Book review: Chris Philo: Adorno and the Antifascist Geographical Imagination
Philo, C.: Adorno and the Antifascist Geographical Imagination, Edinburgh University Press, 400 ff., ISBN 978-1399544672, USD 130,00, 2025.
„To think antifascistically is necessarily to think geographically, to think geographically ought to be to think antifascistically“ (Philo, 2025:1). So beginnt Chris Philo seine neue Monographie Adorno and the Antifascist Geographical Imagination. Ein Aphorismus, der zeitgemäß und hoffnungsvoll ist. Zeitgemäß, weil die aktuelle politische Konjunktur eine antifaschistische Positionierung erfordert. Hoffnungsvoll, weil dieser Leitsatz auch projektiv ist und eine zukünftige Verpflichtung der Disziplin im Angesicht einer sich verschärfenden autoritären Konjunktur formuliert. Philo entwickelt seine Überlegungen – wie der Titel bereits verrät – aus einer intensiven Auseinandersetzung mit Theodor W. Adorno. Adorno, ein zentraler Vertreter der Frankfurter Schule, wurde in den letzten Jahren verstärkt in der Humangeographie rezipiert (z. B. Belina und Reuber, 2021; Walker und MacFarlane, 2026). Besonderes Interesse galt dabei Adornos radikaler Gesellschaftskritik und seiner Auseinandersetzung mit Autoritarismus (Adorno, 2018), Rechtsradikalismus (Adorno, 2019) und Kritik der Kulturindustrie (Horkheimer und Adorno, 2017). Durch eine dezidierte Auseinandersetzung mit den musiktheoretischen, ästhetischen und philosophischen Theorien Adornos legt Chris Philo nun eine theoretisch anspruchsvolle Ergänzung vor.
Chris Philo ist Professor für Geographie an der Universität Glasgow und hat aktuelle geographische Debatten durch seine Arbeiten über Michael Foucault, historische Geographien und Geographien mentaler Gesundheit geprägt. Mit Adorno and the Antifascist Geographical Imagination, erschienen bei Edinburgh University Press als Teil der geotheory-Reihe, legt er nun eine zentrale Referenz geographischer Forschung mit und zu Adorno vor. Dieses Buch thematisiert Adornos gesellschaftskritische und philosophische Arbeiten, die wiederum Grundlage der titelgebenden antifaschistischen Imagination sind. Damit greifen Philosophie, Geographie und antifaschistische Überlegungen in den zehn Kapiteln dieses Werks ineinander.
Nationalsozialismus, Autoritarismus und Shoah sind zentrale Bestandteile der Theoriebildung und des öffentlichen Engagements Adornos. Chris Philo knüpft hieran an und arbeitet Parallelen zu aktuellen politischen und diskursiven Verschiebungen heraus. Hierfür skizziert er seine antifaschistische Imagination zunächst in einem Prolog, bevor sich das erste Kapitel mit der Biographie Adornos, die als persönliche Geographie benannt wird (Philo, 2025:14), auseinandersetzt. In diesem ersten Kapitel führt Philo auch in die bisherige geographische Rezeption Adornos ein. Der Autor konzentriert sich dabei vor allem auf Publikationen aus dem angloamerikanischen Kontext, insbesondere auf Beiträge zur marxistischen Theoriebildung, zur „production of nature“-Debatte (Philo, 2025:22), ästhetisch-kulturgeographische Arbeiten und die jüngste Rezeption durch die politische Geographie. Dieses erste Kapitel, welches gemeinsam mit dem Prolog den Grundton des Buches vorgibt, schließt mit begrifflichen Auseinandersetzungen zu Faschismus und Antifaschismus. Die folgenden neun Kapitel fokussieren jeweils spezifische Werke Adornos bzw. Theoriebildungsaspekte. Beispielsweise setzt sich Philo ausgehend von Adornos und Max Horkheimers Dialektik der Aufklärung in Kapitel 2 mit Naturbeherrschung und in Kapitel 3 mit modernen Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen auseinander. Adornos Minima Moralia dient in Kapitel 4 als Zugang zu Negativität, Melancholie und einer mikrogeographischen Perspektive. Kapitel 5 setzt sich mit der Negativen Dialektik, Adornos opus magnum, auseinander. Dieses Kapitel enthält unter anderem ein geographisches Glossar der Negativen Dialektik (Philo, 2025:113–134), das Begriffe wie Place, Landscape und Region reflektiert. Daran schließen Kapitel über Adornos Rezeption von Søren Kierkegaard (Kapitel 6) und Martin Heidegger (Kapitel 7) sowie geographische Betrachtungen von Adornos Ästhetischer Theorie (Kapitel 8) und seinen musiktheoretischen Arbeiten (Kapitel 9) an. Das letzte und zehnte Kapitel thematisiert die Studien zum autoritären Charakter, anhand derer Chris Philo Akteure, Denkweisen und räumliche Imaginationen des Angriffs auf das Kapitol im Januar 2021 erläutert. Im Epilog führt der Autor die argumentativen Fäden zusammen, indem er die Negativität Theodor W. Adornos, die räumliche, beziehungsweise geographische, Dimension seiner eigenen Überlegungen, sowie die Notwendigkeit und die Möglichkeiten einer „antifaschistischen Philosophie“ (Philo, 2025:278) miteinander verschränkt. Abschließend bezieht sich der Autor auf Adornos Vortrag Erziehung nach Auschwitz und bekräftigt dessen kategorischen Imperativ, wobei er hervorhebt, dass es auch Aufgabe der Geographie sei, alles dafür zu tun, um zu verhindern, dass Auschwitz sich wiederhole.
Adorno and the Antifascist Geographical Imagination überzeugt durch theoretische Tiefe. Diese liegt nicht nur in der detailreichen Auseinandersetzung des Autors mit den Werken Adornos, sondern auch darin, dass beständig deren räumliche Bezüge herausgearbeitet werden. So wird die Parallele zwischen der Theoretisierung von Naturbeherrschung in Dialektik der Aufklärung und geographischen Kritiken an der Ausbeutung natürlicher Ressourcen aufgezeigt. Zugleich wird deutlich, wie die von Horkheimer und Adorno beschriebene Form der Naturbeherrschung auf Verräumlichung, Quantifizierung und räumliche Abstraktion durch Kommodifizierung verweist. Philo zeigt, dass Dialektik der Aufklärung eine geographische Dimension hat, die sich kritisch auf Formen räumlicher Abstraktion beziehen lässt (Philo, 2025:47ff.). In Anlehnung an Horkheimers und Adornos Interpretation der Odyssee arbeitet Philo somit im zweiten Kapitel heraus, wie sich Aufklärung und Naturbeherrschung wechselseitig verschränken – insbesondere durch Rationalisierungspraktiken der Kartographie und anderer Verfahren räumlicher Aufzeichnung (Philo, 2025:53ff.). Auch Adornos materialistische Kritik an Søren Kierkegaards geschlossenem Denkgebäude greift Philo aus geographischer Perspektive auf (Philo, 2025:142f). Im sechsten Kapitel setzt er sich mit der materiell-räumlichen Dimension dieses Denkgebäudes auseinander, welche er in der räumlichen Produktion des bürgerlichen Apartments als privatem Rückzugsraum sieht. Diese räumliche Konstruktion reduziere Klassenkonflikte, koloniale Ausbeutungsverhältnisse und die ökologische Zerstörung durch die Industrialisierung auf eine entleerte, dekorative Form – oder blende sie vollständig aus. Durch das Buch hindurch unterzieht Philo Adornos Kritik damit einer „Geographisierung“, indem er einerseits deren räumliche Dimension explizit macht und andererseits eine kritisch-geographische Perspektive auf die gesellschaftliche Produktion räumlicher Ordnungen einnimmt. Das gilt auch für das zehnte und letzte Kapitel, in welchem der Autor gegenwärtige autoritäre Verschiebungen thematisiert. Er zeigt, dass die dort beschriebenen autoritären Momente auf spezifischen geographischen Imaginationen beruhen, insbesondere auf faschistischen Raumvorstellungen und der territorialen Projektion von Vorurteilen (Philo, 2025:268). Damit ist die große Stärke dieses Werkes, neben seiner Detailtreue, dass es die geographisch-räumliche Dimension diverser Werke Adornos herausarbeitet. Durch dieses Vorgehen wird Adorno für geographische Debatten zugänglicher und das Geographische in den Theorien Adornos wird für eine interdisziplinäre Rezeption aufgefächert. Philos Interpretation bleibt dabei Adornos ursprünglichem Denken treu, indem die Welt in ihrer Negativität ausgeleuchtet wird und trotzdem die hoffnungsvolle Perspektive einer progressiven Veränderung nicht aufgegeben wird.
Chris Philo entwickelt seine antifaschistische geographische Imagination als theoretisches Projekt. Dies ist einerseits die große Stärke des Werkes, zugleich aber auch eine Limitation. Philo bezieht sich immer wieder auf aktuelle autoritäre Dynamiken – vor allem die erste Trump-Administration in Kapitel 10. Das Buch beinhaltet jedoch keine systematische Auseinandersetzung mit aktuellen Arbeiten über politische Geographien von Autoritarismus und radikaler Rechter (z. B. Koch, 2022, Luger, 2024, Autor*innenkollektiv Terra-R, 2024). Darüber hinaus wünscht man sich an manchen Stellen eine stärkere Konkretisierung und Greifbarkeit der antifaschistischen geographischen Imagination, als etwas, das sich auch in konkrete politische Praxis übersetzen ließe. Diese Leerstellen schmälern die Relevanz des Werkes jedoch nicht. Vielmehr geht von ihm ein theoretischer Impuls aus, der zukünftige geographische Arbeiten und universitäre Politiken inspirieren könnte. Insgesamt legt Chris Philo mit Adorno and the Antifascist Geographical Imagination ein ebenso anspruchsvolles wie wegweisendes Werk vor. Es eröffnet nicht nur neue Perspektiven auf Adorno, sondern plädiert zugleich für eine kritisch-reflexive, antifaschistische Rationalität für die Geographie – ein Impuls, der angesichts aktueller autoritärer Entwicklungen dringend gebraucht wird.