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Kiel 1969 bietet einen Einstieg, um über die spezifisch deutschsprachige Entwicklung des Faches nachzudenken und wissenschaftliche Dynamiken in gesellschaftliche Kontexte einzubetten. Kiel 1969 zeigt, wie spannend und vielschichtig die Geographie ist, und die Debatte darum zeigt, wieviel wir nicht wissen, wie einfach wir es uns manchmal machen und wieviel es noch zu entdecken gibt. Aus meiner Perspektive ist Kiel 1969 wichtig, aber eben nicht nur Kiel 1969!
GH | Articles | Volume 76, issue 2
Geogr. Helv., 76, 159–161, 2021
https://doi.org/10.5194/gh-76-159-2021

Special issue: Discussion Forum: Kiel 1969 – ein Mythos?

Geogr. Helv., 76, 159–161, 2021
https://doi.org/10.5194/gh-76-159-2021

Interface 03 May 2021

Interface | 03 May 2021

„Kiel 1969“ – ein Erinnerungsort

„Kiel 1969“ – ein Erinnerungsort
Julia Verne Julia Verne
  • Geographisches Institut, Kulturgeographie, Johannes Gutenberg Universität, Mainz, Deutschland

Correspondence: Julia Verne (julia.verne@uni-mainz.de)

Auf dem Weg zum Deutschen Kongress für Geographie in Kiel 2019 habe ich versucht, mich zu erinnern, in welchem Zusammenhang ich das erste Mal über „Kiel 1969“ gestolpert bin, aber ich weiß es nicht mehr. In meinem Studium in Bayreuth gab es, so glaube ich zumindest, keine allgemeine Einführungsvorlesung, und in der Einführung in die Sozialgeographie wurde sich damals stark an dem Lehrbuch von Benno Werlen orientiert, das gerade ein Jahr zuvor erschienen war (Werlen, 2000). Ob darin auf den Kongress in Kiel im Jahr 1969 eingegangen wird, erinnere ich allerdings auch nicht mehr. Disziplingeschichte war für mich zu Beginn des Studiums noch keine große Leidenschaft …

Im Laufe der Zeit hat sich jedoch auf eine diffuse Art und Weise ein Bild von „Kiel 1969“ geformt, in dem es zum einen um „ jung gegen alt“ zu gehen schien, um eine Bewegung gegen die klassische Länderkunde und um eine Forderung nach mehr Relevanz, nach Politisierung und Praxisnähe, wie es für diese Zeit auch in anderen Disziplinen typisch war. Wenn die Sprache auf „Kiel 1969“ kam, dann klang durch, dass es sich dabei scheinbar um einen unglaublich wichtigen Moment für die deutschsprachige Geographie gehandelt hat – und dass die Geographie vorher nicht unbedingt ein Fach gewesen sei, auf das man stolz hätte sein können. Dass die Geographie früher nicht so beeindruckend gewesen sein soll, das war allerdings auch in der Einführung in die Sozialgeographie durchgeklungen – auch wenn die vor allem den Anschein erweckt hatte, dass die Geographie erst seit der Entwicklung der handlungszentrierten Geographie den richtigen Zugang zur Welt gefunden hätte. Auch wenn dies sicher in gewisser Weise in einem Zusammenhang zu den Überzeugungen und Forderungen von „Kiel 1969“ gelesen werden kann, so wurde in der damaligen Einführung in die Sozialgeographie eher vermittelt, als dass die Geographie eigentlich erst in den 1990er Jahren so richtig losgelegt hätte, als die quantitative Wende zumindest in einigen Kreisen so langsam wieder etwas verblasste.

Auch bei mir war es in der Folge ein Referat zu den Handlungstheorien von Giddens und Bourdieu, das mein Interesse an unterschiedlichen theoretischen Perspektiven geweckt hat. Allerdings hat mich dies zunächst aus Deutschland herausgeführt. In meinem Umfeld spielten die Münchner Schule und Anwendungsorientierung nach wie vor eine große Rolle (Maier et al., 1977), und mit der Idee von „Theorien mittlerer Reichweite“ (siehe u. a. Krüger, 2007), die nach dem „Scheitern der großen Theorien“ (Menzel, 1992) die geographische Entwicklungsforschung prägten, konnte ich mich auch nicht recht anfreunden. Sowohl die quantitativen Ansätze als auch die Forderung nach mehr Praxisbezug, die „Kiel 1969“ zugeschrieben werden, waren also eher etwas, von dem ich mich befreien wollte, als dass ich es als Befreiung empfand.

Im Masterstudium wollte ich mehr über aktuelle theoretische Zugänge und methodologische Reflexionen in der Geographie lernen und bin dafür 2004 an die Royal Holloway University of London gegangen. Von „Kiel 1969“ hat dort natürlich niemand gesprochen, dafür steckte ich mitten in der „new cultural geography“ – aus dortiger Sicht die entscheidende Wende der Humangeographie!

Im MA „Cultural Geography (Research)“ an der Royal Holloway University of London wurde mir die Geographie als ein ganz anderes Fach präsentiert, als ich es kennengelernt hatte. Ähnlich wie es Tim Cresswell für seinen Besuch des Seminars zur „humanistic geography“ von Peter Jackson und Jaqueline Burgess am University College London in 1985 beschreibt (Cresswell, 2010), waren es für mich die „Contemporary Cultural Geographies“, die wir mittwochs mit Phil Crang, Felix Driver, David Lambert, David Gilbert, Karen Till, Klaus Dodds, Katie Willis und Denis Cosgrove diskutierten – und für die sowohl Peter Jackson und Jaqueline Burgess also auch Tim Cresswell selbst eine große Rolle spielten, die in mir das Gefühl stärkten, dass ich eine Geographin sein wollte. Ich möchte hier nur zwei Aspekte herausgreifen, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe: Hier wurde mir klar, dass die Geographie durchaus eine spannende Geschichte hatte und es faszinierende Bücher gab, die über diese Geschichte geschrieben wurden (u. a. Cosgrove und Daniels, 1988; Driver, 2001; Gregory, 2004). Und es wurde deutlich, dass Geographie viel kreativer sein konnte, als ich es bisher erlebt hatte – auch etwas, das Tim Cresswell bereits in seinem Studium 1985 erleben konnte (Cresswell, 2010:169).

Die deutsche Geographie kam mir aus dieser Perspektive immer noch recht steif und hölzern vor, und so war die Versuchung auf der einen Seite groß, in London zu bleiben. Doch auf der anderen Seite gaben mir Gespräche mit einigen Dozierenden aus Deutschland1 den Eindruck, dass sich auch in der deutschsprachigen Geographie etwas tat und hier ein interessanter Diskussionszusammenhang im Entstehen war.

Aus London zurückgekehrt, verlief mein Weg also direkt in die „Neue Kulturgeographie“, die sich in der Zwischenzeit in Deutschland zusammengefunden hatte. Dieser Kontext hat sicher einen ebenso wesentlichen Beitrag zu meiner Sozialisation in der Geographie geleistet wie die Zeit in London. Vor allem wurde dieser Zusammenhang schnell weit mehr als ein berufliches Netzwerk für mich. Aufgrund der zumindest damals noch überschaubaren Größe der Tagungen zur Neuen Kulturgeographie unterschieden sich die Begegnungen unter uns jungen Doktorand*innen doch sehr von der Art von Kontakten, die man auf den großen Konferenzen üblicherweise knüpft, und so sind in dieser Phase einige enge Freundschaften entstanden, die die Zusammenarbeit im Umfeld der NKG bis heute prägen.

Nichtsdestotrotz habe ich mich an der Ausrichtung der deutschsprachigen Neuen Kulturgeographie immer wieder gerieben. Trotz gleicher theoretischer Bezüge unterschied sich die Art und Weise, wie in Deutschland „Neue Kulturgeographie“ betrieben wurde doch erheblich von der new cultural geography, die ich in Royal Holloway kennengelernt hatte. Die Hinwendung zu Sozialtheorien und typisch soziologischen Vorgehensweisen war hier viel stärker ausgeprägt. Darüber hinaus schien weiterhin ein bekanntes Narrativ zu dominieren: dass Geograph*innen dadurch vereint werden, dass sie denken, sie hätten nun den richtigen Zugang zur Welt entdeckt und man in der Geschichte der Disziplin nicht viel Spannendes finden würde (vgl. Keighren et al., 2017). Ein Narrativ, das ich nach wie vor für problematisch und naiv halte, wie es auch meine Ausführungen zur Auseinandersetzung mit den weniger rezipierten Werken Ratzels deutlich machen (Verne, 2017).

Vor diesem Hintergrund bekommt die jetzige Phase, in der der Sozialkonstruktivismus, der die Neue Kulturgeographie wesentlich zusammengeführt hat, beginnt aufzubröckeln, in der neue Materialismen, Realismen und Ontologien eine zunehmende Rolle spielen, eine besondere Bedeutung. So ermöglichte der Sozialkonstruktivismus zwar eine Politisierung der Welt – also eigentlich ganz im Sinne von „Kiel 1969“ –, doch ging dabei in gewisser Weise die Welt selbst in den Diskursen über sie verloren. Nun, da die Welt und ihre Materialität, ihre eigene Wirkmächtigkeit wieder stärker einbezogen wird, lässt sich auch ein neues Interesse an der (Disziplin-)Geschichte beobachten. An der rezenten Auseinandersetzung mit Ratzel lässt sich beispielhaft zeigen, wie unterschiedliche Autor*innen deutlich machen, dass in einer Vielzahl aktueller theoretischer Perspektiven interessante Anschlüsse nicht nur in anderen Disziplinen, sondern auch in der Geschichte der Geographie gefunden werden können (siehe z. B. Klinke, 2019; Barua, 2018). Vielleicht, und das ist zumindest meine Hoffnung, kann sich das für die Geographie klassische Narrativ also doch noch verändern und sich die Geographie stärker in sich zentrieren, ohne dabei die enge Verwobenheit mit sozial- und kulturtheoretischen Ansätzen zu verlieren.

Ich denke, es wird deutlich, dass für mich „Kiel 1969“ nicht die gleiche Bedeutung hat wie für andere, die dabei gewesen sind oder die in den 70ern und 80ern in die Geographie gekommen sind. Ich sehe, dass das Ereignis für die Auseinandersetzung mit der Nachkriegsgeographie – und damit auch für die Auseinandersetzung mit der Geographie im Nationalsozialismus – einen entscheidenden Schritt darstellt. Wenn man auf die Geographie als Wissenschaft blickt, ist für mich „Kiel 1969“ allerdings nicht der, sondern nur einer der Momente, in denen Veränderungen in der Disziplin angestoßen wurden und Kritik kulminiert ist. Einige der Impulse, die damals gegeben wurden, begrüße ich, da sie meinem Verständnis vom Fach entsprechen, andere, wie die geforderte Anwendungsorientierung und die quantitative Wende, habe ich eher als hinderlich wahrgenommen. Ich konnte „Kiel 1969“ nicht als den radikalen Bruch empfinden, wie er sicher von einigen anderen erlebt wurde oder im Nachhinein konstruiert wurde. Es schien mir eher, als wäre da etwas hinzugefügt worden, als hätte die Heterogenität der Disziplin noch einmal zugenommen, die uns auch heute noch alltäglich herausfordert (und das meine ich nicht nur im negativen Sinn).

Um dies deutlich zu machen, finde ich eine Erinnerung an „Kiel 1969“ unerlässlich. Ich nutze die Beiträge des Themenheftes in meinen Einführungsseminaren, um den Studierenden zu vermitteln, dass eine Disziplin nicht statisch ist, dass es unterschiedliche Paradigmen gibt, dass sie nicht nach der einen „richtigen“ Art und Weise suchen sollen, Geographie zu betreiben. Die Beiträge zeigen, was unter einer „innerdisziplinären Debatte“ zu verstehen ist, sie veranschaulichen eine Meta-Perspektive, und sie zeigen auf, wie wichtig eine historische Betrachtung ist.

„Kiel 1969“ bietet einen Einstieg, um über die spezifisch deutschsprachige Entwicklung des Faches nachzudenken und wissenschaftliche Dynamiken in gesellschaftliche Kontexte einzubetten. „Kiel 1969“ zeigt, wie spannend und vielschichtig die Geographie ist, und die Debatte darum zeigt, wie viel wir nicht wissen, wie einfach wir es uns manchmal machen und wie viel es noch zu entdecken gibt.

Aus meiner Perspektive ist „Kiel 1969“ wichtig, aber eben nicht nur „Kiel 1969“! Schließlich hilft erst ein historisches Verständnis, die eigene Position besser zu verstehen und sie überhaupt als eine bestimmte Position zu erkennen! Und so verhält es sich natürlich auch mit meiner Position.

Datenverfügbarkeit

Für diesen Artikel wurden keine Datensätze genutzt.

Interessenkonflikt

Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Danksagung

Die Ausarbeitung dieses Kommentars erfolgte in Vorbereitung auf eine Diskussionsrunde zu „Kiel 1969 als Erinnerungsort der Geographie“ auf dem Deutschen Kongress für Geographie im Jahr 2019. Mein Dank gilt daher in erster Linie Benedikt Korf und Ute Wardenga für die Organisation sowie den beiden Mitdiskutanten Ulf Strohmeyer und Peter Weichhardt für den interessanten Austausch. Außerdem bin ich all denen dankbar, die mich an meinen unterschiedlichen Stationen mit ihren unterschiedlichen theoretischen Perspektiven und ihrer Leidenschaft für die Geographie begeistert haben.

Begutachtung

This paper was edited by Benedikt Korf and reviewed by two anonymous referees.

Literatur

Barua, M.: Ratzel's biogeography: a more-than-human encounter, J. Hist. Geogr., 61, 102–108, https://doi.org/10.1016/j.jhg.2018.05.015, 2018. 

Cosgrove, D. und Daniels, S.: The iconographies of landscape. Essays on the symbolic representation, design and use of past environments, Cambridge University Press, Cambridge, 1988. 

Cresswell, T.: New cultural geography – an unfinished project, Cult. Geogr., 17, 169–174, https://doi.org/10.1177/1474474010363845, 2010. 

Driver, F.: Geography militant. Cultures of exploration and empire, Blackwell, Oxford, 2001. 

Gregory, D.: The colonial present. Afghanistan, Palestine, Iraq, Blackwell, Oxford, 2004. 

Keighren, I. M., Crampton, J. W., Ginn, F., Kirsch, S., Kobayashi, A., Naylor, S. N., und Seemann, J.: Teaching the history of geography: Current challenges and future directions, Prog. Human Geogr., 41, 245–262, https://doi.org/10.1177/0309132515575940, 2017. 

Klinke, I.: Vitalist temptations: life, earth and the nature of war, Polit. Geogr., 72, 1–9, https://doi.org/10.1016/j.polgeo.2019.03.004, 2019. 

Krüger, F.: Erklärungsansätze und Analysemodelle „mittlerer Reichweite“, in: Entwicklungsländer. Handbuch des Geographieunterrichts, Bd. 8, Herausgeber: Böhn, D. und Rothfuß, E., Aulis, Köln, 73–79, 2007. 

Maier, J., Ruppert, K., Paesler, R., und Schaffer, F.: Sozialgeographie, Westermann, Braunschweig, 1977. 

Menzel, U.: Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der Großen Theorie, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1992. 

Verne, J.: The neglected „gift“ of Ratzel for/from the Indian Ocean: thoughts on mobilities, materialities and relational spaces, Geogr. Helv., 72, 85–92, https://doi.org/10.5194/gh-72-85-2017, 2017. 

Werlen, B.: Sozialgeographie. Eine Einführung, UTB Verlag, Stuttgart, 2000. 

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Besonders hervorzuheben ist hier sicher Olivier Graefe, der damals noch in Bayreuth lehrte.

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Kiel 1969 bietet einen Einstieg, um über die spezifisch deutschsprachige Entwicklung des Faches nachzudenken und wissenschaftliche Dynamiken in gesellschaftliche Kontexte einzubetten. Kiel 1969 zeigt, wie spannend und vielschichtig die Geographie ist, und die Debatte darum zeigt, wieviel wir nicht wissen, wie einfach wir es uns manchmal machen und wieviel es noch zu entdecken gibt. Aus meiner Perspektive ist Kiel 1969 wichtig, aber eben nicht nur Kiel 1969!
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