:innen ist von dieser Spannung einer sorgetragenden Arbeitshaltung und neoliberalisierender Anforderungen an den Arbeitsplatz geprägt. Dies überrascht nicht, da Büchereien historisch gewachsene Orte eines durchaus ambivalenten Bildungsauftrags sind, in dem sich Volksbildung mit governementalen Regierungsinteressen paarte. Die Ambivalenz eines Berufsbilds, in dem das professionelle Engagement mit einer selbstausbeutenden Subjektivierung einhergeht, wird deshalb in bibliothekarischen Kreisen als “professional awe” (Ettarh, 2018) kritisch diskutiert. Heute äußert sich diese Spannung ganz konkret darin, dass Care-Arbeit gefordert und von Seiten der Bibliothekar:innen gerne nachgekommen wird, sie aber gleichzeitig in der Leistungsaufstellung nicht darstellbar ist: „the impact that care provision and a sense of community can offer is certainly more difficult to quantify than membership or books borrowed“ (van Melik, 2024:225).</p>
      <p id="d2e263">Um die Verbindung von öffentlichen Büchereien und Gemeinschaft zu verstehen, ist der Nexus zur Ambivalenz von Care-Praktiken, der im Arbeitsethos einen Widerhall findet, ganz ausschlaggebend. In unseren Forschungen wird deutlich, dass Care-Praktiken die Teilhabe unterschiedlicher, teils divergierender Verhaltensweisen reproduzieren, für ein Gefühl der Akzeptanz Aller in der Bücherei sorgen und im Verhalten von Besucher:innen ihr Echo finden (vgl. Rivano Eckerdal et al., 2024). Sie folgen dabei einer durch das Berufsethos oder die routinierte Nutzung bereits verinnerlichten Bücherei-Etikette. Mit Etikette verweisen wir aus gouvernementalitätsorientierter Perspektive auf eine historisch gewachsene, ortsspezifische und praktisch eingeübte Ordnung, die das Zusammensein an einem Ort organisiert. Sie geht auf einen in einer Bücherei vorherrschenden Habitus zurück, der auch die Grenzen setzenden Eigenschaften der Etikette spürbar macht (Timm, 2001). Denn Etikette reguliert zwar das Zusammenleben in Bücherei und Gesellschaft, sie dient aber gleichzeitig der Distinktion, indem sie sowohl Zugehörigkeit als auch Ausgrenzung signalisiert. Die Vorstellung größtmöglicher Teilhabe, die Bibliothekar:innen – und auch Besucher:innen – mit sorgetragenden Praktiken ermöglichen (wollen), ist von solchen normativen Vorstellungen geprägt. Mit der Bezeichnung „Bücherei-Etikette“ lenken wir die Aufmerksamkeit auf die Ambivalenz dieser ortsspezifischen, verinnerlichten Ordnung, die durch sorgetragende Praktiken unterschiedlicher Akteursgruppen die Ein- und Ausschlüsse des temporären Zusammensein organisiert.</p>
</sec>
</sec>
<sec id="Ch1.S3">
  <label>3</label><title>Methodik</title>
      <p id="d2e275">Die Grundlage dieses Beitrags bildet ein analytischer Dialogue zwischen zwei unabhängig voneinander durchgeführten Bücherei-Forschungen in Bremen und Wien. Während im deutschen Projekt Besucher:innen und ihre Wahnehmungen <italic>von</italic> und Identifikation <italic>mit</italic> Büchereien als urbane Orte forschungsleitend waren, lag in der österreichischen Fallstudie innerhalb einer international vergleichenden Teamforschung der Fokus stärker auf Bibliothekar:innen, institutionellen Rahmenbedingungen sowie der Rolle von Büchereien als soziale Infrastruktur im städtischen Kontext. In Bremen war der Begriff „Gemeinschaft“ schon während der Forschung zentral, in Wien bildete das Konzept „Care“ eine analytische Perspektive. Für diesen Beitrag sind wir beiden Begriffen im bestehenden Material nachgegangen bzw. haben zusätzliche Gespräche mit unseren Forschungsgegenüber zu „Gemeinschaft“ geführt.</p>
      <p id="d2e284">Im in Bremen angesiedelten Projekt untersucht Melike Peterson die Bedeutung von öffentlichen Büchereien in der heutigen Stadtgesellschaft im Sinne von Henri Lefebvres „Recht auf Stadt“, um ihre Rolle als öffentliche Orte der Anwesenheit, der Teilhabe am sozialen Austausch, der Mitgestaltung und des Zugangs zu Information und Bildung zu verstehen. Grundlage sind 23 leitfadengestützte Interviews mit Büchereibesucher:innen, die zwischen 2020 und 2021 in der Zentralbücherei und zwei Zweigstellen in Bremen durchgeführt wurden. Die Gesprächspartner:innen wurden über Aushänge in den Büchereien sowie über Vermittlung durch Büchereiteams rekrutiert; zusätzlich wurden alle Personen einbezogen, die von sich aus Interesse am Projekt äußerten. Ziel war eine möglichst durchmischte Zusammensetzung hinsichtlich Alter, Geschlecht sowie sozialer und migrationsbezogener Hintergründe. Die Büchereiteams spielten dabei eine unterstützende Rolle bei der Ansprache potenzieller Interviewpartner:innen.</p>
      <p id="d2e287">Das internationale Projekt<fn id="Ch1.Footn4"><p id="d2e290">Alexa Färber und Marion Hamm (Universität Wien) waren Teil des internationalen Forschungsprojekts <italic>Infrastructuring the Social: Public Libraries and their Transformative Capacity in Austerity Urbanism</italic> (ILIT). Initiiert und geleitet von Rianne van Melik (PI, Radboud Universität, NL) haben sie gemeinsam mit Jamea Kofi (Radboud Universität, NL), Johanna Rivano Eckerdal und Lisa Engström (Universität Lund, SE) und Friederike Landau-Donelly (Radboud Universität, NL und Humboldt-Universität zu Berlin, DE), sowie der Designerin Alessia Scuderie (Wien) jeweils Büchereien in Wien, Rotterdam und Malmø untersucht.</p></fn>, in dem Alexa Färber und Marion Hamm die österreichische Fallstudie zwischen 2022 und 2025 durchgeführt haben, untersucht aus den Perspektiven von Bibliothekar:innen, Verantwortlichen aus Management und Verwaltung sowie von Besucher:innen, wie öffentliche Büchereien in den Niederlanden, Schweden und Österreich ihre Rolle als soziale Infrastruktur gestalten. In diesem Rahmen führte Marion über zwei Jahre teilnehmende Beobachtungen in einer Hauptbücherei sowie einer Zweistelle durch. Ergänzend leitete sie drei Bibliothekar:innen jeweils über eine Arbeitswoche hinweg im Alltag. Darüber hinaus wurden gemeinsam mit Alexa sowie einer Social Designerin vier Zine-Workshops mit Bibliothekar:innen, Management und Verwaltung sowie Besucher:innen durchgeführt. Ergänzend entstanden neun leitfadengestützte Interviews mit Akteur:innen aus Büchereileitung und Stadtverwaltung (van Melik et al., 2025).</p>
      <p id="d2e297">Methodisch ähneln sich die Projekte im Sinne einer fokussierten Ethnographie (Knoblauch, 2001). Sie kombinieren teilnehmende Beobachtungen, informelle Gespräche, qualitative Interviews sowie Dokumentenanalayse; im österreichischen Projekt kommen zusätzlich Zine-Workshops hinzu (Landau-Donelly et al., 2025). Für diesen Beitrag fand die Auswertung individuell und in gemeinsamen Interpretationssitzungen statt, in denen wir die Unterschiede und Ähnlichkeiten im Material untersucht und die möglichen empirischen und konzeptionellen Begriffe erarbeitet haben. Anstoß gab die Forschung von Melike. In ihren Gesprächen mit Besucher:innen brachten diese das Bedeutungsfeld „Gemeinschaft“ zur Sprache. So entstand eine Sammlung von Interview-Auszügen. Als Grundlage dafür dienten die transkribierten Interviews, die Melike auf Textstellen mit expliziter Nennung von „Gemeinschaft“ hin sichtete. In den Feldnotizen von Marion finden sich solche expliziten Bezüge dagegen nur vereinzelt. Sie ging deshalb mit der Frage nach Gemeinschaft zurück ins Feld und suchte in offiziellen Bücherei-Selbstdarstellungen nach passenden Aussagen, sowohl wörtlich als auch im semantischen Feld von Zusammensein.</p>
      <p id="d2e301">Die gemeinsame Auseinandersetzung beinhaltete das gegenseitige Lesen und Interpretieren der durch Melike und Marion selektierten Interviewausschnitte, Feldnotizen und Dokumente entsprechend der qualitativen Inhaltsanalyse (nach Kuckartz, 2018). Leitend war dabei die Frage, wie Zusammensein in Büchereien beschrieben, praktiziert und normativ gerahmt wird, welche Rollen Besucher:innen und Bibliothekar:innen darin einnehmen und wie sich daraus institutionelle Ordnungen des Miteinanders rekonstruieren lassen. Die individuelle Auswertung wurde anschließend wieder zusammen hinsichtlich gemeinsamer, ähnlicher sowie sich widersprechender Argumente, Meinungen und Sichtweisen ausgewertet. Im daran anschließenden Schreibprozess der drei Autorinnen hat sich zum einen der Begriff der Bücherei-Etikette herausgeschält und zum anderen der analytische Wert prozessualer Gemeinschaftsverständnisse sowie von Care als ambivalenter Praxis gezeigt.</p>
      <p id="d2e304">Im Folgenden präsentiert Melike eine Analyse der Interviewauszüge aus ihrem Material, die im Zeitraum von Mai bis Oktober 2021 in Bremen entstanden sind. Marions vorwiegend in Feldnotizen festgehaltenen Beobachtungen und Gespräche, die im Zeitraum von 2023 bis 2024 entstanden sind, fließen in Form von Vignetten und Dokumentenauswertung in den Text ein.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S4">
  <label>4</label><title>Besucher:innen: Sorge für Gemeinschaft teilen</title>
      <p id="d2e316">In diesem Teil analysieren wir, wie Besucher:innen öffentliche Büchereien in Bremen beschreiben und welche Vorstellungen von Gemeinschaft dabei sichtbar werden. Dabei zeigt sich, wie stark sich individuelle Wahrnehmungen zwischen institutionellen Rahmenbedingungen („gebauter Raum“), räumlichen Erfahrungen („gelebter Raum“) und normativen Vorstellungen von Gemeinschaft („Repräsentationsraum“) bewegen. Besonders prägnant ist dabei die emotionale Dimension von Zugehörigkeit (vgl. Blokland, 2017:114). So beschreiben viele Besucher:innen die Bücherei nicht primär über Funktionen, sondern über ein Gefühl der Zugehörigkeit oder des Eingebundenseins, welches an wiederholte Ko-Präsenz und geteilte Regeln des Verhaltens gebunden ist. Zugleich deutet sich an, dass dieses Miteinander nicht widerspruchsfrei ist. Konflikte mit anderen Besucher:innen, die aus Sicht einiger Befragter weniger oder gar keine Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen (wollen), treten als ambivalente Momente hervor, in denen sich unterschiedliche Auffassungen von Zugehörigkeit und angemessenem (Raum-)Verhalten in der Bücherei verdichten.</p>
      <p id="d2e319">Viele Besucher:innen beschrieben dieses besondere Büchereigefühl, indem sie versuchten, ein „großes Ganzes“ zu fassen. So sprach ein Besucher vom <italic>Gemeinwohl</italic>, für das „alle ein bisschen was zurückstecken müssen“. Eine andere Besucherin betonte die <italic>Kollektivität</italic>, mit der sie „nicht immer ganz einverstanden“ sei, bei der man sich aber „vielleicht ein bisschen anpassen“ müsse. Wieder andere hoben ein eher loses „Gefühl von Gemeinschaft durch gemeinsame Interessen“ hervor sowie ein „indirektes Gemeinschaftsgefühl“, das „nicht so eine aktive Form von Gemeinschaft“ sei, „wo man sich jetzt immer unterhält“, sondern etwas, das „eher unbewusst“ entstehe und verbinde.</p>
      <p id="d2e328">Diese Beschreibungen verweisen auf ein Verständnis von Gemeinschaft, das stark mit Praktiken der Selbstregulierung und Rücksichtnahme verbunden ist. Besonders deutlich wird dies in der Bezugnahme auf ein „Wir“, das sowohl als Ideal fungiert, als auch als praktische Handlungsorientierung dient, die sich an den „Regeln“ des Zusammenlebens in der Bücherei ausrichtet. Eine Besucherin formulierte, man lerne hier „nicht immer ‚ich, ich, ich‘ zu denken, sondern auch auf das ‚Wir‘  zu achten“. Zugleich beschrieb sie sehr konkret, wie dieses Wir im Alltag der Bücherei hergestellt wird: Wenn sie sich mit Freund:innen in der Bücherei trifft und es „dann schonmal laut“ wird, suche die Gruppe gezielt „nach lauten Ecken“, in denen „das kein Problem für andere“ sei. Denn ihrer Überzeugung nach sei man „gemeinsam in der Bücherei“ und solle/müsse an diesem Ort „schon ein bisschen kollektiv denken und sich verhalten“. Hier zeigt sich exemplarisch, wie räumliches Wissen, situative Anpassung und soziale Rücksichtnahme zusammenwirken. Die Fähigkeit, den gebauten Raum „richtig“ zu lesen – also zu wissen, welche Bereiche sich für welche(s) Nutzung(sverhalten) eignen –, wird zu einer Voraussetzung dafür, sowohl die eigene Nutzung zu realisieren als auch für ein Gefühl von Zugehörigkeit zu sorgen. Diese Form der Selbstregulierung ist ein zentraler Bestandteil der Bücherei-Etikette; eine implizite Ordnung, die Verhalten strukturiert, ohne vollständig formalisiert zu sein.</p>
      <p id="d2e332">Viele Besucher:innen interpretierten diese Anpassungsleistung nicht als Einschränkung, sondern als Voraussetzung dafür, dass die Bücherei „funktioniert“. Ein Besucher beschrieb dies als wechselseitige Verantwortung: Er halte sich an Regeln, „damit ich mich zurechtfinden kann, damit ich akzeptiert werde, aber genauso gut auch anderen Menschen dieses Gefühl vermittle“. Gleichzeitig betonte er, dass er „frei entscheiden“ könne, „was ich hier machen möchte“; allerdings nur, solange sein Verhalten mit den impliziten Erwartungen kompatibel bleibe, denn „nur so funktioniert das hier“. In diesen Aussagen wird deutlich, dass die Bücherei-Etikette als wechselseitiges Arrangement von Freiheit und Anpassung verstanden werden kann. Sie ermöglicht individuelle Nutzung, setzt dieser aber zugleich Grenzen im Sinne eines geteilten Raums. Bemerkenswert ist auch, dass viele Besucher:innen diese Ordnung explizit als gemeinschaftliche Leistung interpretieren. Eine Besucherin beschrieb ihr Verhalten als Beitrag dazu, „mein Stückchen beizutragen“, da die Bücherei als Ort „vom Gemeinschaftlichen lebt“ und „alle Menschen gemeinsam dafür sorgen, dass der Ort funktionieren kann“. Hier wird Anpassung als eine Form von Care gerahmt, nämlich als Sorge für das Funktionieren eines gemeinsamen sozialen Raums, in der Gemeinschaft als Ergebnis gegenseitiger Rücksichtnahme im Alltag praktiziert wird.</p>
      <p id="d2e335">Zugleich wird deutlich, dass diese Etikette im Sinne einer gemeinschaftlich verstandenen Ordnung nicht widerspruchsfrei ist. Einige Besucher:innen verwiesen auf Personen, die sich „grenzwertig verhalten“ oder sich scheinbar nicht anpassen wollen bzw. nur so weit mitmachen, wie gerade nötig ist. Auffällig ist jedoch, dass solche Situationen häufig relativiert wurden, etwa durch Hinweise auf individuelle Problemlagen oder als Ausnahmeerscheinungen. Grundsätzlich wurde diese Ordnung durch viele als inklusiv wahrgenommen und als zentrale Qualität der Bücherei hervorgehoben:</p>
      <p id="d2e338"><disp-quote>
  <p id="d2e341">Das hat nichts mit deinem Pass, deiner Herkunft oder der Bibliothekskarte zu tun. (…) Diese Regeln gelten für alle. (…) Die Kontrolle ist nicht persönlich, sondern für diesen Ort, damit alle hier sein können. Für die Gemeinschaft.</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d2e345">Diese Gleichbehandlung wird nicht nur als formale Regel, sondern als soziale Praxis verstanden, die auf ein Aufrechterhalten <italic>von</italic> und Sorgentragen <italic>für</italic> Gemeinschaft ausgerichtet ist. Eine solche an Etikette orientierte und auf die Sorge für das größere Ganze gerichtete Grundhaltung half dieser Besucherin in Situationen, in denen sie an die Grenzen ihrer Anpassungsbereitschaft gerät und die Ärger, Wut oder Frustration auslösen könnten, diese in einen größeren sozialen Kontext einzuordnen und Emotionen entgegenzuwirken. Diese Möglichkeit des emotionalen Gegensteuerns wurde von vielen mit einer sanften und flexiblen Regulierung assoziiert. Personen mit regelausreizendem und regelüberschreitendem Verhalten würden daher, so eine andere Besucherin, auch „nicht direkt rausfliegen“, sondern häufig geduldet werden. Die Bibliothekar:innen „sehen das auch und nehmen das in die Hand, damit das nicht überhandnimmt“, so die gleiche Besucherin.</p>
      <p id="d2e354">Diese Gleichheit muss also ganz praktisch vermittelt werden. Ein Besucher merkte an, „man könnte diese (offiziellen) Regeln auch irgendwo aufschreiben und aufhängen“, aber dass das „meistens nichts hilft“ und „sich auch nicht gut anfühlt“. Stattdessen werde die direkte Ansprache durch Bibliothekar:innen als „persönlicher Kontakt“ und damit als wirksamer erlebt. Darin deutet sich jedoch auch an, dass die als gleich geltenden Regeln in ihrer praktischen Umsetzung an Voraussetzungen gebunden sind, nämlich an die Fähigkeit, sich innerhalb der bestehenden Bücherei-Etikette orientieren und bewegen zu können. Mit Blick auf mögliche Ungleichheiten erklärte der Besucher daher, dass „man die Leute ja auch nicht verstoßen will“ und dass „es nicht abstoßen wirken“ soll. Eine zu rigide oder unpersönliche Regelvermittlung widerspreche aus seiner Sicht dem Selbstverständnis der Bücherei als zugewandert und offener, aber auch geordneter, Raum „Ort für Alle“.</p>
      <p id="d2e357">Konflikte sind im Büchereialltag also durchaus vorhanden, sind meist aber räumlich begrenzt und vorübergehend. Besucher:innen berichteten, dass Streit „meistens schnell wieder vorbei“ sei oder dass es „ein bisschen dazu gehört, dass man ab und zu aneckt“. Wenn es zu Spannungen kommt, werden diese häufig situationsgebunden oder durch individuelle Problemlagen erklärbar gemacht, z. B. dadurch, dass es sich um „jemanden mit massiven psychischen Problemen“ oder „jemanden unter Alkoholeinfluss“ gehandelt habe. Gleichzeitig zeigen viele Aussagen ein bemerkenswertes Maß an Toleranz und Empathie, das zu einer Stabilisierung des gemeinsamen Raums beträgt. Care erscheint hier als geteilte Praxis: Besucher:innen übernehmen in bestimmten Situationen selbst Verantwortung, etwa dadurch, dass sie anderen helfen, ihnen den Vortritt lassen oder Rücksicht nehmen. Vielen war dabei die Vermittlung eines gemeinschaftlichen emphatischen Denkens und Handelns in der Bücherei wichtig, für das sie durch ihr eigenes Verhalten in bestimmten Momenten Sorge tragen können oder sogar sollen. Auf diese Weise wird die Bücherei-Etikette nicht nur befolgt, sondern aktiv reproduziert.</p>
      <p id="d2e361">Diese Form der Verantwortung ist jedoch begrenzt. Viele Besucher:innen unterscheiden klar zwischen eigener Zuständigkeit und der Rolle des Personals. Während sie ihr eigenes Verhalten als Teil der gemeinsamen Ordnung verstanden, wurde die explizite Regelkommunikation und Konfliktbearbeitung häufig an Bibliothekar:innen delegiert. Diese Arbeitsteilung ist ein zentraler Bestandteil der institutionellen Ordnung der Bibliothek. So erklärte eine Besucherin, dass sie andere nicht anspreche und lieber „gucke“, da sie nicht versuche, sich „mit jemandem anzulegen“. Sie ergänzte, dass „das dann vielleicht lieber vom Personal kommen“ solle, was sie auch als „deren Auftrag oder Aufgabe“ sah. In dieser Differenz zeigt sich erneut die Logik der Bücherei-Etikette: Sie beruht auf einer geteilten, aber ungleich verteilten Verantwortung für das soziale Funktionieren der Bücherei. So setzen Besucher:innen häufig eine habituell verkörperte Bücherei-Etikette im eigenen Verhalten um, während sie Bibliothekar:innen in der Verantwortung sehen, diese Ordnung sichtbar zu machen, abzusichern und in Konfliktfällen durchzusetzen. Gemeinschaft erscheint in der Bücherei damit nicht als vorausgesetzte soziale Struktur, sondern als Ergebnis dieser alltäglichen, oft unsichtbaren Abstimmungsprozesse.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S5">
  <label>5</label><title>Bibliothekar:innen: Gemeinschaft fördern als institutionelle Anforderung und Berufsethik</title>
      <p id="d2e374">Auch auf Seiten der Bibliothekar:innen zeigt sich Gemeinschaft als Gefühl, Ideal und Praxis. Sie stellen Gemeinschaft her, moderieren und stabilisieren das Zusammensein in der Bibliothek. Auf programmatischer Ebene wird „Gemeinschaft“ dabei explizit adressiert. Der Büchereientwicklungsplan 2024 des Bundes dokumentiert, basierend auf Besucher:innenbefragungen, dass die Aussage „Büchereien stärken die lokale Gemeinschaft“ (Feigl et al., 2024:16) von den Befragten hoch bewertet wird. Gemeinschaft erscheint hier als wichtiges Ziel bibliothekarischer Arbeit: „In der Bücherei kommen Menschen zusammen. In der Bibliothek für alle bildet sich eine Gemeinschaft, die Unterschiede anerkennt und offen ist für Neues“ (Feigl et al., 2024:27). Und weiter: „Öffentliche Büchereien wirken, (…) weil der Austausch mit anderen wiederum Gemeinsamkeit erzeugt“ (Feigl et al., 2024:58).</p>
      <p id="d2e377">Diese Formulierungen markieren Gemeinschaft als Bestandteil eines diskursiven Repräsentationsraums, in dem die Bücherei zugleich als „Ort für Alle“ beschrieben und mit der Erwartung verbunden wird, genau diese Gemeinschaft performativ hervorzubringen. Damit wird bereits auf der Ebene institutioneller Leitbilder ein Spannungsverhältnis sichtbar: Gemeinschaft ist Ziel und Ergebnis zugleich, und kann zudem nicht vorausgesetzt werden.</p>
      <p id="d2e380">Diese programmatischen Setzungen werden in der bibliothekarischen Ausbildung und im Berufsalltag weitergetragen. Eine Bibliothekarin mit langjähriger Berufserfahrung formuliert auf die Frage nach Gemeinschaft: „Wir lernen halt bei der Ausbildung: Die Bücherei ist ein gesellschaftlicher Ort, sie ist allen zugänglich. Solche Grundsätze prägen die Ausbildung.“ Gleichzeitig zeigt sich im Material, das auf Gesprächen mit Bibliothekar:innen und teilnehmender Beobachtung in Büchereien beruht, jedoch eine auffällige Zurückhaltung gegenüber dem Begriff selbst. „Gemeinschaft“ wird selten explizit verwendet; wenn, dann eher als zugeschriebene Deutung von außen. So reagieren in einer Zweigstelle zwei Bibliothekarinnen auf die direkte Nachfrage nach Gemeinschaft zunächst vorsichtig. Erst als der Hinweis auf „viele kleine Gemeinschaften in der Bücherei“ eingebracht wird, stimmen sie zu und konkretisieren: Es gebe „viele verschiedene Menschen da, mit unterschiedlichen Bedürfnissen“, die einen wollten Ruhe, die anderen seien laut. Die Differenz wird dabei nicht als Problem, sondern als Arbeitsrealität beschrieben. „Man muss ermahnen, wen ermahnt man, wen nicht“ sagt eine Bibliothekarin und visualisiert mit einer Geste, dass es ein „ständiges Abwägen“ sei, man müsse „die Balance halten“.</p>
      <p id="d2e384">Das Bild der Balance verweist auf eine zentrale Dimension bibliothekarischer Praxis: Gemeinschaft entsteht hier nicht als gegebene Einheit, sondern als ein Aufrechterhalten und eine Ordnung heterogener Nutzungen, die wir als Bücherei-Etikette bezeichnen. Ein wiederkehrender Begriff, der diese Praxis rahmt, ist „Care“. In den Gesprächen wird Care nicht als abstraktes Konzept, sondern als berufliche Selbstbeschreibung greifbar. In der Übersetzung in den Arbeitsalltag wird häufig von einer Haltung gesprochen, die als „Dasein“ beschrieben wird – eine verlässliche, zugleich zurückhaltende Präsenz, die die Bücherei als sozialen Raum stabilisiert (vgl. Färber und Hamm, 2023). Eine Bibliothekarin beschreibt dies so: Sie sei „bemüht, freundlich zu sein, um ein angenehmes Klima zu schaffen für die Leute“. Diese Freundlichkeit wird als privater Teil professioneller Arbeit verstanden.</p>
      <p id="d2e387">Diese Haltung materialisiert sich auch in konkreten Praktiken. So berichtet sie, dass sie bewusst einen Kaffeeautomaten aufgestellt habe und den Umgang mit Essen oder Mobiltelefonen pragmatisch handhabe, solange niemand gestört werde: Sie betrachte alles „von der menschlichen Seite“ und betone den „menschlichen Kontakt“. Zugleich wird diese Offenheit, die ihr Spiegelbild in der von den deutschen Besucher:innen geschätzten flexiblen Handhabung von Regeln findet, durch die institutionelle Logik der Hausordnung gerahmt, in der es etwa heißt:<disp-quote>
  <p id="d2e391">Der Konsum nichtalkoholischer Getränke und das Telefonieren ist, außer in entsprechend gekennzeichneten Räumen, in dem Maße erlaubt, als die anderen Besucherinnen bzw. Besucher sowie der Büchereibetrieb dadurch nicht gestört werden. Der Konsum von Speisen ist nur in den eigens gekennzeichneten Bereichen erlaubt.<fn id="Ch1.Footn5"><p id="d2e394">Hausordnung der Büchereien Wien: <uri>https://buechereien.wien.gv.at/Portals/0/Files/AGB/915_Hausordnung_17.pdf</uri> (letzter Zugriff: 14. Juli 2026)</p></fn></p>
</disp-quote></p>
      <p id="d2e401">Die Praxis folgt dabei einer wiederkehrenden Leitlogik, die von Bibliothekar:innen häufig in variierter Form formuliert wird: „erlaubt ist, was nicht stört“. Diese Formel wird im Alltag der Bibliothekar:innen immer wieder angepasst und neu interpretiert. Damit wird deutlich, dass die Herstellung von Gemeinschaft wesentlich über eine flexible Regulation von Nähe und Distanz erfolgt. In der entsprechend großen Hauptbibliothek mit mehreren Stockwerken wird diese Balance stärker räumlich differenziert organisiert, während sie in kleineren Zweigstellen unmittelbarer und personenbezogener ausgehandelt werden muss. Eine Bibliothekarin beschreibt etwa: „Kinder lernen das Grüßen. Wenn man sie in der Bücherei immer grüßt, dann grüßen sie irgendwann zurück.“ Ein anderer Befund lautet: „Man macht das Grätzl zum eigenen Territorium“. Gemeinschaft wird hier als alltägliche Sozialisation im Raum sichtbar.</p>
      <p id="d2e404">Auch Konflikte sind Teil dieser Ordnung, werden jedoch häufig als räumlich und zeitlich begrenzte Störungen innerhalb einer grundsätzlich stabilen Etikette behandelt. Besonders häufig genannt werden Gruppen männlicher Jugendlicher, deren „raumgreifendes“ Verhalten andere Nutzer:innen beeinträchtigt. In solchen Situationen reichen die Reaktionen von Ermahnung bis Platzverweis, in Ausnahmefällen bis zur Einbindung externer Stellen. Gleichzeitig wird betont, dass diese Nutzergruppe nicht ausgeschlossen, sondern in die Bücherei integriert werden soll. Eine Feldnotiz verdeutlicht diese Dynamik:<disp-quote>
  <p id="d2e408">Vier oder fünf Jugendliche betreten die kleine Zweigstelle (…) Es wird lauter, Stühle werden gerückt (…) Die Kollegin mahnt freundlich, aber bestimmt (…) Später sehe ich: Die Jungs stehen um die Spülmaschine herum, wo der Kollege sie in die korrekte Befüllung einweist.</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d2e412">Diese Szene zeigt exemplarisch, wie Konflikt nicht nur reguliert, sondern in eine Situation der Anleitung und sozialen Einbindung überführt wird. Regelvollzug wird hier relational hergestellt, nicht nur durch Sanktion, sondern durch situierte Interaktion. Die Strategie des Kollegen signalisiert den Jugendlichen, dass sie willkommen sind, bestätigt die Gültigkeit der Grundregel „erlaubt ist, was nicht stört“ und demonstriert auf praktische Weise, wie diese funktioniert. Er leistet Balancearbeit zwischen unterschiedlichen Erwartungen: Ruhe und Aktivität, Offenheit und Schutz, Individualität und kollektiver Nutzbarkeit.</p>
      <p id="d2e415">Diese Logik wird auch in weniger konfliktgeladenen Mikropraktiken sichtbar. So zeigt sich etwas im Umgang mit der Teeküche eine Form indirekter Steuerung: An die Stelle direkter Ermahnung tritt eine freundlich gerahmte Interaktion, die gleichzeitig Zugang ermöglicht und Verhalten strukturiert, wie eine weitere Feldnotiz verdeutlicht:</p>
      <p id="d2e419"><disp-quote>
  <p id="d2e422">Um den pfleglichen und der Bücherei-Etikette entsprechenden Umgang mit der erwähnten Teeküche zu gewährleisten, haben sich die Kolleginnen einen Trick ausgedacht: Teebeutel und Zucker müssen an der Theke abgeholt werden.</p>
</disp-quote></p>
      <p id="d2e426">Im Hintergrund dieser Praktiken steht ein Berufsverständnis, das Care als relationale Verantwortung versteht, jedoch zugleich institutionell begrenzt ist. Bibliothekar:innen beschreiben, dass sie einerseits unterstützend tätig sind – von Auskünften über Lesetipps bis hin zu informeller Hilfe im Alltag –, andererseits aber klare Grenzen ziehen müssen, wenn Erwartungen in Richtung sozialarbeiterischer Aufgaben verschoben werden. Die hier beobachtete Care-Praxis ist damit nicht nur Fürsorge, sondern auch Grenzarbeit. Sie stabilisiert die Bücherei als sozialen Raum, indem sie Zugehörigkeit ermöglicht, ohne Differenz vollständig aufzulösen. Gemeinschaft erscheint in diesem Sinne nicht als harmonischer Zustand, sondern als Ergebnis fortlaufender Aushandlung (vgl. Rivano Eckerdal et al., 2024).</p>
      <p id="d2e429">Wir haben einen Einblick vermittelt in die Aktivitäten, Gesten und Haltungen, mit denen Bibliothekar:innen ein gewisses Gefühl in der Bücherei begünstigen, das von den Besucher:innen in der deutschen Stadt als Gemeinschaftlichkeit, Gemeinschaft oder „großes Ganzen“ benannt wurde. Das Selbstverständnis von Bibliothekar:innen in Wien findet ganz besonders im Abgleich mit dem Repräsentationsraum Büchereien statt, der die gesellschaftliche Aufgabe dieser öffentlichen Einrichtung als gemeinschaftsfördernde soziale Infrastruktur artikuliert. Mit den zeitspezifischen, stadt-/politischen Anforderungen (vgl. Black und Muddiman, 1997) setzen sie sich alltäglich auseinander und überführen sie mal mehr mal weniger kritisch in den gelebten Raum. Das dort gesammelte Erfahrungswissen wird manchmal auch zurückgespielt, was wiederum als ein Akt des Verteilens von Care verstanden werden kann.</p>
</sec>
<sec id="Ch1.S6">
  <label>6</label><title>Schluss: Büchereien als Orte des Ausprobierens und Einübens von Gemeinschaft</title>
      <p id="d2e441">Ziel des vorliegenden Aufsatzes war es, zu untersuchen, ob und wenn ja, auf welche Weise Vorstellungen von Gemeinschaft dem sozialen Raum der Bücherei eingeschrieben sind, und wie Menschen, die sich dort aufhalten, an dieser Einschreibung mitwirken. Dies beleuchteten wir mit Blick auf die Alltagspraktiken von Besucher:innen und Bibliothekar:innen und ihren Wahrnehmungen des erlebten Ortes. Bücherei-Etikette als normative Orientierung für die akzeptierenden und regulierenden Aspekte des Sorgetragens wird, so unsere Ergebnisse, durch geteilte Care-Praktiken gemeinsam realisiert.</p>
      <p id="d2e444">In und durch Büchereien, so unser Argument, findet eine ortsspezifische Vergesellschaftung statt, indem Individuen auf diskrete, ausbalancierte Weise interagieren und eine vergleichsweise offene Sozialität leben, in denen ein Gemeinschaftsgefühl eine stadt-/politisch wie individuell erwünschte Grundlage des punktuellen Zusammenseins ist. Diese Sozialität des temporären Miteinanders in Büchereien ist – ganz abgesehen von prägenden Entscheidungen auf den Ebenen von Management und Politik – Ergebnis immer wieder neu austarierter Aushandlungsprozesse. Wir haben anhand der Aussagen und Praktiken von Besucher:innen und Bibliothekar:innen gezeigt, dass unterschwellige und offene Konflikte sowie deren Austragung oder Regulierung antizipiert und bis hin zur Verteilung von Care bearbeitet werden: Denn was als Rücksichtnahme im Stil der Bücherei-Etikette vorgelebt wird, dient gleichzeitig der Konfliktvermeidung. Die aktive Arbeit an der Atmosphäre stößt dabei nicht an die Grenzen des eigenen Wohlfühlens. Das Sorgetragen für die Bücherei-Etikette wird dann auf die Bibliothekar:innen übertragen, wenn das Sich-Wohlfühlen für diejenigen, die sie verkörpern und gerne vorleben, nicht mehr gewährleistet ist. Wenn die mit dem „Wohlfühlen“ verbundene Inaktivität, die „Abwesenheit jeglicher Notwendigkeit, uns anzustrengen oder irgendetwas aktiv anzugehen“ (Blokland, 2017:114), nicht mehr gewährleistet ist, braucht es andere Akteur:innen (Bibliothekar:innen oder gar Sicherheitspersonal), die Regeln explizit durchsetzen. Sorge tragen für die Bücherei-Etikette und damit ein Wir-Gefühl in der Bücherei ist aus Sicht der Besucher:innen verteilt. Eine entsprechend konfliktorientierte Konzeptionalisierung der Bücherei steht dabei nicht im Gegensatz zu Gemeinschaftlichkeit im Sinne einer „vertrauten Öffentlichkeit“, wie Blockland sie für Gemeinschaft als urbane Praxis beschreibt.</p>
      <p id="d2e447">In den Aussagen von Besucher:innen in Bremen spiegeln sich die Praktiken von Bibliothekar:innen in Wien; die Resonanz zwischen beiden entsteht durch ähnliche Haltungen zur Bücherei und Praktiken an ihrem Arbeitsort als gelebter Raum. Sie schätzen die sanfte, flexible Handhabung von Regeln, die ihrer Wahrnehmung nach von Respekt und Freundlichkeit gekennzeichnet ist und personenunabhängig für alle gilt. Indem Besucher:innen sich weitgehend regelkonform verhalten, und dies im Gespräch mit einem Selbstverständnis als aktiv an einer gemeinschaftlichen Sozialität mitwirkende Subjekte begründen, leisten sie wirkmächtige Arbeit, die sich zudem diskursiv affirmativ zur Bücherei-Etikette ausdrückt. Sie thematisieren Gemeinschaft als Erfahrung und Ideal, was die Verknüpfung der Bücherei mit Werten wie Gemeinschaftlichkeit, Rücksichtnahme auf Andere bei gleichzeitigem Zurückstecken und Mitwirken am großen Ganzen bekräftigt. Entscheidend für das Teilen der Sorge für ein Zusammensein, das auf einem Sich-Wohlfühlen basiert und ein Wir-Gefühl mit sich bringen kann, sind die Grenzen der als angemessen erachteten Engagement. So akzeptieren Besucher:innen weitgehend die Verantwortung von Bibliothekar:innen für die Durchsetzung der Bücherei-Etikette, indem sie diese dem Personal zuschreiben und gleichzeitig für sich selbst abwehren.</p>
      <p id="d2e451">Die in Ausbildung und Berufspraxis bestätigte Haltung von  Bibliothekar:innen bei der flexiblen Handhabung von Regeln haben wir als wohlwollend-distanzierte Care-Praxis bzw. als Dasein in Form von zuverlässiger Präsenz verstanden. In ihrer Care-Praxis orientieren sie sich an der auch in Regelwerken wie etwa der Hausordnung zum Ausdruck kommenden Maxime „erlaubt ist, was nicht stört“. Entsprechend fällt Besucher:innen auf, dass Übertretungen oft nicht direkt sanktioniert, sondern in gewissem Ausmaß geduldet werden. Indem Bibliothekar:innen Beziehungen zu Besucher:innen aufbauen, vermitteln sie die Etikette und fördern so die Sozialisierung in die Bücherei. Über die Durchsetzung der Bücherei-Etikette und das Berufsethos hinausgehend ist die Haltung von Bibliothekar:innen von einer Sorge für das Wohlergehen von Besucher:innen gekennzeichnet, die auch von nachbarschaftlicher Solidarität und mitmenschlicher Fürsorge motiviert sein kann; von Besucher:innen wird dies als die Produktion einer „Wohlfühlatmosphäre“ positiv anerkannt (vgl. Peterson, 2023b). Ob diese Atmosphäre auch dazu einlädt, die Bücherei ganz aktiv als Ort für solidarische, selbstbewusste und selbst organisierte Nachbarschaftlichkeit anzueignen, bleibt an dieser Stelle offen.</p>
      <p id="d2e454">Im Hinblick auf Besucher:innen haben wir uns weitgehend auf diejenigen konzentriert, die die Bücherei regelmäßig besuchen. Ihre Bedürfnisse korrespondieren mit der Bücherei-Etikette. Sie erkennen gleichzeitig an, dass es Raum für Menschen an diesem Ort geben muss, die diese Etikette (noch) nicht verkörpern. Was bedeutet „Sich Wohlfühlen“ für derjenigen, die die Bücherei gegebenenfalls ohne Mitgliedsausweis nutzen, dort schlafen oder sich aufwärmen? Erlaubt das Verkörpern der Bücherei-Etikette von Seiten der einen auch das Sich-Wohlfühlen der anderen? Und: Wie müsste diese atmosphärische, laut Blokland Zugehörigkeit erlaubende Dimension von vertrauten und anonymen Öffentlichkeiten gestaltet sein, um auch die Stadtbewohner:innen anzusprechen, die trotz aller Bemühungen um Offenheit die Bücherei gar nicht nutzen? An dieser Stelle konstatieren wir, dass die Idealisierung des Vergesellschaftungspotentials von Büchereien dazu beiträgt, dass diese Orte auch mehr oder weniger subtile Ausschlüsse bewirken.</p>
      <p id="d2e457">Wir haben diesen Beitrag um die Begriffe Gemeinschaft und Care aufgebaut, um einer spezifischen Ortsqualität auf die Spur zu kommen, die wir als Bücherei-Etikette bezeichnet haben. Der Raum, den die gouvernementale Wirkung von Etikette durch Care hervorbringt, äußert sich in den freiwilligen, selbstbestimmten Nutzungen der geteilten Ressourcen der Bücherei. In der Bücherei finden sich unterschiedliche kulturelle Hintergründe, Erfahrungen und Subjektivierungen, die durch Medienbestand, Personal und Nutzer:innen an den unterschiedlichen Orten präsent sind und durch Interaktion aktiviert werden können. Auch im Hinblick auf eine über die Bücherei hinausgehende Sozialität des Miteinanders etwa im Stadtteil kann die Bücherei als weitgehend pluralistischer Ort verstanden werden, weil Bürger:innen (mit und ohne Mitgliedsausweis), ein Mit-, Neben- und Gegeneinander <italic>ausprobieren</italic> und <italic>einüben</italic> können. Wie offen Bücherei-Etikette im Einzelfall gehalten wird, hängt von den an diesem Ort greifbaren und verhandelbaren Vorstellungen demokratischer Stadt-/Gesellschaften ab.</p>
</sec>

      
      </body>
    <back><notes notes-type="dataavailability"><title>Datenverfügbarkeit</title>

      <p id="d2e470">Die beiden Projekte basieren auf qualitativen Daten, die im Rahmen der jeweiligen Erhebungen gewonnen wurden. Aufgrund von Datenschutzbestimmungen, Vertraulichkeitsvereinbarungen und zum Schutz der beteiligten Personen können die zugrunde liegenden Daten nicht geteilt oder öffentlich bereitgestellt werden. Bei Fragen können sich Interessierte jedoch gerne an die Autorinnen wenden.</p>
  </notes><notes notes-type="authorcontribution"><title>Autor:innenmitwirkung</title>

      <p id="d2e476">Alle Autorinnen haben in gleichem Maße zur Konzeption, Ausarbeitung und Überarbeitung des Manuskripts beigetragen. Sie waren gemeinsam an der Interpretation und Zusammenführung der Ergebnisse aus den beiden Forschungsprojekten beteiligt und haben die finale Fassung des Manuskripts genehmigt.</p>
  </notes><notes notes-type="competinginterests"><title>Interessenkonflikt</title>

      <p id="d2e482">Die Autorinnen erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.</p>
  </notes><notes notes-type="disclaimer"><title>Haftungsausschluss</title>

      <p id="d2e488">Anmerkung des Verlags: Copernicus Publications bleibt in Bezug auf gerichtliche Ansprüche in veröffentlichten Karten, institutionellen Zugehörigkeiten oder anderen geographischen Begrifflichkeiten neutral. Die letztendliche Verantwortung für geeignete Ortsnamen liegt bei den Autor:innen. Die im Text geäußerten Ansichten sind die der Autor:innen und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten des Verlags wider.</p>
  </notes><ack><title>Danksagung</title><p id="d2e494">Melike Peterson dankt den Besucher:innen, die ihre Erfahrungen und Geschichten geteilt haben, sowie den Bibliotheksleitungen und -teams in Bremen, deren Unterstützung ihre Forschung ermöglicht hat. Darüber hinaus gilt ihr Dank der Forschungsplattform <italic>The Challenge of Urban Futures: Governing the complexities of European cities</italic> an der Universität Wien, die ihr einen einwöchigen Forschungsaufenthalt in Wien ermöglicht hat. Alexa Färber und Marion Hamm danken alle Gesprächspartner:innen in den Büchereien (Bibliothekar:innen und Nutzer:innen) und der Verwaltung, die ihr Wissen mit uns im Rahmen des Projekts <italic>Infrastructuring the Social: Public Libraries and their Transformative Capacity in Austerity Urbanism</italic> (ILIT) geteilt haben. Das Forschungsprojekt wurde im Horizon 2020-Programm <italic>JPI Urban Europe ERA-NET Cofund Urban Transformation Capacities</italic> (ENUTC) und der FFG gefördert. Den anonymen Reviewer:innen danken wir herzlich für ihre konstruktiven Hinweise und Anregungen.</p></ack><notes notes-type="financialsupport"><title>Finanzierung</title>

      <p id="d2e508">Die Forschung von Alexa Färber und Marion Hamm wurde durch das JPI Urban Europe „ERA-NET Cofund Urban Transformation Capacities (ENUTC)“ Programm (Horizon 2020) (Fördernummer: 101003758) unterstützt.</p>
  </notes><notes notes-type="reviewstatement"><title>Begutachtung</title>

      <p id="d2e514">Dieser Artikel wurde von Nadine Marquardt redaktionell betreut und durch  zwei anonyme Expert:innen begutachtet.</p>
  </notes><ref-list>
    <title>Literatur</title>

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