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By means of hermeneutic source criticism, my paper investigates how the events of “Kiel 1969” gave rise to a myth. It concludes that the congress’s participants experienced “Kiel 1969” as the site of an enormously dense social interaction within their science. Most importantly, participants’ suggestive oral reports in the aftermath of the congress turned it into the “myth of Kiel”, which became an essential driving force of German-speaking geography’s modernization.
GH | Articles | Volume 76, issue 3
Geogr. Helv., 76, 299–303, 2021
https://doi.org/10.5194/gh-76-299-2021

Special issue: Discussion Forum: Kiel 1969 – ein Mythos?

Geogr. Helv., 76, 299–303, 2021
https://doi.org/10.5194/gh-76-299-2021

Other 12 Jul 2021

Other | 12 Jul 2021

Kiel 1969: Ein quellenkritischer Blick auf Tradierungsprozesse als „Arbeit am Mythos“

Kiel 1969: Ein quellenkritischer Blick auf Tradierungsprozesse als „Arbeit am Mythos“
Ute Wardenga Ute Wardenga
  • Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig, Deutschland

Correspondence: Ute Wardenga (u_wardenga@leibniz-ifl.de)

Kurzfassung

The contribution uses the example of the 1969 Congress of German Geographers in Kiel to illustrate how traditions are born and passed on in German-speaking geography. By means of hermeneutic source criticism, it investigates how the events of „Kiel 1969“ gave rise to a myth. It concludes that the congress's participants experienced „Kiel 1969“ as the site of an enormously dense social interaction within their science. Most importantly, participants' suggestive oral reports in the aftermath of the congress turned it into the „myth of Kiel“, which became an essential driving force of German-speaking geography's modernization.

1 Einleitung

Als Benedikt Korf und ich unsere Kieler Fachsitzung organisierten, hat er mich gefragt, ob ich als Geographiehistorikerin auf der Veranstaltung ein paar einleitende Worte über das sprechen könnte, was in „Kiel“ aus meiner Sicht „wirklich“ passiert sei. Das habe ich (ehrlich gesagt) zunächst für eine zwar charmante, aber auch etwas eigenartige Idee gehalten, weil sie ja in der Konsequenz unterstellt, dass Historiker*innen in der Lage sein könnten, an den Besitz einer übergeordneten Wahrheit zu gelangen. Andererseits ging es in unserer Podiumsdiskussion um den Erinnerungsort Kiel 1969 und damit um einen Megamythos der deutschsprachigen Geographie mit so suggestiver Evidenz, dass eine Geschichte von Tradierungsprozessen dieses Mythos wahrscheinlich höchst aufschlussreiche Ergebnisse erwarten ließe.

Der nun folgende Beitrag beschreibt in eher locker essayistischer Form ein paar dieser Tradierungsprozesse. Dabei wird nicht systematisch zwischen dem Tradierungsverhalten anderer Menschen und dem der Autorin als einer an der Herstellung kohärenter Geschichten interessierten Fachhistorikerin unterschieden. So geht es mit Blick auf Kiel 1969 um mysteriös verschwundene Quellenbestände, Revolutionen mit Ansage, in die zwecks Wahrung des Friedens vorsichtshalber alle beteiligten Interessengruppen einbezogen werden. Erzählt wird auch von ex post überarbeiteten Schlüsseltexten ohne größeren Quellenwert, von der Bedeutung der Oralität für Entstehung und Tradierung eines Mythos bis hin zu sozialen Differenzierungsprozessen in der westdeutschen Geographie, die konstitutiv für die Herausbildung des „Mythos Kiel“ wurden, wie dieser wiederum jene Energien freigesetzt hat, die es braucht, um differente Interessen und Geographiewahrnehmungen durch Institutionalisierung auf Dauer zu stellen.

2 Das Verschwinden von Quellen und die Folgen

Die einschlägigen Quellenrecherchen zum Geographentag Kiel sind nicht einfach, weil ein wichtiger Teil der Akten des „Zentralverband der deutschen Geographen“ (im Unterschied zu anderen Geographentagen vor und nach Kiel) fehlen – und schon gefehlt haben, als der Bestand 1995 ins „Archiv für Geographie“ am Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) gelangte. Möglicherweise sind die entsprechenden Aktenteile irgendwann im Nachgang des Kieler Geographentages unbeabsichtigt verloren gegangen, weil mit der Sprecherfunktion des Zentralverbands zugleich der Ort der Aktenführung wechselte. Andererseits kann sich auch jemand aus der westdeutschen Geographie, der Zugang zu den Verbandsakten hatte, gezielt dafür entschieden haben, den Kieler Aktenbestand nicht weiterzugeben. Die Gründe mögen vielfältig gewesen sein, waren aber in allen denkbaren Varianten mit ziemlicher Sicherheit von der Sorge getragen, die Möglichkeit eines tieferen Einblicks in die Geschäftsgänge unmittelbar vor und nach „Kiel“ dauerhaft zu verwehren.

Bei mangelnder Quellenlage wird die Rekonstruktion dessen, was wahrscheinlich „wirklich vor Ort“ passiert ist, ziemlich aufwändig, denn man muss nach Parallelüberlieferungen und Gegenquellen suchen, sie (re-)kontextualisieren, mit und gegen den Strich lesen, um ein wahrscheinlich zutreffendes Bild dessen zu gewinnen, was, wie und warum geschehen ist. Auf diese Weise kann man trotz fehlender Quellen einiges herausfinden. Dazu gehört z. B. der wenig bekannte Umstand, dass Kiel als Ort der Austragung des Geographentags 1969 lange nicht feststand, weil auch Erlangen, Freiburg im Breisgau und Göttingen seit 1965 im Gespräch waren. Erst als die anderen Kandidaten, teils wegen fehlenden Personals (Freiburg), teils wegen fehlender Hotelkapazitäten vor Ort (Göttingen), teils wegen mangelnder Hörsaalkapazitäten (Erlangen) abgesagt hatten, wurde der Weg für Kiel ziemlich kurzfristig frei (IfLA, 537/2/97-98; 537/2/100, 537/2/101, 104). Für die Kieler bot die schon länger beabsichtigte Ausrichtung eines Geographentages (IfLA, 537/2/98) freilich die Chance, die eigenen Schwerpunkte, nämlich Länderkunde des europäischen Nordens und Hydrologie, auf die Agenda zu setzen. Das damit am Spektrum des Hergebrachten orientierte Tagungsthema signalisierte nach außen das unaufgeregte business as usual eines ganz normalen Geographentages.

3 Verbandspolitiken als Revolution mit Ansage

Trotz aller im Vorfeld beobachtbaren Bemühungen um Normalität war der Kieler Kongress jener Geographentag, auf dem die seit Jahren schwelende Krise des Fachs in geballter Form spürbar wurde. Denn in der Geographie gärte es schon seit Jahren (zum folgenden vgl. ausführlich Wardenga, 2020). Bereits der Kölner Geographentag von 1961 mit seinen Debatten u. a. um die Entwicklungsländerforschung, den Einbau der Sozialgeographie, die Neuorientierung der Schulcurricula und die (im Vergleich mit der DDR-Geographie) längst überfällige Aufwertung der sich machtvoll entfaltenden Angewandten Geographie hatte ein ziemlich behäbig gewordenes Fach mit erheblichen Modernisierungserwartungen konfrontiert. Gleichwohl hielten die Hochschullehrer den Ball auch in den folgenden Jahren erst einmal flach – trotz wiederholter unüberhörbarer Warnungen z. B. von Wolfgang Hartke, der mit seiner Münchener Arbeitsgruppe vehement für eine neue, mehr sozialwissenschaftlich und angewandt arbeitende Humangeographie eintrat.

Während die Professorenschaft also eine Vogel-Strauss-Politik betrieb, drangen der Schulgeographenverband und der „Verband deutscher Berufsgeographen“ darauf, in Kiel die immer drängender werdenden, aber stets vertagten Fragen der Zukunftsfähigkeit des Faches in einer eigens anberaumten Fachsitzung „Der Geograph – Ausbildung und Beruf“ zu diskutieren. Eine derartige Spezial-Fachsitzung war kein Novum; neu war allerdings, dass sich zwei Teilverbände zu deren Organisation zusammenschlossen und dabei – das war allerdings für die damaligen Verhältnisse unerhört! – relativ früh die bereits an ihrer „Bestandsaufnahme“ arbeitenden studentischen Arbeitsgruppen mit ins Boot nahmen (vgl. ausführlicher Wardenga, 2020). Mindestens ein persönliches Treffen in Köln lässt sich im Vorfeld von „Kiel“ als eine Art „Hauptprobe“ für die geplante Fachsitzung mit unterschiedlichen Quellen belegen. Bereits auf dieser Zusammenkunft, zu der auch Peter Schöller als Vertreter des Hochschullehrerverbands eingeladen war, lagen alle, z. T. im Vorfeld schon einvernehmlich und wechselseitig abgestimmten Manuskripte der später in Kiel gehaltenen Vorträge im Wortlaut vor – auch die von den Studierenden sehr sorgfältig erarbeitete „Bestandsaufnahme zur Situation der deutschen Schul- und Hochschulgeographie“ (vgl. Bestandsaufnahme zur Situation der deuschen Schul- und Hochschulgeographie, 1970). Kein Verband konnte also sagen, er sei ausgeschlossen worden und/oder habe nichts gewusst. In dieser Perspektive betrachtet war „Kiel“ also eine „Revolution mit Ansage“ unter partizipatorischer Beteiligung aller für die Geographie wesentlichen Stakeholder.

Während die in die Breite gehende Kommunikation in der Schul- und der angewandt arbeitenden Geographie sowie unter den Studierenden offensichtlich reibungslos funktionierte, zeigte der Hochschullehrerverband (in dem ausschließlich die habilitierten Geographen organisiert waren) hingegen wenig Neigung, sich auf das Kommende vorzubereiten. Zwar wurden auf der Mitgliederversammlung am 12. Oktober 1968 in Bad Hersfeld Freiwillige gesucht, die sich „für eine eventuelle Diskussion von Grundsatzfragen der Geographie während des Geographentages in Kiel“ zur Verfügung stellten (IfLA, 537/3/115). Von den im Protokoll namentlich genannten zehn „Herren“ waren in Kiel allerdings nachweislich nur vier anwesend – alle anderen hatten es vorgezogen, diesen Geographentag lieber zu schwänzen.

Möglicherweise hat es im unmittelbaren Vorfeld von „Kiel“ auch unter der Professorenschaft ein vermehrtes Aufkommen brieflicher und telefonischer Kontakte wegen der Kieler Fachsitzung gegeben. Eine gemeinsam im Vorfeld jedoch abgestimmte Handlungsstrategie bezüglich notwendig kluger Antworten auf die seitens der Angewandten Geographie, der Schulgeographie und vor allem von den Studierenden vorgelegten Thesen zur katastrophalen Situation des Faches lässt sich im Licht der Gegenquellen nicht rekonstruieren. Lediglich die Einladung zur Mitgliederversammlung des Hochschullehrerverbands vermerkt für den 20. Juli 1969 (und damit den Tag vor Beginn der Veranstaltung) den TOP „Vorbereitung der Sitzung Der Geograph – Ausbildung und Beruf“ (IfLA, 537/3/110). Es blieb, wie es seit den 1950er Jahren war: Die jüngeren Hochschullehrer schwiegen in – berechtigter – Sorge um ihre weitere Karriere oder verzichteten ganz auf eine Teilnahme am Kongress. Stattdessen darf man wohl annehmen, dass auf der Mitgliederversammlung die Wogen hochgegangen sein mögen. Das hat wahrscheinlich nicht zuletzt dazu geführt, dass die Debatten auf der Kieler Fachsitzung von den bereits gut etablierten oder kurz vor der Emeritierung stehenden älteren Professoren und damit den auch institutionell machtvollsten Vertretern des traditionellen länder- und landschaftskundlichen Denkens dominiert wurden.

4 Welchen Quellen kann man trauen?

Wer was in den Kieler Diskussionen wann wie genau gesagt hat, lässt sich rückblickend kaum noch erschließen. Während nämlich die Berichterstatter der „Geographischen Rundschau“ unter dem unmittelbaren Eindruck der Geschehnisse von ziemlich turbulenten, auch emotional aufwühlenden Sitzungen berichten (z. B. Knübel, 1969), kann man den Eindruck einer aufgeheizten Stimmung mit den im Kieler Kongressband abgedruckten Diskussionsbeiträgen nur schwer nachvollziehen (Meckelein und Borcherdt, 1970:208–232). Denn nach Ausweis der Diskussionsprotokolle blieben die sich zu Wort meldenden Professoren in ihren z. T. langatmigen Ausführungen zwar im Kontext ihrer hergebrachten Denkwelt, argumentierten jedoch weitgehend abgewogen, vergleichsweise konsistent und paradigmenkonform. Sie dürften damit also bei der Hörerschaft in situ nicht jenen kollektiv-emotionalen Schrecken einer klaffenden Lücke zwischen professoralem Sein und diskursivem Schein ausgelöst haben, der bis heute einen wesentlichen Anker für die kollektive Erinnerung an „Kiel 1969“ bildet.

Auf der Suche nach möglichen Erklärungen für diesen Widerspruch habe ich Prozesse der Drucklegung von Geographentagsbänden mit Hilfe quellenkritischer Verfahren untersucht und dabei realisiert: der Quellenwert von gedruckten Diskussionsbeiträgen auf Geographentagen ist äußerst beschränkt. Tatsächlich kann man sich nicht wirklich darauf verlassen, dass das, was später in dickleibigen Kongressbänden zu lesen ist, vor Ort auch wirklich so gesagt wurde. Denn Rede- und Diskussionsbeiträge auf Geographentagen durchliefen vor Drucklegung eine redaktionelle Bearbeitung. Das Ausmaß dieser Bearbeitung wird in erschreckender Form am Beispiel des 1963 in Heidelberg organisierten Geographentages deutlich, von dem das IfL einen Audiomitschnitt besitzt (IfLA, Nachlass Emil Meynen, 811a–b). Vergleicht man nämlich systematisch die Mitschnitte von Diskussionen auf diesem Geographentag mit den später im Druck erschienenen Varianten derselben Beiträge, kann man erhebliche Abweichungen feststellen. Das gilt vor allem im Hinblick auf die Klarheit der Fragestellungen, die Stringenz der Argumentation und die Treffsicherheit der Wortwahl.

Es ist deshalb mit guten Gründen anzunehmen, dass die Redner*innen – gerade im Falle von „Kiel“ – im Zuge der Drucklegung Gelegenheit zur mehr oder weniger starken Umarbeitung ihrer Aussagen bekamen. Im konsequenten Umkehrschluss aus dem für Heidelberg belegbaren Material heißt dies, dass man auch mit Blick auf den Kieler Geographentag nicht umstandslos vom später gedruckten auf das in situ gesprochene Wort schließen kann. Mithin tut man also gut daran, mindestens für den Fall dieser sehr speziellen Fachsitzung den spontan überlieferten Eindrücken von Kongressbeobachter*innen mehr Glauben zu schenken als den für die Nachwelt tradierten verschriftlichten Versionen. Man sollte die gedruckten Debattenbeiträge der Professoren deshalb als das interpretieren, was sie höchstwahrscheinlich sind: Nämlich ex post inhaltlich ziemlich aufgehübschte und wissenschaftssozial zugleich heruntergedimmte Varianten einer vor Ort zu Gehör gebrachten anderen Sprache, die sich für die Kieler Ohrenzeugen wahrscheinlich weniger wissenschaftsadäquat als vielmehr emotionsgesteuert anhörte.

5 Kontexte, Oralität, Mythos

Die nun im Zwischenfazit zu ziehende Folgerung ist in Bezug auf den „Mythos Kiel“ keineswegs banal: Damit sich ein Geschehen zum Mythos entwickeln kann, braucht es weniger die Schriftlichkeit von lesbaren als vielmehr die Mündlichkeit von gesprochenen Worten. Mythen – so kann man auf den Spuren von Blumenberg (1979) und Marquard (1981) wandelnd vielleicht etwas überpointiert formulieren – gedeihen am besten mit und durch Geschichten, die man nur vom Hörensagen kennt. Begreiflicherweise kompliziert dies jedoch ein historiographisch sauberes Erfassen dessen, was vor, während und nach „Kiel“ passiert ist, ganz enorm. Immerhin bleibt jedoch die Möglichkeit einer indirekten Beweisführung, die sich m. E. am besten mit einem Blick auf die sich stark verändernden wissenschaftssozialen Verhältnisse der westdeutschen Geographie der 1960er und 1970er Jahre entwickeln lässt.

Zum Zeitpunkt des Kieler Geographentages befand sich das Fach aufgrund des umfangreichen Hochschulausbaus in einem Prozess rasanter sozialer Ausdifferenzierung. Dabei war nicht nur die absolute Zahl der Institute und Professuren, sondern mit ihnen auch die Zahl der Assistenzen, Oberassistenzen, Diätendozenturen und Akademischen Räte mit dem Ergebnis gewachsen, dass entgegen der ursprünglichen Wünsche der Ordinarien (vgl. Wardenga, 2020, 11f.) der „Mittelbau“ an vielen Instituten die zahlenmäßig größte Gruppe bildete. Diese jüngeren (immer noch vorwiegend männlichen) Geographen konnten bei zunehmenden Bemühungen um eine stärkere Demokratisierung der Universitätsverfassungen die Lehrstuhlinhaber bei Beschlüssen durchaus majorisieren. Sie stellten daher eine latente Bedrohung für die bis dato uneingeschränkte Macht der Ordinarien dar.

Da der „Mittelbau“ vor allem am Aufbau der neuen (vorwiegend funktionalistisch ausgerichteten) Diplomstudiengänge interessiert war, stand er der vom überwiegenden Teil der Professorenschaft nach wie vor stark historisch betriebenen Landschafts- und Länderkunde zunehmend skeptisch gegenüber. Das zeigen nicht zuletzt auch die Beiträge von Peter Weichhart und Ulf Strohmayer in diesem Heft. Denn gebraucht wurden nun eher thematisch segmentierte und auf die planbaren Zukünfte von Räumen ausgerichtete, mit quantitativen Methoden arbeitende, auf der Basis einer boomenden thematischen Kartographie betriebene Geographien. Schon in den Jahren vor „Kiel“ hatte sich der 1950 gegründete „Verband deutscher Berufsgeographen“ zum Motor von Modernisierungsprozessen in der Geographie und damit implizit zu einer Interessenvertretung der Gruppe angewandt arbeitender und lehrender Geographen entwickelt. Nirgendwo sonst wurden die traditionell betriebene Fachgeographie und ihre professoralen Vertreter so treffend kritisiert (und fachöffentlich genüsslich vorgeführt) wie in den Reihen der zunehmend jünger werdenden Mitglieder des VdB (vgl. Wardenga et al., 2011).

Ähnliche Verwerfungen zwischen Jung und Alt gab es auch in der Schulgeographie. Hier kamen die Modernisierungszumutungen bereits 1960, und zwar von außen mit den Saarbrücker Rahmenvereinbarungen der bundesdeutschen Kultusministerkonferenz. Sie nötigten einem völlig überrumpelten Schulgeographenverband die nur langsam dämmernde unbequeme Einsicht auf, dass erhebliche Umstrukturierungen in der Lehramtsausbildung nötig waren. Das betraf vor allem die deutlich aufzuwertende Humangeographie (v. a. in den Segmenten Wirtschafts- und Sozialgeographie, Bevölkerungsgeographie und Entwicklungsländerforschung) bei einem gleichzeitig stark zu reduzierenden Anteil traditioneller Länder- und Landschaftskunde. Das hieß in der Konsequenz konkret: kompletter Verzicht auf den liebgewonnenen zweimaligen länderkundlichen Durchgang. Wesentliche Triebkraft für eine Veränderung der Verhältnisse war in der Schulgeographie nicht deren Verband, sondern die vom Westermann-Verlag in Braunschweig herausgegebene „Geographische Rundschau“. Sie hat sich in den 1960er Jahren zu einem höchst lebendigen Forum für eine breite, von jüngeren Geographielehrer*innen enthusiastisch mitgetragene Debattenkultur über Neuansätze geographischen Schulunterrichts entwickelt und damit erheblich die Professionalisierung der universitären Fachdidaktik gefördert (vgl. Wardenga, 2019).

Man darf sich das auf dem Kieler Geographentag anwesende Publikum mithin wohl kaum als eine homogene Masse von Geograph*innen vorstellen, die – im ideologischen Verblendungszusammenhang des länder- und landschaftskundlichen Paradigmas befangen – schockerstarrt mit wachsendem inneren Groll den Ausführungen der Fachschaften lauschte. So konnten z. B. die Thesen der pragmatisch argumentierenden und mit Datenmaterial operierenden „Münchener“ Gruppe der Studierenden mit viel innerer Zustimmung rechnen, sowohl bei den jüngeren angewandt arbeitenden Geograph*innen, bei einer Vielzahl der anwesenden Assistent*innen als auch bei jungen Lehrer*innen. Die Thesen der „Berliner“ Gruppe der Studierenden mögen wiederum bei manchen Zuhörenden quer über alle berufsständischen Gruppierungen der Geographie hinweg klammheimliche Schadenfreude ausgelöst haben, weil es vor allem diese Thesen waren, die das reflexive Unvermögen von Diskussionsbeiträgen der „Götter“ (und damit waren die Professoren gemeint: Hartke, 1962:117) auch für Außenstehende evidenzbasiert offenbarten.

Viele Teilnehmende werden das Kieler Geschehen deshalb im Licht einer möglichen Bestätigung der eigenen Sicht wahrgenommen und ihre Eindrücke dann umgehend in den eigenen Netzwerken mit deutlich emotionaler Grundierung, je nach individuellem Erleben weitererzählt haben. Dabei wurde auch – wahrscheinlich unbeabsichtigt und unabhängig von der berufsständischen Gruppierung – jene suggestive Evidenz mit vermittelt, die es notwendigerweise zur Geburt eines Mythos braucht. Denn im Unterschied zu normalerweise in der sozialen Welt tradierten einfachen Geschichten bestehen wesentliche Kennzeichen von Mythen darin, dass sie Energien freisetzen können, weil sie helfen, nicht mehr am Herkömmlichen festhalten zu müssen, dadurch neue Sinnordnungen sichtbar werden lassen und so dazu beitragen können, Identitäten zu formen und in der Folge auch Legitimationsansprüche durchzusetzen (vgl. Wardenga, 2011; Korf, 2014).

6 „Kiel 1969“ und die Wirkungen eines Mythos

Aus diesem Blickwinkel betrachtet handelt es sich bei „Kiel 1969“ tatsächlich um einen Mythos. Denn unmittelbar nach „Kiel“ hat sich die Verbandslandschaft der westdeutschen Geographie drastisch verändert. 1970 wurde der „Verband Deutscher Hochschulgeographen“ auf Initiative des universitären „Mittelbaus“ gegründet. Er entwickelte sofort eine prononcierte Aktivitätsstruktur, die den Hochschullehrerverband als etablierte Standesvertretung der Professorenschaft mit Vergnügen gezielt provozierte. Schon im Jahr darauf wurde der „Hochschulverband für Geographie und ihre Didaktik“ ins Leben gerufen. Auch er ein Sammelbecken für jüngere Kolleg*innen, die sich schon vor dem Kieler Geographentag mit dem vergleichsweise konservativen Schulgeographenverband schwergetan hatten, zumal dieser nach wie vor monopolisierte Geltungsansprüche für „die“ richtig (was heißt: im Paradigma der Länder- und Landschaftskunde) arbeitende schulische Fachdidaktik vertrat.

„Durch Kiel“ ist die bundesdeutsche Geographie also ein ganzes Stück weit bunter, moderner und anderen Fächern gegenüber auch offener und anschlussfähiger geworden. Allerdings war das ein langer, für viele Kolleginnen und Kollegen auch steiniger und zum Teil bitterer Weg, zumal über „Kiel“ nach „Kiel“ in vielen Instituten beredt geschwiegen wurde. Ich persönlich habe von „Kiel“ an der Universität in Frankfurt/Main in meinem zweiten oder dritten Semester 1977 gehört, nicht etwa in Vorlesungen, sondern mehr en passant beim zufälligen Aufschnappen von Gesprächsfetzen älterer Studierender in der Bibliothek. Jedenfalls habe ich sofort den bleibenden Eindruck mitgenommen, dass es sich bei „Kiel“ offensichtlich um so etwas wie die Urkatastrophe der Geographie im 20. Jahrhundert handeln müsse. Irgendwann habe ich dann allen Mut zusammengenommen und Bodo Freund in einer Sprechstunde gefragt, was denn „Kiel“ wohl bedeute? Er hat nur sibyllinisch gelächelt und mit einem für mich schwer interpretierbaren Unterton gesagt: „Na, dann lesen Sie mal Hard …“ Also bin ich nach „Hard“ auf die Suche gegangen und habe bei der Lektüre seiner Texte (z. B. Hard, 1970, 1973) eine spannende Aufgabe entdeckt, die mich seither fesselt: nämlich Geschichten über Geographie zu erzählen.

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Interessenkonflikt

Die Autor*in erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Haftungsausschluss

Publisher's note: Copernicus Publications remains neutral with regard to jurisdictional claims in published maps and institutional affiliations.

Danksagung

Die Autorin bedankt sich bei zwei Gutachtenden für die sorgfältige Durchsicht des Manuskripts und bei Benedikt Korf für die Einladung zur Mitwirkung an der Fachsitzung in Kiel 2019.

Begutachtung

This paper was edited by Benedikt Korf and reviewed by two anonymous referees.

Literatur

Blumenberg, B.: Arbeit am Mythos, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1979. 

Hard, G.: Die „Landschaft“ der Sprache und die „Landschaft“ der Geographen, in: Semantische und forschungslogische Studien zu einigen zentralen Denkfiguren in der deutschen geographischen Literatur, Ferdinand Dümmlers Verlag, Bonn, 1970. 

Hard, G.: Die Geographie. Eine wissenschaftstheoretische Einführung, De Gruyter, Berlin, New York, 1973.  

Hartke, W.: Die Bedeutung der geographischen Wissenschaft in der Gegenwart. Herausgeber: Hartke, W. und Wilhelm, F., in: Deutscher Geographentag Köln, 22. bis 26. Mai 1961, Tagungsbericht und wissenschaftliche Abhandlungen, Steiner, Wiesbaden, 113–131, 1962. 

Korf, B.: Kiel 1969 – ein Mythos?, Geogr. Helv., 69, 291–292, https://doi.org/10.5194/gh-69-291-2014, 2014. 

Marquard, O. (Hrsg.): Lob des Polytheismus, in: Abschied vom Prinzipiellen, Reclam, Stuttgart, 1981, 91-116. 

Meckelein, W. und Borcherdt, C. (Hrsg.): Deutscher Geographentag Kiel, 21. bis 26. Juli 1969, Tagungsbericht und wissenschaftliche Abhandlungen, Steiner, Wiesbaden, 1970, Bestandsaufnahme: 191–207, Diskussion, 208–232, 1970. 

IfLA/Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie: Verband deutscher Hochschullehrer der Geographie (Nr. 537/3/115), Leipzig. 

IfLA/Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie: Verband deutscher Hochschullehrer der Geographie (537/2/97-98; 537/2/100, 537/2/101, 104), Leipzig. 

IfLA/Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie: Verband deutscher Hochschullehrer der Geographie (Nr. 537/3/110), Leipzig. 

IfLA/Leibniz-Institut für Länderkunde, Archiv für Geographie: Nachlass Emil Meynen, 811a–b, online aufrufbar: http://kalliope-verbund.info/DE-611-HS-1246248 (online aufrufbar: 6 Juli 2021). 

Knübel, H.: Ausbildungsfragen auf dem 37. Deutschen Geographentag in Kiel, Geogr. Rundschau, 21, 428–432, 1969. 

Wardenga, U.: Geographie als Brückenfach – oder Arbeit am Mythos, in: entgrenzt, Studentische Zeitschrift für Geographisches, Ausgabe 1, SoSe 2011, 5–16, online aufrufbar: http://entgrenzt.de/ausgaben/entgrenzt-ausgabe-1/ (online aufrufbar: 6 Juli 2021), 2011. 

Wardenga, U.: Von der Länderkunde zu Regionalen Geographien, Geogr. Rundschau, 71, 46–51, 2019. 

Wardenga, U.: Vergangene Zukünfte – oder: Die Verhandlung neuer Möglichkeitsräume in der Geographie, Geogr. Z., 108, 4–22, https://doi.org/10.25162/gz-2019-0009, 2020. 

Wardenga, U., Henniges, N., Brogiato, H., und Schelhaas, B.: Der Verband deutscher Berufsgeographen 1950–1979: Eine sozialgeschichtliche Studie zur Frühphase des DVAG, Forum IfL 16, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig, S. 136, 2011. 

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By means of hermeneutic source criticism, my paper investigates how the events of “Kiel 1969” gave rise to a myth. It concludes that the congress’s participants experienced “Kiel 1969” as the site of an enormously dense social interaction within their science. Most importantly, participants’ suggestive oral reports in the aftermath of the congress turned it into the “myth of Kiel”, which became an essential driving force of German-speaking geography’s modernization.
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