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Sorgende Gemeinschaften: Performative Praxis des Miteinander-Sorgens
Anke Strüver
This article examines how “other caring communities” emerge through collective action and in response to the current crisis of care. It explores how these communities take shape through performative and embodied practices of caring with in everyday life under conditions of social marginalization, and how forms of collective responsibility develop in the process that simultaneously expand and challenge existing care arrangements. As self-organized alliances, other caring communities respond to the scarcity and unequal distribution of care resources. They renegotiate care responsibilities, relationships, and roles beyond institutional, familial, or market-based forms.
The article conceptualizes other caring communities as embodied, relational, and politically significant formations constituted through shared interdependencies. To this end, it brings Judith Butler's concepts of precarity and precariousness, as well as performative alliances, in dialogue with Joan Tronto's ethics of care. Situated within a post-structural materialist framework, this conceptual synthesis links macrostructural conditions of inequality with micropolitical practices of care. Drawing on illustrative examples from informal support for refugees in public and private spaces in Brussels, the article demonstrates how everyday practices of caring with generate temporary, fragile, yet transformative communities, that challenge existing power relations while experimenting with alternative modes of care and social togetherness.
We seek to think, and to be forced to think, by new forms of relation that might emerge from our collective experimentation. We seek to find ways to make the interdependencies of our webs of receiving, making and providing more visible, and thus to open up new spaces for commoning across the boundaries and divisions that have so often been built between us. (Miller und Gibson-Graham, 2020:331)
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Angesichts der vorherrschenden Sorgekrise und Krise der sozialen Reproduktion sowie demographischer Entwicklungen in älter werdenden Gesellschaften, werden kollektiven Formen von Sorge jenseits der Familie, institutionalisierter Versorgung und jenseits kommodifizierter Formen von Sorge große Bedeutung zugeschrieben. Sorgende Gemeinschaften werden notwendig gemacht und intensiv diskutiert – mit all ihren Möglichkeiten und Fallstricken. Vor diesem Hintergrund skizzieren wir im Folgenden, aufbauend auf Debatten um Gemeinschaft, Kollektivität und soziale Verbundenheiten sowie Abhängigkeiten, die sich aus menschlichem Prekärsein ergeben und fundamentaler Bestandteil menschlichen und mehr-als-menschlichen Lebens sind, unsere Überlegungen zu alltäglichen und verkörperten sorgenden Gemeinschaften. Dabei betonen wir die Notwendigkeit – und stete Präsenz – kollektiver gemeinschaftlicher Praktiken des Miteinander-Sorgens. Letztere beruhen auf gesellschaftlichen Interdependenzen und werfen ethische und politische Fragen zu geteilter Verantwortung auf. Diese zutiefst verkörperten Gemeinschaften definieren sich nicht durch soziale oder räumliche Ab- und Ausgrenzung, sondern entstehen in der und durch die Praxis des Miteinander-Sorgens. Wir ordnen sie ein als eine Form der throwntogetherness, die die Ko-Präsenz unterschiedlicher Menschen mit verschiedenen Sorgebedürfnissen und -ressourcen in vielfältigen Räumen fördert und die sowohl unterstützende als auch konflikthafte Begegnungen mit sich bringt (Massey, 2005). Diese Begegnungen können den Aufbau von Beziehungen einander fremder Personen implizieren, aus denen sorgende Gemeinschaften hervorgehen, die wiederum die gegenseitige Anerkennung von Prekärsein fördern und gegen Bedingungen intervenieren, die Prekarität hervorbringen. Räumlichkeit ist gleichzeitig Bedingung und Produkt dieser sozialen Beziehungen und die Räumlichkeiten sorgender Gemeinschaften stellen Möglichkeitsräume dar, um mit anderen Formen der Sorge und Gemeinschaft zu experimentieren.
Ansetzend bei der Räumlichkeit richten wir den Fokus von räumlich gerahmten imagined communities auf embodied communities, die in Form verkörperter Allianzen andere Räumlichkeiten produzieren: Räume, die im Innen von Differenzbeziehungen geprägt sind. Darauf aufbauend skizzieren wir „andere sorgende Gemeinschaften“ als kollektiv sorgende Beziehungsweisen und performativ verkörperte gemeinschaftliche Verbundenheit. Diese entstehen im Kontext „struktureller Sorglosigkeit“ (Aulenbacher et al., 2015) und gesellschaftlicher Marginalisierung. Sie konstituieren sich in der Praxis des Miteinander-Sorgens, basieren auf der Anerkennung gesellschaftlicher Interdependenzen und verweisen auf mehr-als-kapitalistische Formen von Gemeinschaft (Gibson-Graham, 2008; Rose, 1997).
Dazu werden wir zunächst feministisch-materialistische Diskussionen um die gegenwertige Sorgekrise und die Krise der sozialen Reproduktion als genuin kapitalistische Strukturmerkmale kurz aufgreifen (Abschnitt 2), um daraus die Dimension wechselseitiger Abhängigkeiten, des Prekärseins (Judith Butler) wie des Sorgens (Joan Tronto) abzuleiten. Auch wenn – oder gerade weil – sich die beiden nicht aufeinander beziehen und gesellschaftstheoretisch unterschiedlich verortet sind, bringen wir ihre Überlegungen zusammen mit dem Ziel, grundlegende gesellschaftliche Interdependenzen jenseits individueller Beziehungen zu skizzieren (Abschnitt 3). Vor diesem Hintergrund diskutieren wir die Krisenhaftigkeit von Sorge und sozialer Reproduktion in kapitalistischen Gesellschaften und die Notwendigkeit der (Re-)Kollektivierung von Sorgearbeit, -beziehungen, -verantwortungen und -orten. Wir wollen den Blick von der Individualisierung, Privatisierung und Vermarktlichung von Sorge im neoliberalen Finanzkapitalismus verschieben und kollektive Sorge-Konzepte diskutieren, um über alternative Bedingungen für Sorge nachzudenken und mit anderen sorgenden Gemeinschaften zu experimentieren. Schließlich fragen wir nach den Gemeinschaften, die aus der Praxis des gemeinsamen Sorgens hervorgehen, und stützen uns dafür auf Trontos (2013) Konzeption des „Miteinander-Sorgens“ (caring with).
Dies illustrieren wir anhand der sorgenden Gemeinschaften, die in der Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten durch Freiwillige in Belgien entstehen (Abschnitt 4). Diese verkörperten Gemeinschaften entstehen nicht durch Identitätsmerkmale, sondern sind durch Differenz und Multiplizität gekennzeichnet. Statt über Abgrenzung definieren sie sich über die Interdependenzen untereinander und die Teilhabe Fremder Anderer1. Damit wollen wir nicht die Prekarität dieser Sorgearrangements ausblenden; vielmehr die Möglichkeiten für Veränderung hervorheben, in dem, was Menschen bereits tagtäglich tun und wie sie Sorge organisieren, um gut zu leben (Morrow und Dombroski, 2015). Angelehnt an J. K. Gibson-Grahams (2008) poststrukturalistische Überlegungen zu other worlds erlaubt eine solche Perspektive, die vielfältigen positiven wie negativen Implikationen von Alternativen zu reflektieren und gemeinschaftliche Formen von Sorge nicht lediglich als Lückenbüßer für gescheiterte Sorgeregimes zu begreifen, sondern als etwas zu betrachten, das (auch) gesellschaftliches Miteinander jenseits kapitalistischer Strukturen ermöglicht, fördert und reproduziert.
Wir fragen daher, wie sich alltägliche andere sorgende Gemeinschaften jenseits familialer, institutionalisierter und marktförmiger Sorgearrangements konstituieren, und welche gesellschaftlichen Beziehungsweisen in der Praxis des Miteinander-Sorgens entstehen. Konkreter noch interessiert uns, wie performative Praktiken des Miteinander-Sorgens Gemeinschaften hervorbringen und wie sich diese als andere Gemeinschaften artikulieren und schließlich auch, welche gesellschaftstheoretischen Debatten Impulse liefern, um Sorgen als kollektive, relational-politische und performative Praxis zu verstehen. Dementsprechend verfolgt dieser Beitrag auch das Ziel, eine poststrukturmaterialistische Perspektive zu entwickeln, die konzeptionell wie analytisch gesellschaftliche Strukturen mit mikropolitischen Beziehungsweisen kombiniert.
Gemeinschaften – communities – haben in der sozialtheoretisch informierten Humangeographie um die Jahrtausendwende eine wichtige Rolle gespielt, und zwar primär als imagined communities im Sinne Benedict Andersons (1991). Im Anschluss an Edward Saids Orientalism (1978) skizzierte er die Nation als eine neue Art von gleichermaßen begrenzter wie souveräner imaginierter Gemeinschaft, die sich nach außen von anderen Nationen abgrenzt und nach innen in der Idee der Freiheit und Unabhängigkeit verwurzelt ist. Obwohl sich die Mitglieder möglicherweise nie kennen lernen werden, wurde diese Art der Gemeinschaft als „horizontale Kameradschaft“ (Anderson, 1991:5) konzipiert, die an die Stelle von verwandtschaftlichen oder religiösen Verbindungen getreten sei. Die Gemeinschaft und ihr Raum (hier: Territorium) wird dabei als eine durch Bilder und Texte – als Diskurse – konstruierte verstanden, ohne dadurch weniger real zu sein.
An die Stelle der imagined communities ist mittlerweile eine Auseinandersetzung mit embodied communities getreten, seien es urbane Nachbarschaften (siehe Beitrag in diesem Heft von Maren Schwarz und Julia Lossau), neue Rechte (siehe Editorial dieses Themenhefts) oder auch aktivistische Bewegungen (Breinbauer, 2024; Strüver, 2015). Letztere spezifizierend diskutieren wir in diesem Beitrag lokale sorgende Alltagsgemeinschaften als gleichermaßen gesellschaftstheoretische wie sozialpolitisch-aktivistische Perspektive und beziehen uns dabei vorrangig auf feministische Argumente und Kontexte zu den Prinzipien des Miteinander-Sorgens. Aufbauend auf dem Begriff der Cuidadanía der Precarias a la deriva (2014) umschreiben wir diesen als eine Bedeutungsverschiebung durch Verbindung der beiden Begriffe cuidado (Sorge) und ciudadanía (Bürger:innenschaft) als affektive soziale Beziehungen, die nicht an nationalstaatliche Anerkennungsprinzipien gebunden sind, sondern an die ethischen Prinzipien des Prekärseins und der Interdependenz. Wir werden in diesem Beitrag allerdings nicht auf soziologische Grundsatzdebatten zu Gemeinschaft rekurrieren und Kriterien für Gemeinschaften oder historische Bedeutungszuschreibungen erörtern (siehe dazu Rosa et al., 2010). Vielmehr wollen wir die Möglichkeiten und Bedingungen anderer sorgender Gemeinschaften und ihre Beziehungsweisen adressieren.
2.1 Andere Gemeinschaften
Vor dem Hintergrund der vieldiskutierten imagined commmunities und Stuart Halls (1995) sowie Doreen Masseys (1994) Kritik an den essentialistischen und ab- bzw. ausgrenzenden Konzeptionen von Gemeinschaft, skizziert Gillian Rose andere Formen von Gemeinschaft, die sie aus den Erfahrungen von community art projects in der Peripherie Edinburghs ableitet. Sie konzipiert andere Gemeinschaften als Orte der gegenseitigen Unterstützung und Interaktion: „This other ‚community‘ is imagined as a body politic of positive affect“ (Rose, 1997:10). Zwar entstehen sie in der Marginalisierung und aus der Vernachlässigung durch Institutionen und finden demzufolge gesellschaftliche Bedingungen vor, die ihr Handeln einschränken. Doch ist die Marginalisierung nicht lähmend für die andere Gemeinschaft. Sie widersetzt sich der Marginalisierung, sie spricht und handelt performativ. Andere Gemeinschaften ent- und bestehen aus Verbindungen und verkörperten Allianzen, die auch andere Räumlichkeiten hervorbringen als jene, die ihnen zugewiesen werden. Diese Räumlichkeiten geben der Gemeinschaft jedoch keine wesenhafte Form. Sie bleiben offen und basieren als Räumlichkeit der Gemeinschaft auf Beziehungen zwischen Menschen. Dementsprechend ist sie gleichermaßen agil wie fragil.
Roses Konzeption bietet einen Perspektivenwechsel, der nicht strukturelle Marginalisierung und ihre Verräumlichungen reproduziert, sondern alternative Erzählungen und Handlungsweisen generiert. Für uns bieten diese Überlegungen Inspiration, um über „andere sorgende Gemeinschaften“ nachzudenken und Roses andere Gemeinschaften in weiterer Folge um sorgeethische Dimensionen zu erweitern. Dafür beziehen wir uns auch auf den Ansatz der other worlds von J. K. Gibson-Graham (2008), der mit performativen Praktiken experimentiert. Sowohl bei Roses „anderen Gemeinschaften“ (1997), als auch bei Gibson-Grahams „anderen Welten“ (2008) bezieht sich das andere auf mehr-als-kapitalistische Formen von Gemeinschaft und Wirtschaft. Diese Perspektiven rücken Formen gesellschaftlicher Organisation und Interaktion in den Vordergrund, die in kapitalistischen Machtverhältnissen gesellschaftlich vernachlässigt bzw. explizit ausgegrenzt werden. Das lenkt unseren Blick auf die vielen unterschiedlichen Formen von Sorge und Sorgebeziehungen, die gleichzeitig existieren, insbesondere auf marginalisierte ökonomische Praktiken, die jenseits warenförmig angebotener existieren, aber nicht als solche erkannt werden (unbezahlte Arbeit, Social Economy-Initiativen, wie Kooperative oder Solidarische Landwirtschaften und andere alternative Ökonomien). Gerade sie haben jedoch einen größeren Anteil am gesellschaftlichen Fortbestehen und Wohlergehen als kapitalistische Strukturen und Verhältnisse. Hier schließen Gibson-Graham (2008:617) explizit Sorgepraktiken mit ein, sowohl Fürsorge und materielle Versorgung als auch Freiwilligenarbeit. In der Entdeckung und Theoretisierung von Dynamiken, die diese anderen Ökonomien hervorbringen und stärken, werden strukturelle Marginalisierungen und dominante Erzählungen nicht stets reproduziert, vielmehr rücken andere alternative Praktiken in den Fokus und neue Möglichkeiten werden gemeinschaftlich performativ praktiziert. Dieses kollektive Tun ist nicht nur als Lückenfüller (Mangelbekämpfung) ausgelegt. Es basiert auch auf der Freude am gemeinschaftlichen Tun – und diese Freude lässt sich vor allem dann entwickeln, wenn Abhängigkeit nicht länger als defizitäres Gegenüber von Freiheit bzw. als Scheitern am Recht auf Freiheit gilt. „Diese Art, sich Gemeinschaft vorzustellen, bejaht die Relationalität nicht bloß als eine deskriptive oder historische Tatsache unserer Formierung, sondern auch als eine dauerhafte normative Dimension unseres sozialen und politischen Lebens, als eine Dimension, in der wir gezwungen sind, uns über unsere wechselseitige Abhängigkeit klarzuwerden“ (Butler, 2005:44).
2.2 Sorgende Gemeinschaften
Sorgende Gemeinschaften – caring communities – werden derzeit häufig in sozialwissenschaftlichen und politischen Zusammenhängen diskutiert: als Vision und Utopie, als sozial- und gesundheitspolitische Konzepte, aber auch als analytische Perspektive. Dementsprechend vielfältig sind Anlässe und Ausgestaltungen. Trotz der breiten Resonanz fehlt eine einheitliche Definition, und obwohl der Begriff der caring communities überwiegt, erkennen wir keine Abgrenzung zur deutschen Übersetzung. Sorgende Gemeinschaften stehen für unterschiedliche kollektivierte Formen der Fürsorge und Versorgung. Der Begriff weist auf Sorgebedarfe hin, die die Möglichkeiten und Kapazitäten einzelner Individuen oder Familien/Haushalte übersteigen. Als ermöglichende Perspektive erfordert er eine veränderte gesellschaftliche Verteilung von Verantwortung durch Kollektivierung. Sorgende Gemeinschaften reichen also über das Individuum, die Kernfamilie, den privaten Wohnraum und warenförmig angebotene oder institutionalisierte Dienstleistungen hinaus und verschieben dabei die gesellschaftlichen Zuschreibungen von „öffentlich“ und „privat“.
Unter denjenigen, die den Begriff „sorgende Gemeinschaften“ explizit verwenden, identifizieren wir drei (einander überlappende) Stränge in der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Debatte. Einerseits stehen sorgende Gemeinschaften für sozialpolitische lokale Versorgungskonzepte bzw. „Leitkonzepte“ (Klie, 2020) in einem Quartier, einer Gemeinde oder Region. Hierbei handelt es sich meist um formelle Sorgekonzepte, die ein Zusammenwirken unterschiedlicher Akteur:innen bei weitgehend eindeutiger Aufgabenverteilung begreifen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz verfolgen nationale Förderprogramme das Ziel, neue Formen der lokalen Gemeinschaftsbildung und Versorgung zu initiieren (Klie, 2020). Ausgehend von einem raumdeterminierten Gemeinschaftsverständnis sollen sorgende Gemeinschaften lokale Sorgenetzwerke bilden, die privatwirtschaftliche, staatliche, familiare und freiwillige „ehrenamtliche“ Sorgeangebote engmaschig innerhalb eines abgegrenzten Raumausschnitts verknüpfen (Winker, 2022; Wegleitner et al., 2023). Insofern stellen sorgende Gemeinschaften eine bestimmte Form – und Aktivierung – von Freiwilligenarbeit dar (Haubner, 2020; Zängl, 2023).
Dies wird zum zentralen Thema des zweiten Stranges: gesellschaftstheoretisch fundierte Analysen von lokalen Sorgearrangements2. So wird in materialistischen Analysen das sozialpolitische Konzept der caring communities kritisiert. Im Vordergrund dieser Debatte stehen die Indienstnahme unbezahlter Ressourcen, um politisch erzeugte Lücken in der Daseinsvorsorge zu füllen, und die damit einhergehende Verschiebung von Verantwortung an un-(ter-)bezahlte und nicht ausreichend ausgebildete Freiwillige (Haubner, 2020; van Dyk und Haubner, 2021; Winker, 2022). Zudem wird kritisiert, dass der affirmative Gemeinschaftsbegriff exklusive Gemeinschaftsformen (re-)produziert (Hübl, 2024), während er gleichzeitig die ungleichen Machtverhältnisse und die Rahmenbedingungen der Freiwilligenarbeit verschleiert3. Insbesondere Freiwilligenarbeit wird zunehmend durch Mitleid affektiv aktiviert (Bargetz und Griesser, 2024). Damit einhergehend werden Sorgeempfangende als „arme, leidende, passive, dankbare“ Bittsteller:innen konstruiert, während sich Sorgegebende in einer machtvolle(re)n Position als „großzügige“ Bürger:innen positionieren (van Dyk und Misbach, 2016). Diese Asymmetrie in den Sorgebeziehungen folgt kontingenten paternalistischen Mustern, die dem Erhalt vorherrschender Machtverhältnisse dienen und Herrschaft legitimieren. Diese Muster führen zu Abwertung und Ausschluss und gehen häufig mit der Konstruktion eines „wir“ und „ihr“ einher, die über die Gegenüberstellung von „Helfenden“ und „Bedürftigen“ funktioniert, koloniale Denkfiguren reproduziert und von Unterstützten einen fortwährenden Nachweis ihrer Bedürftigkeit („deservingness“) sowie mitunter unterwürfige Dankbarkeit verlangt (van Dyk und Misbach, 2016).
Ein dritter Strang setzt sich schließlich aus Beiträgen zusammen, in denen die Potentiale sorgender Gemeinschaften ausgelotet werden, wenngleich diese dabei häufig als „gesellschaftliche Hoffnungsbilder und Projektionsflächen zugleich“ idealisiert werden (Wegleitner et al., 2023:51). Sorgende Gemeinschaften als umfassende und zukunftweisende Sorgearrangements (Zängl, 2023) werden als Reaktion auf die Kritik der Vermarktlichung von Sorge verstanden und fungieren als Chiffre für „innovative Modelle des Lebens, Wohnens und der Sorge vor Ort“ (Klie, 2020:28). Caring communities stehen hier für eine Demokratisierung von Sorge, indem sie Menschen in neuen Konstellationen zu grundlegenden Fragen gesellschaftlichen Miteinanders zusammenführen. Idealerweise „beteiligen, vernetzen und bringen [caring communities] in neuen Konstellationen Menschen zu wichtigen Fragen des Lebens und Zusammenlebens ins Gespräch. Sie setzen Aktivitäten zur Stärkung des wechselseitigen Verständnisses, von Vertrauen und Zusammenhalt und schaffen Orte und Räume des gemeinsamen Nachdenkens zur Zukunft der lokalen Sorgenetze“ (Wegleitner et al., 2023:57).
Wie oben ausgeführt, stehen (sozial-)politisch initiierte Formen in Kommunen im Fokus der sozialwissenschaftlichen und -politischen Debatte zu sorgenden Gemeinschaften. Doch gibt es vielzählige Initiativen und Kollektive, die alltäglich gemeinsam und selbstorganisiert Fürsorge und Versorgung leisten – meist aus der Notwendigkeit und dem Mangel an (Zugang zu) anderen Angeboten und den unzureichenden Kapazitäten, individuelle Sorgebedarfe kollektiv zu decken, bspw. in Stadtteilkantinen und Gemeinschaftsküchen (Abram et al., 2025; Flückiger et al., 2024; Hübl, 2024; Verwey und Saltiel, 2025), in Geflüchtetenunterkünften, -unterstützung oder Ankunftsstrukturen (Hans, 2023; Huke, 2023; Schmid, 2019), in der Obdachlosenhilfe (Felder, 2025), selbstorganisierter Kinderbetreuung (Zechner, 2021) oder Initiativen des Teilens und Schenkens (Lehtonen und Jupp, 2025). Diese „desintegrierten Formen des Sorgens“ (Laufenberg, 2020), „Schatteninfrastrukturen der Sorge“ (Power et al., 2022) oder „lokale Sorge-Infrastrukturen von unten“ (Schilliger, 2022; Flückiger et al., 2024) reagieren auf die gesellschaftlich ungleiche Verteilung von Prekarität, indem sie neue kollektive, solidarische sorgebezogene Praktiken und andere Beziehungsweisen hervorbringen (Laufenberg, 2020; Hübl, 2024). Diese Formen gemeinschaftlicher Sorge finden in der Literatur zu caring communities noch zu wenig Beachtung, rücken aber bspw. im Kontext der Debatten um Sorgeinfrastrukturen (Botha et al., 2025; Gutiérez Sánchez, 2023), care commons (Zechner, 2021; Gutiérez Sánchez, 2023) oder um radical care (Laufenberg, 2020; Hobart und Kneese, 2020) ins Zentrum. So betont Zechner (2021) in ihrer Konzeption von care commons mit Bezug auf feministische Commons-Theoretiker:innen wie Maria Mies (2014) oder George Caffentzis und Silvia Federici (2014) die Bedeutung von Gemeinschaft für commoning Praktiken. Darauf aufbauend werden wir Dimensionen von Gemeinschaft, kollektiven sorgenden Beziehungsweisen und ihre Performativität in den Fokus rücken, und damit eine Perspektive eröffnen, die kollektive Sorge als gelebte und verkörperte Formen gemeinschaftlicher Verbundenheit versteht. In allen Formen und Analysen verweisen sorgende Gemeinschaften auf die Tatsache, dass wechselseitige soziale Beziehungen fundamentaler Bestandteil sozialen (Über-)Lebens sind (Butler, 2010; Tronto, 2013). Demnach haben sie alle eine verbindende Dimension: Sie verbinden Menschen wie Räume, öffentliche mit privaten Sphären, unterschiedliche (in-)formelle Organisations- und Verwaltungsformen, professionelle „freiwillig“ Sorgende, alte Bekannte und Fremde Andere.
Da sorgende Gemeinschaften meist Reaktion auf einen Mangel an Sorgeressourcen sind, bedarf es einer kritischen Gegenwartsanalyse gesellschaftlicher Bedingungen für Sorge. Diese bildet auch die Voraussetzung für die Anerkennung existentieller Bedürfnisse un-(ter-)versorgter Personen. Dazu wollen wir die gegenwärtige Sorgekrise und Krise der sozialen Reproduktion kurz beleuchten und grundlegende gesellschaftliche Interdependenzen aus unterschiedlichen feministischen Perspektiven thematisieren. Wir positionieren uns dafür als feministische Poststrukturmaterialistinnen (Saltiel und Strüver, 2024) mit dem Anliegen, strukturtheoretische Ansätze und polit-ökonomische Analysen, die das Verhältnis von Produktion und Reproduktion, von bezahlter und unbezahlter4 Arbeit fokussieren, um eine Sorgeperspektive zu erweitern. Dabei nehmen wir sowohl die Strukturen, die gesellschaftlichen Verhältnisse, als auch veränderliche Praktiken und Beziehungen von Sorge – innerhalb und jenseits kapitalistischer Zwänge – in den Blick.
3.1 Sorge(n) als Ressource: Mangelzustand oder Verteilungsproblem?
„Sorgekrise“ und „Krise der sozialen Reproduktion“ haben sich in der letzten Dekade als Begrifflichkeiten etabliert, die Mangelzustände als Teil kapitalistischer Gesellschaftsstrukturen im Neoliberalismus kritisieren: fehlende Zeit für Haus- und familiare Beziehungsarbeit, ungenügende Versorgung mit Plätzen in Kindertagesstätten bzw. unzureichende Betreuungszeiten, schlechte Arbeitsbedingungen und Entlohnung für sorgende Tätigkeiten in Institutionen wie Krankenhäusern, Schulen, Pflegeheimen u. v. m. – all diese Bereiche zeigen, wie sehr Sorge(n) in kapitalistischen Gesellschaften „vernutzt“ wird (Sauer, 2022:218) bzw. wie der neoliberale Finanzkapitalismus die Reproduktionssphäre endgültig „entsichert“ hat (Federici, 2015:10; siehe auch Fraser, 2023).
Mithilfe feministisch-materialistischer Ansätze lassen sich die Un-(ter-)bezahltheit, Vergeschlechtlichung, Verräumlichung und auch Rassifizierung sozial reproduktiver wie sorgender Arbeiten und ihre gesellschaftlichen Werte – ökonomische wie soziale – analysieren (siehe bspw. Federici, 2015; Fraser, 2023). Gleichwohl fokussieren wir uns in diesem Beitrag auf Sorgebeziehungen und die Sorgekrise als Anerkennungs- und Verteilungsproblem, d. h. Anerkennung des Werts sorgender Tätigkeiten jenseits der Reproduktion von Arbeitskraft und des „Lohns für Hausarbeit“. Dieser Wert liegt in der Beziehungsarbeit zum Erhalt von Gesellschaft, die stark an Machtstrukturen und Aushandlungsprozesse gebunden ist. In der poststrukturalistischen Erweiterung des Mangeldiskurses rückt somit Sorgen als umkämpftes Tun in den Mittelpunkt: Mit Anita Schürch und Karin van Holten (2022:270) verweisen wir auf die gesellschaftliche Produktion von Mangel an Sorge- und Reproduktionsressourcen – auf Sorge als kulturell situiertes Gut, „das sich im Rahmen unterschiedlicher struktureller Bedingungen und Anreize vermehren wie auch verknappen lässt“ (ausführlicher, siehe Fraser, 2023). Diese Perspektive rückt die Verteilung von Sorgeressourcen in den Blick und schließt die Anerkennung der Tätigkeiten wie die der marginalisierten Subjektpositionen der Sorgenden mit ein. Das ermöglicht über eine Auseinandersetzung mit herrschenden Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnissen auch Ansätze für Veränderungsmöglichkeiten. So kann bspw. die Feminisierung von Sorgetätigkeiten als Phänomen diskutiert werden, das sich entlang gesellschaftlich-normierter Subjektpositionen im performativen Vollzug dieser Tätigkeiten reproduziert, das aber auch aufgebrochen bzw. verschoben werden kann.
In der Reflexion des Zusammenwirkens von Anerkennungs- und Verteilungsfragen bzw. (Un-)Gerechtigkeiten im Bereich sorgender Beziehungen und Tätigkeiten zeigt sich, dass ein einseitiger Fokus auf die Subjekte der Reproduktions- und Sorgearbeiten die grundsätzliche Relationalität von Menschen, ihre interdependenten Beziehungen (Tronto, 2013, 2016) sowie das genuin geteilte Prekärsein aller Menschen vernachlässigt (Butler 2005, 2010, 2016). Nachfolgend möchten wir die Sorgekrise in Weiterführung der Überlegungen von Mike Laufenberg (2018, 2020) zur Krise des kapitalistischen Wohlfahrtstaates als interdependente Sorgebeziehungen diskutieren, die auf dem kollektiven Prekärsein der Menschen basiert.
3.2 Kollektives Prekärsein als Grundbedingung menschlichen Seins und kollektiven Handelns
Wir stützen uns auf ein Re-Reading der performativitäts- wie prekaritätstheoretischen Überlegungen von Judith Butler (2005, 2006, 2010, 2016). Butler hat nach der Jahrtausendwende Prekärsein als sozialontologischen Begriff eingeführt, um die Interdependenzen von verkörperten Lebewesen zu beschreiben; sie alle verbindet, verwundbar zu sein. Diese Verwundbarkeit, das Prekärsein5, ist demnach nicht individuell, sondern relational und universell – es ist eine existentielle Gemeinsamkeit mit unterschiedlichen Dimensionen in Raum und Zeit, die sich als Gewalt und Angst, aber auch als Sorge(n) äußern kann. Prekärsein impliziert Zusammenleben und soziale Beziehungen, die gleichermaßen einschränkende wie ermöglichende Aspekte von „Abhängigkeit“ als Lebensbedingungen umfassen. Lebensbedingungen wiederum sind gesellschaftlich strukturiert, z.B. durch Sexismus, Klassismus und Rassismus, und führen zu einer unterschiedlichen Verteilung von Prekarität: „Der Begriff der Prekarität bezeichnet jenen politischen Zustand, in dem ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen aus sozialen oder wirtschaftlichen Unterstützungsnetzwerken herausfallen und dem Risiko der Verletzung, der Gewalt und des Todes ausgesetzt werden“ (Butler, 2010:31f.). Prekärsein wird durch die sozioökonomischen und politischen Bedingungen in Form von ungleich verteilter Prekarität intensiviert. Prekarität ist demnach strukturierendes Moment des Prekärseins: Sie ist Effekt – oder gar Funktion – des Politischen und produziert gesellschaftliche Ungleichheiten sowie strukturell ungleiche Verwundbarkeiten im Sinne von Unsicherheiten des alltäglichen Überlebens.
Es ist dieses Verhältnis von Prekärsein und Prekarität, das unseres Erachtens den Anschluss von Butlers Überlegungen an die älteren performativitätstheoretischen Ausführungen darstellt und sich darüber hinaus als Ausgangspunkt für eine „Politik der Allianz“ (Butler, 2016) entwickelt: Im Rahmen der Performativitätstheorie und der Entwicklung des Konzepts von „Geschlecht als Performanz“ hat sich Butler (1997, 2006) vor allem auf die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit konzentriert und dafür Performativität weniger als sprachliches, denn als gesellschaftliches Tun konzipiert: als ein Tun, das vergeschlechtlichte, sexualisierte und rassifizierte Subjektidentitäten hervorbringt (bzw. Prekarität materialisiert) und das durch gesellschaftliche Strukturen sowie räumliche und zeitliche Situierungen gerahmt ist. Dementsprechend sind Identitätskategorien (und Prekarität) gesellschaftlichen Machtverhältnissen nicht vorgängig, sondern ihre hierarchisierenden Effekte, und es gilt zu fragen, wie, einerseits, Subjekte entlang von durch Sprache strukturierten Normen verkörpert und anerkannt werden und, andererseits, Subjekte in performativer Selbstarbeit diese Normen inkorporieren. Verkörperungen wie Inkorporierungen sind somit gleichermaßen als Ergebnis von Machtverhältnissen zu verstehen, so dass regulierende Normen und ihre Wirkungen nicht länger zu unterscheiden sind. Diese Überlegungen resultieren gleichwohl nicht in Ohnmacht, sondern schließen auch ermöglichende Formen des politischen Handelns mit ein. Dies führt Butler (2016) in der Entwicklung einer strategischen Politik der Allianz aus – einer öffentlichen Mikropolitik, die durch diskursimmanente, aber subversive Wiederholungen Räume für Veränderung eröffnet.
Die ermöglichenden Dimensionen des Prekärseins basieren auf der Anerkennung von Abhängigkeiten des körperlichen Lebens, was eine Absage an die Vorstellung vom autonomen Subjekt beinhaltet und zugleich politisches Handeln fördert. Dafür muss jedoch Verantwortung gegen die neoliberale Vereinnahmung als Individualisierung und Selbstresponsibilisierung verteidigt werden; eine „Politik der Allianz […] beruht auf einer Ethik der Kohabitation“ (Butler, 2016:96). Letzteres erinnert stark an das, was die Precarias a la Deriva (2014:26ff.) als „militante Ethik“ bezeichnen: eine Ethik, die das geteilte Prekärsein positiv anerkennt und es als geteiltes Prinzip des kritischen Aktivismus definiert. Ähnlich wie in der Argumentation Butlers – in der Aktivismus als Widerstand skizziert wird – ist dafür keine vorgesellschaftliche „gemeinsame Identität“ ausschlaggebend, sondern die komplexen Relationalitäten körperlichen Lebens.
Ausgangspunkt von Butlers Überlegungen zu performativen Allianzen sind soziale Bewegungen (zum Beispiel Occupy), in denen Menschen die geteilten Bedingungen von Prekärsein und ihre Prekarität in der Öffentlichkeit sichtbar machen. Diese gemeinsamen Bedingungen beinhalten Möglichkeiten einer Politik der Allianz, die nicht auf Identität, sondern der Anerkennung von Interdependenz basiert und die Formen der Gemeinschaft (bzw. Gemeinschaftlichkeit) verschiebt (vgl. Butler, 2016:48ff.): Diese Gemeinschaften sind andere als die, die auf Abgrenzung nach außen und Homogenisierung nach innen basieren; sie sind offen, kontingent und entstehen, wenn Menschen mit unterschiedlich prekären und prekarisierten Lebensbedingungen gemeinsam handeln, um diese Bedingungen zu verändern. „Das [Anerkennung des menschlichen Prekärseins – und der Interdependenz] schafft die Möglichkeit, jene individualisierende und unerträgliche Form der Verantwortung zu demontieren und an ihre Stelle ein Ethos der Solidarität zu setzen, das die wechselseitige Abhängigkeit und das Angewiesensein auf funktionierende Infrastrukturen und soziale Netzwerke bejaht und den Weg für eine Form der Improvisation öffnet, während es kollektive und institutionelle Möglichkeiten ersinnt, um das Problem der forcierten Prekarität anzugehen.“ (Butler, 2016:33) Das geteilte Prekärsein der Menschen ist also Grundlage des Miteinander-Sorgens und kollektiven Verantwortung-Übernehmens. Darauf aufbauend und mit Rekurs auf das Konzept der Performativität (1997, 2006) versteht Butler verkörpertes kollektives Handeln als performativen politischen Akt. Die versammelten Körper sagen und tun etwas, ohne zu sprechen und stellen so eine (unabgeschlossene) Allianz her (Produktion) und dar (Repräsentation) (Butler, 2016:71f., 112). Eine Allianz ist somit eine performative politische Praxis, die Gemeinschaft nicht voraussetzt, sondern hervorbringt und dabei mit anderen Seins- und Beziehungsweisen experimentiert, die im alltäglichen Miteinander-Sorgen Widerstand am vorherrschenden Zustand praktizieren.
Die Anerkennung menschlichen Prekärseins und wechselseitiger Abhängigkeiten sind schließlich auch die Grundlage für Joan Trontos Überlegungen zu einer feministisch-demokratischen Sorgeethik und einer darauf aufbauenden gesellschaftlichen Ordnung, der „sorgenden Demokratie“ (Tronto, 2013). Sie betont, dass alle Menschen ihr Leben in Abhängigkeit von der Sorge anderer beginnen und beenden und in der Zeit dazwischen ununterbrochen in Sorgebeziehungen zu anderen stehen, Sorge leisten und brauchen. Daher müssen Zeit- und Energieressourcen in kollektiver Praxis so ein- und aufgeteilt werden, dass die Versorgung aller Menschen gewährleistet wird. Sorgen und Versorgt-Werden können nicht unabhängig voneinander betrachtet und gelebt werden, sie bedingen einander – und sind selbstverständlicher Teil der gelebten Alltagspraxis. Dementsprechend stellt Miteinander-Sorgen6 als gemeinsames Tun und (mikro-)öffentliche Praxis die Grundlage für Trontos politische Argumentationen dar (Tronto, 2013).
Wir erkennen einige Parallelen in den Argumentationsweisen der beiden feministischen Theoretiker:innen, Butlers philosophischer Perspektive und Trontos politikwissenschaftlicher: Auch Tronto stellt das vermeintliche Ideal eines autonomen Subjekts radikal in Frage, da es Abhängigkeit gleichzeitig abwertet, pathologisiert und feminisiert. Auch wenn Menschen als Individuen nach wie vor von großer Bedeutung sind (und sich als solche wahrnehmen), macht eine Robinson Crusoe-Vorstellung wenig Sinn, nach der jede:r ganz alleine Entscheidungen trifft. Denn Menschen – auch und gerade als Individuen – stehen ständig in Beziehungen zu anderen, für die sie sorgen und von denen sie um-/versorgt werden (Tronto, 2017). Trontos Sorgeethik ist also radikal relational und beruht auf der Überzeugung, dass alle in Beziehung zu anderen existieren, und Menschen, andere Wesen und die Umwelt voneinander und ihrer gegenseitigen Fürsorge abhängig sind (Tronto, 2013, 2017). Dementsprechend definiert sie Sorge „auf der allgemeinsten Ebene als eine Aktivität der Gattung, die alles umfasst, was wir tun, um unsere Welt zu erhalten, weiterzuführen und wiederherzustellen, sodass wir in ihr so gut wie möglich leben können“ (Tronto, 2016:840; siehe auch Fisher und Tronto, 1990).
Dass alle Menschen auf andere angewiesen sind, um ihre alltäglichen Bedürfnisse zu stillen und dabei sowohl Sorgeempfangende als auch Sorgegebende sind – wenn auch in unterschiedlichen Formen und Umfängen – bildet für Tronto die Basis für Gleichheit im Prekärsein und den Ausgangspunkt für ihre politischen Überlegungen. Gleichheit meint nicht, dass alle Lebewesen die gleichen Bedürfnisse haben, sondern dass alle Lebewesen Sorgebedürfnisse haben (Tronto, 2013:29). Darauf baut ihr Konzept der sorgenden Demokratie auf, die durch politische Praktiken des Miteinander-Sorgens demokratische Gemeinschaften hervorbringt. In diesen Gemeinschaften wird kollektiv und in inklusiven demokratischen Prozessen die Verteilung von Sorgeverantwortung und -aufgaben verhandelt (Tronto, 2013:63f.). Eine sorgende Demokratie strebt nach Gleichheit und Freiheit ihrer Mitglieder – und diese liegen für Tronto (ähnlich wie bei Butler) in den Handlungsmöglichkeiten anders und in/als Gemeinschaft zu sorgen, und sich für das einzusetzen, worum sich eine:r sorgt (Tronto, 2013). Diese Art der Freiheit ist dementsprechend nicht das gleiche wie die Unabhängigkeit des Subjekts – sie basiert vielmehr auf der Akzeptanz der Abhängigkeit. Aus diesen zusammengeführten Überlegungen zu wechselseitigen Abhängigkeiten und ungleichen Verwundbarkeiten halten wir fest: Gemeinschaften entstehen alltäglich im gemeinsamen Tun.
Sorgende Gemeinschaften reagieren auf Sorgebedarfe, die weder individuell oder institutionell abgedeckt, noch warenförmig erworben werden (können). Wir möchten hier anhand eines Beispiels kollektiver Versorgung von und mit prekarisierten Migrant:innen in Brüssel diskutieren, wie und welche Formen von Gemeinschaften im Miteinander-Sorgen performativ entstehen. Anschließend illustrieren wir, inwiefern sich diese Gemeinschaften anders gestalten und mit welchen Herausforderungen diese anderen sorgenden Gemeinschaften konfrontiert sind.
Die Plateforme Citoyenne de Soutien aux Réfugiés (Zivilgesellschaftliche Plattform zur Unterstützung von Geflüchteten, nachfolgend: Plateforme Citoyenne) initiiert Begegnung, Interaktion und Sorgebeziehungen zwischen ankommenden Migrant:innen und der lokalen Bevölkerung in Brüssel, um kollektiv die Versorgung und das Überleben prekarisierter Migrant:innen7 zu gewährleisten. Die Plateforme Citoyenne koordiniert Fürsorge und Versorgung in diversen Formen und in unterschiedlichen Räumen, wovon zwei Initiativen für die Analyse und Diskussion der Beziehungen und Gemeinschaften, die sie hervorbringen, im Folgenden herangezogen werden: zum einen ein informelles Camp für Asylbewerber:innen im Sommer 2015 in einem städtischen Park in Brüssel; zum anderen Hébergement, eine Initiative, die seit 2017 die Unterbringung prekarisierter Migrant:innen im privaten Wohnraum belgischer Haushalte vermittelte (siehe Saltiel, 2020, 2022a, b). Dabei entstanden Sorgebeziehungen zwischen Menschen außerhalb der Familien mit Fremden Anderen und gesellschaftlich konstruierte Grenzziehungen (zwischen „wir“ und „ihr“) wurden brüchig. Hébergement, genauso wie das Camp, reagierte auf strukturelle Sorglosigkeit (Aulenbacher et al., 2015) und brachte andere sorgende Gemeinschaften hervor, die wiederum neue Formen des gesellschaftlichen Miteinanders, der Fürsorge und Versorgung ermöglichten und etablierten. Sie stellen wesentliche gesellschaftliche Ressourcen dar, die Prozesse des An- und Weiterkommens in Brüssel maßgeblich und nachhaltig prägen.
4.1 Empirischer Zugang
Zu diesen Einblicken gelangte Rivka Saltiel durch ihre kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Plateforme Citoyenne und dem Maximilianpark in Brüssel, seit der Errichtung des informellen Camps und der Entstehung der Plateforme im Jahr 2015. Mittels qualitativ-ethnographischer Methoden hat sie über einen Zeitraum von sechs Jahren (2016–2022) Begegnungen zwischen Fremden Anderen und die daraus entstehenden sozialen Beziehungen auf der Mikroebene explorativ erforscht. Die Forschung zum Maximilianpark startete im Frühling 2016, einige Monate nach der Schließung des Camps und der Räumung des Parks. Acht leitfadengestützte Interviews wurden retrospektiv mit Akteur:innen des Camps geführt (sowohl Mitgliedern der Plateforme Citoyenne, als auch Personen von NGOs und Aktivist:innen). Die empirischen Erkenntnisse wurden zudem mit Forschenden diskutiert, die ebenfalls zu den Ereignissen im Maximilianpark gearbeitet haben und z. T. auch vor Ort aktiv waren (als Freiwillige und/oder teilnehmende Beobachter:innen; siehe: Action Research Collective for Hospitality, 2019; Depraetere und Oosterlynck, 2017; Deleixhe, 2019; Vertongen, 2018). Die Errichtung des Camps veränderte Funktion und Bedeutung des Parks und auch nach der Schließung des Camps (im Dezember 2015) stellte der Ort einen zentralen Ankunftsraum dar. Mittels dreier Phasen teilnehmender Beobachtung (2017, 2019 und 2021) wurden die Nutzung, Unterstützungsstrukturen, Bedeutung und Veränderungen des Parks erhoben (Saltiel, 2020, 2022a).
Der empirische Fokus verlagerte sich im Jahr 2020 auf die Initiative Hébergement. In narrativen Interviews mit einer Mitarbeiterin der (mittlerweile professionalisierten NGO) Plateforme Citoyenne, sieben Gastgeber:innen sowie acht beherbergten Personen wurden Erzählungen über individuelle Erfahrungen von Hébergement generiert, mit dem Ziel, ein situiertes Verständnis der spezifischen fürsorglichen Begegnungen im privaten Raum und der daraus entstehenden Beziehungen zu erlangen. Pandemie-bedingt konnten keine teilnehmenden Beobachtungen stattfinden (Saltiel, 2022b). Somit beschränkt sich die Analyse der Begegnung und der fürsorglichen Praktiken von Hébergement auf verbal vermittelte Erzählungen, die als Prozess der Sinnstiftung verstanden werden und sich daher besonders für Forschung eignen, die sich auf persönliche Erfahrungen und emotionale Dimensionen konzentriert (Valentine und Sadgrove, 2014).
Fragen der „Gemeinschaft“ standen nicht im ursprünglichen Erkenntnisinteresse der Erhebungen. Jedoch weisen einige Erzählungen und Beobachtungen über individuelle fürsorgliche Begegnungen hinaus, sodass das Material erneut auf performative Praktiken gesichtet und dahingehend analysiert wurde. Im Folgenden möchten wir drei Konstellationen illustrativ herausgreifen, die die entstehenden anderen Gemeinschaften in unterschiedlicher Form artikulieren und ihnen Ausdruck verleihen – als Freiwillige, durch familiare Beziehungen und die Konstruktion des Kunstbegriffs VNOUS.
4.2 Freiwillige im Camp
Im August 2015 wurde ein zentral gelegener öffentlicher Park in Brüssel zu einem informellen Camp für Geflüchtete. Innerhalb weniger Tage entstanden behelfsmäßige Strukturen, die bis zu 1000 Asylsuchenden in Zelten einen vorübergehenden Aufenthaltsort und Versorgung boten, während sie (vergebens) darauf warteten, in das nationale Aufnahmesystem aufgenommen zu werden. Mit der Entstehung des Camps im Maximilianpark wurden Gruppen von Menschen im Herzen der EU-Hauptstadt sichtbar, denen gesellschaftliche Teilhabe weitgehend verwehrt blieb. In dieser Phase der Unterbrechung bestehender sozialräumlicher Ordnungen und der dringenden Notwendigkeit von Fürsorge und Versorgung – in Form medizinischer, psychosozialer und materieller Unterstützung sowie des Schutzes vor Witterung und Gewalt – entwickelten sich neue Seins-, Handlungs- und Beziehungsweisen zwischen einander Fremden im Aufbau und der alltäglichen Reproduktion des Camps.
Die Gemeinschaft, die im Camp entstand, war durch die Ko-Präsenz im Camp gekennzeichnet. Sie war lose und agil. Das Camp in einem öffentlichen Park im Stadtzentrum hatte eine hohe Sichtbarkeit. Die vermeintliche Offenheit und leichte Zugänglichkeit ermöglichten vielen Personen, aktiv zu werden und mitzuwirken. Das Gemeinschaftsgefühl bestand für eine beschränkte zeitliche Dauer. Abgrenzung (nach Außen) und Teilhabe (nach Innen) erfolgten nicht durch Ausschluss bestimmter Personen, sondern entstanden im performativen Tun und als Teil einer „Allianz der Kohabitation“: Asylsuchende, undokumentierte Migrant:innen (Sans-Papiers), Studierende, kirchliche Gruppen, Pensionist:innen, Manager:innen, etc. wurden Teil von Sorgebeziehungen und haben sich gleichermaßen als potente Fürsorger:innen erwiesen. Aus dem Camp gingen neue Akteur:innen hervor, die als Freiwillige re-kontextualisiert wurden – unabhängig vom sozio-ökonomischen oder legalen (Aufenthalts-)Status. Mittels gelb glänzender Sicherheitswesten waren Freiwillige markiert und als solche erkenn- und ansprechbar. Das Tragen der Sicherheitswesten und das Sichtbarmachen der Verantwortungsübernahme und der Rolle als Sorgende hatte eine hohe symbolische und politische Bedeutung. Mitglieder eines Kollektivs undokumentierter Migrant:innen, die eine Küche im Camp errichteten und die Versorgung mit geretteten Lebensmitteln organisierten, widersetzten sich performativ abwertenden Zuschreibungen und gesellschaftlichen Ausschlüssen, indem sie mit schwarzen Markern Sans-Papiers auf ihre Westen schrieben und ihre Präsenz und zentrale Rolle als Sorgende selbstbewusst artikulierten.
In diesem Sinne verstehen wir das Camp als einen physischen wie politischen Raum, der neue Möglichkeiten für gesellschaftliches und gemeinschaftliches Miteinander eröffnet und dabei in der Performanz widerständig gegenüber den vorherrschenden sorglosen und exklusiven strukturellen Verhältnissen ist, die das Camp erst notwendig machten. Häufig beobachtete und vielfach kritisierte dichotome Zuschreibungen in der Geflüchtetenunterstützung, wie „großzügige Bürger:innen“ auf der einen Seite und als viktimisierte und passiv konstruierte Geflüchtete als „Bittsteller:innen“ auf der anderen Seite, wurden dabei brüchig (Ticktin, 2006; van Dyk und Misbach, 2016) – zumindest teilweise und temporär (vgl. Saltiel, 2022a).
4.3 Familiare Beziehungen durch Hébergement
Hébergement war (und ist) eine bürger:innengetragene Unterbringung für prekarisierte Migrant:innen. Anders als beim Camp 2015 wurden hier überwiegend Personen untergebracht, die kein Asyl in Belgien beantragten. Die Präsenz von sogenannten irregulären Migrant:innen ist illegalisiert; sie haben keinen Zugang zu staatlichen Aufnahmestrukturen. In Reaktion auf eine steigende Anzahl von Personen im Maximilianpark (nach der Räumung des Jungle in Calais), sinkende Temperaturen und zunehmende Polizeikontrollen, Festnamen und Abschiebungen, rief die Plateforme über Facebook im Herbst 2017 Freiwillige dazu auf, Migrant:innen in ihren eigenen Wohnungen aufzunehmen und zu unterstützen. Mehr als 10 000 Haushalte haben seither obdachlose Migrant:innen beherbergt. 2017 wurden so rund 50 000 Übernachtungen bereitgestellt und knapp 100 000 im darauffolgenden Jahr 20188 (RTL info, 2018, 2019). Die Gastgebenden boten nicht nur Unterkunft, sondern auch praktische Unterstützung und Orientierung im Alltag, wodurch ein landesweites solidarisches Netzwerk entstand. Aus der zunächst für nur eine Nacht gedachten Unterstützung entwickelten sich häufig längerfristige Aufenthalte und persönliche Beziehungen. Hébergement, genauso wie das Camp, stand für solidarische verkörperte Praktiken und sorgende Beziehungen, bei denen Bürger:innen Verantwortung dort übernommen haben, wo staatliche Versorgung verwehrt bzw. staatliche Akteur:innen sogar zur existenziellen Bedrohung wurden.
Im Zusammensein im privaten Haushalt und der intimen Sphäre des Zuhauses entstanden unterschiedliche Formen von Beziehungen – wobei sich die Form und der Aufbau von Beziehungen und die Dauer des Aufenthalts oft wechselseitig bedingten. Die Beziehungen im Zuhause gestalteten sich anders als jene im Camp oder in anderen Einrichtungen, an denen Unterbringung und Versorgung mithilfe von Freiwilligen organisiert wurde (Saltiel, 2022b). Während manche von kurzer Dauer oder von Rückzug und Zurückhaltung geprägt waren, wurden in anderen Fällen – insbesondere bei längeren Aufenthalten – die temporären Gäste in das soziale Leben des Haushalts integriert; der Alltag wurde miteinander geteilt und Beteiligte haben miteinander Sorge getragen, indem sie mit- und füreinander einkauften, kochten, aßen oder Geschirr spülten. Hinzu kamen Formen wechselseitiger Sorge zwischen Gastgebenden und Geflüchteten, die sich im alltäglichen Zusammenleben zeigten, notwendig und zugleich möglich wurden: Bei Krankheit wurde sich umeinander gekümmert, es wurde auf Kinder aufgepasst und Verantwortung für Haus/Wohnung, Pflanzen und Haustiere übernommen, insbesondere bei Abwesenheiten der Gastgebenden. Wechselseitiges Sorgetragen und gemeinsam Verantwortung übernehmen etablierten sich. Zudem wurden Feste miteinander gefeiert, Familienbesuche abgehalten und Urlaube miteinander verbracht. Das Zusammenleben erforderte ein konstantes Ausverhandeln von Bedürfnissen, räumlichen und sozialen Grenzen, von Rückzug, Nähe und Distanz. Intime Beziehungen und anhaltende Freund:innenschaften zwischen Gastgebenden und Geflüchteten gingen daraus hervor, die oft über Jahre und weite Distanzen hinweg aufrechterhalten wurden9. Damit ging Hébergement in vielen Fällen über die Befriedigung physisch-materieller Bedürfnisse hinaus und reagierte auch auf das Bedürfnis nach sozialer Nähe und der Einbindung in Gemeinschaften, die viele Personen angesichts ihrer Fluchterfahrungen vermissten oder freundschaftliche Netzwerke und familiäre Beziehungen lediglich digital aufrechterhalten konnten10.
Mitwirkende an Hébergement, die Teil von langanhaltenden Sorgebeziehungen wurden, sprachen voneinander in den Erzählungen oft als Familienmitglieder. So wurden bspw. beherbergende Frauen häufig als „Mama“ angesprochen und betrachteten sich selbst in einigen Fällen auch als solche bzw. nahmen entsprechende Rollen ein. In anderen Fällen (meist abhängig vom Alter der Beteiligten) wurden die Beziehungen als geschwisterlich beschrieben. Die verwandtschaftlichen Bezeichnungen sind mehr als ein Ausdruck von Respekt. Sie dienten dazu, die Beziehungsweisen und Gemeinschaften zu artikulieren, die im Zusammenleben entstanden, im Miteinander-Sorgen, im Ausverhandeln von Bedürfnissen und im Teilen von Wohnraum und anderen Ressourcen; Praktiken, die herkömmlich im Bereich der Familie und des Häuslichen verortet sind.
Wie auch im Camp agierten alle Beteiligten – je nach Möglichkeiten – als Sorgegebende. Wobei sich zuhause, in der vermeintlich privaten Sphäre, deutlicher zeigte, dass alle auf Fürsorge und Versorgung angewiesen waren. In dieser Konstellation, von der es keinen bzw. nur eingeschränkten Rückzug ins „Private“ gab, wurde geteiltes Prekärsein erkannt und es fand verstärkt Miteinander-Sorgen statt. Zugleich wurden im häuslichen Zusammenleben auch politische Dimensionen manifest: Gespräche über Ausschlussmechanismen, das bewusste Vorleben – insbesondere gegenüber Kindern – alternativer Formen gesellschaftlichen Miteinanders und der Verantwortungsübernahme sowie die politische Organisierung vieler Mitglieder von Hébergement richteten sich gegen gesellschaftliche Ausschlüsse, strukturelle Sorglosigkeit, rassistisches Othering und Prekarisierung migrantischer Lebensrealitäten.
Allerdings unterschieden sich Camp und Hébergement und die in diesem Zusammenhang stehenden Sorgepraktiken und -beziehungen in Bezug auf ihre Sichtbarkeit. Während die Sichtbarkeit des Camps mit einer großen Öffentlichkeit einherging und politisierende Effekte hatte, da sie in medialen sowie (internationalen wie lokalen) politischen Diskursen verhandelt wurde und damit Handlungsdruck auf die lokale Regierung aufbaute, wurde das „Problem“ (unversorgte Personen in der Stadt) durch Hébergement unsichtbar, verschob sich ins Private und rückte weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein. Dabei nahmen die selbstorganisierten Versorgungsstrukturen teilweise den Druck von politischen Entscheidungsträger:innen, adäquat auf die Situation zu reagieren und öffentliche Ressourcen zur Verfügung zu stellen, und trugen zu dem bei, was Silke van Dyk und Elène Misbach (2016) als Informalisierung und Deprofessionalisierung von Sorgearbeit problematisieren.
4.4 VNOUS
Und schließlich gab (und gibt) es die Gemeinschaft im digitalen Raum, die im VNOUS Ausdruck fand. Die Kreation des Begriffs VNOUS war ein weiterer Ausdruck für das Verschwimmen von dominanten und Gesellschaft strukturierenden Grenzziehungen. Der Kunstbegriff setzt sich aus dem französischen vous (ihr) und nous (wir) zusammen und kursierte in den Facebookgruppen der Plateforme Citoyenne, um die Beziehungen, die zwischen Fremden Anderen entstanden, zu benennen (siehe auch Vandevoordt, 2020). Schnell wurde VNOUS auch in der offiziellen Kommunikation der Plateforme Citoyenne übernommen und war außerdem der Titel eines Dokumentarfilms von Pierre Schonbrodt (2019) über die informellen Ankunfts- und Sorgestrukturen in Brüssel und die daraus entstehenden Beziehungen.
Diese diskursive Repräsentation, die die Trennung von „wir“ und „ihr“ auflöst, intervenierte in rassistische und rechts-nationalistische Erzählungen, die in Belgien weit verbreitet waren (und sind). Somit hatte die Kreation des VNOUS eine stark aufgeladene symbolische Funktion. VNOUS ist widerständig gegenüber rassistischen Exklusionspolitiken, rechten Konstruktionen von Gemeinschaften und einem „wir“, das sich aus essentialistischen Vorstellungen speist. Jedoch war der Begriff VNOUS sowie seine Verbreitung von den lokalen Freiwilligen geprägt. Das lässt die Frage danach offen, inwiefern sich Geflüchtete mit dem VNOUS identifizierten und wie sie Gemeinsamkeiten und die (Konstruktion von) Differenzen diskutierten, und wo, wie und in Bezug worauf Grenzen eines „wir“ und „ihr“ gezogen wurden bzw. für sie von Bedeutung waren.
Mit der Illustration der sorgenden Gemeinschaften in Brüssel wollen wir die Debatten um caring communities multiplizieren: Wir erweitern die bisher oft vorrangig auf Top-down-Prozesse fokussierten Strategien zur Re-Organisation von Sorge um Gemeinschaften, die durch „desintegrierte Formen des Sorgens“ (Laufenberg, 2020) entstehen – und diskutieren diese als andere sorgende Gemeinschaften. Die Entstehung Letzterer ordnen wir ein als Reaktion auf Strukturen sozialer Marginalisierung und der Vernachlässigung bzw. des gesellschaftlichen Ausschlusses durch Institutionen (Rose, 1997) wie in diesem Beispiel dem Grenzregime sowie des ungleichen Zugangs zu Versorgung. Andere sorgende Gemeinschaften bauen neue soziale Beziehungen auf; sie übernehmen selbstinitiativ und selbstorganisiert gemeinsam füreinander Verantwortung – und widersetzen sich performativ dominanter normativer Kategorisierung und Rollenzuschreibungen. Sie agieren in unterschiedlichen Räumen und produzieren Räume des Miteinander-Sorgens.
Die empirischen Einblicke illustrieren, wie im Zusammensein im Camp sowie bei Hébergement Differenzen und Gemeinsamkeiten (neu) ausverhandelt und andere sorgende Gemeinschaften lokal produziert werden, die sich in Form solidarischer Sorgebeziehungen artikulieren. Zudem verdeutlichen die Beispiele, dass andere sorgende Gemeinschaften dort entstehen, wo ein gesellschaftlich produzierter Mangel Sorgepraktiken notwendig macht und Menschen im gemeinsamen Tun neue Beziehungsweisen hervorbringen. Diese verschieben Anerkennungs- und Verteilungsfragen sowohl in materieller wie auch symbolischer Hinsicht und sollen vor dem Hintergrund der skizzierten Theoriekombination sowie der Verknüpfung von Prekärsein und Prekarität (Butler) und interdependenter Sorgebeziehungen sowie dem Prinzip des Miteinander-Sorgens (Tronto) entlang von drei Aspekten diskutiert werden.
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Informelle Sorgearrangements als Reaktion auf Prekarität: Andere sorgende Gemeinschaften formieren sich – jenseits kapitalistischer Verhältnisse und Zwänge – durch das gemeinsame Tun des Sorgens, indem Menschen kollektiv Verantwortung und Sorgeaufgaben übernehmen. Sie sind Ausdruck der Sorgekrise und intervenieren aktiv gegen diese: Sie entschleiern die Produktion wie auch die Effekte des Mangels sowie die Produktion und Effekte von ungerechter Verteilung von Sorgeressourcen. Das heißt, diese Gemeinschaften werden notwendig gemacht und intervenieren selbstorganisiert und improvisiert. Somit verstehen wir diese informellen Sorgearrangements als Reaktion auf die Bedingungen von Prekärsein und Prekarität, als Gemeinschaften aus Gleichheit (Prekärsein) und Differenz (Prekarität) – und zwar im Anschluss an Butler und auch Tronto als normative Dimensionen menschlicher Interdependenz.
Wenn wir Prekarität als strukturierendes Moment des Prekärseins verstehen, dann wird zudem deutlich, warum wir uns hier weniger auf Sorgearbeit, denn auf Sorgebeziehungen stützen und diese in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext von gesellschaftlichen Ungleichheiten und strukturellen Ungerechtigkeiten diskutieren: einem Kontext, der durch Differenz und Prekarität als Teil von Herrschaftsverhältnissen sozial konstruiert und aufrechterhalten wird. Somit rücken diese sorgenden Gemeinschaften existentielles Prekärsein und wechselseitige Abhängigkeiten von anderen als Gemeinsamkeit in den Vordergrund und stellen teilweise normative Differenzierungen in Frage. Sie können als Cuidadania eingeordnet werden (Precarias a La Deriva, 2014), als Formen affektiver sozialer Beziehungen des Miteinander-Sorgens, die nicht an nationalstaatliche Prinzipien der Bürger:innenschaft, des Ein- und Ausschlusses gebunden sind (ciudadanía), sondern an die ethischen Sorgeprinzipien der Anerkennung von Interdependenz (cuidado).
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Verkörperte Allianzen und performative Sorgerollen: Die Sorgepraktiken in Park und Privathaushalten zeigen, dass sich Sorgerollen nicht entlang klarer Dichotomien („Sorgegebende“ vs. „Sorgeempfangende“) formieren, sondern fortlaufend situativ verhandelt werden. Diese anhaltende Aushandlung eröffnet Räume für das, was Butler (2016) als performative Allianzen beschreibt; temporäre, verkörperte Zusammenschlüsse, in denen die geteilte Bedingung des Prekärseins öffentlich und politisch wird. Die Allianzen bringen andere Räumlichkeiten hervor als jene, die ihnen zugewiesen werden. Wobei unterschiedliche Räumlichkeiten den Gemeinschaften sowohl symbolische als auch materielle Struktur geben (Rose, 1997) und mit unterschiedlichen mikropolitischen Sichtbarkeiten einhergehen (Butler, 2016): Im Camp war dies durch die hohe Sichtbarkeit der Sorgeaktivitäten im öffentlichen Raum besonders deutlich, sie verwandelten den Park in einen anderen Raum des Miteinander-Sorgens. Bei Hébergement entstehen Allianzen in der Intimität des Privathaushalts. Hier existieren interdependente Formen der Verantwortungsübernahme, die dennoch nicht unpolitisch sind, sondern zu Mikroräumen gesellschaftlicher Aushandlung werden. Die Sorgebeziehungen irritieren normative Vorstellungen von Familie, Verwandtschaft und Fremdheit, und bringen soziale Beziehungen hervor, die weit über Versorgungsfunktionen hinausreichen. Darüber hinaus sind einmal mehr die Beobachtungen hervorzuheben, dass im Park auch Geflüchtete selbst als Freiwillige tätig waren. Sowohl Bewohner:innen des Camps, als auch Asylbewerber:innen in anderen Unterkünften und Sans Papiers engagierten sich als Freiwillige und waren zeitweise nicht von Personen mit geregelten Aufenthaltstiteln unterscheidbar. Im Hébergement haben Geflüchtete in der Intimität des Zuhauses ebenso Sorgeverantwortung jenseits von Selbstsorge übernommen. Diese anhaltende Neuverhandlung von Sorgerollen beinhaltet ein Aufbrechen dominanter Macht-, Verantwortungs- und Arbeitsverteilungen.
Vor diesem Hintergrund – und durch die Potentiale der vorgeschlagenen poststrukturmaterialistischen Perspektive – ordnen wir die Praktiken, Beziehungen und Räume des Miteinander-Sorgens sowie des Verantwortungs-(umver-)teilens als performative Allianzen ein, die die gesellschaftlichen Bedingungen von Prekärsein und Prekarität öffentlich aushandeln und dabei teilweise verändern. Es sind Allianzen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Lebensbedingungen, die gemeinsam handeln, um diese Bedingungen zu verbessern (Butler, 2006, 2016), dabei Beziehungen aufbauen und Gemeinschaften hervorbringen.
Die Veränderungen – die anderen sorgenden Gemeinschaften – basieren meist auf Teilhabe Fremder Anderer durch verkörperte Improvisation. Wir sehen diese verkörperten Allianzen sowohl im öffentlichen Park (als „Politik (auf) der Straße“, Butler, 2016) als auch im privaten Hébergement. In beiden Beispielen sind diese Allianzen Teil performativer politischer Alltagspraxis, die Gemeinschaft nicht zum Ursprung hat, sondern im Tun – im performativen Handeln und Sprechen – praktiziert wird und sich dabei dominanten gesellschaftlichen Grenzziehungen widersetzt. Dieses Tun verstehen wir als politische Praxis des Miteinander-Sorgens (Tronto, 2013), zum Beispiel wenn im Kontext des häuslichen Zusammenlebens Kinder und Jugendliche Miteinander-Sorgen am eigenen Leib sowie abstrakter als Verantwortungsübernahme erleben – als Verantwortung, die sich gegen die gesellschaftliche Marginalisierung von Migrant:innen richtet.
Neben dem Wo und Wer dieser Sorgearrangements – also den Räumlichkeiten sowie den beteiligten Personen und ihren Doppelrollen als Sorgende und Umsorgte/Versorgte – umfassen andere sorgende Gemeinschaften auch eine Verschiebung des Wie, der Entstehung neuer Sorgebeziehungen und anderer Beziehungsweisen, für deren Benennungen es teilweise an Begrifflichkeiten fehlt. So kommt es beispielsweise zum Rückgriff auf familiare Beziehungsstrukturen (wie Mutter oder Schwester), um den Beziehungsweisen im privaten Wohnraum sprachlich Ausdruck zu verleihen und „fremd“ und „verwandt“ umzudeuten.
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Letzteres bringt uns zum dritten Aspekt: die performative Kraft der Sprache, die in Brüssel neben den verkörperten Praktiken hervortritt. Nicht nur mit der Artikulation der Beziehungen bei Hébergement mittels familialer Begriffe, sondern auch mit dem Kunstbegriff VNOUS wird durch sprachliche Subversion Zugehörigkeit neu entworfen und relational neu verankert; VNOUS verschiebt die Grenzziehung zwischen „nous“ und „vous“, zwischen „wir“ und „ihr“ – und vermischt somit sprachliches mit gesellschaftlichem Tun (Butler, 1997, 2006). Sprache dient dabei nicht nur als Beschreibung, sondern als Intervention. Diese Benennungen sind weder bloß symbolisch noch metaphorisch; sie markieren gelebte Nähe, Verantwortung und Verbundenheit – und zugleich die politische Dimension des Miteinander-Sorgens. Improvisation – sowohl in praktischer als auch in sprachlicher Form – ist damit ein konstitutives Element anderer sorgender Gemeinschaften. Sie ermöglicht, Grenzen zu irritieren, normative Rollen zu dezentrieren und neue Formen von Gemeinschaft zumindest temporär zu stabilisieren. Zugleich verweist sie auf die Grenzen solcher Transformationen: Sprachliche Verschiebungen allein bekämpfen keine strukturellen Ungleichheiten; sie können diese aber sichtbar (hörbar) machen und situativ herausfordern.
Dieser Beitrag hat Überlegungen zu anderen sorgenden Gemeinschaften entwickelt und verdeutlicht, dass Sorge unter gegenwärtigen Bedingungen nicht allein als Antwort auf individuelle Bedürfnisse oder als kompensatorische Reaktion auf erodierende wohlfahrtsstaatliche Strukturen zu begreifen ist. Vielmehr entstehen im alltäglichen Miteinander-Sorgen verkörperte, situierte und kontingente Gemeinschaften, die soziale Beziehungen neu ordnen und alternative Formen kollektiver Verantwortungsübernahme hervorbringen. Diese Gemeinschaften formieren sich weder entlang feststehender Identitätskategorien noch über räumliche Abgrenzungen, sondern über die Anerkennung geteilter Abhängigkeiten und des Prekärseins. Indem sie Differenzen als relational verstehen, eröffnen sie Möglichkeiten, gesellschaftliche Zugehörigkeiten und Verantwortlichkeiten neu auszuhandeln.
Zugleich zeigen die Beispiele aus Brüssel, dass solche Gemeinschaften stets ambivalent bleiben: Sie entstehen in einem Feld struktureller Ungleichheiten, das ihre Beziehungen prägt und begrenzt, und sie können sowohl Räume solidarischer Unterstützung als auch paternalistische Praktiken oder Ausschlüsse hervorbringen/reproduzieren (siehe für eine ausführliche Analyse Saltiel, 2020, 2022a, b). Diese Ambivalenzen sind jedoch kein Argument gegen ihre Bedeutung, sondern ein Hinweis darauf, dass andere sorgende Gemeinschaften als sozialräumliche Praktiken verstanden werden müssen, die in und gegen bestehende/n Machtverhältnisse/n operieren. Gerade im Spannungsfeld von struktureller Prekarisierung und alltäglich improvisiertem Prekärsein wird sichtbar, welches Potenzial im kollektiven Handeln liegt – aber auch, welche politischen und sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen es begrenzen.
Zudem argumentieren wir mit unserer Auseinandersetzung mit anderen sorgenden Gemeinschaften nicht, diese als romantisierte Vision jenseits kapitalistischer Verhältnisse oder als Alternative zur wohlfahrtsstaatlichen Versorgung einzuordnen. Vielmehr wollen wir zeigen, dass andere Formen von Gemeinschaft bereits existieren – brüchige, konflikthafte, improvisierte – und dass in ihren Praktiken theoretische wie politische Möglichkeiten liegen, Sorge gesellschaftlich anders zu denken und offene Orte des Miteinander-Sorgens zu schaffen. Vor diesem Hintergrund schlagen wir vor, andere sorgende Gemeinschaften auch als epistemische Perspektive und nicht nur als sozialpolitische Angelegenheit zu verstehen. Sie ermöglichen es, die Mikropraktiken des Miteinander-Sorgens in Bezug zu makrostrukturellen Bedingungen zu setzen und damit Blickwinkel einzunehmen, die klassische Debatten um Versorgung, Daseinsvorsorge und auch sozialräumliche Gerechtigkeit erweitern. Die analytische Perspektive auf verkörperte Allianzen und Gemeinschaft legt offen, wie sich soziale Ordnungen im Tun herstellen, irritieren oder transformieren. Damit rückt nicht zuletzt die weiterführende Frage in den Vordergrund, wie gesellschaftliche und lokalpolitische Konstellationen gestaltet werden können, um solche relationalen Praktiken zu ermöglichen, zu stärken oder zumindest nicht zu behindern.
Um diese Perspektive ausblickend zu erweitern, wäre es mit Schürch und van Holten (2022) zukünftig spannend zu untersuchen, ob und wie sich diese anderen sorgenden Gemeinschaften längerfristig institutionell und räumlich manifestieren – ob sie temporäre Antworten auf akute Krisen bleiben oder zu Bestandteilen neuer Sorgeinfrastrukturen werden (können). Zudem erfordert die Analyse ihrer Ambivalenzen eine kritischere Auseinandersetzung damit, wie vergeschlechtlichte, rassifizierte und auch klassifizierte Machtverhältnisse innerhalb der Gemeinschaften reproduziert oder aufgebrochen werden (können). Eine solche Perspektive kann nicht nur die sozial- und raumwissenschaftlichen Debatten um Sorge(-Gemeinschaften) weiter ausdifferenzieren, sondern auch zur Weiterentwicklung konzeptioneller Ansätze beitragen, die gesellschaftliche Strukturen mit mikropolitischen Alltagspraktiken zusammenbringen.
Der Text bezieht sich auf Ergebnisse qualitativer Erhebungen, die im Rahmen der Dissertation von RS erhoben wurden. Aufgrund von Datenschutzbestimmungen, Vertraulichkeitsvereinbarungen und zum Schutz der beteiligten Personen können die zugrunde liegenden Daten nicht geteilt oder öffentlich bereitgestellt werden. Bei Fragen können sich Interessierte jedoch gerne an die Autorinnen wenden.
Das empirische Material wurde von RS erhoben und analysiert und die Ergebnisse von ihr am DKG 2023 präsentiert. Beide Autorinnen haben in gleichem Maße zur Konzeption, Ausarbeitung und Überarbeitung des Manuskripts beigetragen und die finale Fassung genehmigt.
Die Autor:innen erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Anmerkung des Verlags: Copernicus Publications bleibt in Bezug auf gerichtliche Ansprüche in veröffentlichten Karten, institutionellen Zugehörigkeiten oder anderen geographischen Begrifflichkeiten neutral. Die letztendliche Verantwortung für geeignete Ortsnamen liegt bei den Autor:innen. Die im Text geäußerten Ansichten sind die der Autor:innen und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten des Verlags wider.
Wir danken Melike Peterson und Daniel Mullis für die Organisation der Session „Spatialities of Communities“ am DKG 2023, die uns zu diesem Beitrag inspirierte, sowie den beiden und Martin Sarnow für ihre wertvollen Kommentare zu früheren Manuskriptversionen. Außerdem danken wir unseren Forschungspartner:innen in Brüssel für ihre Zeit und das großzügige Teilen ihrer Geschichten, Erfahrungen und Emotionen sowie der Plateforme Citoyenne de Soutien aux Réfugiés für ihre Unterstützung in der Forschung. Die Plateforme Citoyenne de Soutien aux Réfugiés – BXLRefugees ist unabhängig vom Engagement und den politischen Überzeugungen ihrer mehr als 15 000 Freiwilligen.
Dieser Artikel wurde von Hanna Hilbrandt redaktionell betreut und durch drei anonyme Expert:innen begutachtet.
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Wir verstehen „Fremd“ in doppeltem Sinne. Einerseits, weil sich die Personen, die miteinander sorgen, einander vorher nicht kennen (müssen). Andererseits beziehen wir uns dabei auch auf Personen, die in machtvollen Othering-Prozessen als „Andere“ konstruiert, abgewertet und diskriminiert – prekarisiert – werden (siehe Abschnitte 4 und 5).
Neben den konzeptionell-theoretischen Analysen finden sich dazu auch angewandte kritische Analysen und daraus abgeleitete Empfehlungen im Rahmen von caring community labs oder anderen Projektevaluationen (Wegleitner und Schuchter, 2018, 2021; Kaspar et al., 2021; Sorgende Gemeinschaft Obfelden, 2022).
Daran anknüpfend nimmt Mike Laufenberg (2018:78) aus einer wohlfahrtsstaatszentrierten Perspektive die „Neujustierung des Verhältnisses von Individuum, (Wohlfahrts-)Staat und Gesellschaft“ in den Blick und zeigt die Komplexität und Widersprüchlichkeit sorgender Gemeinschaften auf – im Spannungsfeld der Aktivierung ehrenamtlicher Tätigkeiten bei gleichzeitigen emanzipatorischen Potentialen und steigender Partizipation und Selbstbestimmung durch diese bürgerschaftlichen Sorgepraktiken.
Während in frühen feministischen-materialistischen Analysen Reproduktionsarbeit als unbezahlte Hausarbeit verstanden wurde, die die (männliche) Arbeitskraft (wieder-)herstellt, finden mit der Kommodifizierung von Reproduktionsarbeit auch – meist schlecht – bezahlte Tätigkeiten Eingang in die Analyse (Fraser, 2023).
Aufgrund der verwirrenden und leider uneinheitlichen deutschen Übersetzungen schließen wir uns Isabell Loreys Vorschlag (2020:25, 31) an, den von Butler im Zusammenhang mit 9/11 und dem war on terror eingeführten Begriff der precariousness als Prekärsein zu verwenden (und nicht als Verwundbarkeit oder Gefährdetsein; siehe auch Butler, 2016:281).
Angelehnt an Trontos (2013:35f.) Sorgedimension caring with verstehen wir Miteinander-Sorgen einerseits als wechselseitige Praktiken und Beziehungen der Fürsorge (wobei sich diese nicht notwendigerweise reziprok gestalten). Andererseits hat Miteinander-Sorgen auch eine normativ-politische Dimension und bezieht sich auf kollektives öffentliches Handeln und die Sorge um und für demokratische gesellschaftliche Prozesse und Verhältnisse.
Angelehnt an precarious migrants (Waite und Lewis, 2017:964) verstehen wir unter prekarisierten Migrant:innen Personen, die unter erheblichem Druck stehen, ihr Überleben zu sichern. Damit wird auf Migrant:innen, irreguläre Migrant:innen und abgelehnte Asylwerber:innen verwiesen, die unter besonders unsicheren Bedingungen leben und durch ihren sozialrechtlichen Status geprägt sind: Sie haben keine Aufenthalts- oder Arbeitsrechte, noch Anspruch auf Sozialleistungen. In Erweiterung des Begriffes schließen wir angesichts der Situation in Brüssel auch Asylbewerber:innen mit ein, die – aus verschiedenen Gründen – keine (ausreichende) Unterstützung durch staatliche Versorgungsstrukturen erhalten.
Gleichzeitig errichtete die Plateforme Citoyenne auch kollektive Unterkünfte in der Stadt.
Viele Personen, die durch Hébergement in Brüssel untergekommen sind, hatten Großbritannien als Ziel, um dort Asyl zu beantragen. Andere haben in Belgien Asylanträge gestellt und wurden im Land verteilt, wieder andere sind in andere (europäische) Länder oder zurück in ihre Herkunftsländer.
Geflüchtete, die Brüssel wieder verlassen haben, berichteten über Gefühle von Einsamkeit in Großbritannien und sehnten sich nach dem sozialen Eingebundensein, nach Beziehungen und Gemeinschaften, die sie in Brüssel er- und gelebt haben (siehe Saltiel, 2022b).
- Kurzfassung
- Miteinander-Sorgen
- Gemeinschaft in der Debatte
- Gesellschaftstheoretische Zugänge zu Sorge
- Kollektive Versorgung und die Entstehung von Gemeinschaften
- Andere sorgende Gemeinschaften in der Diskussion
- Kurzer Ausblick
- Datenverfügbarkeit
- Autor:innenmitwirkung
- Interessenkonflikt
- Haftungsausschluss
- Danksagung
- Begutachtung
- Literatur
- Kurzfassung
- Miteinander-Sorgen
- Gemeinschaft in der Debatte
- Gesellschaftstheoretische Zugänge zu Sorge
- Kollektive Versorgung und die Entstehung von Gemeinschaften
- Andere sorgende Gemeinschaften in der Diskussion
- Kurzer Ausblick
- Datenverfügbarkeit
- Autor:innenmitwirkung
- Interessenkonflikt
- Haftungsausschluss
- Danksagung
- Begutachtung
- Literatur