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Book review: Visualisierung Qualitativer Geographien – Ein Handbuch
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Bauer, L., Beurskens, K., Dobrusskin, J., Küttel, N., Miggelbrink, J., Müller, A.-L., und Nöthen, E. (Hrsg.): Visualisierung Qualitativer Geographien. Ein Handbuch, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster, 316 ff., ISBN 9783896911452, EUR 35,00, 2025.
Die deutschsprachige Geographie ist um ein Handbuch reicher geworden: Visualisierung Qualitativer Geographien. Die Herausgeberinnen machen direkt zu Beginn deutlich, warum dieses Buch kein kreatives Nischenthema der Geographie bearbeitet, sondern geographische Grundlagen: „Visualisierungen gehören in der Geographie seit jeher dazu“ (Bauer et al., 2025:11); handelt es sich doch um eine Wissenschaft, die im ursprünglichsten Sinne die Erde beschreibt und bezeichnet. Ob Karten, Pläne oder Abbildungen – visuelle Darstellungen sind in der Geographie kein neues Phänomen (Schlottmann und Miggelbrink, 2009, 2015). Vor allem die quantitative Bildverarbeitung – zum Beispiel von Satellitenbildern in der Fernerkundung – hat eine langjährige Tradition in der Geographie (Albertz, 2016; Albertz und Lehmann, 2007; Löffler, 1985; Slocum et al., 2022). Doch auch in der qualitativen Forschung – und das zeigt das Handbuch umfassend – werden sowohl visuelle Forschungsmethoden genutzt als auch Grafiken zur Ergebnispräsentation eingesetzt. Das Visuelle spielt besonders in qualitativen Forschungsprojekten eine große Rolle, wenn es um räumliche Vorstellungen und Abbildungen geht. Das Thema lässt sich somit nicht nur auf Projekte reduzieren, die explizit mit beispielsweise Fotos arbeiten, sondern ist für viele Forschungsvorhaben relevant. Deren Wirkung werden jedoch selten reflektiert. Mit dem Arbeitskreis „Qualitative Geographien“, Fragen kreativer Geographien und vielfältigen entstandenen Publikationen in der deutschsprachigen Geographie hat die Debatte um Visualisierungen in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen (Bauer und Nöthen, 2021; Kogler und Wintzer, 2021; Singer et al., 2023). Es fehlt bislang jedoch eine überblicksartige Auseinandersetzung mit Visualisierungen und ihren unterschiedlichen Bedeutungen und damit zusammenhängenden Herausforderungen in qualitativ angelegten Forschungsprojekten. Dies ändert sich nun mit dem vorliegenden Handbuch, das auf der Basis des DFG-Netzwerks „Visualisierung qualitativer Geographien“ entstanden ist.
Das Handbuch liest sich dabei weniger als methodischer Werkzeugkasten, sondern als Inspiration und Reflexionsmoment für das eigene Forschungsvorhaben. Werden beispielsweise Karten als Ausgangsmaterial für ein Forschungsvorhaben genutzt (worüber zum Beispiel der Forschungsraum festgelegt wird), basiert die Wissensproduktion auf bestimmten Vorannahmen über den Raum. Werden Fotos, Grafiken oder Karten während des Forschungsprozesses erstellt, werden aktive Raumproduktionen vorgenommen, die über das Textliche hinausgehen. Hier gilt es, die „Sinnzuweisungen oder Sinnverstehen“ zu analysieren (Bauer et al., 2025:12). Visuelle Medien können selbst als empirisches Material dienen, werden gleichzeitig oft als Teil des Forschungsprozesses beispielsweise zum Strukturieren von Daten erstellt und sind häufig Teil der Wissenschaftskommunikation. Das vorliegende Handbuch stellt in der Tradition des linguistic turn die Kritik der Repräsentation als Grundannahme voraus, sodass Abbildungen oder Karten nicht „die Wirklichkeit“ repräsentieren, sondern diese mit hervorbringen. Die Herausgeberinnen verstehen „Visualisieren weniger als abbildenden, denn als schöpferischen Akt, als Form der Weltbilderzeugung, die zwar nicht isoliert von anderen Praktiken verstanden werden kann, dennoch aber anderen Regeln und Voraussetzungen unterliegt als Texte“ (Bauer et al., 2025:15). Im Forschungsprozess etwas „Sehen (können) und Sichtbarmachen“ sowie „Blicke ordnen“ (Bauer et al., 2025:17) geht somit weit über den körperlich-biologischen Akt des Sehens hinaus und ist in Machtstrukturen eingebettet.
Mit diesen konzeptionellen Vorannahmen möchten die Herausgeberinnen eine Forschungslücke zwischen visuellen „konkreten, methodisch-empirischen Vorgehensweisen“ und „einer sozial- und bildtheoretisch informierten methodologischen Reflexion“ in der qualitativen Forschung der Geographie schließen (Bauer et al., 2025:12).
Das Handbuch ist – auch visuell – in sieben Kapitel aufgeteilt und entlang der Chronik eines Forschungsprozesses gegliedert: Es startet mit der Einleitung inkl. empirischer Schnipsel in Form von kurzen Vignetten und führt dann von der theoretischen Brille und Vorannahmen über formale Fragen vor der eigentlichen Forschung, der Nutzung unterschiedlicher empirischer Werkzeuge bis hin zur Kommunikation der Ergebnisse und einer Reflexion des Buchvorhabens. Es endet mit der Langfassung der zu Beginn angerissenen Vignetten. Diese Strukturierung auf einer Metaebene ist einladend und erleichtert das Stöbern genauso wie eine gezielte Suche für die eigene Arbeit. Jedes Kapitel startet mit einer kurzen Einführung der Herausgeberinnen. Die Vignetten rahmen das Buch: Sie werden zu Beginn kurz angerissen, dienen im Verlauf als Referenzen und sind am Ende nochmals im Detail ausformuliert. Die Zweiteilung in eine kurze und eine ausführliche Version der Vignetten erschließt sich mir als Leserin jedoch nicht und lässt mich eher verwirrt zurück.
Nach den kurzen Vignettenbeschreibungen startet die Gliederung des Buches mit der Frage WOHER. Nicht ganz so selbsterklärend wie die übrigen Kapitelüberschriften ist hier die theoretische Perspektive gemeint, aus der die Forschenden auf einen Forschungsgegenstand blicken. Zusammen mit dem späteren Kapitel WOHIN bilden dieses zwei Kapitel eine konzeptionelle Klammer um den Forschungsprozess (VORHER, DABEI, DANACH) selbst.
Der erste Aufsatz befasst sich damit, welche visuellen Wissensformen in der Geographie zu finden sind – und wie sich diese historisch entwickelt haben. Visualisierungen werden als Konstruktionselemente eines gesellschaftlich geteilten Wissens über Orte und Räume beschrieben (Bauer et al., 2025:39). Tilo Felgenhauer unterscheidet zu Beginn seines Kapitels zwischen kartographisch-positivistischer Visualisierung als technischem Wissen, Medienanalyse und Dekonstruktion als kritischem Wissen und der Visualisierung individueller Raumbilder als partizipativ-reflexivem Wissen. Durch diese Aufteilung zeigt sich die unterschiedliche Bedeutung von Raumwissen, je nachdem, auf welche Weise und mit welchen Vorannahmen dieses Wissen zustande kommt. In der Kartographie bedeutete Wissensfortschritt lange Zeit „in einem noch ungebrochen teleologischen Sinne eine immer genauere und korrektere Abbildung der räumlichen Wirklichkeit“ (Bauer et al., 2025:41) und damit eine „vermeintlich objektive Repräsentation des Raumes“ (Bauer et al., 2025:41). Mit Bezug auf eine Kartenvorlage der Vignetten wird deutlich, dass diese durch eingezeichnete Grenzen und gewählte Kartenausschnitte den Raum „herstellt“ und nicht nur abbildet. Katharina Schmidt und Katrin Singer machen im folgenden Aufsatz deutlich, dass es zu beachten gilt, „wer die Macht besitzt, abzubilden“ (Bauer et al., 2025:49) und welche Sehregime herrschen. Mit Blick auf Kolonialfotografien zeigen sie, dass diese „weniger die Realität abbildeten als vielmehr die Imagination der Fotograf:innen“ (Bauer et al., 2025:48). Solche Imaginationen werden von Diskursen beeinflusst. Diese sind die Rahmenbedingungen von visuellen Wahrnehmungen – analysiert von Judith Miggelbrink und Antje Schlottmann im Aufsatz „Visualisierungen und Diskurs“. Visualisierungen stellen Bedeutung her, fixieren sie, machen Themen sichtbar oder unsichtbar und prägen so eine „geographische Weltbildproduktion“ (Bauer et al., 2025:59). Das Kapitel WOHER schließt mit einem Text von Mirka Dickel zur Bilderfahrung aus phänomenologischer Perspektive. Dabei steht der Leib im Vordergrund – als erster Rezipient eines Bildes. Diese unmittelbare „leibhaftige Wahrnehmung“ geht einer sprachlichen Artikulation voraus und dieser gilt es, sich möglichst unvoreingenommen anzunähern (Bauer et al., 2025:65).
Welche Themen sind beim Einsatz visueller Geographien vor der Datenerhebung oder der Darstellung von Daten relevant? Zu Beginn eines Forschungsprojektes, also VORHER, so macht Francis Harvey deutlich, geht es darum, welche Rolle Visualisierungen spielen: Sind sie schon vorhanden, von wem wurden sie erstellt, mit welcher Intention? Danach sollte geklärt werden, ob und wie man diese Visualisierungen verwenden darf. Cosima Werner nähert sich diesbezüglich den Themen des Urheberrechts und Datenschutz. Neben formalen Fragen macht Carolin Genz weiterhin die Relevanz reflexiver Fragen zur Verwendung von visuellen Daten deutlich. Welche Interessen stecken hinter der Verwendung? Welche Machteffekte gegenüber Interessen von beispielsweise Minderheiten können damit einhergehen, wenn diese Gegenstand der Forschung sind? Carolin Genz schlägt reflexive Strategien vor, „die angewandt werden können, um entsprechende ethische Überlegungen beim Einsatz visueller Methoden in der Geographie in den Forschungsprozess einzubeziehen“ (Bauer et al., 2025:97). Zum Abschluss des Kapitels VORHER macht sich Stella Schäfer für eine Reflexion im Sinne des situierten Wissens als Begleitung eines Forschungsprozesses stark. Sie zeigt, wie Visualisierungen (z.B. Bodymapping) Zugang zu eigenen Emotionen und Affizierungen im Forschungsprozess geben können.
Welche unterschiedlichen Formate können visuelle Geographien im Forschungsprozess haben? In dem Kapitel DABEI wird deutlich, dass es bei visuellen Geographien um weit mehr geht als um „ein paar hübsche Fotos“ während der Datenerhebung. Visuelle Geographien können Karten, Körper, Zeichnungen, Pläne, KI-generierte Bilder, Filme und Fotos umfassen. Und selbst wenn es sich um Fotos handelt, wie im ersten Aufsatz von Nora Küttel und Kristine Beurskens beschrieben, dann ist auch hier ein breites Methodenspektrum vorhanden sowie Raum für Reflexion notwendig, um diese als „aktive Werkzeuge der Wissensproduktion und -vermittlung“ zu nutzen und einzuordnen (Bauer et al., 2025:119). Im darauffolgenden Kapitel von Elisabeth Sommerland und Paul Hummel zu bewegten Bildern geht es beispielsweise nicht nur um die Interpretation von vorhandenem Filmmaterial, sondern um das „Film-Machen als wissenschaftliche Praxis“ (Bauer et al., 2025:124). Ein Film stellt am Ende das „Resultat der Interaktion mit dem Forschungsgegenstand“ dar und ist eingebettet in einen intensiven konzeptionellen und reflexiven Prozess. Filmisches Arbeiten ist hier Methode und eine Kommunikation der Ergebnisse zugleich. Anknüpfend an partizipatorische Methoden beim „doing film geography“ (Bauer et al., 2025:128), zeigt Verena Schröder im Kontext von Zeichnungen anschließend vor allem eines: Dass es bei der Arbeit mit visuellen Methoden weniger um das Künstlerische als „Kompetenz“ geht, sondern vielmehr um den Zugriff auf Daten, die allein durch Sprache nicht erfasst werden können. Auch beim kollaborativen Kartieren können die Unterschiede raumbezogener Wahrnehmung herausgearbeitet werden. Janina Dobrusskin und Lea Bauer zeigen, wie die Erstellung kollaborativer Karten die „Vielheit positionierter, involvierter Perspektiven“ stärken und gleichzeitig die „Sichtbarkeit von Missständen“ erhöhen kann (Bauer et al., 2025:145–146). Kombiniert werden kann dies mit dem Fokus auf verkörperter Erfahrung, wie Anke Strüver und Fabian Pettig im darauffolgenden Kapitel thematisieren. Der Blick in ein empirisches Beispiel zeigt bei einer Kartierung ausgehend vom eigenen Körper eine Umkehr von Nord und Süd; „erklären lässt sich dies […] aus der verkörperten Erfahrung im Alltag“ (Bauer et al., 2025:157). Hier zeigen sich vielschichtige Möglichkeiten der Analyse von Raumkonstruktion und Raumerfahrung. In diesem Kontext legt das anschließende Kapitel „Mit städtebaulichen Visionen forschen“ von Ajith Singh und Kathrin Meißner einen interessanten Fokus, da es das Hauptaugenmerk nicht auf Pläne in formalen Planungsprozessen legt, sondern die „bildlich-affektive Ebene politischer Auseinandersetzung“ hinsichtlich der „affizierenden Bildsprache“ von Initiativen untersucht (Bauer et al., 2025:161). Diese versuchen im aufgezeigten empirischen Beispiel, „the politics of planning“ und deren Ordnungen kritisch zu hinterfragen und neu zu definieren (Bauer et al., 2025:166). Auch beim Kapitel von Boris Michel „Mit künstlicher Intelligenz (KI) forschen“ geht es um Ordnungen, die es zu hinterfragen gilt. Künstliche Intelligenz kann beeindruckende Visualisierungen herstellen. Sie entstehen jedoch nicht, wie häufig mit den Worten „halluzinieren“ suggeriert, im luftleeren Raum, sondern „vielmehr handelt es sich um sozio-technische Systeme, die auf Basis großer Datensätze, Rechenleistung und menschlicher Klassifikationsarbeit plausible Outputs generieren“ (Bauer et al., 2025:172). Sie sind dabei eng verwoben mit den politischen Ökonomien der KI-Unternehmen, aber auch mit jahrzehntelanger Klassifizierung und Stereotypisierung von visuellen Daten.
Wie werden Visualisierungen zur Wissenschaftskommunikation genutzt? Die Kommunikation von wissenschaftlichen Ergebnissen stellt ein klassisches Feld von Visualisierungen dar. Das Kapitel DANACH zeigt anhand der Themen Infografiken, Film und Lehre, welche unterschiedlichen Formen und Rollen Kommunikation annehmen kann. Frank Meyer weist darauf hin, dass die Nutzung von Infografiken zwar eine geeignete Form einer „eingängigen Aufbereitung wissenschaftlicher Inhalte“ (Bauer et al., 2025:186) darstellt, dabei jedoch die Gefahr besteht, dass diese als Ersatz zum Text genutzt werden. Gerade in der qualitativen Forschung besteht die Aufgabe darin, Komplexitätsreduktion vorzunehmen und gleichzeitig „die Stärken qualitativer Forschung zu erhalten“ (Bauer et al., 2025:191). Film als visuelle Kommunikationsmethode kann, wie im nächsten Kapitel beschrieben, über wissenschaftliches Storytelling ebenso ein Schlüssel dafür sein, „wissenschaftliche Konzepte für ein breiteres Publikum verständlich zu machen“ (Bauer et al., 2025:195). Eine besondere Rolle bei filmischen Darstellungen spielt die multisensorische und emotional gefärbte filmische Ansprache, die gezielt Emotionen hervorrufen kann. Wichtig zu beachten ist laut Yannick Noah Layer die Frage, „wie, was, für wen mit welchem Ziel aufbereitet wird“ (Bauer et al., 2025:200). Als dritter Aspekt wird das Thema Lehre als Raum gemeinschaftlicher Wissensproduktion als Ansatz einer „transformativen geographischen Bildung“ (Bauer et al., 2025:205) von Eva Nöthen behandelt. Die didaktische Arbeit mit Bildern und visuellen Methoden ist im Zuge des visual turn unabdingbar, „da Wissen zunehmend durch Bilder vermittelt, verhandelt und geformt wird“ (Bauer et al., 2025:206). Eva Nöthen kategorisiert die Ziele hier in eine „kritisch-reflexive visuelle Kompetenz“, um andere Bilder einzuordnen, und eine „performative visuelle Kompetenz“, um selbst Bilder als Ausdrucksmittel zu erstellen (Bauer et al., 2025:207). Visualisierungen eines Lernwegs sowie Visualisierungen eines Erkenntnisgewinns haben darüber hinaus das Potenzial, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster aufzubrechen und neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Wie sehen Zukünfte visueller Geographien aus? Im letzten Kapitel des Buches WOHIN werden zukünftige Entwicklungen ausgelotet: Zu Beginn zeigt Kimberly Coulter am Beispiel von Discovery-Interfaces wie omnipräsent und machtvoll digitale Schnittstellen zwischen Nutzer*innen und Daten sind. Egal ob Netflix oder ein Kunstarchiv: Interfaces „wählen aus, kategorisieren, werten, begrenzen und steuern – stets im Dienst bestimmter Interessen, während andere Perspektiven ausgeblendet werden“ (Bauer et al., 2025:222). Auch hinsichtlich von Geolokalisierungen können Interfaces ermächtigen oder schaden – während sie auf Themen aufmerksam machen, können sie auch Menschen in Gefahr bringen. Die Autorin plädiert deshalb für eine verstärkte Kompetenz und Forschung über die Mechanismen von Plattformen – besonders hinsichtlich geographischer Daten.
Mirko Winkel und Jeannine Wintzer widmen sich dagegen weniger den zukünftigen Herausforderungen, sondern vielmehr den zukünftigen Möglichkeiten visueller Geographien. Sie zeichnen Wege, dialogische Begegnungen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit über Visualisierungen zu schaffen. Ausgangspunkt dieser Begegnungen ist eine ästhetische Gestaltung im Sinne einer „räumlich-sinnlich erfahrbaren Qualität, die es ermöglicht, Menschen und ihre Wissenssysteme miteinander in Beziehung zu setzen“ (Bauer et al., 2025:239). Kommunikation wird hierbei nicht einseitig, sondern vielmehr als Interaktion betrachtet: Im Sinne einer demokratischen Gesellschaft entstehen in dialogischen Räumen „offene, respektvolle Gespräche, in denen Perspektivenvielfalt erkundet wird, Reflexionen entstehen und schließlich transformative Maßnahmen eingeleitet werden können“ (Bauer et al., 2025:237). Das empirische Beispiel einer urbanen Platzumgestaltung gegen Hitze zeigt eindrücklich, wie offene ästhetisch gestaltete Austauschräume die Akzeptanz für transformative Projekte stärken können. Anschließend berichten vier der Herausgeberinnen von einer choreographischen Raumerkundung und deren Potenzialen. Perspektivwechsel durch ungewohnte Positionierungen des Körpers (zum Beispiel kopfüberhängend auf einem Spielplatz) oder das gezielte Nichtstun, um die Umgebung wahrzunehmen, kann Denkmuster und Wahrnehmungsroutinen unterbrechen. „Dazu brauchen wir Mut, nicht schon zu wissen, sondern vom radikalen Nicht-Wissen auszugehen und Ungewisses auszuhalten, die Fragen – geschweige denn die Antworten – nicht schon parat zu haben“ (Bauer et al., 2025:259). Zum Abschluss kommen in einem Interview unterschiedliche Geograph*innen zu Wort, reflektieren über visuelle Geographien, die Ziele des Buches und wissenschaftliche Anforderungen der heutigen Zeit.
Das Buch richtet sich einerseits an Forschende, die bereits bewusst mit visuellen Methoden arbeiten oder dies in Zukunft tun möchten und andererseits regt es alle Forschenden zum Nachdenken über die Rolle von Visualität in eigenen Forschungsprozessen an. Schnell wird klar: Alle Geograph*innen arbeiten mit visuellen Aspekten – sei es mit den eigenen Augen im Feld, bei der Produktion von Karten oder Grafiken, bei der Nutzung von Fotos im Forschungsprozess oder bei der Kommunikation von Ergebnissen. Dieses Buch adressiert also nicht nur nischige Methodenexperimentierfreund*innen, sondern alle Geograph*innen. Es versammelt die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Zugängen und Nutzungen zu und von visuellen Methoden nicht aus vordergründig rein instrumentell-methodischen Perspektive, sondern eröffnet Denkräume für eine vielfältige und gleichzeitig kritisch-reflektierte Forschung.
Wer erwartet, in diesem Buch konkrete Methodenanleitungen zu erhalten, kommt nicht auf seine bzw. ihre Kosten, doch dies wird bereits in der Einleitung deutlich gemacht – mit dem Verweis auf die VisQual Methodenbox (entwickelt vom DFG-Netzwerk „Visualising Qualitative Geographies“, 2023). Vielmehr zeigt das Buch die Rolle und die Vielschichtigkeit von visuellen Aspekten in der geographischen Forschung. Während dieses Vorhaben ein absoluter Gewinn für die qualitative geographische Forschung ist, blieb ich doch manchmal etwas enttäuscht zurück; können die Kapitel doch die empirische Praxis und die Umsetzung von Gedankenspielen nur an der Oberfläche anschneiden. Wenig oberflächlich erscheinen dagegen die teilweise etwas überladenen Überschriften. Insgesamt kommt das Buch so daher, als wäre die Vielschichtigkeit des Themas nur schwer in ein Buch zu pressen. Gleichzeitig weisen inhaltliche Stringenzen (die Koproduktion von Welt durch Visualisierungen) darauf hin, dass es zwar im Detail viel zu bedenken gibt, es aber in der Praxis immer auf ähnliche Schlussfolgerungen herausläuft. Die Strukturierung entlang eines Forschungsprozesses führt dazu, dass das Buch in sich schlüssig als Geschichte gelesen werden kann. Es erleichtert den Einstieg, wenn man das Buch in die Hand nimmt: Wo befinde ich mich gerade in meinem Forschungsprozess? Welche Themen könnten für mich relevant sein?
Auf die aktuellen Herausforderungen hinsichtlich der „TikTokisierung“ von Politik wirft das Buch im letzten Text des Kapitels WOHIN Fragen auf: Mit welchen Zugängen und Modellen kann auf die „Alltagssteuerung durch bildliche Politiken reagiert“ werden (Bauer et al., 2025:268)? Eine Antwort auf diese Frage liefert das Buch nicht. Wohl aber eine Forderung von Jeannine Wintzer an alle: „Menschen werden erreicht durch Visualisierung. Und ich denke, wir sollten uns auch darauf einlassen“ (268).
Albertz, J.: Einführung in die Fernerkundung: Grundlagen der Interpretation von Luft- und Satellitenbildern. 5., aktualisierte Auflage, WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt, ISBN 9783534231508, 2016.
Albertz, J. und Lehmann, H.: Kartographie und Fernerkundung – Stationen einer Entwicklung über acht Jahrzehnte, J. Cartogr. Geogr. inf., 57, 127–134, https://doi.org/10.1007/BF03544475, 2007.
Bauer, L. und Nöthen, E.: Geographisch-künstlerische Stadtforschung. Ein Drei-Schritt-Verfahren zur Erschließung der Vielheit sozialräumlichen Wissens, sub/urban, 9, 169–190, https://doi.org/10.36900/suburban.v9i3/4.519, 2021.
DFG-Netzwerk „Visualising Qualitative Geographies“: VISQUAL Methodbox, Leibniz Institut für Regionale Geographie und TU Dresden, https://visqual.leibniz-ifl-projekte.de/methodbox/ (letzter Zugriff: 9. April 2026), 2023.
Kogler, R. und Wintzer, J. (Hrsg.): Raum und Bild – Strategien visueller raumbezogener Forschung: Raum und Bild – Strategien visueller raumbezogener Forschung, Springer Spektrum, Berlin, https://doi.org/10.1007/978-3-662-61965-0, 2021.
Löffler, E.: Geographie und Fernerkundung. Teubner Studienbücher der Geographie, Vieweg + Teubner Verlag, Wiesbaden, https://doi.org/10.1007/978-3-663-14111-2_3, 1985.
Schlottmann, A. und Miggelbrink, J.: Visuelle Geographien – ein Editorial, Social Geography, 4, 13–24, https://doi.org/10.5194/sg-4-13-2009, 2009.
Schlottman, A. und Miggelbrink, J. (Hrsg.): Visuelle Geographien: Zur Produktion, Aneignung und Vermittlung von RaumBildern, transcript, Bielefeld, https://doi.org/10.1515/9783839427200, 2015.
Singer, K., Schmidt, K., und Neuburger, M. (Hrsg.): Artographies – Kreativ-künstlerische Zugänge zu einer machtkritischen Raumforschung, transcript, Bielefeld, https://doi.org/10.1515/9783839467763, 2023.
Slocum, T. A., McMaster, R. B., Kessler, F. C., und Howard, H. H.: Thematic Cartography and Geovisualization, 4. Aufl., CRC Press, Boca Raton, https://doi.org/10.1201/9781003150527, 2022.