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Die Geopolitik der Emotionen – Zum Verhältnis von Sprache und Emotionen in geopolitischen Krisenzeiten am Beispiel der Bundestagsdebatten über den russischen Expansionskrieg in der Ukraine
Lilly Anjana Lautermann
Paul Reuber
Analysing the emotionalisation of (geo)political discourses is becoming increasingly urgent in the context of the Russian-Ukranian war and the subsequent intensification of political debates. While the debate on emotional geopolitics has mainly concentrated on dimensions of materiality and the body, this article focuses on emotions in political debates on conflict and war. It therefore proposes a theoretical-conceptual perspective that explores the inner-discursive relationship between emotions and geopolitical imaginations. To this end, feminist and political-geographical debates on emotions and affects are adapted to the dynamics of geopolitical discourses, establishing a methodologically viable approach for a qualitative-interpretive analysis, that is capable of capturing both explicit manifestations of inner-discursive emotions and more implicit emotional moods. In order to understand the genealogy and dynamics of discursive-emotional ruptures in times of war, the article draws on Ahmed's (2014) concept of stickiness and connects it with the Foucaultian concept of the archive, here as archives of geopolitics.
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Der kriegerische Überfall Russlands auf die Ukraine bringt eine Erschütterung in die geopolitischen Leitbilder der Internationalen Politik, wie sie die Welt seit dem 11. September 2001 nicht mehr gesehen hat. Er induziert eine Polarisierung und Verschiebung der diskursiven Korridore des Sagbaren, die nicht nur die geopolitischen Imaginationen über Russland „im Westen“ entscheidend zu verändern scheint – etwas zugeschärft formuliert vom langjährigen Handelspartner mit festen Verflechtungen in die EU zum neoimperialistischen Aggressor – sondern als Angriff auf die gegenwärtige Weltordnung interpretiert wird, welche die globale geopolitische Risikoarchitektur nachhaltig modifiziert (Stoltenberg, 2022). Als zentraler Bezugspunkt für die Positionierung der EU kommt dabei der deutschen Politik eine wichtige Rolle in internationalen Bündnissen und Machtgeometrien zu. Entsprechend notwendig erscheint es aus Sicht einer politisch-geographischen Forschung, Richtungen und Dynamiken der Verschiebungen in politischen Diskursen in Deutschland zeitnah zu analysieren, Neupositionierungen und (Re-)Polarisierungen sichtbar zu machen, aber auch Widersprüche hervortreten zu lassen, an denen sich Reibungspunkte künftiger Positionierungen für kommende Dekaden abzeichnen.
Die Dramatik der gegenwärtigen „Zeitenwende“ (Olaf Scholz, 27.2.2022) eröffnet auch auf theoretisch-konzeptioneller Ebene ein Untersuchungsfenster für das Verstehen der Dynamik einschneidender historischer Momente im geopolitischen Diskurs: Hier lässt sich analysieren, wie im Angesicht der kriegerischen Auseinandersetzung nicht nur Repräsentationen des Eigenen und Fremden aus den diskursiven Archiven der Geopolitik reaktiviert werden, sondern wie diese angesichts der Gräuel des Krieges mit starken, kollektiven, häufig nationalistisch gerahmten Emotionalisierungen (Ahmed, 2014) aufgeladen werden, welche solche Polarisierungen verstärken. Aus diskurstheoretischer Sicht liegt damit eine Situation vor, in der untersucht werden kann (und muss), wie sich hegemoniale Breitendiskurse der Geopolitik emotionalisieren und verändern und wie sich damit auch geopolitische Identitätskonstruktionen verschieben.
Erste Beiträge mit stärker diskursorientiertem Fokus finden sich zu den russischen Annexionskriegen im neuen Jahrtausend vor allem mit Fokus auf offizielle Narrative der russischen Regierung (Biersack and O'Lear, 2014; Mölder and Berg, 2023). Im Kontext des aktuellen Angriffskrieges auf die Ukraine dominiert derzeit eher anwendungsbezogene Literatur der Internationalen Beziehungen, welche die russischen Narrative akteurszentriert als Art politischer Kommunikationsstrategie analysieren (Claessen, 2023; Fridrichova, 2023; Gackowski and Brylska, 2022; Götz and Staun, 2022; Mamedov, 2024) und mit nicht-russischen Narrativen vergleichen (Kordan, 2022; Oleinik, 2024). Im Sinne der realistischen Denkschule geht es darüber hinaus um das Verstehen der Rationalitäten Putins (Doris and Graham, 2022; Glasser, 2019; Hill, 2016; Hunter, 2022; Nuland, 2020; Omand, 2024; Reid, 2022; Treisman, 2016; für eine explizite Kritik an Analysen des russischen Angriffskriegs im Sinne dieser Denkschule siehe Dutkiewicz and Smolenski, 2023) oder der Rekonstruktion der Wege in den Krieg (Mahon et al., 2023; Trenin, 2022). Bei der Untersuchung der Veränderungen in der internationalen Ordnung politischer Bündnisse (Belo and Rodríguez, 2023; Brunk and Hakimi, 2022; Chang-Liao, 2023; Makarychev and Wicaksana, 2024; Thomson et al., 2023) liegt ein Schwerpunkt auf der Prognose zukünftiger Entwicklungen (Crocker, 2022; Ditrych and Larys, 2024; Jonsson and Norberg, 2022; Moreno, 2024), wobei gerade letztere im Graubereich zwischen wissenschaftlicher Expertise und Politikberatung lavieren.
Kaum untersucht sind bisher die Verschiebungen in den politischen Diskursen „des Westens“, in denen auch die bundesdeutschen Debatten eine wichtige Rolle spielen. Ausnahmen bilden die Arbeiten von Koval et al. (2022), Tyushka (2023), Brattvoll (2023) und Bjørge and Kalnes (2021), welche Narrative über den russisch-ukrainischen Konflikt in den Diskursen westlicher „scholars and policy analysts“ (Koval et al., 2022; Tyushka, 2023), bzw. am Beispiel der Russland-Imagination in den norwegischen Massenmedien analysieren (Bjørge and Kalnes, 2021; Brattvoll, 2023). Während diese – der Dramatik der Entwicklung geschuldet – bisher primär empirisch ausgerichtet sind, wird für ein langfristig angelegtes und konzeptionell tiefgründigeres Verstehen eine stärkere theoretische Grundierung erforderlich sein.
Dies gilt einerseits auf der inhaltlichen Ebene für die Frage, welche Rolle historische geopolitische Repräsentationen aus den „Archiven der Geopolitik“ (Reuber, 2011, 2013; zu einem diskurstheoretisch ausgerichteten Archivbegriff siehe Foucault, 1981; Gehring, 2004) in einschneidenden Momenten von Krisen oder Kriegen spielen. Es gilt aber andererseits und möglicherweise noch tiefgründiger für die Frage, welche Rolle emotionale Polarisierungen in Verbindung mit solchen diskursiv eingeübten geopolitischen Leitbildern bei deren Zuschärfung und Dynamisierung übernehmen. Es ist zwar in den letzten Jahren gelungen, Dimensionen von emotional geopolitics auch im Forschungsfeld der Politischen Geographie herauszuarbeiten, dies jedoch vor allem mit einem Fokus auf die „intimate geopolitics“ (Smith, 2020) von Körpern und Materialitäten (Closs Stephens et al., 2021; Fregonese, 2017; Fregonese and Laketa, 2022; Hyndman, 2019; Laketa, 2016, 2021; Militz, 2019, 2020; Militz and Schurr, 2016; Ruppert, 2022). Im Kontext des russischen Angriffskriegs sind hier vor allem die (auto-)ethnographischen Arbeiten von Kurylo (2023), Tsymbalyuk (2023) und Lokot (2023) zu nennen. Ausgehend von ihren eigenen körperlichen und emotionalen Erfahrungen als ukrainische Wissenschaftlerinnen (Kurlyo, 2023; Tsymbalyuk, 2023), bzw. den über Social Media geteilten alltäglichen Kriegserfahrungen der ukrainischen Bevölkerung (Lokot, 2023) erweitern diese (und weitere Beiträge des Special Issues) die feministisch-geopolitische Betrachtung des Krieges um die Perspektive jener, die vom Kriegsgeschehen tagtäglich in vielfältiger Weise betroffen sind.
Weniger thematisiert bleiben die emotionalisierenden Versteilungen (geo-)politischer Diskurse auf der Makroebene der internationalen Politik. Ausnahmen bilden vereinzelte politikwissenschaftliche Arbeiten, die mikro- und makroanalytische Perspektiven (teilweise kombinierend) anwenden, um das emotionalisierende Potential sprachlicher Äußerungen (Koschut, 2018; Pociask, 2022) und die affektive Wirkmächtigkeit politischer Narrative zu untersuchen (Bargetz and Eggers, 2023; Eberle and Daniel, 2019; Hentschel, 2021; Palestrino, 2022; Wodak, 2016). Während diese Arbeiten zwar eine Breite an methodischen Ansätzen anbieten, sind ihre konzeptionellen Überlegungen aufgrund der vorwiegend akteurszentrierten Perspektive auf Emotionen für ein diskurstheoretisch rückgebundenes Verstehen des Verhältnisses von Emotionen und (sprachlichem) Diskurs nur bedingt weiterführend (für eine eher vereinzelnd stehende Ausnahme in der Politischen Geographie siehe Trautmann et al., 2025). Gerade um die kollektive Wirkmacht geopolitischer Emotionalisierungen zu verstehen und damit einschätzen zu können, wie das Zusammenspiel von diskursiven Versteilungen und emotional(isierend)en Zuschreibungen im Moment des Krieges die politischen Korridore des kollektiv Sagbaren beeinflusst, braucht es eine stärker poststrukturalistisch angelegte Theorieperspektive. Erst von dort aus lassen sich die Verschiebungen in den globalen Geographien von Freunden und Feinden, die mit krisenrelevant emotionalisierten Identitäten und Leitbilder verwoben sind, und die damit verbundenen politisch-diplomatischen Reaktionen einschätzen und entsprechende Positionierungen von (Schlüssel-)Politiker*innen konzeptionell rückgebunden verstehen.
Für eine in diese Richtung argumentierende Verbindung von Emotionen und (sprachlichen) Diskursen sind in der letzten Dekade gute konzeptionelle Vorschläge entwickelt worden (einführend z. B. Wetherell, 2012; Ahmed, 2014; Anderson, 2009; Berg et al., 2019; für die Humangeographie und Politische Geographie z. B. Anderson and Smith, 2001; Dittmer and Bos, 2019; Woodward and Lea, 2010). Ihnen fehlt durch die jeweilige Themenstellungen allerdings die Adaptation auf dynamische Momente, wie z. B. sich aktiv entwickelnde Konfliktsituationen, in denen aufgrund der spezifischen Dynamiken das Verhältnis von Emotionalität und Diskurs nicht nur besonders virulent scheint, sondern gleichzeitig besonders schnelltaktig ist, wodurch kurzfristige und einschneidende diskursiv-emotionale Verschiebungen möglich werden.
Vor diesem Hintergrund versucht der vorliegende Beitrag die Debatten in dreifacher Weise weiterzuführen. Erstens geht es darum, konzeptionelle Kernelemente der Diskussionen um Affekte und Emotionen auf die Dynamiken geopolitischer Diskurse zu adaptieren und damit eine theoretische Perspektive auf das innerdiskursive Verhältnis von Emotionen und inhaltlichen Argumenten zu entwickeln (Kap. 2). Dieser Schritt ist notwendig, weil die meisten Ansätze die Rolle von Affizierungen/Emotionalisierungen bisher schwerpunktmäßig für die Untersuchungen auf der Ebene von Körpern und Materialitäten konzeptualisiert haben. Unsere Forschung richten sich dagegen im Kern auf die Auslotung innerdiskursiver Verknüpfungen sprachlicher (bzw. bildlicher) Elemente mit – ebenso innerdiskursiven – geopolitischen Identitätskonstruktionen, die bezogen auf ihre Relevanz und Wirkmacht derzeit das gesellschaftliche Debattenklima ebenso maßgeblich prägen wie darauf aufsetzende Formen politischer Reaktionen und militärischer Umsetzungen. Gerade im Moment einer sicherheitspolitischen Zäsur, wie sie die russische Vollinvasion in die Ukraine darstellt, treten in den Debatten und Bewertungen vielfältige Perspektiven auf das geopolitisch Eigene und Fremde hervor, die quasi im Zustand unmittelbarer Betroffenheit zu teilweise diametral unterschiedlichen Verständnissen der kriegerischen Auseinandersetzungen, dem Ursprung des Konfliktes und damit verbunden auch zu verschiedenen politischen Forderungen im Umgang mit den Konfliktparteien führen können. Im Sinne der Leitfragen und der konzeptionellen Rahmung des DFG-Projektes richten wir unseren Blick nicht auf diesen unmittelbar-kurzfristigen Kampf um Bedeutung und die ersten daraus folgenden politischen Entscheidungen, sondern auf die mittel- und langfristig damit verbundenen Polarisierungen und Verschiebungen innerdiskursiver Emotionalisierungen in der gesellschaftlichen Bedeutungsproduktion. Natürlich ist dabei in Betracht zu ziehen, dass gerade der Bundestag als demokratischer Streitraum mit den Logiken des Strebens nach Geltung und der Delegitimierung der politischen Gegenseite eher zur Polarisierung und Zuschärfung neigt. Dennoch oder gerade deswegen eröffnet der – in dieser Hinsicht brennglasartige – Kontext für eine diskursanalytische Untersuchung des Verhältnisses von inhaltlichen Argumentationen und ihren emotionalen Aufladungen einen sowohl empirisch wie auch theoretisch spannenden Blick darauf, welche Rolle und Bedeutung solche innerdiskursiven Emotionalisierungen für die kollektive Aushandlung verschiedener Perspektiven spielen.
Zweitens sollen auf Grundlage unserer konzeptionellen Überlegungen dann methodologisch tragfähige Ansätze für ein empirisches Arbeiten formuliert werden, das eine qualitativ-interpretative Analyse von Emotionalisierungen geopolitischer Debatten ermöglicht (Kap. 3). Diese ist eingebunden in den breiteren, im Foucaultschen Sinne archäologischen Zugriff auf die Re-Konfiguration diskursiver Formationen im Moment des (ausbrechenden) Krieges – also in eine Analyse jener historischen Ordnungen des Sagbaren und Fühlbaren, in deren Rahmen bestimmte geopolitische Deutungsmuster (wieder) denk-, fühl- und sagbar werden. Die in Kap. 3 vorgestellte Konzeptionalisierung des Zusammenspiels von Emotionen und Diskurs bringen wir im Verlauf unserer Argumentationen an ausgewählten Beispielen in Resonanz mit Diskursfragmenten aus unserem Datenkorpus. Während dieser Beitrag Teil der ersten, eher theoretisch-konzeptionellen Phase eines Forschungsprojektes ist, welches die deutschen Risiko- und Sicherheitsdiskurse hinsichtlich der sich verändernden geopolitischen Leitbilder und ihrer emotionalen Aufladung untersuchen, wird das bisher eher explorativ untersuchte Datenmaterial in der nächsten, empirisch ausgerichteten Projektphase vertiefend in MaxQDA sowie AntConc analysiert. Dabei werden lexikometrische Verfahren mit qualitativen Ansätzen – insbesondere inhaltsanalytischen Kodierungen und diskursanalytischen Mikromethoden – kombiniert.
Drittens geht es im vorliegenden Beitrag mit Blick auf den zeitgeschichtlich sensiblen Moment um die Erarbeitung von Verständnisperspektiven für die Rolle von Emotionalisierungen bei plötzlichen Veränderungen aktueller Diskursdynamiken, wie sie im vorliegenden Fall der Ausbruch des Krieges induziert (Kap. 4). Bei dieser Beschleunigung, beim „in-Fluss-geraten“ des diskursiven Geschehens, so die These, spielen Emotionalisierungen eine besondere Rolle. Auf diese Weise stellen diese Überlegungen insgesamt eine Erweiterung des konzeptionellen und empirischen Programms der Kritischen Geopolitik dar.
Eine Auseinandersetzung mit der Emotionalisierung geopolitischer Debatten in Krisenzeiten erfordert – wie oben bereits angesprochen – eine Konzeptualisierung von Emotionen als innerdiskursive Phänomene, um von dort aus deren Rolle in der Verhandlung geopolitischer Krisen (z. B. dem Ausbruch von Kriegen, so genannten „Migrationswellen“ oder Naturkatastrophen) analysieren und verstehen zu können. Untersucht man diese Ebene, dann fokussiert der Blickwinkel der Analyse nicht primär die affizierende Rolle von Körpern oder materiellen Settings, sondern die emotional-affizierenden Anteile von Sprache und deren Verknüpfungen mit (und Aufladungen von) inhaltlichen Argumentationen. Aus politisch-geographischer Sicht geht es insbesondere um die emotionale Aufladung von Raumkonstruktionen, die Emotionalisierungen geopolitischer krisenrelevanter Identitäten und Leitbilder, sowie darin eingebetteter Freund-Feind-Konstruktionen.
Dafür eignen sich nicht alle Stränge der interdisziplinären Debatten um das Verhältnis von Emotionen und Affekten in gleicher Weise. Vielmehr scheint es notwendig, ein für die untersuchungsleitenden Fragestellungen taugliches Instrument mittlerer Reichweite zu entwickeln, das sich in dieser Form als diskursorientierte Ergänzung versteht. Während stärker an Fragen von Körpern und Materialitäten orientierte Studien, die auch Teile der humangeographischen Debatte prägen (Anderson, 2009; Ross, 2013; Solomon, 2012; Thrift, 2008), affekt- und emotionstheoretisch ausgerichtete Forschungsansätze eher differenzieren, folgen wir dieser Logik für unsere diskurstheoretisch ausgerichteten Fragestellungen nicht. Stattdessen schließen wir an die interdisziplinär wegweisenden Arbeiten von Sara Ahmed (2014) an, die uns für die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Emotionen und (sprachlichem) Diskurs zielführender erscheinen. Ähnlich wie Margaret Wetherell, die Emotionen mit Bezug auf Ian Burkitt als Beziehung zur Welt konzeptualisiert (Wetherell, 2012:24), versteht Sara Ahmed Emotionen als „a matter of how we come into contact with objects and others“ (Ahmed, 2014:208). Da Emotionen gleichzeitig geprägt von und konstitutiv für gesellschaftliche (Macht-)Verhältnisse sind, stellen sie eine „form of cultural politics or world making“ dar (Ahmed, 2014:12).
Damit bietet Ahmed eine Perspektive an, die eine zu starke Gegenüberstellung von Affekt und Emotion vermeidet, und die diese Differenzierung eher auflöst. Entgegen der weitverbreiteten dualistischen Konzeptualisierung von Affekt als prä-kognitive und prä-soziale, körperliche Kraft und Emotionen als bewusst wahrgenommene Erfahrung, deren Bedeutung sozial konstruiert ist (vgl. die Zusammenstellung in Schurr and Strüver, 2016:90), entwickelt Ahmed ein Verständnis der beiden als miteinander verwoben und ineinander übergehend. Emotionen beinhalten ihr zufolge stets auch körperliche Prozesse des Affizierens und Affiziert-Werdens. Da die Begegnung von Körpern und ihre affektiven Kapazitäten nie losgelöst von raumzeitlich verorteten diskursiven Kontexten und damit verbundenen gesellschaftlichen Ungleichheits- und Machtverhältnissen gesehen werden können, muss entsprechend die Bedeutung, die affektiven Prozessen zugeschrieben wird, als diskursiv konstruiert verstanden werden (Militz, 2022:97). Indem also Ahmed die Körperlichkeit emotionaler Erfahrungen mit ihrer diskursiven Bedeutungsproduktion verbindet und deren Zusammenspiel in seinem Gewordensein betrachtet, lässt sie die Gegenüberstellung von körperlich-affektiven Prozessen und sprachlich-symbolischen Mustern, auf der eine stärker dualistische Konzeptualisierung von Affekt und Emotion gründet, eher in den Hintergrund treten.
Diese Konzeptualisierung erscheint uns für eine diskursorientierte Analyse politisch aktueller und sehr emotional geführter Debatten wie derjenigen über den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine tragfähiger. Vor diesem Hintergrund erhält Ahmeds Konzept der „sociality of emotion“ (Ahmed, 2014:8) eine besondere Bedeutung, denn damit hebt sie die besondere Funktion von Emotionen hervor, diskursive (hier raumbezogene) Identitätskonstruktionen – von verkörperten Subjektivierungen bis zu kollektiven Territorien – zu produzieren und so zur kraftvollen Unterscheidung von Außen und Innen, von Eigenem und Fremdem beizutragen:
[E]motions create the very effect of the surfaces and boundaries that allow us to distinguish an inside and an outside in the first place […]. [I]t is through emotions, or how we respond to objects and others, that surfaces or boundaries are made: the “I” and the “we” are shaped by, and even take the shape of, contact with others. […] [T]he surfaces of bodies “surface” as an effect of the impressions left by others. (Ahmed, 2014:10)
Wie kollektive Körper über Emotionalisierungen hergestellt werden, verdeutlicht sie an dem für unsere Untersuchung interessanten geopolitischen Fallbeispiel nationaler Identitätsproduktion, in dem sie herausarbeitet, wie vielfältig diese nicht nur über rationale Argumente, sondern über deren Verknüpfung mit emotionalen Zuschreibungen verläuft. So zeigt Ahmed beispielhaft, wie sich nach 9/11 bestimmte identitäre Zuschreibungen (bspw. muslimisch, fundamentalistisch, männlich) diskursiv mit der Figur des Terroristen verbinden. In einer solchen affektiven Ökonomie der Angst vor vermeintlichen Terroristen wird nicht nur das bedrohliche Andere produziert, sondern über die Imagination des Eigenen als verletzlich und schutzbedürftig auch die nationale Gemeinschaft (Ahmed, 2014:72–80). Mit einer Konzeptualisierung von Emotionen im Sinne Ahmeds lässt sich auch im Rahmen der Kritischen Geopolitik die Rolle von Emotionen bei der Zuschärfung raumbezogener Identitätskonstruktionen und Grenzziehungsprozesse in gesellschaftlichen Konflikten theoretisch unterlegen und empirisch untersuchen.
3.1 Die Grundlogik der Verknüpfung von geopolitischen Raumproduktionen und Emotionen
Um zu untersuchen, wie Emotionalisierungen im Angesicht eines die hegemoniale Friedensordnung erschütternden Kriegsausbruchs die Felder des Sagbaren beeinflussen und wie sie Debatten formatieren, in denen Parlamente kriegsbezogene Entscheidungen treffen müssen, folgen wir Ahmed bei ihrer Analyse der emotionalisierenden Wirkung diskursiv-sprachlicher Muster auf eine Erkenntnisebene, die sie als Emotionality of Texts bezeichnet: Ahmed versteht dabei Emotionen nicht „as being `in' texts, but as effects of the very naming of emotions […] [and] suggest[s] that the work of emotion involves the `sticking' of signs to bodies“ (Ahmed, 2014:13), wobei sie in diesem Falle mit „bodies“ nicht konkrete Körper oder Personen, sondern – und das ist zentral für unsere Perspektive – gerade auch identifikationsrelevante kollektive Konstruktionen wie Nationen, Regionen etc. meint. Diese Verbindung von Emotionalisierungen und geopolitischen Verortungen lässt sich exemplarisch in einem Ausschnitt aus Britta Haßelmanns Rede vor dem Deutschen Bundestag nach dem Abzug der russischen Streitkräfte aus Butscha verdeutlichen.
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Empirischer Impuls I: Emotionalisierungen geopolitischer Freund-/Feind-Zuschreibungen in der Bundestagsdebatte
Die Bilder und Nachrichten aus Butscha, die uns seit Tagen erreichen, sind schrecklich; sie sind grausam. Die Bilder von feige ermordeten Menschen, von Massengräbern, die Verzweiflung und Tränen von Müttern, Vätern und Kindern haben uns alle ins Mark getroffen. Es sind Menschen wie Sie und ich, die bis vor ein paar Wochen noch ein ganz normales Leben – frei und selbstbestimmt mitten in Europa – geführt haben. Ich möchte […] mein tiefes Mitgefühl aussprechen. Auch hier, meine Damen und Herren, herrscht unfassbare Trauer. Auch hier herrscht unfassbare Wut. (Britta Haßelmann, Bündnis 90/Die Grünen, 6.4.2022)
Das kollektive, in diesem Falle räumlich konstruierte (bundesrepublikanische) Wir wird hier über die Zuschreibung einer gemeinsamen emotionalen Erfahrung produziert, wobei die Emotionen Trauer, Wut und Mitgefühl mit eindeutigen Signifikanten benannt und mit Adjektiven wie „tief“ oder „unfassbar“ noch einmal gesteigert werden.
Auch das Kollektiv der Betroffenen, mit denen wir mitfühlen, beinhaltet eine raumbezogene Konstruktionsebene, es handelt sich hier pauschal um die Bürger*innen der Ukraine, die im Redebeitrag das Objekt des kollektiven Mitgefühls sind. Geopolitisch rücken die emotionalisierten Reaktionen in Hasselmanns Redebeitrag die Ukraine in den Schutzkreis der westeuropäischen Staaten und „des Westens“ allgemein. Das Gefühl emotionaler Verbundenheit wird aber nicht nur mit direkten Signifikanten produziert, sondern zusätzlich auf einer eher subtilen Ebene der Emotionalisierung intensiviert, beispielsweise indem die Ukrainer*innen als Mütter, Väter und Kinder thematisiert werden – familiäre, nahweltliche und emotional besetzte Rollen, zu denen jeder Mensch einen persönlichen Bezug hat, was eine Identifikation ermöglicht.
Bereits dieser kleine Ausschnitt aus einer emotional geführten Bundestagsdebatte veranschaulicht die zwei wesentlichen Elemente, die immer wieder als Bestandteil der emotional geopolitics, d.h. der Emotionalisierung von (geo)politischen Diskursen auftauchen: (a) die Konstruktion des kollektiv Eigenen und Anderen in Form nationalstaatlicher Containerraum-Kollektive sowie (b) deren diskursive Verkopplung mit körperlichen Empfindungen und/oder mit expliziten Emotionen wie Trauer, Wut und Mitgefühl oder Verzweiflung, die durch ergänzende implizite Formen von Emotionalisierungen und narrative Elemente verdichtet werden. Über die Verkopplung mit emotionalisierenden sprachlichen Elementen verstärkt sich die Homogenisierung der raumbezogenen Identitäten, die eine differenzierte Perspektive auf die jeweiligen Kollektive ausblendet, bzw. marginalisiert.
Die zwei Kernelemente sind auch in Olaf Scholz‘ Zeitenwende-Rede vor dem Deutschen Bundestag vom 27.2.2022 zu erkennen (für weitere Beispiele siehe Abb. 1):
Die schrecklichen Bilder aus Kiew, Charkiw, Odessa und Mariupol zeigen die ganze Skrupellosigkeit Putins. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit, der Schmerz der Ukrainerinnen und Ukrainer, sie gehen uns allen sehr nahe. Ich weiß genau, welche Sorgen [die Bürger*innen] umtreiben angesichts der furchtbaren Nachrichten aus dem Krieg. (Olaf Scholz, SPD, 27.2.2022)
Erneut folgt hier die geopolitische Konstruktionslogik beim Bezug auf den „Schmerz der Ukrainerinnen und Ukrainer“ und die kollektiv geteilte Sorge und das Entsetzen der Bürger*innen in Deutschland der nationalstaatlichen Raumabstraktion. Diese territorialisierende Logik durchbricht Scholz aber beim Rekurs auf das „gegnerische Feindbild“. Hier schiebt er – wie viele andere Debattenbeiträge auch – die Verantwortung für den Krieg und die damit verbundenen negativen Emotionalisierungen stärker auf die Person Putins. Diese zumindest teilweise erfolgende Nicht-Gleichsetzung des „geopolitischen Feindes“ mit der nationalen Raumeinheit Russland stellt eine für die diskursive Verhandlung des Geschehens wichtige Variation und einen gewissen Bruch in der primär nationalstaatlich bzw. blockbezogen gerahmten Zuschreibung kriegsbezogener Emotionalisierungen dar, die für die spezifischen emotional geopolitics dieses Krieges und für daraus resultierende Konsequenzen von Bedeutung sein wird.
Abb. 1Visualisierung der zwei Kern-Elemente „diskursinterner“ emotional geopolitics: (a) die Konstruktion des kollektiv Eigenen und Anderen (oben) sowie (b) deren diskursive Verkopplung mit körperlichen Empfindungen und/oder mit expliziten Emotionen (unten).
In welcher Weise und im Rückgriff auf welche Konzepte lassen sich diese diskursiven Emotionalisierungen genauer analysieren? Ahmed selbst nähert sich ihnen in ihren Texten mittels einer Form des interpretativen Verstehens und arbeitet heraus, „how words for feeling, and objects of feeling, circulate and generate effects: how they move, stick, and slide. We move, stick and slide with them“ (Ahmed, 2014:14). Für unsere Analyse kriegsbezogener Bundestagsdebatten und Medienberichterstattungen wollen wir diesen Blick mit Bezug auf Foucault noch einmal differenzieren und dabei zwei Ebenen hervortreten lassen: eine stärker archäologische und eine stärker genealogische Ebene, die natürlich im Geschehen der Emotionalisierung miteinander verbunden sind, hier gleichwohl unterschiedliche Perspektiven des Verstehens ermöglichen. Auf der archäologischen Ebene geht es darum, herauszuarbeiten, in welcher Weise die momentane Verbindung diskursiver Konstruktionen und emotionaler Zuschreibungen funktioniert, d.h. wie im aktuellen Geschehen über eine sich kontinuierlich wiederholende Form der Verknüpfung von bestimmten Emotionen mit raumbezogenen Identitäten geopolitische Imaginationen über ihre rationalen Inhalte hinaus mit gefühlsbezogenen Komponenten versehen werden (Kap. 3.2). Auf der genealogischen Ebene steht darauf aufbauend (und damit verbunden) stärker die Frage im Fokus, welche Rolle historische Pfadabhängigkeiten der Emotionalisierung geopolitischer Risikodiskurse spielen (Kap. 4).
3.2 Zur Unterscheidung von expliziten und impliziten Erscheinungsformen innerdiskursiver Emotionalisierungen (und ihr Zusammenwirken bei der Emotionalisierung geopolitischer Raumproduktionen)
Bezogen auf das Kernthema unseres Beitrages deuten bereits die kleinen Beispiele aus den Bundestagsdebatten neben der Grundlogik der innerdiskursiven Verknüpfung von geopolitischen Raumkonstruktionen und Emotionen an, dass die Verbindung von Emotion und (inhaltlicher) Bedeutung im Diskurs komplexer ist als eine „einfache“ Kombination bestimmter Geschehnisse, (kollektiver) Identitätszuschreibungen und sprachlich eindeutig fassbarer Emotions-Signifikanten, wie beispielsweise Hass, Mitgefühl, Trauer oder Wut. Diese expliziten Kombinationen gibt es zwar und sie führen zu pointierten Formen von Emotionalisierungen in der Debatte (vgl. empirischer Impuls II). Daneben fließen aber in vielfältiger Weise subtilere, implizite und damit eher indirekte emotionalisierende Färbungen durch die sprachlichen Debatten hindurch, deren Bedeutung sich bei der Auswertung nicht über vordergründiges Kodieren, sondern eher über einen interpretativen Zugriff erschließt.
Diese Aspekte machen deutlich, dass Emotionalisierungen in (geo-)politischen Diskursen nicht nur vielschichtiger als die eingesetzten Signifikanten sind, sondern dass Emotionskategorien in der Analyse insgesamt zunächst als ambigue und unscharf verstanden werden müssen. Solche Beobachtungen lenken den Blick auf komplexere Konstruktionsprozesse innerdiskursiver Emotionen. Diese Perspektive schließt an Befunde konstruktivistischer Emotionsforschungen ebenso an wie an feministische Ansätze, die ein typologisches Verständnis von Emotionen und die empirische Suche nach Emotionstypen, wie Liebe, Angst und Hass, seit längerem kritisieren (Åhäll, 2018; Ahmed, 2014; Hemmings, 2005; Hutchison, 2019; Militz and Schurr, 2016; Schurr and Strüver, 2016). Mit ihnen lässt sich zeigen, dass Emotionen nicht als feste Größen, sondern als relational und konstruiert verstanden werden müssen. Aktuelle neurowissenschaftliche Forschungen stützen diese Sichtweise; sie zeigen, wie sehr die Konstruktion von Emotionen und damit die Kategorisierung einer emotionalen Erfahrung abhängig vom sozialen, kulturellen und sprachlichen Kontext ist (Barrett, 2022; Barrett and Lindquist, 2008; Duncan and Barrett, 2007). Trotz dieser theoretischen Konzeptualisierung von Emotionen als relational und konstruiert besteht empirisch eine gewisse Gefahr, bei der Kodierung in solche naturalisierenden, psychologischen Typologien von Emotionen zurückzufallen. An dieser Stelle können poststrukturalistische Perspektiven die sozialkonstruktivistischen Ansätze sozialwissenschaftlicher Emotionsforschung erweitern, indem sie die (impliziten) diskursiven/gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse um die Bedeutung einzelner Emotionskategorien und die Hinterfragung der vorgelagerten Kategorienbildungen in die Konzeptualisierung ebenso einbinden wie in die empirische Analyse.
In unserer ersten Auseinandersetzung mit dem primären Datenkorpus1, welcher 795 Plenarprotokolle aus dem Zeitraum November 2013 bis Dezember 2022 umfasst, haben wir 148 Beiträge aus dem Zeitraum unmittelbar nach dem russischen Vollangriff auf die Ukraine (Januar bis April 2022) untersucht. Im Rahmen dieser explorativen Annäherung haben wir für die Kodierung und Interpretation des Datenmaterials ein mehrschichtiges Vorgehen entwickelt, das neben expliziten, diskursiv eingeübten bzw. hegemonialen Signifikanten für Emotionen auch implizite Erscheinungsformen innerdiskursiver Emotionalisierungen herausarbeitet. Dabei verstehen wir als explizite Erscheinungsformen innerdiskursiver Emotionalitäten narrative Einheiten, in denen Sprecher*innen ihrer Emotionalisiertheit über den Bezug auf Emotionskategorien, körperliche Empfindungen sowie frühere körperliche und emotionale Erfahrungen Ausdruck verleihen (Abb. 2).
Abb. 2Ausgewählte deduktiv entwickelte Codes für die Analyse der expliziten Erscheinungsformen innerdiskursiver Emotionen. Die Codes wurden unter Berücksichtigung aktueller neuro- und sozialwissenschaftlicher Emotionsforschung entwickelt und in 135 der 148 analysierten Dokumenten vergeben. Visualisierung mit MaxQDA.
Solche Formen von Emotionalisierungen mit klar erkennbaren Etiketten sind bereits in den oben aufgeführten Beispiel-Ausschnitten zu Tage getreten (Wut, Trauer, Schmerz, Sorge…). Methodisch-kodierend kann man sich die verwendeten Emotionskategorien dann in polarisierten geopolitischen Identitätskonstruktionen (Eigen/Fremd, Freund/Feind) komplementär als weiter zuschärfende Elemente vorstellen, dabei finden stereotyp verwendete Negativ-Emotionen ihr diskursives Gegenüber in positiven Emotionssignifikanten, wie im nachfolgenden Beispiel, wo die Menschen in der Ukraine über das emotional wertschätzende Motiv der „Bewunderung“ ihres Widerstandes diskursiv an das Eigene angebunden werden:
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Empirischer Impuls II: Explizite Erscheinungsformen innerdiskursiver Emotionen
Wir trauern mit den Familien um die Opfer, die es bis heute und auch in diesen Stunden und Minuten in so großer Zahl – auch unter der Zivilbevölkerung – gibt. Und wir bewundern den Mut und den Willen dieses Volkes, um seine Freiheit zu kämpfen. Wir sind zugleich beschämt und bedrückt, dass wir diesem Land und diesem Volk nicht schon haben früher helfen können. Unsere größte Bewunderung und unser größter Respekt gilt dem frei gewählten Staatspräsidenten der Ukraine. (Friedrich Merz, CDU, 27.2.2022)
Neben dem Bezug auf klar im Diskurs verankerte und kollektiv verwendete Emotionskategorien umfassen explizite Erscheinungsformen des Weiteren narrative Einheiten, in denen zum Zweck der Emotionalisierung des Gesagten Bezüge auf kriegsbezogene Ereignisse und Folgen für die Zivilbevölkerung hergestellt werden, die die Dramatik des Geschehens dadurch vorstellbar zu machen versuchen, indem sie sie mit entsprechend schmerzhaften Prozessen in der Geschichte des eigenen Kollektivs verbinden. Dies zeigt sich beispielsweise im Auszug aus Amira Mohamed Alis Rede vor dem Deutschen Bundestag vom 27.2.2022:
In der Ukraine sterben Kinder, Frauen und Männer. Angstvoll drängen sich Menschen in U-Bahnhöfen, Familien werden auseinandergerissen, Wohngebäude werden zerstört. Hunderttausende sind auf der Flucht, vor allem Frauen und Kinder. Die Bilder, die uns täglich erreichen, sind unfassbar, schockierend. Bei vielen Menschen in ganz Europa, besonders bei den Älteren, die die Schrecken und das Leid des Zweiten Weltkrieges noch erlebt haben, wächst die Angst. Meine Tante Hilda aus Heide – sie ist 95 Jahre alt – rief vor ein paar Tagen an und sagte, sie hat wieder Angst vorm Krieg. Auch das ist erschütternd. (Amira Mohamed Ali, Die Linke, 27.2.2022)
Die aktuelle Angst (als konkrete Emotionskategorie) der ukrainischen Menschen im Kriegsgebiet wird hier durch die Erinnerung an ähnliche Kriegs- und Fluchtereignisse in der deutschen Geschichte während des zweiten Weltkrieges plastisch und im Eigenen fühlbar gemacht. Über den Bezug auf die körperliche Dimension der kollektiven Erfahrung wird diese aber auch im individuellen Körper gewissermaßen nachfühlbar. Die Erzählung von Mohamed Alis Tante Hilda schlägt die Brücke ins Private und Persönliche. Mit all diesen subkutan ablaufenden diskursiven Erzählformern sollen insgesamt die gegenwärtigen Ereignisse und Erfahrungen in eine Kontinuität mit einer kollektiv geteilten, emotional aufgeladenen Vergangenheit gesetzt werden.
Die vorliegende Verwendung expliziter Formen von Emotionalisierungen mit teilweise zugeschärften, diskursiv starken Signifikanten zeigt, dass die empirische Analyse trotz der oben angesprochenen konstruktivistischen Kritik beim methodischen Zugriff auf diese Aspekte nicht verzichten kann, denn sie stellen ein wesentliches Merkmal diskursiver Emotionalisierungen in den untersuchten geopolitischen Debatten des Bundestages dar. Es sind gerade die expliziten Signifikanten, über die das kollektive Wir (und seine einzelnen Mitglieder) als eine Art fühlender Kollektivkörper konstruiert und angerufen werden.
Aber auch jenseits solcher vermeintlich klaren Zuschreibungen lassen sich vielfältige implizite Formen der Emotionalisierung von Diskursen finden, die als latente emotionale Einfärbung des Gesagten eine zuweilen erhebliche Bedeutung haben können. Als solche lassen sich sprachliche Figuren verstehen, die auf den ersten Blick keinen direkten signifikativen Bezug zu einer Emotionskategorie aufweisen, aber dennoch eine sozial geteilte und verstandene emotionale Konnotation vollziehen. Gerade latente Formen emotionaler Bedeutungskonstruktion werden kollektiv verstanden, weil sie langfristig in den gesellschaftlichen Formen des Sprechens eingeübt sind. Um die impliziten und latenten Formen von Emotionalisierungen empirisch greifen zu können, schlagen wir vor, sie in Anlehnung an das Konzept der „affektiven Atmosphären“ (Anderson, 2009; Schopper, 2022) als „emotionale Stimmungen“ zu fassen. Unter diesem Begriff möchten wir empirisch ein Phänomen herausarbeiten, das im Rückgriff auf sozial geteilte emotionale Muster subtiler Emotionalisierungen in inhaltliche Aussagen eingebunden ist, im Gesagten mitschwingt und dieses emotionalisierend einfärbt. Während sich allerdings das Konzept der affektiven Atmosphären empirisch stärker auf die konkreten Körper in Begegnung bezieht, zielt das Konzept der emotionalen Stimmungen auf die Analyse des emotionalisierenden Potentials auf der sprachlich-symbolischen Ebene.
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Empirischer Impuls III: Implizite innerdiskursive Emotionalisierungen/Emotionale Stimmungen
Vor 63 Tagen überfiel Russland die Ukraine, mordet und brandschatzt und greift damit auch unser aller regel- und wertebasierte Ordnung an, meine Damen und Herren, eine Ordnung, die 1945 als Konsequenz aus dem barbarischen Zweiten Weltkrieg erwuchs. Nie wieder sollte das Prinzip des Stärkeren gelten. Die Vereinten Nationen wurden gegründet, um künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren. (Marie Agnes Strack-Zimmermann, FDP, 28.4.2022)
In diesem Auszug aus Marie Agnes Strack-Zimmermanns Rede vor dem Bundestag am 28.4.2022 lässt sich nachvollziehen, inwiefern die Emotionalisierung (geo-)politischer Debatten über direkte Bezüge auf eindeutige Emotionskategorien hinausgeht und durch latente emotionale Einfärbungen noch wirksamer wird. Zunächst reproduziert dabei die Antagonisierung Russlands ein zentrales Motiv geopolitischer Ost-West-Repräsentationen: Sie verläuft in diesem Auszug vor allem über die inhaltliche Gegenüberstellung eines die Ukraine überfallenden, mordenden, brandschatzenden und die internationale Ordnung angreifenden Russlands und eines Wir, dass sich selbst als friedenwahrend und Prinzipien wie Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit verpflichtet sieht. Während das Zitat zwar keinen Bezug zu konkreten Emotions-Signifikanten aufweist, lässt es dennoch eine starke emotionale Färbung erkennen, die darauf zurückzuführen ist, dass die expliziten inhaltlich-politischen Zuschreibungen auf der impliziten Ebene emotionalisierende Konnotationen transportieren, welche dann bestimmte Assoziationen wecken. Die Darstellung Russlands ist hier stark von Assoziationen mit Gewalt, Zerstörung und Unrecht geprägt – Assoziationen, deren emotionalisierende Wirkung zentral für die Konstruktion Russlands als geopolitische Bedrohung sind. Inhaltlich erfolgt in Strack-Zimmermanns Zitat die Konstruktion Russlands als eine geopolitische Bedrohung über die Interpretation des Überfalls auf die Ukraine als Angriff auf „unser aller regel- und wertebasierte Ordnung“, und parallel dazu konstruiert sich die Schärfe der Bedrohung vor allem über die emotionalen Konnotationen, die in der Repräsentation Russlands mitschwingen. Die Intensität der Bedrohung verstärkt sich durch den Bezug auf den Zweiten Weltkrieg, weil der gegenwärtige Angriff damit diskursiv gleichsam als Angriff auf die gesamte demokratische Nachkriegsordnung repräsentiert wird. Auf diese Weise wird die durchlebte Kriegsvergangenheit als potentielle Zukunft konstruiert, was die Bedrohung durch Russland rhetorisch noch konkreter und greifbarer macht. Damit unterstreicht die starke emotionale Aufladung vergangener (Welt-)Kriegserfahrungen die Interpretation der aktuellen Situation und ihrer historischen Tragweite.
Für die Herausarbeitung solcher Befunde kann die diskurstheoretische Analyse teilweise auf Begrifflichkeiten der klassischen Sprachhermeneutik zurückgreifen, mit denen sich die hier explorativ analysierten Aspekte systematisch gesehen als sprachlichen Figuren wie Metaphern, Polarisierungen, Vergleichen, Metonymien, Anspielungen etc. kodieren lassen (Koschut, 2018:284). Auch Wiederholungen und Steigerungen, sowie sprachliche Markierungen von Wert, Dauer und Intensität lassen sich als Konstruktionselemente emotionaler Stimmungen kartieren (Abb. 3). Während emotionale Intensitäten expliziter Erscheinungsformen deutlicher zu Tage treten, sind es gleichzeitig die impliziten emotionalen Stimmungen, die maßgeblich zur Intensivierung und Emotionalisierung (geo-)politischer Diskurse beitragen.
Abb. 3Ausgewählte induktiv entwickelte Codes für die Analyse der impliziten Erscheinungsformen innerdiskursiver Emotionen. Die Codes wurden in 121 der 148 analysierten Dokumenten vergeben. Visualisierung mit MaxQDA.
Für die Empirie eines diskurstheoretisch informierten Projektes wird trotzdem in der Bearbeitung größerer Datenmengen noch einmal kritisch zu prüfen sein, in welcher Weise und mit welchen Einschränkungen die stärker aus der subjektzentrierten Rhetorik/Inhaltsanalyse stammenden Bezeichnungen übertragen werden können. Mit diesen Einschränkungen ergänzt die Analyse impliziter Formen von innerdiskursiven Emotionalisierungen aber die Befunde der expliziten Erscheinungsformen zu einer Archäologie der emotional geopolitics, die sich, wie die Beispiel-Impulse deutlich gemacht haben, durchaus mit Gewinn für das Verstehen entsprechender Fälle eignen. Eine solche Erweiterung kritisch-geopolitischer Analysen erscheint nicht nur für die Untersuchung der Debatten über das Kriegsgeschehen produktiv, sondern auch für die darauf aufsetzenden Auseinandersetzungen über außen- und sicherheitspolitische Maßnahmen. Bereits der erste Eindruck aus den Bundestagsdiskussionen um eine zunehmende Militarisierung Deutschlands zeigt, dass die Berücksichtigung sprachlicher Emotionalisierungen für das Verstehen der kontroversen politischen Verhandlungen entsprechender Forderungen unabdingbar ist (Abb. 4). Auf diese Weise wird eine kritische Reflexion der (selbst geschaffenen) politischen Handlungszwänge möglich, von der aus auch ein wissenschaftlich begründeter emanzipatorischer Interventionsmoment möglich wäre, der Politiker*innen die Gefahr einer solchen von Hensell und Schlichte (2025) kürzlich als „Hysterie-Falle“ bezeichneten Diskursentwicklung vor Augen führen könnte. Eine solche Erweiterung lässt sich auch mit feministischen Perspektiven in Resonanz bringen, die aufzeigen, dass die Positionierung hinsichtlich Militarisierung und die Bewertung militärischer Maßnahmen abhängig von lokalen Kontexten, verkörperten Erfahrungen und insbesondere von der konkreten Betroffenheit militärischer Gewalt sind (Hendl et al., 2024; O'Sullivan and Krulišová, 2023).
Abb. 4Die Auszüge aus Redebeiträgen der langanhaltenden Diskussion um eine (Re-)Militarisierung Deutschlands – kodiert mit ausgewählten Codes – zeigen, wie explizite (links) und implizite (rechts) sprachliche Emotionalisierungen die Aushandlung sicherheitspolitischer Positionierungen rahmen. Die emotionale Aufladung der Debatten durch Bezugnahmen auf historische Begebenheiten und persönliche Erfahrungen spielt bei der Entwicklung konkreter Forderungen und der Bewertung politischer Maßnahmen eine zentrale Rolle.
Ermöglicht das bisher entwickelte Konzept eine Analyse grundlegender Muster der Verkopplung von geopolitischen Raumproduktionen mit (expliziten und impliziten) Emotionalisierungen, so rückt im Augenblick eines ausbrechenden Krieges der für die kritisch-geopolitische Analyse besonders spannende zeitliche bzw. genealogische Aspekt in den Fokus. Denn in diesem historischen Moment tritt nicht nur die politische Regelverletzung zu Tage, die eine Polarisierung inhaltlicher und emotionaler Dimensionen der politischen Debatten anstößt. Vielmehr macht gerade die Wahrnehmung dieser Verschiebungen als dramatisch oder plötzlich auf noch grundlegender Ebene sichtbar, dass unsere geopolitischen Vorstellungen über die Welt, über die globalen Geographien von Freunden und Feinden, immer bereits mit emotionalisierten Einfärbungen verbunden sind. Diese setzen über ein kollektiv geteiltes inhaltliches Wissen auch gemeinsam geteilte Einschätzungen über deren emotionale Bedeutung voraus. Die Verbindung von gewaltorientierten Schlüsselereignissen in den ersten Kriegsmonaten mit Gefühlen wie Trauer und Scham verweisen eben nicht nur auf als vermeintlich selbstverständlich geltende gesellschaftlich geteilte Normen und Werte, sondern auch auf deren – ebenso kollektiv geteilte – Verknüpfung mit bestimmten emotionalen Zuschreibungen.
Hinweise dafür finden sich bereits bei der explorativen Auseinandersetzung mit der Bundestagsdebatte um die Kriegsverbrechen in Butscha. Wenn hier, wie oben gezeigt, politische Bewertungen der Gewalttaten an der Zivilbevölkerung mit emotionalen Zuschreibungen verknüpft werden, wird diese Beurteilung diskursiv plausibel, weil lang eingeübte gesellschaftlich geteilte Wertvorstellungen sie als „Zivilisationsbruch“ und „[eines der] schwersten Kriegsverbrechen in Europa“ (Thomas Erndl, FDP, 6.4.2022) erscheinen lassen. Deren besonderes Gewicht wird durch die starke Emotionalisierung unterstrichen, die einer solchen Verletzung grundlegender Menschenrechte zugeschrieben wird:
Ich bin mir aber sicher, dass künftige Generationen, ob in der Ukraine, in Deutschland oder in ganz Europa, wissen werden, was in Butscha passiert ist und wofür dieser Ort steht. Butscha steht für unfassbar viel Leid, Gewalt und grauenhafte Verbrechen. […] Ohnmacht, Angst, Hilflosigkeit. (Bijan Djir-Sarai, FDP, 6.4.2022)
Aus genealogischer Perspektive ist dabei hervorzuheben, dass die Dramatik der Ereignisse hier nicht durch eine diskursive Neuschöpfung der emotionalen Einschätzung des Ereignisses hergestellt wird, sondern durch einen diskurshistorischen Vergleich: den Bezug auf frühere russische Kriegsverbrechen in Aleppo (Syrien) und Grosny (Tschetschenien). Es sind genau diese emotional aufgeladenen Verbindungslinien, die dem Muster der Gewalt eine noch größere Bedeutung zuschreiben. Dieser Linie folgt auch der SPD-Abgeordnete Michael Roth:
Butscha wird sich sicherlich tief in das kollektive Gedächtnis […] einbrennen. Aber vergessen wir nicht: Butscha steht nicht für sich allein. Butscha hat eine Vorgeschichte. Es ist Aleppo, es ist Grosny, es sind viele andere Orte, wo Putin mit aller Brutalität gezeigt hat, wozu er bereit und imstande ist, um seine Interessen knallhart entmenschlicht durchzusetzen. (Michael Roth, SPD, 6.4.2022).
Über diesen Bezug werden die Ereignisse in Butscha als Teil eines Musters und als Fortsetzung einer Reihe von Gräueltaten eingeordnet, welche die Geschehnisse kontextualisieren. Butscha, wie auch Aleppo und Grozny, werden dabei nicht nur zu inhaltlichen geo-politischen Erinnerungsorten für russische Kriegsverbrechen, sondern auch für die damit verbundenen Emotionalisierungen.
Die Interpretation dieser Beispiele wird gestützt durch Befunde aus der interdisziplinären Emotionsforschung, die den Blick stärker als früher auf die relationale Verfasstheit entsprechender Emotionalisierungsdynamiken legen. Aktuelle Emotionalisierungen gesellschaftlicher Phänomene (als sensorisch wahrgenommene Welt) entwickeln sich nicht auf der Grundlage fest verankerter, vermeintlich biologischer Basiskategorien, sondern auf der relationalen Grundlage vorangehender Erfahrungen und Einstellungen (Barrett, 2022). In diesem Sinne können Emotionalisierungen – ähnlich wie inhaltliche Zuschreibungen diskursiver Ordnungen – auch als Vorhersagen über die Welt verstanden werden, die eine bestimmte Wahrnehmung der Welt miterzeugen. Die Konstruktion einer emotionalen Erfahrung kann entsprechend als Moment der (diskursiven) Bedeutungsproduktion verstanden werden. So individuell und subjektiv die körperliche Erfahrung einer Emotion auch sein mag, sie ist – und das bringt uns zurück auf die Ebene sprachlich-diskursiver Muster – mit einer bereits bestehenden Geschichte früherer Erfahrungen und konzeptionellen Wissens über die Welt verwoben. Gerade letztere ist für unsere Analysen interessant, weil sie den Blick auf die kollektiv eingeübten (und damit hegemonial stabilisierten) emotionalen Register lenkt, die auf aktuelle Emotionalisierungskonstruktionen einwirken.
Dabei kommen auf der emotionalen Ebene des Diskurses die für die Veränderung geopolitischer Identitätsmuster zentralen Fragen von Stabilität und Wandel ins Spiel, wobei in unserem konkreten Fall weniger die schleichende Verschiebung über lange Zeiträume, sondern das „Verschiebungs-Potential“ inhaltlicher Zuschreibungen und emotionaler Polarisierungen von Freund-Feind-Bildern im Angesicht eines eher plötzlich eintretenden Ereignisses von Interesse sind (Abb. 5).
Abb. 5Visualisierung der Kollokationen des Begriffs „Russland“ im primären Datenkorpus vor (November 2013–Dezember 2021) und nach (Dezember 2021–Dezember 2022) dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Darstellung basiert auf einer mit AntConc durchgeführten Kollokationsanalyse (Likelihood Ratio), bereinigt durch eine Stoppliste. Die Gegenüberstellung macht diskursive Verschiebungen in den mit „Russland“ verknüpften Bedeutungszuschreibungen im Zuge des geopolitischen Ereignisses sichtbar. Korpusbasiert wurde der Dezember 2021 als Einschnitt gewählt, und nicht der militärische Eskalationspunkt im Februar 2022, da sich im Dezember 2021 ein signifikanter Anstieg der Redebeiträge zeigt, in denen „Russland“ erwähnt wird, was auf diskursiver Ebene relevante Bewegungen erkennen lässt. Visualisierung mit AntConc.
Um diese Verschiebungen nicht nur deskriptiv im Material zu kodieren, sondern theoriegeleitet verstehen zu können, sind erneut Impulse aus der emotionsbezogenen Forschung hilfreich, mit denen man genealogisch die zeitliche Dynamik emotionaler Einfärbungen von Diskursen konzeptualisieren kann. Dazu bietet es sich an, die von Sara Ahmed entlehnten Ansätze mit weiteren Bausteinen aus ihrer Cultural Politics of Emotion (Ahmed, 2014) zu verdichten. Insbesondere ihre Konzepte der Stickiness von Emotionen (Laliberté and Schurr, 2016) und des „affektiven Werts“ (Ahmed, 2003) liefern hier Anknüpfungspunkte. Um sie für die Betrachtung der innerdiskursiven emotionalen Dimensionen geopolitischer Identitätskonstruktionen fruchtbar zu machen, bedarf es allerdings einer Adaption und Erweiterung beider Konzepte.
Ahmed zufolge verläuft die Neukonfiguration und Stabilisierung emotionaler Verknüpfungen mit inhaltlichen, hier geopolitischen Aspekten einer Debatte darüber, dass in den sich kollektiv entwickelnden diskursiven Repräsentationen bestimmte Emotionen immer wieder an bestimmte sprachliche Signifikanten (kollektive Identitätskonstruktion wie Nationen bzw. deren Repräsentant*innen) angebunden werden. Die Folge ist, dass sie nach und nach „haften“ bleiben (stickiness). Wiederholung und Gewöhnung sind die Prinzipien der Verstetigung bei diesem kollektiven Erlernen von Emotionalisierungen. Exemplarisch zeigt Ahmed dies an Debatten um Migration, wo die wiederholte metaphorische Verknüpfung des Signifikanten „Flut“ mit migrierenden Körpern kollektive Gefühle von Überforderung und Kontrollverlust an das Phänomen der Migration bindet und die Figur des*r Migrant*in dadurch als (Sicherheits-)Bedrohung für die nationale Gemeinschaft konstruiert wird (Ahmed 2014:46). Die sich in dieser Form bildenden Verknüpfungen entstehen nicht spontan und erratisch, sondern als Effekt vorhergegangener Verbindungen. Je öfter die Verknüpfungen wiederholt werden, je breiter sie zirkulieren und je mehr Resonanz sie gewinnen, desto mehr affektiven Wert akkumulieren sie. Dieser wird – so Ahmed – emotionalisierend wirksam und lässt im Alltagsempfinden der Menschen Einschätzungen entstehen, die als kollektiv geteilte Gefühlslagen verstanden werden. Ahmeds Konzeptionalisierung der Dynamik von Emotionen folgt damit dem oben angesprochenen relationalen Prinzip und versteht sie als etwas, das weder im Inneren eines Individuums noch eines Kollektivs „natürlich“ oder „essenziell“ verortet ist. Entsprechend handelt es sich – obwohl häufig ähnliche Emotions-Signifikanten verwendet werden – weniger um das Teilen eines gleichen Gefühls, sondern um eine geteilte Orientierung auf das (imaginierte) Objekt einer Emotion (Ahmed, 2014:10–11). Diese kollektiv geteilten Orientierungen verdichten sich dann durch vielfältige diskursive Wiederholungen zu kollektiven emotionalen Konnotationen (die auf diese Weise dann an bestimmten Elementen zu „kleben“ scheinen). Sie verstetigen sich im Zuge dieser Reartikulationsschleifen zu hegemonialen Mustern von Emotionalisierungen – hier wird genau jenes Phänomen sichtbar, welches wir als emotionale Stimmungen verstehen. Eben weil emotionale Konnotationen stets mit (ähnlichen) inhaltlichen Erzählungen verwoben sind, bieten emotionale Stimmungen als emotional eingefärbte und emotionalisierende Narrative einen Interpretationsrahmen für die Erfassung solcher gesellschaftlichen Bedeutungsproduktionen.
Mit solchen Überlegungen zur Stickiness von Emotionen und ihrer Wirkweise im Sinne einer affektiven Ökonomie zeigt Ahmed „how language works as a form of power in which emotions align some bodies with others, as well as stick different figures together, by the way they move us“ (Ahmed, 2014:195). Diese Konzeptualisierung ist anschlussfähig an Überlegungen zur inhaltlichen Dynamik in Diskursen, wie sie von Foucault herausgearbeitet und in der Humangeographie prominent rezipiert und weiterentwickelt worden sind (Glasze and Mattissek, 2021). Im diskurstheoretischen Duktus attestiert Ahmed damit den Emotionalisierungen eine grundlegend wichtige Rolle für die temporäre Fixierung von Bedeutung. Aus ihrer Sicht sind sie zentral für die Produktion gesellschaftlicher Wirklichkeiten. Ahmeds Verständnis der Wirkweise von Emotionen weist dabei Parallelen zu Ernesto Laclaus „notion of affective investment“ (Solomon, 2014:728) und seiner Differenzierung zwischen (diskursiver) Form und (affektiver) Kraft auf (Laclau 2005:111, zit. nach Koschut, 2015:13).
Nimmt man all diese Aspekte zusammen, machen sie gemeinsam verstehbar, wie emotionale Stimmungen zu einem Moment der Bedeutungsproduktion werden, durch welchen sich die Fluidität diskursiver Bedeutungsstrukturen zeitweise stabilisiert. Der diskurstheoretischen Perspektive Laclau und Mouffes folgend weist aber auch Ahmed dem historischen Gewordensein bestimmter Artikulationen keine deterministische Wirkung zu. Sticky Verbindungen haben stets das Potential, erneut ins Gleiten zu kommen, sodass die emotionalen Stimmungen bestimmter Elemente des Diskurses (hier z. B. geopolitische Identitätskonstruktionen) sich wieder verändern und in Fluss kommen. Entsprechend sind die Bewegungen innerhalb des Registers emotional-diskursiver Verknüpfungen von einer zweifachen Dynamik des Sticking and Sliding (Ahmed, 2003:392) geprägt.
Bezogen auf eine Untersuchung der emotional geopolitics politischer Debatten im Bundestag im Kontext des Ausbruchs des russischen Angriffskriegs in der Ukraine kann damit analysiert werden, wie ein Register innerdiskursiver Emotionalitäten in Fluss gerät, wie geltende Verknüpfungen von Emotionen und Inhalten ins Gleiten kommen und sich danach möglicherweise in neuen oder historisch reaktualisierten sticky connections verstetigen. In dieser Hinsicht können wir in einer ersten explorativen Auseinandersetzung mit unserem Datenmaterial verschiedene Bewegungen im Zwischenspiel von diskursivem Wandel und Emotionen nachzeichnen, die wir zunächst etwas plakativ in Form von drei einführenden Thesen verdichtet haben:
Erstens nehmen angesichts der in Europa in den vergangenen Dekaden eher auf Gewaltverzicht und Diplomatie setzenden Logiken internationaler Auseinandersetzungen beim Ausbruch des Krieges gegen die Ukraine die Emotionalisierungen in den Debatten zu. Die bis dahin eher im Hintergrund mitschwingenden emotionalen Stimmungen schwellen an, werden expliziter, treten an die Oberfläche des Gesagten. Das zeigt sich daran, dass der Anteil an Beiträgen, die aus einer emotionalisierten Positionierung heraus sprechen – seien es eigene Erfahrungen von Krieg, Leiden, Angst oder jene von kriegsbetroffenen Personen – sowie die emotionalisierte Charakterisierung der Zerstörung und des Leidens im Kriegsgeschehen in den Redebeiträgen deutlich ansteigt.
Zweitens werden Emotionalisierungen zugeschärfter, eindeutiger, um nicht zu sagen: identitärer. Neben subtilen und impliziten Emotionalisierungen treten seit dem Ausbruch des Krieges häufiger eindeutige und „starke“ Emotionssignifikanten auf, wie Angst, Trauer, Wut und sogar Hass:
Ich weiß nicht, was überwiegt, wenn man die Bilder sieht, wie Leben von jungen Menschen in Uniformen, von Frauen und Kindern in der Zivilbevölkerung zerstört wird: Ist es Trauer, oder ist es Wut, die einen erfasst? Aber eines überwiegt sicher: Größer als der Hass Putins auf die Ukraine ist unsere Solidarität mit den Menschen und dem Volk der Ukraine (Alexander Dobrinth, CSU, 27.2.2022)
Die sprachlichen Zuschärfungen führen zu einer Intensivierung der emotionalen Stimmung, in der weniger Raum für emotionale Zwischentöne, Differenzierungen und Ambiguität bleibt, so auch in dem Auszug von Saskia Eskens Rede vor dem Deutschen Bundestag, in welchem die Politikerin Nachrichten und „hektisch geschriebene Hilferufe“ von flüchtenden ukrainischen „Mütter[n] und Väter[n], […] Brüder[n] und Schwestern, Freundinnen und Freunde[n]“ an „Menschen in unserer Mitte“ referenziert:
Das sind Zeugnisse voller Sorge und Angst, Sorge und Angst auch um die Soldatinnen und Soldaten, die für ihr Leben und für ihr Land kämpfen. Und doch scheint auch immer wieder Hoffnung durch: Hoffnung darauf, dass Ukrainerinnen und Ukrainer in ihrer Heimat bald wieder in Frieden und Freiheit leben können. (Saskia Esken, SPD, 27.2.2022)
Drittens kommt es durch die Gewalteskalation zu einer inhaltlichen und emotionalen Verstörung, die eine Suche nach (neuen) Deutungsangeboten nach sich zieht, um der Unbeschreiblichkeit der Geschehnisse etwas entgegenzusetzen und die „Sprachlosigkeit“ (Richardson, 2016:137) zu überwinden.
Die Bilder aus Butscha machen sprachlos. Aber wir können nicht zulassen, dass uns diese Sprachlosigkeit lähmt. Wir müssen der Sprachlosigkeit etwas entgegensetzen. (Anikó Merten, FDP, 7.4.2022)
Mit Blick auf diese Befunde bietet sich eine Erweiterung der Überlegungen Ahmeds an, die in gewisser Weise angelehnt ist an das diskurstheoretische Konzept der geopolitischen Archive, das auf den poststrukturalistischen Überlegungen Foucaults zur Genealogie und Veränderung von diskursiven Formationen gründet. Als Archiv bezeichnet Foucault „[d]ie Gesamtheit der historischen Diskursformationen, aus denen die derzeitigen Diskurse ihre Formen des Sagbaren (ebenso wie des Unsagbaren und Marginalisierten) beziehen“ (Creutziger and Reuber, 2021:2–3). Dieses zunächst inhaltlich argumentierende Konzept kann im Sinne der emotional geopolitics um eine emotionale Dimension erweitert werden, welche in historischen Epochen vorgenommen Emotionalisierungen des geopolitisch Fremden in die Betrachtung einbezieht. Auch hier würde gelten, dass diese, wenn sie im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen ihren Geltungsanspruch zeitweise verlieren, zwar zeitweilig aus dem aktiven „Raum des Sagbaren“ ausgeschlossen werden (Reuber, 2011:26), trotzdem aber im emotionalen Langzeitgedächtnis erhalten bleiben. Die Archive der Geopolitik, so wäre unsere These, speichern damit nicht nur inhaltliche Bedeutungszuschreibungen, sondern auch emotionale Konstellationen. Auch sie bleiben in den „Archiven des Diskurses“ bestehen und können im besonderen Krisenmoment des Kriegsausbruchs reaktiviert werden. Exemplarisch zeigt das der Debattenbeitrag der SPD-Abgeordneten Gabriela Heinrich, bei dem sie die aktuelle russische Invasion der Ukraine in die emotional negativ konnotierte historische Kontinuität des Imperialismus des 19. Jahrhunderts stellt:
Der Angriff auf die Ukraine ist eine historische Zäsur; es wurde heute schon häufig gesagt. Dieser Angriff hat die europäische Friedensordnung zerstört. Dieser Wahnsinn, diese von Präsident Putin vorangetriebene Eskalation der von ihm selbst geschaffenen Krise, macht fassungslos und schockiert. […] [D]ieser brutale Überfall ist Auswuchs eines verqueren Weltbildes, einer absurden Interpretation der Geschichte und eines Imperialismus, den wir für überwunden hielten. Mit seinem Vorgehen und seiner Rhetorik knüpft Wladimir Putin an die dunklen Zeiten der russischen und sowjetischen Geschichte an. (Gabriela Heinrich, SPD, 27.2.2022)
Die Auseinandersetzung mit der Emotionalisierung (geo-)politischer Diskurse gewinnt angesichts der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022 und der darauffolgenden Polarisierung politischer Debatten an Brisanz. Aus diskurstheoretischer Sicht stellt dieser „Zeitenwende“-Moment ein analytisches Fenster dar, in dem sich nicht nur die Verschiebungen der diskursiven Korridore des Sagbaren beobachten, sondern sich auch die Formen und Wirkungen der Emotionalisierung des geopolitischen Diskurses verfolgen lassen. Um diese Aspekte zu untersuchen, muss allerdings das Verhältnis von Sprache und Emotionen genauer konzeptualisiert werden, das in den bisher stärker auf Fragen der Körperlichkeit und Materialität ausgerichteten Ansätzen der emotional geopolitics kaum fokussiert worden ist. Dieses Anliegen bildet den Schwerpunkt unseres Beitrages, indem er die konzeptionellen Kerngedanken einer feministisch- und politisch-geographischen Debatte um Emotionen und Affekte herausarbeitet, die sich neben Impulsen aus der Affekt- und Emotionsforschung insbesondere auf Sara Ahmeds Cultural Politics of Emotion (Ahmed, 2014) stützen. Diese werden jedoch mit Blick auf den empirischen Kontext der Analyse von politischen Debatten und Medienbeiträgen auf eine sprachlich-diskursive Ebene angepasst, sodass eine theoretische Perspektive entsteht, die es ermöglicht, das Verhältnis (sprachlich ausgedrückter) Bedeutung und (sprachlich ausgedrückter) Emotion zu fassen.
Die Erarbeitung einer geeigneten konzeptionell-theoretischen Perspektive, aus welcher sich ein methodologisch tragfähiger Ansatz für eine qualitativ-interpretative Analyse der Emotionalisierungen geopolitischer Debatten entwickeln lässt, stellt in der Logik unseres Forschungsprojektes einen ersten konzeptionell zentralen Arbeitsschritt im Vorfeld unserer empirischen Forschung in der zweiten Projektphase dar. Dabei haben wir diese Bausteine im Sinne der methodischen Umsetzung in einer ersten Auseinandersetzung mit dem empirischen Material entwickelt, um so unsere Überlegungen empirisch rückzubinden und zu kalibrieren.
Der Kern unserer Argumentation entwickelt sich auf zwei Ebenen: Wir gehen zunächst der Frage nach, wie sich Emotionen in sprachlichen Debatten empirisch untersuchen lassen und wie dabei aus geopolitischer Perspektive die Verkopplung kollektiver territorialisierter Körper (Nationen) und emotionaler Zuschreibungen nicht nur die Grundlogik der Emotionalisierung geopolitischer Freund-Feind-Konstruktionen bildet, sondern das dichotome Motiv die territoriale Falle weiter zuschärft und polarisiert. Die Analyse erster Beispieldaten zeigt, dass sich sowohl sehr offensichtliche Emotionalisierungen auf der Oberfläche des Gesagten als auch subtilere Formen wechselseitig ergänzen. Dabei wird deutlich, dass die Verknüpfung geopolitischer Raumkonstruktionen mit Emotionen durchaus komplexer verläuft als die Verbindung bestimmter Geschehnisse sowie (kollektiver) Identitätszuschreibungen mit scheinbar eindeutigen Emotionskategorien wie Hass, Trauer, Mitgefühl oder Angst. Innerdiskursive emotionale Intensitäten fließen teilweise subtiler durch sprachliche Debatten hindurch und färben sie als latente und implizite emotional(isierend)e Konnotation. Diese emotionalen Stimmungen sind oft weniger offensichtlich als explizite Verweise auf Emotionskategorien oder körperliche und emotionale Erfahrungen, tragen aber gleichwohl maßgeblich zur Intensivierung und Emotionalisierung (geo-)politischer Diskurse bei. Diese ersten Befunde machen deutlich, dass für die qualitativ-interpretative Analyse der Emotionalisierungen geopolitischer Debatten ein mehrschichtiges Vorgehen sinnvoll erscheint, über das sich neben expliziten, diskursiv eingeübten bzw. hegemonialen Signifikanten für Emotionen auch implizite Erscheinungsformen innerdiskursiver Emotionalisierungen herausarbeiten lassen.
Die zweite Ebene unserer Argumentation bezieht sich – aufbauend auf der Kartierung der emotionalen Archäologien in den Debatten – auf den fast noch wichtigeren Aspekt der Dynamik, d.h. auf die genealogische Frage. Im vorliegenden Falle des Kriegsausbruchs als „Zeitenwende“ eröffnet sich ein Forschungsfenster, um schnelle Veränderungen in inhaltlichen Zuschreibungen und emotionalen Polarisierungen von geopolitischen Repräsentationen und Freund-Feind-Konstruktionen zu untersuchen. Für die Entwicklung eines theoretisch-konzeptionellen Rahmens für die genealogischen Teile der empirischen Analyse sind Sara Ahmeds Ausführungen zur Stickiness bzw. zum Sliding von Emotionen hilfreich. Diese mussten jedoch, ebenso wie ihre Überlegungen zum „affektiven Wert“, noch einmal auf den besonderen Kontext innerdiskursiver Formen von Emotionalisierungen angepasst und über Bezüge auf das diskurstheoretische Konzept der geopolitischen Archive erweitert werden.
Nach ersten exemplarischen Interpretationen an ausgewählten Debattenbeiträgen aus der Phase nach Ausbruch des Ukraine-Krieges geht es im nächsten Schritt darum, unsere hier dargelegten theoretisch-konzeptionellen Überlegungen und das daraus entwickelte Analyseschema ausführlicher im Rahmen der folgenden empirischen Phase zu prüfen und zu schärfen. Es gilt zu schauen, in welcher Differenziertheit sich damit emotionale Komponenten geopolitischer Debatten einerseits „im Augenblick der Debatten über das Geschehen“ herausarbeiten lassen, andererseits aber auch inwiefern sich geopolitische Imaginationen und Leitbilder tiefgründiger in ihren Dynamiken und Genealogien verstehen lassen. Bereits die ersten Interpretationen zeigen allerdings, wie sehr beim Thema Emotionalisierungen aus methodologisch-methodischer Sicht auch die diesbezüglichen Subjektivierungen und Erfahrungen der forschenden Personen selbst Teil des Forschungsprozesses und seiner kritischen Reflexion sein müssen. Das entwickelte qualitativ-interpretative Vorgehen beinhaltet neben kodierenden Verfahren auf sprachlich-symbolischer Ebene noch stärker als bei rein inhaltsbezogenen Diskursanalysen neben den üblichen Formen der Kritik autoethnographische Momente, in denen sich die forschende Person hinsichtlich ihrer eigenen Positionalität und der damit verbundenen Affizierung in der Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial kritisch befragt. Analog zu Ahmeds Verständnis von Emotionen und Affekten als verwoben, zeigt sich hier, dass eine machtsensible Analyse sprachlicher Bedeutung und diskursive Bewegungen Aspekte von situierter Körperlichkeit und Materialität nicht ausklammern kann, da Machtasymmetrien und Differenz stets auch verkörpert sind.
Insgesamt legen wir mit diesen ersten konzeptionellen Vorschlägen und ihrer exemplarischen Überprüfung an den Bundestagsdebatten zum Ausbruch des Krieges nicht nur einen konzeptionellen Beitrag zur politisch-geographischen Untersuchung emotional-diskursiver Dynamiken vor, sondern nutzen diese, um im nächsten Schritt auch die konkreten Dynamiken solcher emotional geopolitics herauszuarbeiten. Unser Beitrag bildet das Fundament für eine nachfolgende ausführliche Analyse der inhaltlichen und emotionalen Verschiebungen in den politischen Debatten, deren Dynamiken sich in kürzester Zeit in tiefgreifenden, langfristig wirksamen außen- und sicherheitspolitischen Richtungsentscheidungen niederschlagen. Diese reichen von der Aufnahme von Geflüchteten über erhebliche finanzielle und militärische Unterstützungsleistungen bis zu einschneidenden Konsequenzen für die Wiederaufrüstung und Remilitarisierung Deutschlands. Im Sinne eines Wissenstransfers werden wir diese Punkte im abschließenden Teil unseres Projektes in Interviews mit Politiker*innen in den Mittelpunkt stellen, um speziell die Folgen der emotionalisierten Debatten für politische Entscheidungen und Materialisierungen auszuloten und dabei auch die These zu prüfen, inwieweit sich dadurch Spielräume der Diplomatie und Politik verengen und vermeintliche Ausweglosigkeiten des Handelns entstehen, die ohne den Krisendruck und emotionalisierte öffentliche Diskurse differenzierter erfolgen könnten. Insgesamt stellt ein solches politisch-geographisches Forschungsdesign zur Analyse der Emotionalisierung geopolitischer Diskurse nicht nur eine wichtige Ergänzung des Forschungsprogramms der Kritischen Geopolitik dar, sondern erweitert auch über die Grenzen verschiedener Disziplinen hinweg ein stark wachsendes und gesellschaftlich zukunftsrelevantes Forschungsfeld, das sich mit der Verbindung von sprachlicher-identitärer Zuschärfung, emotionaler Polarisierung, gesellschaftlicher Spaltung und Gewalt sowie deren Bedeutung für das institutionalisierte Politik-Machen in Zeiten multipler Krisen befasst.
Dieser Beitrag basiert auf öffentlich zugänglichen Plenarprotokollen des Deutschen Bundestags. Die Daten wurden über die OpenDiscourse-Datenbank bezogen, welche die Protokolle strukturiert aufbereitet zur Verfügung stellt (https://doi.org/10.7910/DVN/FIKIBO, Richter et al., 2020).
Beide Autor*innen haben an der Entwicklung der konzeptionellen und inhaltlichen Ideen des Artikels, der Verfassung des Manuskriptentwurfs sowie an der Überprüfung und Überarbeitung nachfolgender Versionen mitgewirkt.
Die Autor:innen erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Anmerkung des Verlags: Copernicus Publications bleibt in Bezug auf gerichtliche Ansprüche in veröffentlichten Karten, institutionellen Zugehörigkeiten oder anderen geographischen Begrifflichkeiten neutral. Die letztendliche Verantwortung für geeignete Ortsnamen liegt bei den Autor:innen. Die im Text geäußerten Ansichten sind die der Autor:innen und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten des Verlags wider.
Wir möchten uns herzlich bei den beiden Gutachter*innen sowie dem Editor Alexander Vorbrugg für ihre Zeit und ihre konstruktive Kritik bedanken.
Diese Forschung wurde von der Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) unterstützt (Projektnummer 526017286).
Dieser Artikel wurde von Alexander Vorbrugg redaktionell betreut und durch zwei anonyme Expert:innen begutachtet.
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Den primären Datenkorpus haben wir über die Plattform OpenDiscourse zusammengestellt (Richter et al., 2020). Anhand der monatlichen Häufigkeit von Redebeiträgen, in denen der Begriff „Russland“ mindestens einmal erwähnt wurde, haben wir im Zeitraum November 2013 bis Dezember 2022 Phasen identifiziert, in denen Russland besonders intensiv thematisiert wurde. Da der Durchschnittswert durch den starken Anstieg der Redebeiträge nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 deutlich nach oben verzerrt ist, haben wir zusätzlich auch jene Monate berücksichtigt, in denen die Anzahl der Beiträge besonders abrupt angestiegen ist. Insgesamt wurden so 2501 Redebeiträge erfasst und anschließend manuell gesichtet. Beiträge mit lediglich oberflächlicher Russland-Erwähnung haben wir aussortiert. Zur Einordnung der Parlamentsdebatten dient ein Vergleichskorpus, der für die entscheidenden Kern- und Schlüsselphasen des Krieges und der Bundestagsdebatten ausgewählte Beiträge von Welt Online, der taz, der Sächsischen Zeitung sowie der New York Times umfasst.
- Kurzfassung
- Emotionen als Verstärker geopolitischer Debatten in aktuellen Krisen und Kriegen
- The Cultural Geopolitics of Emotion: Startpunkte für eine theoretische Perspektive auf die Rolle von Emotionen in geopolitischen Diskursen
- Die Archäologie der emotional geopolitics: Überlegungen zur empirischen Analyse der Emotionalisierung (geo-) politischer Diskurse
- Die Genealogie der emotional geopolitics: Zur Dynamisierung des Verhältnisses von Emotion und Sprache in geopolitischen Diskursen
- Fazit und Ausblick
- Datenverfügbarkeit
- Autor:innenmitwirkung
- Interessenkonflikt
- Haftungsausschluss
- Danksagung
- Finanzierung
- Begutachtung
- Literatur
- Kurzfassung
- Emotionen als Verstärker geopolitischer Debatten in aktuellen Krisen und Kriegen
- The Cultural Geopolitics of Emotion: Startpunkte für eine theoretische Perspektive auf die Rolle von Emotionen in geopolitischen Diskursen
- Die Archäologie der emotional geopolitics: Überlegungen zur empirischen Analyse der Emotionalisierung (geo-) politischer Diskurse
- Die Genealogie der emotional geopolitics: Zur Dynamisierung des Verhältnisses von Emotion und Sprache in geopolitischen Diskursen
- Fazit und Ausblick
- Datenverfügbarkeit
- Autor:innenmitwirkung
- Interessenkonflikt
- Haftungsausschluss
- Danksagung
- Finanzierung
- Begutachtung
- Literatur