Articles | Volume 76, issue 4
Geogr. Helv., 76, 471–472, 2021
https://doi.org/10.5194/gh-76-471-2021
Geogr. Helv., 76, 471–472, 2021
https://doi.org/10.5194/gh-76-471-2021

Book review 16 Dec 2021

Book review | 16 Dec 2021

Book Review: Entwicklungspolitik: Eine Einführung in Zielsetzungen und Ergebnisse

Book Review: Entwicklungspolitik: Eine Einführung in Zielsetzungen und Ergebnisse
Sören Scholvin Sören Scholvin
  • Departamento de Economía, Universidad Católica del Norte, Antofagasta, Chile

Correspondence: Sören Scholvin (soren.scholvin@ucn.cl)

Betz, J.: Entwicklungspolitik. Eine Einführung in Zielsetzungen und Ergebnisse, Wiesbaden, Springer, 268 ff., ISBN 9783658324667, EUR 35,00, 2021.

Entwicklungspolitik ist nach wie vor von großer Bedeutung für die Humangeografie. Ein neues Lehrbuch von Joachim Betz liefert eine politik- und sozialwissenschaftliche Einführung in das Thema. Es schließt eine Lücke in der deutschen Literatur, denn zumeist in die Jahre gekommene, alternative Werke werden der Gegenwart vieler sogenannter Entwicklungsländer nicht mehr gerecht. Vor allem China hat zum Globalen Norden aufgeschlossen. Mit Abstrichen gilt das auch für Brasilien, Indien und Südafrika. Das bipolare Schema von Industrienationen und Entwicklungsländern – mit einseitigen Abhängigkeitsverhältnissen – ist überholt.

Im Einführungskapitel greift der Autor diese veränderten Rahmenbedingungen auf. Er zeichnet eine globale Fragmentierung nach. Auch im Hinblick auf demokratischen Fortschritt und stabile Staatlichkeit hat sich der Globale Süden mehr und mehr differenziert. Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Entwicklung. Sie führt zu den Zielen nachhaltiger Entwicklung und Ansätzen, das Entwicklungsniveau von Ländern zu messen. In den Kapiteln 2–4 wird vorgestellt, welche Faktoren wichtig für wirtschaftliche Entwicklung sind. Betz resümiert die kontroverse Auseinandersetzung um die richtige Wirtschaftspolitik. Er fasst die vielfältigen Auswirkungen des Kolonialismus zusammen. Die spannende Frage, ob die Euphorie in Bezug auf den Erfolg einiger Entwicklungsländer angebracht ist (Kapitel 4.3), hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.

Anschließend orientiert sich die Gliederung an menschlichen Grundbedürfnissen und den Zielen nachhaltiger Entwicklung (Kapitel 5 bis 12). Die Stärken des Lehrbuchs und die langjährige Lehrerfahrung des Autors werden deutlich. Seine breit gefächerten Kenntnisse beeindrucken. Betz erläutert unter Verweis auf diskursprägende Forschungsbeiträge die Bedeutung von Beschäftigung, Bildung, Gesundheit und vielem mehr für Entwicklung. Gängige Indikatoren werden angesprochen. Es folgen Kapitel zu politischen Herausforderungen: Demokratie und Entwicklung, schwache Institutionen, Korruption, Kriege und fragile Staatlichkeit (Kapitel 13 bis 17). Dem Autor gelingt es, LeserInnen mit wenig Vorkenntnissen mitzunehmen, ohne oberflächlich zu bleiben. Mit Migration und dem Klimawandel geht es in Kapitel 18 und 19 um die zurzeit wohl wichtigsten entwicklungspolitischen Themen. Kapitel 20 gibt einen Überblick zur Entwicklungszusammenarbeit.

Mit anderen Worten, das Buch bietet viel Positives. Es ist für einführende Lehrveranstaltungen geeignet. Gleichzeitig gibt es gewisse Schwachstellen. Diagramme und Karten sind umfangreich vorhanden, wurden aber ohne Anpassung aus dem jeweiligen englischen Original übernommen. Unterstützung durch GrafikerInnen des Verlags wäre wünschenswert gewesen – auch, um Inhalte besser auf das auszurichten, was im Lehrbuch behandelt wird. Es bleibt teils den LeserInnen überlassen, wichtige Informationen aus nicht immer leicht verständlichen Abbildungen herauszusuchen.

Unglücklich an der Gliederung entlang von Themenfeldern ist, dass Akteure in den Hintergrund treten. Man erfährt nicht, wie sich Chinas Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern vom Vorgehen europäischer Staaten und der USA unterscheidet. Die Rolle von Organisationen wie der Weltbank wird nicht gesondert besprochen. Des Weiteren fehlt ein Kapitel zu aktuellen Forschungsansätzen: Mit welchen Methoden und Theorien arbeiten PolitikwissenschaftlerInnen? Wie gehen GeografInnen und SoziologInnen vor? Auch fragt man sich, ob die nationalstaatliche Perspektive – einschließlich der stets auf dieser Ebene aggregierten Daten – angesichts der sozio-ökonomischen Polarisierung innerhalb von Entwicklungsländern angemessen ist. Betz spricht diese Polarisierung selbst an. Doch leider findet sich kaum etwas zu lokalen Phänomenen, die in globale Prozesse eingebettet sind – beispielsweise Wohlstandsinseln in Metropolen des Globalen Südens in unmittelbarer Nähe zu informellen Siedlungen mit extremer Armut.

Das Buch verweist somit ungewollt auf bekannte Mankos der Entwicklungsforschung, für das es natürlich naheliegende Gründe gibt. Diese Anmerkungen stellen allerdings die Qualität des Buchs nicht infrage. Gerade in Vorlesungen dürfte es kein Problem sein, die interdisziplinäre Betrachtung zu stärken und Ebenen jenseits des Nationalstaats bei den von Betz gut aufbereiteten Themen mehr zu berücksichtigen.

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